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StartseiteTag für TagAuferstehen muss der Mensch schon selbst25.12.2019

Joseph Beuys und die ReligionAuferstehen muss der Mensch schon selbst

Es ist schon viel über den Künstler Joseph Beuys gesagt und geschrieben worden. Aber selbst in aufwändigen TV-Dokumentationen wird ein Aspekt seines Werks und Lebens weitgehend ausgeklammert: die Religion. Dabei ist das Kreuz bei Beuys kaum zu übersehen.

Von Burkhard Reinartz

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Ein Porträt von Joseph Beuys (1921-1986), Aufnahme circa 1985. (imago/Leemage)
Joseph Beuys vereinte in seinem Werk Elemente aus Christentum und Schamanismus (imago/Leemage)
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"Weihnachten fängt eigentlich die Geschichte mit Jesus an und auch die Geschichte mit Gott. Das hat mit Menschwerdung zu tun, mit Geburt und mit empfangen werden. Aber es geht nicht jetzt im Glauben darum, dass man das wiederum wie eine Story oder wie ein Familienfest versteht, sondern wie einen Weltenprozess. Es ist ja nicht nur die Natur, auf die Beuys alles hin öffnet, sondern der ganze Kosmos. Jesus, der Christus, ist ein kosmisches Phänomen, eine kosmische Präsenz."

Friedhelm Mennekes, Jesuit, Ausstellungsmacher und Beuys-Experte.

"Je mehr wir auf die Christus-Präsenz zu sprechen kommen, kommen wir in das Wesen des Glaubens. Und das Wesen des Glaubens ist letztlich nur mystisch zu berühren. Und da verlässt es auch die begrifflichen Definitionen, sondern es ist wie ein freies Schweben von Kommunikation und von einer Kraft, die permanent kreativ in diese Welt hineinwirkt.In dieser freien Mystik weiß ich: Ich bin nicht nur von Gott gemacht worden, sondern permanent, wenn ich mich darauf einlasse, formt mich diese Kraft nach und nach und mehr und mehr, immer wieder neu und anders."

"Joseph Beuys: Der Mensch kann mit Wesen sprechen, die höher sind als sein kurzfristiger intellektueller Verstand. Er kann mit seinem Ich in Kontakt kommen, er kann mit einem Engel sprechen und damit ist ja das Bild des Menschen bis zum Gottesbegriff groß. Und ich möchte es nicht so klein halten, wie es der Materalismus hat schrumpfen lassen."


Provokation als "Auferstehungsprozess"

"Es gibt eine unsichtbare und es gibt eine sichtbare Welt. Zur unsichtbaren Welt gehören die nicht wahrnehmbaren Kraftzusammenhänge und Energieabläufe; gehört auch das, was man gewöhnlich das Innere des Menschen nennt. Der Mensch ist eine Bodenstation für etwas viel Größeres, und Kunstwerke sind Erdstationen, die etwas aus sich entlassen, was metaphysischen, spirituellen Charakter hat."

In diesen drei Sätzen entwirft Joseph Beuys das Fundament, auf dem seine Kunst und Gedankenwelt beruhen. Eine zutiefst spirituell-religiöse Basis, was in der Beuys-Rezeption oft übersehen wird. Gerne wird der Künstler als seltsamer Provokateur abgestempelt, der in einer mythologisch aufgeladenen Eigenwelt aus Filz, Fett und toten Tieren lebt. Doch seine sogenannten Provokationen sind nicht Selbstzweck, sondern eingebettet in ein Weltbild, das auf der Einheit von Mensch, Gesellschaft und Natur besteht.

"Das ist doch wichtig, dass etwas hervorgerufen wird. Provokation heißt hervorrufen. Wenn etwas hervorgerufen wird, ist das an sich schon ein Auferstehungsprozess."

Zeige deine Wunde

Beuys sieht den Menschen als verletzliches Wesen, das genau wie die Gesellschaft der Heilung bedarf. Spiritualität ist für ihn eine Schlüsselkraft im Prozess der Heilung, die dem Menschen nach Beuys heute kein Gott mehr abnehmen kann. Friedhelm Mennekes sagt:

"Wenn er fragt als Künstler: was verstehe ich unter Religion, dann ist es eigentlich für ihn eine Weise, Heilung in Gang zu setzen."

Friedhelm Mennekes bei einer Diskussion in Prag (Friedhelm Mennekes / Norbert Schmidt)Friedhelm Mennekes, Professor, Jesuit und katholischer Priester, war einer von Joseph Beuys' Weggefährten (Friedhelm Mennekes / Norbert Schmidt)

So in der Installation "Zeige deine Wunde" aus dem Jahr 1976. Das heute im Münchener Lenbachhaus beheimatete Kunstwerk war ursprünglich in der Fußgängerunterführung der Münchener Maximilianstraße zu sehen. Es handelt sich um ein imaginäres Krankenzimmer, das den Betrachter mit seiner eigenen Verletzlichkeit, Angst und Vergänglichkeit konfrontieren soll. Indem der Betrachter seine Wunde offenbart, könne er Heilung erfahren. Der Jesuit und Ausstellungmacher Friedhelm Mennekes hat Beuys noch persönlich gekannt und sich mit ihm über sein Werk ausgetauscht.

"Letztlich geht es darum, dass der Mensch zueinander ein solches Verhältnis hat, dass man auch über Wunden spricht und nicht nur über Siege, sondern dass man sensibel wird nach innen und zu dem, was unsere Ängste prägt, dass wir uns von daher öffnen, dass der Mensch mit dem Menschen menschlich spricht. Zeige deine Wunde! Werde so intim, dass du so viel Vertrauen hast, darüber zu sprechen und sie zu zeigen, weil genau in solchen Gesten liegt schon die Umkehr des Schmerzes, nämlich der Trost und vielleicht auch die Heilung."

"Im Grunde musste etwas absterben"

Joseph Beuys wird am 12. Mai 1921 in Krefeld geboren. Er wächst in einem niederrheinischen Dorf in der Nähe von Kleve auf. Zu seinen streng katholischen Eltern hat er ein distanziertes Verhältnis. Der Junge streift oft alleine umher und entwickelt in der ländlichen Umgebung ein starkes Naturerleben. Beuys liest Goethe, Schiller, Hölderlin, Novalis, Hamsun und später Rudolf Steiner. Schon als 17-Jähriger interessiert er sich für Chemie, Botanik und die Skulpturen Wilhelm Lehmbrucks. Fast zeitgleich zum Abitur kommt der Einberufungsbescheid. Beuys wird Bordfunker. 1943 stürzt seine Maschine auf der Krim ab. Der Pilot stirbt. Er selbst überlebt schwer verletzt. 1949 beginnt Beuys das Kunststudium in Düsseldorf und wird Meisterschüler von Ewald Mataré. 1954 erfasst ihn nach dem Absturztrauma die zweite Lebenskrise, eine schwere Depression, die er nach kurzen Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken erst durch die Landarbeit bei der befreundeten Familie van der Grinten überwindet.

"In der Krise wirkten zweifellos Kriegserlebnisse nach, aber auch aktuelle, denn im Grunde musste etwas absterben. Diese Phase war für mich eine der wesentlichsten, da ich mich auch konstitutionell völlig umorganisiert habe. Der Initialvorgang war ein allgemeiner Erschöpfungszustand, der sich allerdings in einen regelrechten Erneuerungszustand umkehrte."

Beuys beginnt, seine Zeichnungen und Skulpturen auszustellen. Er heiratet 1959 die Kunsterzieherin Eva-Maria Wurmbach, mit der er zwei Kinder hat. 1961 wird er zum Professor für "monumentale Bildhauerei" an der Düsseldorfer Kunstakademie ernannt und zieht mit seiner Familie in ein Wohnatelier in Düsseldorf-Oberkassel. Dort lebt und arbeitet er bis zu seinem Tod.

Ein moderner Schamane

Neben christlichen Einflüssen ist Beuys' Weltanschauung stark vom dem geprägt, was man moderner Schamanismus nennen könnte. Ein Schamane kann in andere Dimensionen der Wirklichkeit eintreten und legt nach seiner Rückkehr davon Zeugnis ab. So versteht sich auch der Künstler Joseph Beuys. Schon rein äußerlich unterstreicht er diesen Bezug durch sein Outfit: Analog zur traditionellen Tracht des Schamanen trägt er eine moderne Variation mit Anglerweste über weißem Hemd, Jeans und Filzhut.

"Wenn ich etwas Schamanisches mache, nehme ich das schamanische Element - zweifellos ein Element der Vergangenheit - um über eine zukünftige Möglichkeit eine Aussage zu machen. Ich wende mich zurück, indem ich nach vorne durchbreche."

Der Künstler Joseph Beuys (Ute Klophaus © zeroonefilm/ bpk_ErnstvonSiemensKunststiftung_StiftungMuseumSchlossMoyland)Joseph Beuys in seiner typischen Garderobe (Ute Klophaus © zeroonefilm/ bpk_ErnstvonSiemensKunststiftung_StiftungMuseumSchlossMoyland)

Wie seine archaischen Vorgänger sei er als moderner Schamane ein leidender, manchmal vorübergehend ausgestoßener Mensch, der die Fähigkeit habe, sich selber zu heilen, um dadurch gleichzeitig die Heilung der Gesellschaft zu fördern.

"Ich habe versucht, ganz absichtlich im Bilde des Schamanen etwas zu sagen, was etwa so heißt: Wir haben einen materialistischen Wissenschaftsbegriff, der behauptet, dass alles das, was der Schamane behauptet, nicht existiert. Jetzt tritt ein Mensch auf, der durchaus die Methodik des Materialismus kennt und führt wieder vor, dass es ganz andere Kräfte in der Welt gibt, von denen der Mensch gegenwärtig systematisch durch die politischen Systeme abgeschnitten wird."

Es ist erstaunlich, wie der Initiationsweg eines Schamanen mit den persönlichen Umbruch-Stationen in Beuys' Leben korrespondiert: Dem lebensgefährlichen Flugzeug-Absturz im Krieg, der depressiven Krise im Alter von fünfunddreißig Jahren und nach der Heilung die Transformation und Reifung des Bewusstseins. Wenn Beuys nach seiner depressiven Krise davon spricht, dass etwas in ihm absterben musste, nimmt er das vorweg, was er 1984 in einem Gespräch mit Friedhelm Mennekes so formuliert hat:

"Die alten Glaubenskräfte sind nicht mehr auf der Höhe der Zeit. Du musst versuchen, exakt zu glauben. Du musst erst deinen Glauben verlieren, so wie Christus für einen Augenblick seinen Glauben verloren hat, als er am Kreuz war. Das heißt, der Mensch muss diesen Vorgang der Kreuzigung, die volle Inkarnation in die Stoffeswelt durch den Materialismus hindurch, auch selbst erleiden. Er muss selbst sterben, er muss völlig verlassen sein von Gott - wie Christus damals in diesem Mysterium verlassen war."

Natur und Religion

Inspiriert durch traumatische Erlebnisse im Umfeld seines Flugzeug-Absturzes auf der Krim arbeitet Beuys mit Naturmaterialien wie Fett und Filz. Er versucht zu zeigen, dass auch in angeblich unbelebten Dingen geistige Kräfte wirken. Beuys sieht seine Aufgabe als Künstler nicht primär darin, Zeichnungen und Skulpturen zu verbreiten, sondern Ideen - und das mit größtmöglicher Öffentlichkeitswirkung.
Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist das in Deutschland keinem andern Künstler so gelungen wie Beuys. Sein Credo:

"Der Mensch muss wieder nach unten mit den Tieren, mit den Pflanzen, der Natur und nach oben mit den Engeln und Geistern in Beziehung treten."

Friedhelm Mennekes: "Und natürlich, dann kommt er dazu, dass er selbst die Religion wie von der Natur gemacht versteht; und es ist ja das Wachsen und das Werden. Aber bevor es wächst und wird, kommt die Geburt, das Schenken des Lebens, das Leben selbst, das Erleiden des Lebens, das Heilen des Lebens und am Ende die Überwindung des Lebens im Tod."

Für Beuys war die gesamte Natur: Tiere, Pflanzen, Mineralien geistig-spirituell aufgeladen. In seinen Zeichnungen, Installationen und Performances spielen Naturkräfte und Tiere wie Hirsche, Hasen oder Bienen eine große Rolle. So in seiner Performance "Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt" oder seiner New Yorker Performance "I like America and America likes me": Er lässt sich in einer Galerie eine Woche lang mit einem Coyoten einschließen - dem heiligen Tier der entrechteten indianischen Urbevölkerung - und versucht, mit ihm zu kommunizieren.

"Das Kreuz ist ein Zeichen für den Menschen"

Inspiriert durch seinen Lehrer, den katholischen Bildhauer Ewald Mataré, beschäftigt sich Beuys schon früh mit der christlich-religiösen Bilderwelt, so Ordensmann Mennekes. Er verweist auf Zeichnungen und Skulpturen wie "Pietá" und "Sonnenkreuz".

"Und dennoch merkte er genau: Hier ist die Stelle, wo ich mich als Künstler absetzen muss, weil Religion nicht durch Lehre, nicht durch Ideologie, auch nicht durch Moral zu bestimmen ist, sondern Religion ist etwas, was im Vorfeld der Erkenntnis schwimmt wie Intuition; und in diesem Vorfeld spürst du vor-verbal bestimmte Ideen - fast wie ein guter Prophet. Der hat seine Intuition und er kann sie allenfalls herausstammeln, aber nach und nach gibt es die Möglichkeit, sie zu verbalisieren und zu kommunizieren. Und das, denke ich, ist bei Beuys der Fall. Er hat sozusagen sein persönliches Verständnis des Glaubens für sich selbst umformuliert."

Beuys Arbeit 'Infiltration - Homogen für Cello' besteht aus einer gefilzten Cello-Tasche mit einem roten Kreuz. Hier zu sehen in einer Glasvitrine  während der Ausstellung "The Stag Monuments" in der Galerie Thaddaeus Ropac in London, kuratiert von Norman Rosenthal. (Richard Gray / imago images / PA Images)Das Kreuz ist in Beuys' Werk ein stetig wiederkehrendes Motiv (Richard Gray / imago images / PA Images)

Immer wieder arbeitet Beuys mit der Form des Kreuzes, zum Beispiel mit einer alten Flasche, die zusammen mit links und rechts angebrachten verschlissenen Pflastern ein Kreuz bildet. In der Bronzeskulptur "Sonnenkreuz" schafft der Künstler eine ungewöhnliche, eher schwebende Christusfigur. Eine solche Darstellung wirkt natürlich ganz anders als eine schmerzverzerrte Leidensgestalt.

"In den Gesprächen, die ich mit Beuys hatte, war natürlich sehr früh vom Kreuz die Rede. Und dann hat er natürlich gleich das Kreuz für die Kunst vereinnahmt, weil er sagte: Die Religion besitzt dieses Zeichen nicht für sich allein, sondern das Kreuz ist ein Zeichen für den Menschen. Und wenn Sie dann diesen Kreuzen nachgehen, spüren Sie, dass er von Anfang an versucht, das Kreuz zu transformieren."

Der Mensch kann sich selbst erlösen

Das Kreuz ist seit über zweitausend Jahren eines der Symbole schlechthin. Es verdichtet den Leidens- und Sterbeprozess Christi. In den Variationen des Joseph Beuys erscheint das Kreuz - inspiriert durch keltische Darstellungen - oft in rotierenden Sonnen- und Lichtauren. Friedhelm Mennekes sagt:

"Aber es ist zugleich auch ein Zeichen, dass dann das Heruntersackende des Sterbens abstreift so wie eine zweite Haut, um dann das Aufsteigen zu ermöglichen. Hinuntersteigen und Hinaufsteigen: Das sind ganz wesentliche Begriffe bei Beuys. Und das ist, worum es eigentlich geht, dass jetzt Kräfte sprudeln von oben nach unten, sodass ich fast eins werde mit Christus."

"Ob ich das nun will oder nicht: Das Wesen des Christus lebt in mir wie in jedem anderen Menschen. Ich möchte auf die Möglichkeit des Menschen aufmerksam machen, dass er sich jeweils selbst erlösen kann."

Christliche Rituale wie die Wandlung oder die Fußwaschung sind für Beuys ein wichtiger Bestandteil seiner Arbeit. Im Zeitalter atomarer Bedrohung zelebriert Beuys 1971 in einem Zivilschutzraum in Basel eine Messe aus christlichen und keltischen Elementen. Sorgfältig wäscht er die Füße einiger Besucher.

"Die Fußwaschung Jesu ist ein Reinigungs-Ritus, wie zum Beispiel bei Maria Magdalena. Aber das ist nichts anderes als der Versuch eines groß angelegten therapeutischen Prozesses. Es ist im Grunde der Beginn einer Sozialtherapie, eine völlige Reinigung, eine Heilung des gesamten sozialen Feldes bis in die sozialen Organismen hinein, ob sie sich nun Staaten nennen oder was auch immer."

"Beuys ist wie eine prophetische Kraft"

Dem Künstler geht es darum, das Kirchliche am Christentum zu überwinden, das für ihn zu denselben Strukturen geführt hat wie beim Missbrauch von Staats- und Parteienmacht. Friedhelm Mennekes:

"Von daher denke ich, wenn man das richtig versteht und demütig genug versteht, ist Beuys auch wie eine prophetische Kraft, die auch das Krankhafte manchmal konfessioneller Kirchen befreit zu sich selbst."

Ohne sich kirchlich vereinnahmen zu lassen, sieht Beuys eine zentrale Kraft im Mittelpunkt des Lebens, die er "Christuskraft" nennt.

"Christus erschöpft sich nicht in diesem historischen Ereignis, sondern er ist eine Kraft, eine göttlich-menschliche Kraft, die für einen Moment in den historischen Kontext gerät. Dieses Bild von Christus kann ja heute nicht mehr mit äußeren Augen wahrgenommen werden, sondern es muss mit einem inneren Auge wahrgenommen werden. Und in diesem inneren Auge zeigt sich, was aus der Auferstehung Christi geworden ist. Der ist ja nicht irgendwie verdampft oder hat sich irgendwie verflüchtigt. Die Frage ist doch: Wo ist er jetzt? Wer mit dem inneren Auge zu sehen lernt, der sieht, dass er längst wieder da ist, nicht mehr in einer physischen Form, aber in der Form einer für das äußere Auge unsichtbaren Substanz."

Friedhelm Mennekes: "Natürlich geht es letztlich darum, dass der Mensch selber ein Christus wird. Das ist aber jetzt kein Satz von Beuys. Das muss ich fast in jeder Messe formulieren. Das sagt Jesus in seinen Bildern und Parabeln. Es gibt keine andere Möglichkeit des Menschen zu sich selbst zu kommen, als sich in diese Christuskraft hinein zu gestalten und aus ihr heraus das Böse oder das Unmenschliche zu überwinden."

"Aber diesmal geht es nicht mehr so, dass ein Gott den Menschen hilft wie das durch das Mysterium von Golgatha war. Diesmal muss diese Auferstehung durch den Menschen selbst vollzogen werden. Der Mensch muss sich gewissermaßen selber aufraffen und auferstehen. Und das ist ja der wahre Sinn des Wortes Kreativität. Jede andere Wahrnehmung des Begriffes Kreativität hat nur modischen Charakter. Er muss eine gewisse Anstrengung machen, um sich in Kontakt zu bringen mit seinem Inneren. Doch das fällt dem Menschen ungeheuer schwer. Er möchte viel lieber noch mal etwas geschenkt bekommen. Er kriegt aber nichts mehr, gar nichts, von keinem Gott, von keinem Christus."

Friedhelm Mennekes: "Der Mensch muss sich selber helfen, aber jeder normale Arzt wird das sagen: Wenn Sie nicht mitmachen, kann ich gar nichts für Sie tun. Sie müssen an die Gesundheit glauben, Sie müssen an die Zukunft glauben. Und selbst wenn Sie wissen, es hilft gar nichts mehr: Glauben Sie dennoch an ihre eigene Zukunft bis hinein in Ihr eigenes Sterben. Er bringt alte menschliche, anthropologische Zusammenhänge in eine neue Aktualität."

Stadtverwaldung

Und betont, dass die persönliche Befreiung immer mit der Befreiung der gesamten Menschheit und der Pflanzen- und Tierwelt verbunden sei. Im Jahr 1982 auf der documenta 7 lässt Beuys in seiner größten Installation "Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung" 7000 Basaltstelen auf dem Kasseler Friedrichsplatz keilförmig zu einem Steinlager aufschütten. In den nächsten fünf Jahren werden 7000 junge Eichen, begleitet von je einer Basalt-Stele, in 7000 Standorten eingepflanzt. Die größte soziale Plastik weltweit.

Ein Auto fährt am Dienstag (13.03.2007) in Kassel an einer Beuys-Eiche vorbei. Das Pflanzen der ersten Eiche vor 25 Jahren (16.03.1982) hatte zu erheblichen Widerständen in der Stadt geführt. Das Einsetzen des letzten Baumes fünf Jahre später hatte der 1986 gestorbene Joseph Beuys schon nicht mehr miterlebt. (Picture Alliance / dpa / Uwe Zucchi)Joseph Beuys betrachtete die Natur als spirituell bedeutsam (Picture Alliance / dpa / Uwe Zucchi)

"Baum und Stein bilden eine Lebensgemeinschaft, führen eine Art Dialog miteinander. Jedes einzelne Monument besteht aus einem Teil, der sich in der Zeit verändert, also den Eichen und einem Teil, der kristallin ist, also seine Form, Masse, Größe und Gewicht beibehält. Ich bin ja kein Gärtner, der Bäume gepflanzt hat, weil Bäume schön sind. Nein, ich sage, wenn der Wind durch die Kronen weht, dann geht zu gleicher Zeit durch die Krone, was die leidenden Menschen an Substanz auf die Erde gebracht haben.

Wenn der Mensch seine Aufgaben hier auf der Welt im Sinne der wirklichen christlichen Substanz wahrnimmt, dann muss er seine Intelligenz, angefangen bei den Bäumen, langsam wieder aufrichten.Dieser Spinat-Ökologismus, der interessiert mich nicht. Wenn die Erde in dem Zustand zu Bruch geht, wie sie jetzt ist, ist die menschliche Seele in Gefahr. Das einzige, was sich lohnt aufzurichten, ist die menschliche Seele. Ich meine jetzt nicht nur das gefühlsmäßige, sondern auch die Erkenntnis, die Intuition. Das sind ja alles Dinge, die sehr stark geschädigt sind in unserer Zeit. Die müssen gerettet werden. Und dann ist alles andere sowieso gerettet. Es hat keinen Sinn, ohne diese Gedanken bessere Kartoffeln anzubauen."

"Der Tod hält mich wach"

Kaum ein Satz von Joseph Beuys ist so oft missverstanden worden und hat neben seinen Installationen so viel Empörung hervorgerufen wie:

"Jeder Mensch ist ein Künstler."

Der Jesuit Friedhelm Mennekes übersetzt, was dieser erweiterte Kunstbegriff, das was Beuys die soziale Plastik nennt, praktisch bedeutet:

"Jeder Mensch muss eigentlich kreativ sein. Wenn ich Vater bin von Kindern, Mutter von Kindern, muss ich mir immer irgendetwas einfallen lassen. Und so ist es eigentlich mit jeglicher Frage und jeglichem Problem. Jeder Mensch hat kreative Kräfte und in der Vertiefung hat es eine künstlerische Kraft. Nicht jeder Mensch ist ein Maler oder ein Musiker. Nein, das ist nicht jeder, aber er soll sich etwas einfallen lassen wie ein Künstler. Dieser Begriff des erweiterten Kunstbegriffs ist für mich ein und alles von dem, was Beuys geschaffen hat und seine Bedeutung auf den Punkt setzt."

Im Jahr 1986 neigt sich Beuys' Lebensweg dem Ende zu. Ein Weg, der auch ein persönlicher Kreuzweg gewesen ist. Wegen extremer Anfeindungen, noch mehr aber wegen der gesundheitlichen Folgen des Flugzeugabsturzes im Zweiten Weltkrieg. Davon hat er sich nie wirklich erholt. Der Tod war für ihn kein Schrecken, sondern der Beginn einer Wiedergeburt.

"Der Tod hält mich wach."

Joseph Beuys stirbt am 23. Januar 1986 mit 65 Jahren in Düsseldorf. Die drei Bronzegefäße mit seiner Asche werden drei Monate später der Nordsee übergeben.

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