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StartseiteKommentare und Themen der WocheVielleicht geschieht ein Wunder23.07.2019

Johnson ist Tory-ChefVielleicht geschieht ein Wunder

Die parteiinterne Schlacht hat Boris Johnson gewonnen, die viel größere Aufgabe liegt allerdings jetzt vor ihm, kommentiert Burkhard Birke. Aber auch die EU werde sich wohl oder übel beim Thema Brexit bewegen müssen.

Von Burkhard Birke

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Boris Johnson vor Flaggen der EU. (picture alliance/Justin Griffiths-Williams/Sputnik/dpa)
Boris Johnson setzte sich in der Abstimmung innerhalb der konservativen Tory-Partei deutlich mit 66,4 Prozent der Stimmen durch (picture alliance/Justin Griffiths-Williams/Sputnik/dpa)
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König der Welt zu werden war sein Kindheitstraum. Morgen dürfte Boris Johnson immerhin Premierminister Großbritanniens werden und dann muss er liefern. Mit markigen Sprüchen und seiner Brexit um jeden Preis Rhetorik hat der semmelblonde Wuschelkopf zwei Drittel des konservativen Parteivolkes hinter sich gebracht.

Schwieriger Start

Für das Gros der Tories waren Charisma und das populistische Hau- Drauf-Gehabe offenbar wichtiger als Seriosität und der Hang zur Wahrheit. Die Tories trauten dem Haudegen Boris eher zu, den Brexit endlich zu liefern - egal wie - und sehen in ihm auch die einzige Überlebenschance der Konservativen bei einer nicht auszuschließenden Neuwahl.

Die parteiinterne Schlacht hat Boris Johnson zwar gewonnen, die viel größere, die Herkules-Aufgabe liegt jetzt allerdings vor ihm.  Der 55-Jährige, der es weder als Journalist noch als Politiker mit der Wahrheit sehr genau nahm, muss bis zum 31. Oktober einen besseren Brexitvertrag aushandeln und die Partei, vor allem aber das Land einen. Selten stand ein Premierminister zu Beginn seiner Amtszeit vor derart gigantischen Herausforderungen, zählt man die Lösung des aktuellen Tankerkonfliktes mit dem Iran noch hinzu. 

Taktiker, Opportunist und Populist

Da sind vor allem diplomatisches Geschick und eine gute Taktik gefragt. Beides gehört nicht gerade zu den Stärken des Eton und Oxford Absolventen. Viele ehemalige und noch amtierende Kabinettskollegen haben deshalb ihren Hut genommen oder werfen wohl morgen das Handtuch, einige auch um einem Rausschmiss zuvorzukommen.

Auf den Hinterbänken der Tories, die gemeinsam mit der nordirischen DUP nur eine hauchdünne Mehrheit von drei Stimmen im Unterhaus besitzen, rührt sich Widerstand – es sei denn – ja es sei denn es gelänge Boris Johnson, die Befürworter eines sanften Brexits oder Verbleibs in der EU wirkungsvoll zu integrieren.  

Gleich mehrfach hat sich das Parlament gegen einen Brexit ohne Vertrag ausgesprochen. Wird Johnson das respektieren? Wird er Gegner in sein Kabinett aufnehmen? Kann er mit Steuersenkungen für die Mittelschicht, vor allem aber für die Besserverdienenden das Land einen?

Boris Johnson ist ein unberechenbarer Taktiker, ein Opportunist und Populist. Vor allem aber ist er ein Narzisst, der aus der englischen Elite kommt und deren Machtanspruch verteidigt. Für ihn zählt eigentlich nur Boris Johnson. Vielleicht geschieht ein Wunder und er geht auf dem Zenit seiner Macht auf die Menschen zu, sieht sich als Regierungschef aller Briten, handelt in deren Interesse. Zuzutrauen ist ihm, dem Unberechenbaren, alles, selbst eine 100-Prozent-Kehrtwende in Sachen Brexit.

Denn auch er weiß längst um die Nachteile eines ungeordneten Ausstiegs. Für die Verhandlungen mit Brüssel ist das freilich die Keule, die er schwingt: Und keine Frage, die EU wird sich wohl oder übel bewegen müssen. Denn auch für die 27 gilt: Ein harter Brexit hätte verheerende wirtschaftliche Folgen.

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