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StartseiteAus Religion und GesellschaftHauptsache bedeckt12.12.2018

Judentum Hauptsache bedeckt

Religion ist Kopfsache: Männer tragen Kippa, Frauen Tichel und Scheitel, also Tücher und Perücken. Wer als Jude sein Haupt bedeckt, zeigt Respekt vor Gott. Jüdinnen signalisieren mit verhülltem Haar vor allem, dass sie sich begehrlichen Blicken entziehen wollen - und sollen.

Von Tobias Kühn

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Zwei Jungen mit Kippa sitzen in Hamburg in der Talmud Tora Schule (picture alliance/ dpa/ Daniel Bockwoldt)
Jüdische Schüler in der Talmud Tora Schule in Hamburg (picture alliance/ dpa/ Daniel Bockwoldt)
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"Die Kippa ist ein merkwürdiges Ding. Es ist total nutzlos. Wenn man im Talmud oder in der Bibel von einer Kopfbedeckung spricht, meint man immer etwas, das vor der Sonne schützt oder wenn es Wetter geben soll. Die Kippa ist kein Schutz vor Regen, kein Schutz vor Wind, sie fliegt manchmal weg, wenn ein bisschen Brise kommt. Sie ist rein symbolisch. Aber die Symbolik ist wichtiger als die Kippa selber." Sagt Walter Rothschild, liberaler Rabbiner. 

"Kippa (Hebräisch). Plural: Kippot. Ist eine vornehmlich in Ausübung der Religion gebräuchliche Kopfbedeckung männlicher Juden", erklärt ein bekanntes Online-Lexikon.

"Es handelt sich bei der Kippa um eine kleine kreisförmige Mütze aus Stoff oder Leder, zuweilen reich verziert, die den Hinterkopf bedeckt. Üblich ist die Kippa für Männer beim Gebet, überhaupt an allen Gebetsorten wie beim Synagogenbesuch oder auf jüdischen Friedhöfen. Viele orthodoxe Juden tragen sie auch im Alltag. Die Kippa signalisiert Ehrfurcht vor Gott."

Jede Minute an Gott denken

"Juden sollen jede Minute an Gott denken, eigentlich. Das heißt nicht, jede Sekunde beten. Aber überall und jederzeit soll man wahrnehmen, dass es einen Gott gibt. Nicht alle schaffen das, aber das ist die Idee. Eine Kopfbedeckung gehört zu diesem Konzept. Nicht mehr, nicht weniger", sagt Walter Rothschild.

Kippa und Hut sind Zeichen des Respekts gegenüber Gott. Man erzählt sich, dass Ende des 17. Jahrhunderts der Oberrabbiner von Amsterdam, Jehuda Leib Rokeach, gefragt wurde, warum er denn neben seiner Kippa zusätzlich noch einen Hut trage. Er antwortete:

"Man kann Gott auf zweierlei Weise ehren: mit klein und mit groß."

Die Kippa ist eine Verkleinerung des Hutes – im Alltag etwas praktischer und nicht so auffällig, sagt der Stuttgarter Medizinhistoriker Robert Jütte. Er hat das Konzept von Leib und Leben im Judentum wissenschaftlich beleuchtet und ein Buch darüber geschrieben.

"Im Unterschied zu vielen anderen jüdischen Vorschriften ist das Tragen einer Kopfbedeckung für den Mann nicht in der Bibel verankert und auch nicht im Talmud. Wenn wir uns also die entsprechenden Stellen anschauen, werden wir dort schon finden, dass es Männer gibt, die die Kopfbedeckung tragen, und solche, die sie nicht tragen."

Nie mehr als vier Ellen barhäuptig

Der Talmud ist eines der wichtigsten Werke des Judentums. An einer Stelle zitiert er den Gelehrten Rav Chuna, der im 3. Jahrhundert in Babylonien eine jüdische Akademie leitete, mit den Worten:

"Möge ich dafür belohnt werden, dass ich nie mehr als vier Ellen barhäuptig gehe."

Vier Ellen, das sind ungefähr zwei Meter.

Keine vier Ellen ohne Kopfbedeckung zu gehen, wird Jahrhunderte später, im Mittelalter, zu einer festen Regel im Judentum. Zur Zeit des Talmuds war dies offenbar noch nicht der Fall. Denn Rabbi Chuna hebt hervor, dass er seinen Kopf bedeckt. Daher ist zu vermuten, dass viele dies eben nicht taten.

Man hielt sie aber dazu an, es doch zu tun. So steht an anderer Stelle im Talmud, was Rav Chuna zu einem Schüler sagte, der keine Kopfbedeckung trug.

Der Rabbi fragte ihn: "Warum bedeckst du deinen Kopf nicht?" Da sagte der junge Mann: "Ich bin nicht verheiratet, und es ist nicht üblich, dass Unverheiratete ihren Kopf bedecken." Da wandte sich Rav Chuna tadelnd von ihm ab und sagte: "Tritt mir nicht mehr vor die Augen, bis du nicht geheiratet hast."

Zu Zeiten des Talmuds war es üblich, dass verheiratete Männer ihren Kopf bedeckten.

Paulus und der entehrte Mann

Rav Chuna hielt nicht viel von Studenten, die noch keine Frau hatten. Er meinte, sie könnten sich nicht aufs Studium konzentrieren, weil sie ständig an Sex denken müssten. Also sollten sie vor ihrem Studium schnell heiraten – und dementsprechend eine Kopfbedeckung tragen.

Möglicherweise bedeckten Juden in der Zeit des Talmuds ihren Kopf beim Gebet, weil sie sich von den Christen unterscheiden wollten. Denn denen hatte Paulus im 1. Korintherbrief eingeschärft:

"Jeder Mann, der betet oder prophetisch redet und dabei seinen Kopf bedeckt, entehrt sein Haupt."

Weil die Christen also ganz bewusst ihre Kopfbedeckungen abnahmen, warnte in der Antike so mancher Rabbi seine Gemeinde davor, diesen Brauch zu übernehmen.

Aus biblischen Texten, die Jahrhunderte zuvor entstanden waren, geht hervor, dass die Israeliten ihre Köpfe bedeckten, wenn sie um Regen beteten, wenn sie verzweifelt waren oder wenn sie trauerten.

So lesen wir im 2. Buch Samuel von König David in Jerusalem:

"Und er stieg auf den Ölberg und weinte dabei, barfuß und mit bedecktem Haupt. Und alle, die mit ihm waren, bedeckten ihre Häupter."

Und der Prophet Jeremia schreibt:

"Die Edlen schicken ihre Diener nach Wasser. Doch sie kommen zu den Zisternen und finden kein Wasser. Da kehren sie mit ihren leeren Gefäßen zurück, sind niedergeschmettert und bedecken ihre Häupter. Die Bauern sind traurig wegen des Bodens, der gebrochen ist, denn es fällt kein Regen auf das Land. Da bedecken sie ihre Häupter."  

Kopftuch für Männer

Offenbar entwickelte sich bereits in biblischen Zeiten das Konzept, dass man Ehrfurcht vor Gott beweist, indem man den Kopf bedeckt.

Doch ganz gewiss tat man dies nicht mit einer Kippa und auch nicht mit einem Hut. Vermutlich handelte es sich bei der Kopfbedeckung zur Zeit der Bibel und des Talmuds um eine sogenannte Sudra, eine Art Kefije, wie wir sie heute in muslimischen Ländern kennen: ein größeres Stück Baumwollstoff, das sich die Menschen im Orient um Kopf, Hals und Schultern schlingen. So sind sie vor Sonne und Wüstensand geschützt.

Dieser Art Kopftuch begegnet der Leser in vielen antiken jüdischen Texten.  So berichtet die Bibel im Buch Ruth davon, wie der Großgrundbesitzer Boas seiner verwitweten Schwägerin Ruth sechs Maß Gerste in ihre Kopfbedeckung füllt. Es muss also ein ziemlich großes Tuch gewesen sein.

Vor allem für Frauen war es wichtig, dass sie, wenn sie verheiratet waren, ihren Kopf bedeckten. So wussten die Männer, dass die Frau schon vergeben ist und hielten sich mit Werbeversuchen zurück. 

Dass verheiratete Frauen ihren Kopf bedecken sollen, geht auf eine Textpassage in der Tora zurück. Dort steht im 4. Buch Mose:

"Wenn eines Mannes Frau untreu würde, und dem Manne blieb es verborgen, doch es würde entdeckt, so soll er sie zum Priester führen und ein Opfer über sie bringen, ein Eiferopfer. Da soll der Priester heiliges Wasser in ein irdenes Gefäß füllen und Staub vom Boden der Wohnung ins Wasser tun. Dann soll er die Frau vor Gott stellen, ihr Haupt entblößen und das Opfer auf ihre Hand legen."

Nur Prostituierte trugen ihr Haar offen

"Ihr Haupt entblößen" heißt: sie bloß stellen. Man schließt daraus, dass Frauen in biblischen Zeiten immer eine Kopfbedeckung trugen. Sie abzulegen, ziemte sich nicht. Nur Prostituierte trugen ihr Haar offen.

Der Talmud erlaubt einem Mann, sich von seiner Frau scheiden zu lassen und nennt drei Gründe:  

-wenn sie im Haus so laut schreit, dass es die Nachbarn hören,

-wenn sie ihre Schwiegereltern im Beisein des Ehemannes verflucht – oder

-wenn sie auf die Straße hinausgeht, ohne ihr Haar zu bedecken. 

Die Weisen des Talmuds diskutierten lange über diese Textpassage.

Doch stritten sie ausschließlich darüber, ob die Pflicht, den Kopf zu bedecken, ein göttliches Gebot sei oder eine rabbinische Vorschrift. Heute ist man sich darin einig: Es ist kein biblisches Gebot, sondern ein Brauch, der sich im Laufe der Zeit entwickelt hat.

Anders als Männer tragen jüdische Frauen ihre Kopfbedeckung aber nicht aus Respekt gegenüber Gott, sagt der Medizinhistoriker Robert Jütte.

"Es geht nicht darum, Gottesfurcht zum Ausdruck zu bringen wie beim Mann, sondern zu verhindern, durch das wallende Haar attraktiv zu wirken und damit einen frommen Juden in Versuchung zu führen. Das ist der Hintergrund, also ein anderer, der aber auch mit dem jüdischen Gesetz zu tun hat, mit der Zniut, also mit Moral und Anstand."

"Man muss versuchen, die alten Tabus zu verstehen"

Moral und Anstand, sittsam sein und bescheiden – hebräisch: Zniut. Darum geht es, wenn manche traditionell-orthodoxe Jüdinnen – bis heute – ihr Haar nicht in der Öffentlichkeit zeigen, sondern es mit einem Tuch bedecken oder mit einer Perücke.

Der liberale Rabbiner Walter Rothschild versucht, den Hintergrund dieses Gebotes historisch zu verstehen.

"Tatsache ist, in der damaligen Zeit – und ehrlich gesagt, es hat sich nicht so viel geändert: Eine Frau ist fast immer der Gefahr von Vergewaltigungen ausgesetzt. Es wäre schön, wenn man sagen könnte, es ist nur Geschichte, aber es ist nicht so. Und in diesem Fall soll sie ein bisschen vernünftig sein und die Männer nicht herausfordern. Sie soll zeigen, ich gehe hier auf den Markt, ich kaufe für meine Familie ein, aber ich bin bitte nicht anzutasten. Wenn das altmodisch klingt – ja, es ist altmodisch, natürlich ist es altmodisch! Heutzutage sind die Frauen in Westeuropa befreit von vielen alten Tabus. Aber man muss trotzdem versuchen, die alten Tabus zu verstehen. Und die hatten damals einen sehr vernünftigen, praktischen Zweck."

Für einige orthodoxe Jüdinnen ist das Kopfbedecken auch heute noch mehr als eine Vorschrift aus vergangenen Zeiten. Es gehört zu ihrem Alltag.

Daniela Yampolsky ist Gründerin und Inhaberin von Pamonit Wigs in Wien. Das Unternehmen hat sich auf Echthaarperücken spezialisiert. (Deutschlandradio/Tobias Kühn) (Deutschlandradio/Tobias Kühn)

Eine dieser Frauen ist Daniela Yampolsky. Sie betreibt in der Wiener Leopoldstadt ein Perückenatelier und hat einige Jahre lang selbst Perücke getragen – oder wie man auf Jiddisch sagt: Scheitel. Gerade arbeitet sie an der Perücke einer Kundin aus der Gemeinde. Daniela Yampolski fönt und näht am Netz, an dem die Haare befestigt sind. Sie kann sich noch gut daran erinnern, wie es war, als sie selbst zum ersten Mal Perücke trug.

Daniela Yampolsky: "Ich hab mich zwar sehr lange darauf gefreut, die Haare zu bedecken – in dem Moment war es aber doch ein komisches Gefühl. Das hat sich aber dann sehr schnell gelegt. Ich hab mich auch daran gewöhnt, wie ich mit Perücke aussehe – es ist doch eine leichte Typveränderung. Wenn man es einmal gewohnt ist, sich mit Perücke zu sehen, ist es recht egal, welche Perücke man trägt. Man fühlt sich in der wohl, solange der Stil zu einem passt."

Aber was ist erlaubt und was verboten? Welche Frisuren sind "koscher"?

Rein von Götzendienst müssen die Perücken sein

Daniela Yampolsky: "Es gibt nicht wirklich Vorgaben, wie die Perücke aussehen soll, ob sie jetzt kurz oder lang ist. In ultraorthodoxen Kreisen gibt es die Meinung, dass die Perücke nicht zu lang sein soll, weil das zu aufreizend ist. Man soll nicht zu viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen als Frau. In modern-orthodoxen Kreisen ist es eher beliebter, eine lange Perücke zu tragen. Also prinzipiell gibt es von der Länge her absolut keine Vorgaben, solange die Perücke das komplette Haar bedeckt. Es sollen nicht schrille Farben sein, es soll nicht zu auffällig sein. Man sieht es schon in modern-orthodoxen Kreisen immer wieder, dass man peppige Strähnen drin hat. Wenn jemand wagemutig ist, ist vielleicht sogar mal eine blaue oder rosa Strähne drin – ist alles in Ordnung. Es hängt immer davon ab, welchem Rabbiner man folgt und welche Meinung man für sich selbst annehmen möchte."

Da es sehr verbreitet ist, Echthaarperücken zu tragen, muss genau darauf geachtet werden, woher das Haar kommt – denn nicht alles ist erlaubt.

Daniela Yampolsky erklärt: "Koschere Perücken" bedeutet, dass die Haare, die für die Perücke verwendet werden, rein vom Götzendienst sein müssen. Das betrifft heute auf dem Markt hauptsächlich die indischen Haare, weil in der indischen Kultur aus jüdischer Sicht Götzendienst betrieben wird, und die Haare den Götzen geopfert werden, bevor man sie zur Perücke verarbeitet. Das Koschersiegel ist dazu da, dass die Frau beruhigt sein kann, dass das wirklich überprüft wird, dass die Manufakturen da nicht etwas einschleusen, was auch die Geschäfte nicht überprüfen können. 

Eine Echthaarperücke hält ein bis zwei Jahre. Danach muss sie durch eine neue ersetzt werden. Eine streng orthodoxe Frau trägt Perücke von ihrer Hochzeit an bis zum Ende des Lebens. Sobald sie das Haus verlässt, setzt sie die Perücke auf.

Kein fremder Mann soll die Haare sehen

"Die Regel ist: Niemand, kein fremder Mann, der nicht Teil der engeren Familie ist im Sinne von Großvater, Vater, Sohn – also die direkte Linie –, soll die Haare sehen. Natürlich gibt es Frauen, die das nicht so streng nehmen, die auch im größeren Kreis der Familie die Haare nicht bedecken, die vielleicht im eigenen Haus die Haare gar nicht bedecken, auch wenn ein fremder Mann anwesend ist. Und auch da gibt es natürlich auch die andere Richtung: Frauen, die das strenger nehmen, die ihre Perücke nur zum Schlafen absetzen, also wo eigentlich der eigene Mann auch nicht wirklich die Haare sieht –  wobei das natürlich absolut kein Problem ist, das ist einfach nur eine Strenge der Frau, die sie sich selbst auferlegt."

So mancher Mann und bestimmt auch manche Frau, die auf der Straße einer Perückenträgerin begegnen, fragen sich, wie es wohl darunter aussieht.

"Es gibt die Tradition einer sehr kleinen Minderheit von ultraorthodoxen Frauen, die sich die Haare abscheren unter der Perücke", erzählt Daniela Yampolsky. "Es ist aber überhaupt keine Tradition, die Gang und Gebe ist. Die meisten Frauen, besonders im mittleren Alter, wenn man schon mehrere Kinder hat, wollen sich nicht doppelt um die Haare kümmern – also um die Perücke und um die eigenen Haare. Die haben dann meistens irgendwelche peppigen Kurzhaarfrisuren drunter. Jüngere Frauen tragen ihre Haare meist länger drunter, weil sie sich nicht von ihren eigenen Haaren trennen wollen. Ist auch absolut nicht nötig. Also es gibt überhaupt keine Vorgaben, was unter der Perücke mit den Haaren geschehen soll, das ist absolute Geschmackssache oder auch Komfortsache."

Erst seit der Frühen Neuzeit tragen jüdische Frauen Scheitel.

Tichel - der jüdische Schleier

Im 16. Jahrhundert war die Perücke bei Christinnen immer beliebter geworden, und so wollten auch wohlhabende Jüdinnen dieser Mode folgen. Sie baten ihre Männer, die Rabbiner zu fragen, ob der neue Kopfschmuck halachisch, also religionsgesetzlich, erlaubt sei.

Der italienische Talmudgelehrte Joschua Boas entschied, die Perücke erfülle die Anforderungen an jüdische Sittsamkeit. Denn Haare, die nicht mit dem Kopf verbunden sind, seien nicht verboten, argumentierte er. Im Gegenteil: Das Tragen einer Perücke falle in die Pflicht der Frau, sich für ihren Ehemann schön zu machen.

Damit zerstreute Boas alle Einwände. Seine Entscheidung wurde später in den jüdischen Gesetzeskodex "Schulchan Aruch" des Krakauer Rabbiners Moses Isserles aufgenommen.

Rabbi Isserles war eine große Autorität in den jüdischen Gemeinden Osteuropas. Und so wurde es unter aschkenasischen, also osteuropäischen Jüdinnen zu einem Brauch, Scheitel zu tragen. Dieser Brauch hielt sich – auch als das Perücketragen bei christlichen Frauen Anfang des 19. Jahrhunderts aus der Mode kam.

Sephardische Jüdinnen, deren Vorfahren aus Spanien stammen, bedeckten über all die Zeit hinweg ihr Haar mit einem Tuch oder Schleier. Auf Jiddisch nennt man es "Tichel". Erst in den vergangenen Jahrzehnten haben etliche orthodoxe Sephardinnen in Europa das Tichel abgelegt und damit begonnen, ebenfalls Perücke zu tragen.

Anders als Frauen kamen Männer früher gelegentlich in die Situation, ihre Kopfbedeckung in der Öffentlichkeit absetzen zu müssen. Zum Beispiel, wenn der Landesfürst an einem hohen Feiertag oder aus Anlass eines Jubiläums zu Besuch in die Synagoge kam. Das höfische Zeremoniell verpflichtete alle Untertanen, die Hüte abzunehmen, als Zeichen der Ehrerbietung. Auch den Juden blieb in einer solchen Situation nichts anderes übrig, als der Vorgabe Folge zu leisten.

Der gehörnte Hut - einst ein Stigma

Die Rabbiner definierten einen solchen Fall als Ausnahme. Sie wussten, dass die jüdischen Gemeinden auf die Gnade des Landesherrn angewiesen waren. Also versuchte man, den Herrscher nicht zu provozieren und setzte die Kopfbedeckung ab.

Die Rabbiner begründeten dieses Einknicken mit dem sogenannten HaNoten Teschua, dem Gebet für den Landesvater, das an einem jeden Schabbat in der Synagoge gesprochen wird. Darin bittet die Gemeinde darum, Gott möge den Fürsten des Landes segnen, seine Feinde vernichten und dafür sorgen, dass er es gut mit den Juden meint.

Durch den Einfluss der Kirche zwangen die Herrscher im Mittelalter die Juden,  eine vorgeschriebene Kopfbedeckung zu tragen. Man wollte die Juden stigmatisieren. Abbildungen aus dem 13.  Jahrhundert zeigen Juden mit spitzen, breitkrempigen Hüten. In einer Anordnung aus Breslau heißt es 1267:

"Wir ordnen an, dass die Juden den gehörnten Hut – den sie einst in dieser Gegend zu tragen gewohnt waren, dann aber dreist abzulegen gewagt haben – wieder tragen sollen, damit man sie klar von den Christen unterscheiden kann. Wenn aber ein Jude ohne ein solches Zeichen angetroffen wird, soll er eine Geldstrafe zahlen."

Der liberale Rabbiner Walter Rothschild hält es für möglich, dass Juden sich im Laufe der Zeit so sehr an das Tragen von Hüten gewöhnten, dass selbst, als die Regeln gelockert wurden, der Brauch, einen Hut zu tragen, beibehalten wurde – fast so, als wolle man den Erfindern solcher Gesetze eins auswischen. Rothschild selbst trägt, anders als viele orthodoxe Juden, keinen schwarzen Filzhut:

"Ich habe auch einige von diesen schönen alten schwarzen Hüten, aber zurzeit trage ich diese nicht. Ich trage sehr oft irgendeine kleine Mütze und fühle mich bequem damit. Wenn es ganz heiß ist und ich schwitze, dann nehme ich sie ab und glaube nicht, dass ich Gott damit beleidige."

Aus Angst vor Angriffen: Basecap statt Kippa

Doch wenn Rothschild amtiert, dann trägt er immer eine Kippa – so wie man es von einem Rabbiner erwartet.

Er sagt: "Wenn ich als Rabbiner irgendwo ankomme – es muss nicht eine Synagoge sein, es kann auch in einem Krankenhaus sein oder in einer Schule –, dann bin ich im Dienst, dann gehört es irgendwie zur Uniform. Und ich trage dafür eine schwarze Kippa. Für eine Hochzeit habe ich weiße Kippot, es gibt verschiedene Sachen, es ist nicht so belangreich wie in der Kirche, wo es bestimmte Farben für bestimmte Feiertage gibt, das ist es nicht."

In Deutschland und in einigen anderen europäischen Ländern kommt es in letzter Zeit immer wieder vor, dass jüdische Männer auf der Straße angegriffen werden, weil sie anhand ihrer Kippa als Juden zu erkennen sind. Viele lassen ihre Kippa daher lieber zu Hause und tragen stattdessen Basecap oder Mütze.

In Israel oder in Amerika ist dies anders. Dort gehen die meisten jüdischen Männer ohne Angst mit Kippa auf die Straße.

Anhand der Kopfbedeckung lässt sich so manches über sie ablesen – mitunter aber auch hineinlesen. Die Farbe und die Art, wie die Kippa gemacht ist, geben Auskunft darüber, welcher politischen Partei der Kippaträger nahesteht und welcher religiösen Strömung er angehört. Für Kinder gibt es Kippot mit Figuren aus der Sesamstraße, mit Batman, Mickey Mouse oder den eigenen Initialen.

Bei einer stets wachsenden Vielfalt an Motiven sagen deshalb immer mehr moderne Rabbiner: Es ist egal, was man auf dem Kopf trägt – viel wichtiger ist, was man im Kopf trägt.

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