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StartseiteTag für TagZur Selbstkritik gezwungen22.09.2016

JudentumZur Selbstkritik gezwungen

Islamkritiker gibt es in Deutschland zurzeit viele, auch Kirchenkritik scheint mittlerweile zum guten Ton zu gehören. Aber Kritik am Judentum? Die äußern nur jene, die auf negative Schlagzeilen aus sind oder sich selbst zum Judentum zählen. Denn das Judentum war über Jahrtausende zur Selbstkritik gezwungen. Auch der Humor spielt dabei eine große Rolle.

Von Christian Röther

Ein Davidstern über einer Synagoge (Picture Alliance / dpa / Jan Woitas)
Das Jüdisch-Sein bringt es mit sich, dass man sich kritisch mit den religiösen Überlieferungen auseinandersetzt. (Picture Alliance / dpa / Jan Woitas)
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Bei Religionskritik an der jüdischen Religion denke ich als erstes: Vorsicht! Eine Religion, über die seit Jahrhunderten Lügen erzählt werden, die mit Hass überzogen wurde und wird, der sich bis zu Massenmorden steigerte – eine solche Religion kritisiert man nicht mal eben so. In jeder Formulierung könnten Antijudaismus und Antisemitismus lauern. Aber hat diese Vorsicht nicht selbst etwas Antijüdisches?

Neudenken der Werte und Traditionen

Nicht-jüdische Kritiker der jüdischen Religion greifen deshalb gerne auf Aussagen zurück, die von Jüdinnen und Juden selbst stammen. Immer wieder gern genommen: Das Judentum sei ja doch nur eine Gesetzesreligion. Und tatsächlich gibt es das eine oder andere Ge- und Verbot im Judentum, sagte kürzlich - schmunzelnd - im Deutschlandfunk die Schauspielerin und Regisseurin Adriana Altaras:

"613 Regeln hat das Judentum. Ich würd mal sagen, zwei davon befolge ich tagtäglich. Andere, keine Ahnung. Ich finde, das ist absurd. Aber ich habe mir die Regeln genommen, die mir wichtig sind. Die Zehn Gebote finde ich ziemlich klug. Wenn man die zehn mehr oder weniger schafft, ist man sein Leben lang beschäftigt, das reicht."

Hier wird deutlich: Das Jüdisch-Sein bringt es mit sich, dass man sich kritisch mit den religiösen Überlieferungen auseinandersetzt. Das Judentum war über Jahrtausende zur Selbstkritik gezwungen – Selbstkritik im Sinne vom Neudenken der eigenen Traditionen und Werte. Äußere Ereignisse machten das notwendig: die zweimalige Zerstörungen des Jerusalemer Tempels, das Babylonische Exil, die weltweite Diaspora, die Shoa oder die Gründung des Staates Israel.

Jüdischer Humor als Ausdruck der Selbstkritik

All das und viele weitere Ereignisse wollten theologisch eingeordnet werden, brachten neue religiöse Strukturen hervor. So ist das Reformjudentum heute eine gelebte Kritik am orthodoxen Judentum – und umgekehrt. Ausdruck der jüdischen Selbstkritik ist auch der Humor, der dem Judentum zugesprochen wird.

"Ein Jude strandet auf einer einsamen Insel. Als er Jahre später gefunden wird, wundern sich seine Retter: 'Warum hast Du zwei Synagogen gebaut?' 'In die eine gehe ich zum Beten', erklärt der Jude. 'Und in die andere würde ich nie im Leben einen Fuß setzen.'"

Dieser Witz persifliert den Pluralismus der jüdischen Religion – ein Pluralismus, der zugleich Quelle ist für die unermüdliche innerjüdische Selbstkritik. Braucht es da überhaupt noch Kritik von außen?

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