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Startseite@mediasresDie Medien-Wende12.11.2019

Journalismus nach dem MauerfallDie Medien-Wende

Der Mauerfall brachte auch für die mediale Landschaft in der DDR große Veränderungen mit sich. Die Konsequenzen aus dieser politischen Umwälzung ahnte damals kaum eine Journalistin und kaum ein Kameramann. Es folgte ein monatelanges Ringen um die Umgestaltung der DDR-Medien.

Von Jörg Wagner

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Der Staatsratsvorsitzende der DDR, Egon Krenz, umgeben von Journalistinnen und Journalisten vor der Alten Nationalgalerie in Ostberlin am 10.11.1989.  (picture alliance / dpa)
Das Fernsehen und der Hörfunk der DDR standen nach dem Mauerfall vor einer ungewissen Zukunft. (picture alliance / dpa)
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Das Wechselbad der Gefühle konnte am 12. November 1989 nicht stärker sein. Jahrelang war Udo Lindenberg in der DDR eine Persona non grata. Auf einmal sang er, halb sprach, er seinen neuesten Text in mein Mikrofon.

"Entschuldigen Sie, ist das der Sonderzug aus Pankow? Wir müssen mal eben dahin, eben mal nach West-Berlin. Man glaubt es ja kaum. Es ist alles wie ein schöner Traum. Doch keine Angst vorm Erwachen. Wir werden jetzt so weitermachen. Wir haben ein Fläschchen Cognac mit und der schmeckt sehr lecker. Das trinken wir jetzt alleine und zwar ohne Honecker."

Rocker Udo Lindenberg irgendwo in den Kellergängen der Westberliner Deutschlandhalle auf dem Weg zu seinem Auftritt beim spontan organisierten "Konzert für Berlin". "Ein schöner Traum" wurde wahr. Aber er kam nicht so plötzlich, wie es damals erschien.

Zuvor erhöhte sich der Druck stetig auf die Medien. Eine Zeitschrift und fünf Filme aus der Sowjetunion wurden in der DDR Ende 1988 verboten. Die Fluchtbewegung wurde totgeschwiegen. Die russischen Worte "Perestroika" und "Glasnost" für "Umgestaltung" und "Transparenz" standen auf dem Index. Doch da war letztlich auch der vereinzelte Mut, von den Leipziger Montagsdemos zu berichten.

"Massenmedium Fernsehen" gratulierte Krenz zur Wahl

Eine Demonstrantin: "Ich weiß gar nicht, wie Journalisten das vereinbaren können, dass sie heute so schreiben und morgen so schreiben. Für mich ist die Wahrheit und die Wahrhaftigkeit das Allerwichtigste. Ich habe sechs Kinder. Meine Kinder stehen in einem Spannungsfeld zwischen Elternhaus und Schule, dem sind sie nicht gewachsen."

Zwei Tage später, am 18. Oktober 1989: der Sturz. Michael Albrecht, Kameramann beim DDR-Fernsehen, in der Wendezeit aufgestiegen zum Intendanten: "Honecker wurde entmachtet. Krenz wurde der neue Chef. Krenz wurde noch begrüßt durch das DDR-Fernsehen auf eine sehr zuträgliche Art und Weise."

So wie zum Beispiel von Anja Ludewig von der DDR-Nachrichtensendung "Aktuellen Kamera": "Herzlichen Glückwunsch zur Wahl von Massenmedium Fernsehen. Ich weiß, es wird heute Abend noch eine längere Rede geben."

Egon Krenz: "Liebe Genossinnen und Genossen, liebe Bürger der Deutschen Demokratischen Republik. Mit der heutigen Tagung werden wir eine Wende einleiten."

"Es wird nichts mehr so sein, wie es war"

Die SED die Triebkraft der Veränderung? Eine fatale Fehleinschätzung. Hannelore Steer, spätere Hörfunkdirektorin im Rundfunk Berlin-Brandenburg und zu DDR-Zeiten Journalistin beim DDR-Auslandsprogramm Radio Berlin International, beschreibt die allgemeine Stimmung im Funkhaus nach dieser Rede.

"Der Tenor war: Das kann doch nicht wahr sein! Nach all dem, was jetzt klar ist, kann es nicht so sein, dass der Krenz sich dahin stellt und also wir waren mehr als enttäuscht, haben gesagt: So geht das überhaupt nicht! Und für mich war der 4. November der Tag der Änderung. Ich wusste es, es wird nichts mehr so sein, wie es war."

Der 4. November 1989. Berlin Alexanderplatz. Bis zu eine Million Menschen demonstrieren, unter anderem für Meinungs- und Pressefreiheit. Das DDR-Fernsehen ist live dabei und überträgt Reden in bisher nie gesendeter Offenheit. Der Schriftsteller Stefan Heym:

"Es ist, als habe einer die Fenster aufgestoßen nach all den Jahren der Stagnation, den Jahren von Dumpfheit und Mief, von Phrasen-Gewäsch und bürokratischer Willkür."

Propaganda-Sendung "Der schwarze Kanal" wird abgesetzt

Der Leiter der Redaktion Aktuelle Politik von Radio DDR, Alfred Eichhorn: "'Es ist, als habe einer ein Fenster aufgestoßen': Dieses Stefan-Heym-Wort, das geht mir durch den Kopf, was diese Wochen und Monate betrifft."

Und das betraf auch Sendungen, die vorher einen festen Platz hatten im DDR-Fernsehen, wie die Propaganda-Sendung "Der schwarze Kanal":

"Einige mögen jubeln, wenn ich diese Fernseharbeit nun auf andere Weise fortsetze."

"Der schwarze Kanal" wurde ersatzlos gestrichen. Die Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera" dagegen bekam ein journalistisches Magazin.

Neue journalistische Magazine entstehen

"Das ist er also: der Start zu einer neuen Sendung der 'Aktuellen Kamera': 'AK Zwo'. Die Außenpolitik ist schon eine ganze Weile in Bewegung. Unser Land, die Gesellschaft, die Menschen sind es inzwischen unverkennbar ebenfalls. Das wollen wir auf dem Bildschirm auf diesem Kanal auch zeigen. Und eines wollen wir natürlich auch: uns nicht treiben lassen, sondern selbst mit vorantreiben."

Diese Veränderungen sind jedoch rückblickend für den Fernsehmann Michael Albrecht noch nicht entscheidend gewesen.

"Es hatte noch keine internen Auswirkungen gehabt in diesem Moment, sondern die Auswirkungen kam dann, wenn man sich das sozusagen vom politischen Verlauf anschaut, praktisch mit der Maueröffnung. Und dann waren eigentlich faktisch Pflöcke eingeschlagen, auch in der politischen Willensbildung, wo man sagte: naja, da geht es eigentlich nicht mehr zurück."

Es gab neue Sendungen: Dokumentationen, Reportagen, Talkshows. Demokratische Strukturen bildeten sich. Neue politische Organisationen übernahmen die Kontrolle für die Medien und schafften die Grundlage für ihre Unabhängigkeit. Ein Mediengesetz wurde auf den Weg gegeben.

Ringen um Neugestaltung der Medienlandschaft

Die Zensur wurde abgeschafft. Es folgte ein monatelanges Ringen um die Umgestaltung der DDR-Medien, bei der auch bundesdeutsche Politik und private Medien kräftig mitmischten. Doch davon war am 12. November 1989, vor 30 Jahren, nichts zu spüren. Man tanzte noch einen Traum. Oder wie Udo Lindenberg sagte: "Wir gehen demonstrieren und prosten uns zu. Denn wer ist denn hier der Ochs’. Und wer ist hier der Esel und wer ist hier die blinde Kuh?"

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