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Startseite@mediasresNachwuchsprogramme für mehr Vielfalt in den Medien05.11.2020

Journalismus und DiversitätNachwuchsprogramme für mehr Vielfalt in den Medien

Fehlende Vielfalt in Redaktionen wirkt sich darauf aus, wie und worüber berichtet wird. Viele Medien bemühen sich um mehr Diversität – vor allem in der Journalismusausbildung. Der Bayerische Rundfunk will mit seinem neuen Trainee-Programm „Puls Talente“ neue Themen, Fragen und Perspektiven ins Programm bringen.

Von Burkhard Schäfers

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Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Trainee-Programms "Puls Talente" des Bayerischen Rundfunks stehen mit Abstand auf einer Wiese: Kevin Haong, Lisabell Shewafera, Cory Rudder, Iman Hassan undRaphaela Heinzl (v.l.n.r.) (Deutschlandradio / Burkhard Schäfers)
Teilnehmende des Trainee-Programms "Puls Talente" des Bayerischen Rundfunks: Kevin Haong, Lisabell Shewafera, Cory Rudder, Iman Hassan undRaphaela Heinzl (v.l.n.r.) (Deutschlandradio / Burkhard Schäfers)
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Namen wie Cory und Iman sind im deutschsprachigen Journalismus eine Seltenheit.

"Man merkt schon, dass die meisten Themen aus einer bestimmten Bubble kommen. Die Themen kommen meistens von der Lisa, aus einer bürgerlichen Familie, wo die Eltern sich auch Reitstunden leisten konnten."

"Grad bei den Öffentlich-Rechtlichen ist es wichtig, dass man nicht nur Leute mit Studium hat, weil man will ja auch möglichst viele unterschiedliche Menschen erreichen. Unsere Zielgruppe sind eben nicht nur Akademiker – sondern alle Menschen."

Journalisten im Pressezentrum des Europäischen Rats (picture alliance / dpa) (picture alliance / dpa)Diversität in den Medien - Weiß, Mittelschicht, Akademiker 
Dass Deutschland eine plurale Gesellschaft ist, spiegelt sich in vielen journalistischen Redaktionen noch nicht wider. Sie sind immer noch sehr homogen besetzt – mit Auswirkungen für die Berichterstattung.

Cory Rudder und Iman Hassan nehmen seit dem Sommer an einem neuen Trainee-Programm beim Bayerischen Rundfunk teil:"Puls Talente". Puls ist der junge Sender des BR. Die Redaktion will Menschen mit interkulturellem Hintergrund fördern. Und solche, die bisher nicht den klassischen Weg einer Medienkarriere gegangen sind.

Iman Hassan ist 25, ihre Eltern stammen aus Somalia. Sie hat sieben Geschwister – und einen Master in Maschinenbau. "Manchmal werden wir auch irgendwie vergessen in den Medien. Es wird über viele Themen gesprochen, aber was ist denn mit der Schülerin, die aus einem sozial schwachen Haushalt kommt, die sich vielleicht gerade nicht das Studium leisten kann. Es gibt verschiedene Menschen und auch verschiedene Hintergründe. Und das müsste dann halt einfach ein bisschen mehr beleuchtet werden."

Andere Themen, andere Fragen, andere Perspektiven

Genau das sollen die fünf Talente ändern: Andere Themen ins Programm bringen, in Interviews andere Fragen stellen. Geschichten aus anderen Perspektiven erzählen.

In ihrer Talkshow diskutierte Anne Will am 07.06.2020 über die US-Proteste gegen Rassismus mit (v.l.n.r.) Christoph von Marschall, Samira El Ouassil, Norbert Röttgen, Alice Hasters, Cem Özdemir, und Stefan Simons (zugeschaltet). (ARD / Anne Will / Screenshot) (ARD / Anne Will / Screenshot)Rassismusdebatte - Öffnung für nicht-weiße Perspektiven 
Durch die "Black Lives Matter"-Proteste werde medial endlich über Rassismus geredet, meint Matthias Dell. Das Interesse werde zwar wieder sinken – doch die Debatte habe sich grundlegend verändert.

Cory Rudder hat die Schule kurz vorm Abi abgebrochen, als Versicherungsvertreter gearbeitet. Beim BR will er in Seminaren und in der Redaktion lernen, Videos zu produzieren und zu moderieren. Der 25-Jährige ist Schwarz: 

"Wenn man über Rassismus zum Beispiel spricht, aber man hat kaum Menschen mit Migrationshintergrund in der Redaktion, das finde ich eher problematisch. Die Themenvielfalt ist schon gegeben, aber es wird halt eher über Leute geredet als mit Leuten."

Wegen einer Nervenkrankheit braucht Cory Rudder einen Rollstuhl oder Krücken.

"Nur weil ich jetzt der einzige Rollstuhlfahrer bei uns in der Redaktion bin, will ich nicht ausschließlich Themen über Menschen mit Behinderung machen. Ich glaube, dass ist dann auch schon ein Gewinn für das Team, dass man jemanden dabei hat, der aus persönlichen Erfahrungen sprechen kann und nicht nur über etwas lesen."

Lernen von der BBC

Vier der fünf jungen Trainees bei BR Puls sind Schwarz, einer hat kambodschanische Wurzeln. Katharina Kestler, die das Talente-Programm organisiert:

"Ich glaube, dass das tatsächlich eine Sache der Vorbilder ist. Wenn ich nicht sehe, dass ich als jemand, der nicht aus Deutschland kommt, deutsche Eltern hat, fließend deutsch spricht ohne einen minikleinen Akzent oder eine andere Hautfarbe hat: Wenn ich diese Menschen nicht sehe in der 'Tagesschau', auf Pro7 oder RTL, dann komme ich nicht auf die Idee, den Job zu ergreifen."

Deshalb hat BR Puls sein Vielfalt-Programm vor allem auf Facebook und Instagram beworben – und fast 350 Bewerbungen bekommen. Für den Programmablauf hätten sie sich einiges von der englischen BBC abgeschaut.

Die sei deutlich weiter als deutsche Sender, sagt BR-Redakteurin Kestler: "Was superspannend für uns bei der BBC ist, dass die sich sehr genau anschauen, wer kommt denn da zu uns, und die sehr individuell betreuen. Und das ist tatsächlich das, was wir im Puls Talente Programm auch versuchen. Dass jedes Talent einen Coach hat, der gerade in der Anfangszeit nur für das Talent da ist."

Blinde Flecken in Sachen Vielfalt

Öffentlich-rechtliche Sender haben den Auftrag, für eine pluralistische Gesellschaft zu berichten. Dem kommen sie bisher offenkundig zu wenig nach. Nach und nach rufen die Anstalten jetzt Programme ins Leben, um Journalistinnen und Journalisten mit medien-untypischen Biografien zu fördern – etwa beim RBB, beim HR oder Radio Bremen.

Beim WDR gibt es schon seit 15 Jahren die "grenzenlos Talentwerkstatt" – eine zweimonatige Journalismus-Fortbildung für Studierende mit Migrationshintergrund.

Trotzdem habe der WDR noch viele blinde Flecken in Sachen Vielfalt, sagt die Integrationsbeauftragte des Senders, Iva Krtalic: "Das muss man ein bisschen immer ansprechen, dass die Landesstudios in Städten wie Wuppertal, die 40 Prozent Migrationshintergrund hat in der Bevölkerung – dann wäre es gut, dass in diesem Studio auch einige Leute arbeiten, die diese Realität mitbringen in die journalistische Arbeit."

11.11.2018, Nordrhein-Westfalen, Köln: Ein Mikrofon an einer WDR Kamera 11.11.2018 in Köln bei der Eröffnung der Karneval Session 2018 2019 des Kölner Karnevals auf dem Heumarkt. Traditionell wird am 11.11. um 11 Uhr 11 der Kölner Karneval mit einem grossen open air Fest eröffnet.  (dpa / picture alliance / Horst Galuschka) (dpa / picture alliance / Horst Galuschka)WDR-Befragung von Menschen mit Zuwanderungsgeschichte 
Eine WDR-Befragung kommt zu dem Ergebnis, dass junge Personen mit Zuwanderungsgeschichte zwar mehrsprachig aufwachsen aber deutschsprachige Medienangebote bevorzugen. Dort fehle es ihnen jedoch an Diversität.

Aus einigen Funkhäusern ist zu hören, es würden sich kaum junge Menschen mit Migrationshintergrund bewerben. Beim WDR sehe es diesbezüglich ganz gut aus, sagt Iva Krtalic: "Wir sehen das zum Beispiel an den Bewerbungen für die Volontariate, dass wir da wirklich sehr vielfältige Bewerbungen bekommen. In der jetzigen Generation der Programm-Volos haben wir 60 Prozent Migrationshintergrund. Ich meine das sind die künftigen Redakteurinnen und Redakteure."

Ob solche Talentprogramme mehr sind als ein Feigenblatt? Katharina Kestler von BR Puls meint: "Natürlich reicht das nicht und natürlich muss da mehr passieren. Andersrum: Ich glaube, dass es wichtig ist zu zeigen, da ist die Iman, da sind noch vier andere. Und dass das schon andere ermutigt, glaube ich auch, sich zu bewerben."

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