Freitag, 01. Juli 2022

Urteil zur "Judensau"-Schmähplastik
Eine sehr selbstbezogene Geschichtsbetrachtung

Es sei keine Cancel Culture, wenn man die als "Judensau" bekannte Schmähplastik an der Stadtkirche von Wittenberg in ein Museum verfrachtet hätte, kommentiert Niklas Ottersbach. Die Stadtkirchengemeinde hatte so argumentiert und sich für ihren Verbleib an der Kirche eingesetzt. Dem folgte der Bundesgerichtshof jetzt.

Von Niklas Ottersbach | 14.06.2022

Antisemitisches Relief, sogenannte " Judensau-Skulptur" an der evangelischen Stadtkirche in Wittenberg.
Die sogenannte "Judensau"-Skulptur an der evangelischen Stadtkirche Wittenberg (picture alliance / Winfried Rothermel )
Die Grundfrage, an der sich der juristische Streit in Wittenberg entfacht lautet: Welche Beleidigung muss ein Mensch ertragen? Ein in Stein gemeißeltes Relief, dass Juden letztendlich als Schweinepriester darstellt, muss man das als Mensch jüdischen Glaubens im Jahr 2022 hinnehmen? Ja, sagen die Richter des Bundesgerichtshofs. Im historischen Kontext eingebettet sei das keine Beleidigung und Verächtlichmachung. Schließlich stehe da ja eine Gedenkplatte im Boden, die an die Shoah erinnert.
Möglicherweise fehlt die juristische Grundlage, diese sogenannte "Judensau" zu entfernen. Aber braucht es dazu einen Richterspruch? Die Kirchengemeinde in Wittenberg möchte das Relief behalten. Begründung: Sie sei ein Stachel im Fleisch der christlichen Geschichte. Sie halte die Erinnerung an den mittelalterlichen Antijudaismus aufrecht. Und weiter: Man sei kein Freund der Cancel Culture. So formuliert es der Pfarrer der Stadtkirchengemeinde.

Wirkung auf die Beleidigten ausgeblendet

Das kann man so sehen, wenn es einem nur um sich selbst geht. Im Grunde genommen ist das Belassen der "Judensau" an der Wittenberger Stadtkirchenfassade eine sehr selbstbezogene Geschichtsbetrachtung, die zwar die eigenen Untaten thematisiert wissen will, aber die Wirkung auf die, die damit beleidigten werden, ausblendet.
Immerhin sieht die Stadtkirchengemeinde ein, dass das jetzige Mahnmal nur Bezug auf die Shoah, nicht aber auf den Antijudaismus im Mittelalter nimmt. Eine neue Gedenkform soll daher entwickelt werden. Wie die aussieht, darüber schweigen sie in Wittenberg noch. Dennoch wird der in Stein gemeißelte Antisemitismus an der Kirchenmauer hängen bleiben. Und darum geht es.

Geschichte entwickelt sich weiter - ein Stadtbild ebenfalls

Man stelle sich vor, wir hätten nach dem Krieg die Adolf-Hitler-Plätze nicht umbenannt, dafür aber unter jedem Straßenschild eine doppelt so große historische Erläuterung dazugeschrieben. Nach dem Motto: Seht her, schlimmer Antisemit, aber mit diesem Schild distanzieren wir uns davon.
Nein, so funktioniert das nicht. Geschichte entwickelt sich weiter, deshalb darf sich auch das Stadtbild weiterentwickeln. Das ist auch keine Cancel Culture. Das wäre es, wenn man das Relief aus dem 13. Jahrhundert zerstören würde. Aber das will ja auch keiner. Sondern es geht um eine Betrachtung im Museum. Es ist schon sehr kühn zu behaupten, mit der Verfrachtung der "Judensau" ins Museum gehe die öffentliche Debatte verloren. Wenn dem so wäre, könnte man viele Museen schließen.