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StartseiteTag für TagHoffen auf bessere Beziehungen mit den USA01.04.2016

Juden auf KubaHoffen auf bessere Beziehungen mit den USA

Die jüdische Gemeinschaft auf Kuba hat rund 1.200 Mitglieder. Die Beziehungen zur Regierung sind bestens, doch die schlechte Wirtschaftslage macht auch ihnen zu schaffen. Die Gemeinden sind auf Spenden angewiesen und können sich noch nicht einmal einen Rabbi leisten. Der Besuch des US-Präsidenten auf Kuba lässt nun jedoch viele Juden auf bessere Zeiten hoffen.

Von Wolfram Nagel

Templo Beth-Shalom Gran Sinagoga de la Comunidad Hebrea de Cuba (Wolfram Nagel)
Die Synagoge Beth-Schalom in Havanna. Die jüdische Gemeinschaft auf Kuba hat heute gut 1200 Mitglieder. (Wolfram Nagel)
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Calle Acosta, eine schmale Straße mitten in Habana Vieja, in der Altstadt. Müll und Bauschutt liegen im Rinnstein. Auf Balkonen wachsen Gemüsepflanzen. Immer wieder kräht ein Hahn. An der Ecke zur Calle Picota stemmt sich ein schlichter Betonbau gegen den allgemeinen Verfall. "Sinagoga Adath Israel" steht auf einem Schild.

In einem großen, neonbeleuchteten Kellerraum sitzt eine Frau und näht. An der Wand hängt eine Israelfahne. Ein älterer Mann stellt sich vor: Salomon Susi Sarfati.

Adath Israel, eine von vier Gemeinden in Kuba. Davon eine in Santiago und drei in Havanna, mit insgesamt 1200 Mitgliedern. Früher bestand Adath Israel in Althavanna aus etwas 1000 Mitgliedern. Es gab eine koschere Schlachterei, koschere Läden. Um die Ecke befand sich das berühmte Restaurant Moische Pipik, das der populäre Schriftsteller Leonardo Padura in seinem Roman "Ketzer" beschreibt. Von all dem ist gut 50 Jahre nach der Revolution kaum etwas geblieben. Immerhin, die Gemeinde gibt es noch.

"120 Familien, ungefähr 450 Personen, gehören zu uns", sagt Salomon.

"Wir leben von Spenden"

Aber die Gemeinde ist arm, sagt der Vorsitzende, sie sei auf die Hilfe ausländischer Freunde angewiesen. So schicken kanadische Juden jedes Jahr vor Pessach einen Container mit koscheren Lebensmitteln nach Havanna. Nicht ein einziger Rabbiner praktiziert auf der Insel. Zu Feiertagen wird manchmal einer aus Chile eingeflogen. Um selbst für den Unterhalt der Gemeinde beizutragen, nähen die Frauen kleine Puppen, die als Kuba-Souvenirs verkauft werden.

"Si, weil viele Leute alt sind, Rentner sind die meisten Personen. Wir leben von Spenden. Und es ist gut, dass uns so viele Leute besuchen, viele Touristen", sagt Salomon.

Die Calle I im Stadtteil Vedado mit seinen meist gut gepflegten Villen, gleich hinter dem Teatro Bertolt Brecht. Im Kidduschraum der ashkenasisch-liberalen Gemeinde Templo Beth Shalom haben sich Frauen zum Tanzen versammelt. Nebenan in der Bibliothek sitzt Adela Dworin an ihrem Schreibtisch. Sie ist nicht nur Präsidentin der größten Gemeinde von Havanna, sondern auch der Föderation der jüdischen Gemeinden Kubas insgesamt. Patronato de la Comunidad Hebrea de Cuba. Auf Fotos an einer Pinwand ist sie mit Fidel und Raul Castro zu sehen. Im Gespräch betont sie die guten Beziehungen der Gemeinde zur Staatsführung.

"Schon zwei Mal hat der vormalige Präsident Fidel Castro unsere Synagoge besucht, hat an einer Chanukka-Party teilgenommen. Und der aktuelle Präsident Raul Castro kam ebenfalls hierher zu einer Chanukka-Party, zündete sogar die Chanukka-Kerzen an. Unsere Synagogen sind immer offen. Wir wurden nie von der Regierung behindert."

Ursprünglich wollte Adela Dworin Rechtsanwältin oder Diplomatin werden. Das sei noch am Beginn der Revolution gewesen. Dann aber habe sie gemerkt, dass sie keine gute Juristin in dem neuen Kuba sein könne, sagt sie mit einem Anflug von Sarkasmus. Sie sei erst Bibliothekarin geworden, dann Sekretärin, Schatzmeisterin und schließlich Vorsitzende der Gemeinde. Sie habe ausgehalten.

"1959, nach Beginn der Revolution, verließen 15000 Juden das Land. Wir hatten fünf Synagogen in Havanna und kleinere Synagogen in anderen Teilen der Insel, aber auch eine jüdische Highschool, das war eine wirklich große jüdische Community. Als die privaten Unternehmen nach Beginn der Revolution konfisziert wurden, verließen 90 % der Juden das Land."

Viele flohen nach Kuba

Die ersten Juden hätten schon Ende des 15. Jahrhunderts ihren Fuß auf die gerade erst entdeckte Insel gesetzt, im Tross von Christopher Kolumbus.

Die meisten Juden hätten sich dann in den 1930er und 40er Jahren hier nieder gelassen, erzählt Adela Dworin. So auch ihre Eltern, polnische Juden, die vor den Nazis geflüchtet waren. Bis heute unvergessen ist die Tragödie des Passagierdampfers St. Louis mit über 900 meist deutschen Juden an Bord. Tagelang lag das Schiff nach seiner Ankunft Ende Mai 1939 in der Havanna-Bucht vor Anker. Diktator Batista verweigerte den Flüchtlingen die Einreise. Auch die USA und Kanada lehnten deren Aufnahme ab.

"Da gab es eine Menge Korruption in der kubanischen Regierung, Batista war ein harter Diktator, Beamte verkauften Visa an die Emigranten, aber nur wenigen wurde erlaubt, ins Land zu kommen, der Rest wurde nach Deutschland zurück geschickt, nach Hamburg, und die meisten starben im Holocaust", sagt Adela Dworin.

Ausstellung erinnert an Unmenschlichkeit

An dieses für die USA und Kuba gleichermaßen unmenschliche Versagen erinnert eine Ausstellung in der sephardisch-jüdischen Gemeinde. Die Sinagoga Centro Sefardi befindet sich ein paar Straßen weiter, jenseits der Avenida de los Presidentes, ebenfalls im Stadtteil Vedado.

"Das ist die Ausstellung. Der große Raum dahinter gehört eigentlich auch zur Synagoge. Aber das ist jetzt ein Theater", sagt Simon Goldsztein, Sohn polnischer Emigranten und Vizepräsident des Maimonides-Zentrums, eines jüdisch-kubanischen Hilfsprojektes. Während er vom Alltag der sephardischen Gemeinde erzählt, hallen metallische Geräusche eines Fitnessstudios durch das Treppenhaus, das sich neben den Gemeinderäumen eingemietet hat. Denn das Gebäude ist für die kleine Gemeinde viel zu groß.

Der riesige Bau an der Calle 17 stammt aus den 50er Jahren, wie eben auch die anderen beiden noch existierenden Synagogen von Havanna.

Freitagabend in der Gemeinde Beth Shalom. Der große Betsaal ist fast bis auf den letzten Platz besetzt. Über 100 Gäste aus den USA wollen mit der Gemeinde Kabbalat Schabbat feiern. Sie gehören zu Gruppen, welche die US-Behörden aus kulturellen Gründen auf die blockierte Insel reisen lassen.

Hoffnung auf bessere Beziehungen zu den USA

Zwei junge Männer und zwei junge Frauen stehen mit Mikrofonen vor der Gemeinde, zelebrieren die Shabbat-Liturgie. Sie sind die Zukunft der jüdischen Gemeinschaft in Kuba, sagt Adela Dworin. Doch nicht alle werden bleiben.

"Manche emigrieren nach Israel, machen Aliah. Die Regierung erlaubt ihnen das. Wir hoffen auf bessere Beziehungen zwischen Kuba und den Vereinigten Staaten. Denn die ökonomische Situation in Kuba ist nicht die Beste. Deshalb denken die jungen Leute über Emigration nach. Und ich glaube, wenn sich die wirtschaftliche Lage verbessert, gehen auch nicht mehr so viele junge Leute weg."

Man müsse auch daran erinnern, was gut sei auf der Insel. Kostenlose Schulbildung, die Gesundheitsversorgung etwa, sagt die kubanische Jüdin. Und dann gebe es noch etwas, worauf alle stolz sein dürften. In Kuba gebe es keinen Antisemitismus:

"In dieser Hinsicht können Sie sicher sein, dass Kuba das sicherste Land für Juden ist."

Und in Kuba herrsche Religionsfreiheit, versichert Adela Dworin und widerspricht damit eifrigen Kritikern der sozialistischen Inselrepublik. "Und ich kann Ihnen versichern, in Kuba finden Sie niemanden, der im Gefängnis sitzt, weil er praktizierender Katholik oder Protestant oder Christ oder Jude wäre."

Die Internationale Gesellschaft für Menschenrechte sieht die Situation der Religionsgemeinschaften in Kuba allerdings etwas anders. Zwar garantiere die kubanische Verfassung allen Bürgern die Religionsfreiheit, doch setzten sich die kubanischen Behörden immer wieder über die eigenen Gesetze hinweg, heißt es. Solange sich Mitglieder von Religionsgemeinschaften nicht politisch betätigen und sich loyal zum Staat verhalten, werden sie toleriert.

Die weltweit agierende jüdisch-chassidische Gemeinschaft Chabat Lubawitsch wollte sich bei ihrem Engagement in Kuba nichts vorschreiben lassen, berichtete Klaus Bosbach, ein deutsch-mexikanischer Jude, bei seinem jüngsten Besuch auf der Zuckerinsel:

"Die Chabatniks, die wurden aus dem Land geschmissen, weil sie gegen das "Establishment" Politik gemacht haben. Die Chabatniks sind eben ein bisschen mehr konfrontativ und weniger konformistisch, manchmal muss man ein bisschen "Greenpeace" drin haben."

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