Donnerstag, 15.04.2021
 
Seit 18:10 Uhr Informationen am Abend
Startseite@mediasresDas Projekt 50-5018.12.2019

Journalistinnen in Saudi-ArabienDas Projekt 50-50

Eine Redaktion, in der so viele Frauen wie Männer arbeiten – in Saudi-Arabien? Bei den englischsprachigen ArabNews soll es bald soweit sein. Doch ein Gespräch mit der federführenden Redakteurin zeigt auch: Rote Linien für die journalistische Arbeit bleiben.

Von Anne Françoise Weber

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Für Journalistin Somayya Jabarti war die Aufhebung des Fahrverbots für Frauen ein entscheidender Schritt. Eine Frau steht vor einem Plakat. (Deutschlandradio / Anne Françoise Weber)
Somayya Jabarti, stellvertretende Chefredakteurin der Medienplattform ArabNews (Deutschlandradio / Anne Françoise Weber)
Mehr zum Thema

China Im Jahr der weiter wachsenden Medienkontrolle

Saudi-arabischer Kronprinz Viel Kritik trotz teurer PR-Kampagnen

Inhaftierter Blogger Badawi "Raifs Forderungen sind Realität geworden"

Der Fall Khashoggi Lage in Saudi-Arabien für Journalisten katastrophal

Talkshow "Jaafar Talk" Dialog zwischen den Generationen

"Als ich studierte, fragte mich einer der Professoren: Warum arbeitest du nicht als Reporterin? Ich wusste gar nicht, dass wir Reporterinnen haben. Das war dann auch die Reaktion, die ich später bekam: Wie, du bist Reporterin?", erinnert sich Somayya Jabarti.

Inzwischen ist die Frau mit dem runden Gesicht und dem fröhlichen Lachen eine bekannte Größe in der saudi-arabischen Medienwelt. Einige Jahre lang war sie Chefredakteurin der englischsprachigen Online-Zeitung "Saudi Gazette". Nach einem kurzen Ausflug an die Spitze einer nationalen Regierungsbehörde ist sie zum Journalismus zurückgekehrt – und seit November stellvertretende Chefredakteurin der Medienplattform ArabNews.

Mit einem ganz besonderen Auftrag: Sie soll dafür sorgen, dass bis Ende des Jahres 2020 die Hälfte der Belegschaft des Newsrooms Frauen sind. Jetzt sind es immerhin schon 37 Prozent - und damit schon weit mehr als die 16 Prozent Frauenanteil an den saudischen Erwerbstätigen, die die Weltbank für 2019 angibt. Denn, auch wenn sich zur Zeit viel bewegt in Saudi-Arabien – Frauen stehen noch längst nicht alle Türen offen, besonders nicht im Journalismus:

"Wir haben Glück, dass wir eine englischsprachige Medienplattform in Saudi-Arabien sind. Ich glaube, die arabischsprachigen Medienplattformen haben es nicht so leicht, dort sind die Grenzen schwerer zu überschreiten. Unser Ziel ist es, die Latte hochzulegen und damit Frauenförderung auch anderswo voranzutreiben."

Nicht mehr nur die "weichen" Themen für Frauen

Dabei will Jabarti nicht nur gleich viele Männer und Frauen im Newsroom von ArabNews arbeiten sehen und idealerweise auch Führungspositionen mit Frauen besetzen – sie möchte auch, dass Frauen nicht immer die so genannten weichen Themen abbekommen, denn diese Rolle kennt sie zu gut:

"Als ich Ende der 90er als freie Journalistin angefangen habe, bekam ich immer Kunstausstellungen und die neuesten Kosmetikprodukte als Themen zugeschoben. Ich habe meinen Chefs gesagt: Ich habe nichts gegen Kunst, aber auf Dauer hat es mich genervt, immer in diese Richtung gedrängt zu werden. Warum sollte ich das tun? Es gibt auch Männer, die sich für Kunst und Kosmetik interessieren, vor allem heutzutage!"

Somayya Jabarti vermittelt, dass sie sich wenig vorschreiben lassen will. Sie erzählt, was für eine Befreiung es für sie war, im Sommer 2018 nach Aufhebung des Fahrverbots für Frauen endlich den Führerschein machen und selbst Autofahren zu können. Immer wieder aber kommt sie darauf zu sprechen, dass auch anderswo Frauen ausgebremst werden – und nicht unbedingt nur durch Männer:

"Manchmal leisten Frauen den größten Widerstand dagegen, dass Frauen vorankommen. Die meisten erfolgreichen Frauen, die ich kenne, wurden von Männern ermutigt: Vätern, Brüdern, Ehemännern. Frauen, besonders Mütter, sind eher zurückhaltend – sie fragen, wie sich das mit dem  Leben als Ehefrau und Mutter verbinden lässt. Ich habe darüber auch mit meiner Mutter gestritten, obwohl sie ihr ganzes Leben berufstätig war. Aber es gibt eben Berufe, die sich leichter mit Ehe und Familie verbinden lassen." 

Platz 172 von 180 im Pressefreiheits-Ranking

Menschenrechtsorganisationen beobachten, dass die Meinungsfreiheit in Saudi-Arabien immer stärker eingeschränkt wird. In der Rangliste der Pressefreiheit der Organisation Reporter ohne Grenzen steht Saudi-Arabien auf Platz 172 – von 180. Erst im November wurden wieder eine Reihe Journalisten, Blogger und Autoren verhaftet. 32 inhaftierte Medienschaffende zählte Reporter ohne Grenzen Anfang Dezember.

Der grausame Mord am saudischen Journalisten Jamal Khashoggi im saudischen Konsulat in Istanbul wird im Ausland allseits verurteilt – in Saudi-Arabien redet man entweder gar nicht darüber oder bezeichnet den Fall als ungeklärt und bedauerlich.

Somayya Jabarti will gar nicht über rote Linien in ihrer Arbeit sprechen – vermutlich aus Angst um ihren neuen Job, vielleicht auch um ihre Freiheit. Stattdessen betont sie lieber, was sich alles für Frauen zum Positiven gewendet habe und wie groß die Unterstützung durch den Kronprinz Mohammed Bin Salman sei.

"Das Leben realistisch abbilden"

Der hat sich tatsächlich mit seiner Vision 2030 genannten Strategie die Frauenförderung auf die Fahnen geschrieben – aber zugleich Frauenrechtsaktivistinnen inhaftieren lassen. Kein Thema für Somayya Jabarti, jedenfalls nicht im Gespräch mit dem Deutschlandfunk.

Der Kampf der gläubigen Muslimin, die auch im Ausland immer eine Kopfbedeckung trägt, geht vielmehr gegen eine konservative Auslegung ihrer Religion. Sie begrüßt die Aufhebung der Geschlechtertrennung an vielen Orten. Schließlich würden auch in der großen Moschee von Mekka Männer und Frauen ihre Rituale Seite an Seite ausführen. Und:

"Gleichgewicht ist immer positiv –auch für ein Arbeitsumfeld. Beide Geschlechter vertreten zu haben, ist gesünder. Und realistischer. Wenn Medien das wirkliche Leben abbilden sollen, dann gehört dazu auch das 50-50-Zahlenverhältnis zwischen Männern und Frauen. Wir können das Leben nicht realistisch abbilden, wenn unser Team dieser Realität nicht entspricht."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk