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StartseiteTag für TagAuf der Suche nach den gestohlenen Büchern05.01.2017

Juden in RomAuf der Suche nach den gestohlenen Büchern

Die Nationalsozialisten haben der jüdischen Gemeinde in Rom rund 20.000 Bücher gestohlen – teils sehr wertvolle. Die Bücher wurden nach Deutschland gebracht und blieben nach dem Krieg größtenteils verschwunden. Doch einige römische Jüdinnen und Juden machen sich nun erneut auf die Suche.

Von Thomas Migge

Eine hebräische Handschrift ist am 03.04.2014 im Jüdischen Museum in Berlin zu sehen. (dpa / Tim Brakemeier)
Hebräische Handschriften - ähnliche wie diese - wurden der jüdischen Gemeinde in Rom gestohlen (dpa / Tim Brakemeier)
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Die Gittertüren der stählernen Schrankwände des Archivs werden aufgeschlossen. Gabriella Yael Franzone zieht einen großen Buchschoner aus einem Regal. Darin enthalten ist ein sehr kostbares Buch. Handgeschrieben, auf Pergament. Auf koscherem Pergament, präzisiert Franzone. Die Historikerin ist in der jüdischen Gemeinde Rom für kulturelle Aktivitäten verantwortlich. Sie legt den Buchschoner vorsichtig auf einen Tisch, zieht sich Handschuhe an, hebt das Buch heraus und schlägt es auf:

"Das ist ein Pentateuch, das sind die ersten fünf Bücher des Alten Testaments, aus dem Jahr 1325. Wir vermuten, dass dieses Buch als Vorlage mittelalterlicher Kopisten galt, also jener Personen, die Thorarollen für Synagogen kopierten. Dieser Band ist aus dem spanischen Katalonien nach Rom gekommen. Mit den aus Spanien vertriebenen sephardischen Juden, Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts."

"Kostbarkeiten von enormer Bedeutung"

Der Pentateuch enthält die älteste Darstellung eines Davidsterns in Rom. Auf einem anderen Tisch liegt ein weiterer Schatz des Archivs der jüdischen Gemeinde Rom. Ein Thoratext in Buchform mit Kommentaren aus Barcelona, aus dem 13. Jahrhundert. Beide bibliophilen Kostbarkeiten haben für die römischen Juden eine enorm große Bedeutung, berichtet Gabriella Yael Franzone:

"Diese Schätze gehören zu den 25 Büchern, die vor den Deutschen gerettet werden konnten. Es waren fünf Personen, darunter ein jüdischer Anwalt, ein katholischer Geistlicher und die damalige Sekretärin unserer Gemeinde, die unter Lebensgefahr diese 25 Werke unserer Geschichte in ein sicheres Versteck bringen konnten, in die Bibliothek der Kirche Santa Maria in Vallicella."

Auch in Deutschland wird noch immer nach NS-Raubgut gesucht: Im Bestand der Bremer Uni-Bibliothek befinden sich rund 1500 Bücher von deutschen Juden. (picture alliance / dpa / Foto: Carmen Jaspersen)Auch in Deutschland wird noch immer nach NS-Raubgut gesucht: Im Bestand der Bremer Uni-Bibliothek befinden sich rund 1500 Bücher von deutschen Juden. (picture alliance / dpa / Foto: Carmen Jaspersen)

Nach der Befreiung Roms von den Deutschen, im Sommer 1944, wurden die versteckten Bücher den wenigen nicht deportierten Juden zurückgegeben. Doch über 20.000 andere kostbare Bücher der jüdischen Gemeinde Rom und des römischen Rabbinats waren von den Nazis gestohlen worden. Im Herbst 1943 erforschten deutsche Offiziere die historischen Schriften der römischen Juden. Das Gros der Bibliotheken der Gemeinde und des Rabbinats wurde ins Deutsche Reich transportiert – wie es heißt, auf direkte Anweisung von Heinrich Himmler.

Raubzug der Nazis

Der Raubzug wurde vom "Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg" durchgeführt, der für die Kunst-Plünderungen der Nazis im besetzten Europa zuständig war. Unter den geraubten Büchern befanden sich vor allem seltene Exemplare mit Ausführungen von Rabbinern zur jüdischen Lehre und zur Kabbala. Die wertvollsten Schriften stammen aus dem 13. bis 18. Jahrhundert. Die geraubten Bücher sollten, so Gabriella Yael Franzone, an zwei verschiedene Orte gebracht werden:

"Die Bücher könnten nach Berlin gebracht worden sein, zum Sitz des Einsatzstabs Reichsleiter Rosenberg, oder aber nach Frankfurt, ins Institut für jüdische Studien."

Unklar ist aber, ob die Transportzüge mit den Bücherkisten jemals im Deutschen Reich ankamen. Von den Nazis erstellte Listen mit den geraubten Büchern wurden nie gefunden. Die Bücherfracht ist verschwunden. Ob die Züge auf ihrer Fahrt nach Deutschland zerstört wurden und die Bücher in Flammen aufgingen, oder ob sie am Ende der Nazi-Herrschaft verschwunden sind: Niemand weiß es. Tatsache ist, dass in den vergangenen Jahren einzelne Bücher aus Rom in den USA in Universitätsbibliotheken auftauchten. Wie sie dorthin gelangten: Auch das weiß niemand.

Fachleute machen sich auf die Suche

In der direkten Nachkriegszeit interessierten sich die wenigen römischen Juden, die den Holocaust überlebt hatten, kaum für ihre verschwundenen Bücherschätze. Sie waren zunächst daran interessiert, eine neue jüdische Gemeinde aufzubauen. Erst ab den 1960er Jahren versuchte man, den Büchern nachzuspüren. Später auch mit Hilfe des italienischen Staates, der 2001 eigens eine Bücherkommission einrichtete, die aber keine nennenswerten Resultate zu Tage förderte. Vor drei Jahren rief die jüdische Gemeinde eine eigene Kommission ins Leben, berichtet die Präsidentin der römischen Juden, Ruth Dureghello:

"2014 haben wir uns dazu entschieden, den Bücherdiebstahl vor internationalen Gerichten anzuzeigen. Eine Gruppe unserer Fachleute versucht über verschiedenste internationale Kontakte Informationen über den Verbleib der Bücherschätze zu erhalten."

Moralische Wiedergutmachung

Bis heute allerdings ohne eine heiße Spur. Doch die Präsidentin der jüdischen Gemeinde in Rom ist entschlossen, der Sache auf den Grund zu gehen:

"Es kann doch kein Wunder oder Zufall sein, dass immer wieder Bücher aus unseren ehemaligen Beständen in Privat- und öffentlichen Sammlungen und auf dem Kunstmarkt auftauchen. Da muss jemand hinter dem Verkauf der antiquarischen Bücher stecken, jemand, der Bescheid weiß, der weiß, wo die Bücher sind, und diese Person muss strafrechtlich verfolgt werden."

Der jüdischen Gemeinde Rom geht es nicht um den Geldwert der kostbaren Bücher, von denen die ältesten Exemplare auf dem internationalen Kunstmarkt pro Stück mehrere hunderttausend Euro kosten würden. Es geht Roms Juden, so Ruth Dureghello, um eine moralische Wiedergutmachung.

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