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StartseiteMarkt und Medien"Boulevard bringt Gefühle präzise auf den Punkt"22.11.2014

Journalismus"Boulevard bringt Gefühle präzise auf den Punkt"

Boulevard - damit verbindet man reißerische Überschriften, zugespitzte Polemik, wenig Tiefgang und hin und wieder nackte Haut. Für viele ist Springers "Bild"-Zeitung das negative Sinnbild des Boulevards schlechthin, aber das Spektrum ist breiter. Boulevardzeitungen, Fernsehsendungen, Internetportale. Ob es auch guten Boulevard geben kann, versuchte das Medienlabor des Journalistinnenbundes in Berlin herauszufinden.

Von Vera Linß

Ein Mädchen tanzt in bauchfreien T-Shirts und kurzen Hosen (picture alliance / Wolfram Steinberg)
Nackte Haut gehört im Boulevardjournalismus dazu. (picture alliance / Wolfram Steinberg)
Weiterführende Information

Zeitunssterben - Lesen Sie noch Zeitungen, oder informieren Sie sich nur noch im Internet?
(Deutschlandradio Kultur, Debatte, 06.03.2014)

Kult oder Kultur?
(Deutschlandfunk, Lebenszeit, 20.08.2010)

Televisionäre Phantasielosigkeit
(Deutschlandradio Kultur, Fazit, 10.01.2010)

"Herzlich Willkommen zum großen Finale von GNT. Und die letzte Entscheidung, die steht jetzt an."

Vom jungen Publikum geliebt, bei der Kritik ein Aufreger - die Talentshow "Germany´s Next Topmodel". Die Sendung reduziere junge Frauen auf den perfekten Körper, so das ablehnende Urteil. Elisabeth Klaus von der Universität Salzburg hält dagegen. Der Modellwettbewerb habe durchaus emanzipatorisches Potenzial, sagt die Professorin für Kommunikationswissenschaft.

"In Germany´s Next Topmodel haben ja eine ganze Reihe von Frauen gewonnen, die migrantischen Hintergrund haben. Und das ist zum Teil für Migrantinnen, die als Rezipientinnen das jetzt sehen, ne Identifikationsmöglichkeit. Also zu sagen, ich bin Teil dieser Gesellschaft."

Modellwettbewerb mit emanzipatorischem Potenzial

Boulevard macht Menschen sichtbar, die vor Jahren noch in den Medien kaum vorkamen, lautet ein Fazit der Forschungen von Elisabeth Klaus. Das Leben in der Schuldenfalle sei ebenso zum Thema geworden wie Transgender, also Menschen, die sich mit zugewiesenen Geschlechterrollen nur schwer identifizieren können. Deshalb sei es ein Fehler, Boulevard per se als etwas Negatives zu beschreiben.

"Wir müssen die Urteile der Medienkritik gegen den Strich bürsten. Und wir müssen sagen, es ist keine Geschmacksfrage, es ist eine Frage der Wirkungen von Programmen auf die Gesellschaft. Und insofern muss man mit entsprechenden Kriterien auch an die Programme gehen. Das sind Kriterien: Wird die Diversität unserer Gesellschaft gezeigt? Werden Menschen sichtbar? Solche Kriterien gibt´s ja und die sollten wir anwenden."

Boulevard macht unbekannte Menschen sichtbar

Dass man dem im Boulevard durchaus gerecht werden kann, dessen ist sich auch Juliane Leopold sicher. Die ehemalige Zeitonline-Journalistin ist seit Herbst Chefredakteurin der deutschen Ausgabe von Buzzfeed, einem Internetportal, das auf bunte Geschichten, Videos, vor allem aber auf Inhalte setzt, die von den Usern geteilt werden. Boulevard at it's best - meint Leopold.

"Die Mittel des Boulevards, also Emotionalisierung, Ansprechen der Menschen in ihrer Identität und Anrühren sind wichtige Mittel, um Botschaften rüberzubringen, und das finde ich in Ordnung. Wo es nicht mehr in Ordnung ist, wenn man diese Mittel  benutzt, um Menschen klein zu machen, wie ich das nenne, nach unten zu treffen. Also wenn man nicht den Mächtigen Dampf macht sondern denen, die eigentlich keine Macht haben."

Knappe, pointierte und emotional aufgeladene Sätze

Boulevard bringt Gefühle präzise auf den Punkt und muss nicht immer laut sein - so definiert Marion Horn, Chefredakteurin der "Bild am Sonntag" ihre Arbeit. Dass Websites wie Buzzfeed, aber auch die Huffington Post oder Upworthy viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen, macht ihr keine Sorge. Im Gegenteil.

"Ich empfinde das als Bereicherung. Zum Beispiel bringt mich das tatsächlich auf sehr viele Themen. Also wenn Themen wie: Der Tag, als ich beschloss, zu meinem Kind nicht mehr "Ich hab keine Zeit für dich" zu sagen, wenn so was da fast millionenfach geklickt wird, das ist eben spannend. Das muss auch nicht alles Nachricht sein, sondern das darf auch Lebenswirklichkeit abbilden. Mit den Ängsten, mit den Sorgen, mit den Hoffnungen."

Alles allerdings kann man nicht alles mit den Mitteln des Boulevards kommunizieren, meint Ines Pohl, Chefredakteurin der taz. In knappen, pointierten, emotional aufgeladenen Sätzen ließen sich komplexe Zusammenhänge kaum darstellen.

"Ich glaube, dass man das Handwerkszeug aus dem Boulevard nutzen kann, um auch Themen, die dann hintergründig berichtet werden, anzufeaturen, die Leute sozusagen hungrig zu machen und vielleicht sogar schon durch ne kluge Formulierung nahe zu bringen, warum es sich lohnen könnte, dann eben auch mal 200 Zeilen zu durchdringen."

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