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StartseiteBüchermarktBin ich noch die Frau von damals? 09.08.2019

Judith Kuckart: "Kein Sturm, nur Wetter"Bin ich noch die Frau von damals?

Eine Hirnforscherin erkundet ihr Seelenleben: Zwei Mal war sie in ihrem Leben schwer verliebt. Aber hat sie die beiden Männer überhaupt richtig in Erinnerung? In Judith Kuckarts Roman "Kein Sturm, nur Wetter" versucht die Erzählerin, ihren identitätsstiftenden Lebenslügen auf die Spur zu kommen.

Von Terry Albrecht

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Buchcover: Judith Kuckart: „Kein Sturm, nur Wetter“ (Foto: Laima Chenkeli, Buchcover: DuMont Verlag)
Welcher Partner war im Rückblick das große Glück? Das fragt sich Kuckarts Heldin aus "Kein Sturm, nur Wetter" (Foto: Laima Chenkeli, Buchcover: DuMont Verlag)
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Am Mikrofon Die Schriftstellerin und Regisseurin Judith Kuckart

Eine Frau steigt aus

Es ist Sonntagabend, Flughafen Tegel. Die Erzählerin in Judith Kuckarts Roman sitzt in der Abflughalle, wartet oder erwartet jemanden. Zufällig kommt sie mit einem fremden Mann ins Gespräch. Robert Sturm ist 36, 18 Jahre jünger als sie. Ein Geschäftsmann auf dem Weg nach Sibirien. Am kommenden Samstag, dem Ende ihrer und seiner Arbeitswoche, plant er zurück nach Berlin zu fliegen. Und sie wird in der Abflughalle Tegel wieder auf ihn warten.

Dazwischen liegen fünf Werktage. Fünf Tage, die den Zeitrahmen in Kuckarts Roman "Kein Sturm, nur Wetter" bilden – und in denen die Protagonistin auf ihr Leben zurückblickt. Abitur, Studium, Beruf, die immer noch bestehende Freundschaft zur Kindheitsfreundin Nina – und vor allem die Liebesbeziehung zu den beiden Männern Viktor und Johann stehen im Mittelpunkt dieses Erinnerns. Die von sich immer nur distanziert in der dritten Person berichtende Erzählerin bekennt sich außerdem zu einem Liebes-Spleen:

"Als sie achtzehn ist, verliebt sie sich in einen Mann, der sechsunddreißig ist. Als sie sechsunddreißig ist, verliebt sie sich in einen, der wie sie sechsunddreißig ist. Wenn sie vierundfünfzig ist, wird sie sich wieder in einen verlieben, der sechsunddreißig ist. Ich weiß das, ich bin hier die Erzählerin."

Wer war die Frau, die damals liebte?

In assoziativen Rückblenden rekapituliert sie Ereignisse aus ihrem Leben, nicht in chronologisch geordneter Reihenfolge, sondern willkürlich-sprunghaft. Es ist die Sinnsuche einer einsamen Frau. Ein Thema, das Judith Kuckart auch schon in vorhergehenden Romanen wie dem Roman "Wünsche" aus dem Jahr 2013 aufgegriffen hat. So explizit wie in "Kein Sturm, nur Wetter" hat sie sich aber noch in keinem Buch der Frage nach der identitätsstiftenden Funktion der Erinnerung gewidmet.

An einem Montag - die Wochentage geben den Rhythmus des Romans vor - kommt die Erzählerin mit dem Ostdeutschen Johann zusammen. Sie hat den Nachfolger Viktors, ihrer ersten Liebe, in der Silvesternacht 1999 kennengelernt:      

"Sie, promovierte Medizinerin ohne angemessene Anstellung, war sechsunddreißig, seit achtzehn Jahren in Berlin und seit dreien von Viktor getrennt. Zahlen erzählen Geschichten. Auch ihre. Mehr und mehr Feuerwerkskörper gingen in die Luft."

Ihr Liebes-Spleen: Alle Männer müssen 36 Jahre alt sein

Große Hoffnungen, die sich angesichts des Jahrtausendwechsels noch steigerten. Der in der DDR aufgewachsene Johann war genauso alt wie sie. Viktor, ihr erster Beziehungspartner, dagegen 18 Jahre älter. Doch auch er war ebenfalls 36 Jahre alt, als Kuckarts Heldin ihn mit 18 kennenlernte. 36: Vielleicht eine Schicksalszahl für ihre Begegnungen mit Männern? Die genaue Bedeutung bleibt unausgesprochen und ist ein Markenzeichen der Erzählweise Kuckarts, die nicht alles erklärt, sondern ihren Lesern Interpretationsspielraum lässt.

Die Rekapitulation einstiger Liebesgeschichten wird für die Erzählerin jedenfalls mehr und mehr zur Hinterfragung der eigenen Identität. Und die Erinnerungen an ihre Vergangenheit ereilen sie ungewollt und überraschend in Alltagsituationen: Beim Friseur, bei der Büroarbeit oder auch auf der Straße. So muss Kuckarts räsonierende Frau einmal ganz plötzlich wieder an Viktor denken, ihren ersten und prägenden Liebhaber, der wie sie aus einem Ort "am Rande des Ruhrgebiets" stammte.

"Viktor unterrichtete Architektur an einer Betonuniversität auf halbem Hang, die verloren zwischen frisch gepflanzten dünnen Bäumen und den noch dünneren Holzstützen stand. Von der Stadt im Tal aus betrachtet, wippte die Betonkathedrale noch immer verlegen an der Stelle nach, wo ein Meteorit sie Anfang der Siebzigerjahre verloren haben musste. Viktor gefiel es, wenn sie kurze Röcke und hohe Schuhe trug, anstelle ihrer ausgebeulten Trainingshosen. Ihm zuliebe trug sie keinen BH."

Viktor war ein abgeklärter 68er, der gern von alten, rebellischen APO-Zeiten schwärmte und in seinem Rollschrank Fotografien seiner Geliebten in anzüglichen Stellungen aufbewahrte. Obwohl sie fast zwei Jahrzehnte mit Viktor zusammen war, blieb er ihr jedoch bis zuletzt immer etwas fremd: 

Die Ex-Partner verkörpern Stationen der Zeitgeschichte 

"Das Gefühl, mit einer Erinnerung verwechselt zu werden und am Ende doch nicht gemeint zu sein, blieb auch in den Jahren danach. Ja, es blieb, war schlimmer als Eifersucht. Es brannte nicht, es sickerte. Es machte nicht richtig wütend, aber abhängig."

Der Nachfolger Viktors, Johann, der Kuckarts Erzählerin immer "meine Schöne" nennt und als Dramaturg ein Arbeitslosendasein in Berlin fristet, ist nur in der ersten Verliebtheitsphase der scheinbar passende Partner. Zu dieser Zeit lektoriert die promovierte Neurobiologin die Arbeiten anderer Wissenschaftler, um sich über Wasser zu halten. Existenzängste lassen sie aber auch an dieser Beziehung bald schon zweifeln und führen zu Liebesverlust. Allerdings verfällt sie dabei nicht in eine melancholische Stimmung, sondern reflektiert das Geschehene beinahe nüchtern. Nahezu therapeutisch klingt es, wenn sie, den Filmemacher Rainer Werner Fassbinder zitierend, einmal in ihr Tagebuch schreibt: 

"Was man tut, soll eine Aussage sein über die Zeit, in der es entstanden ist."

"Kein Sturm, nur Wetter" ist ein Reflexionsroman über gescheiterte Beziehungen und über das Scheitern an sich selbst. Indem Judith Kuckart die Erzählerin in der dritten Person sprechen lässt, also eine Perspektive der Distanz wählt, erzeugt sie einen scharfen Kontrast zum subjektiven Vorgang des Erinnerns. So, als hätte ihre Chronistin mit der eigenen Geschichte quasi nichts persönlich zu tun.

Nur ein einziges Mal gibt es im Roman die zarte Andeutung, dass die Erzählerin Konstanze heißen könnte, ansonsten bleibt sie namenlos. Der Roman ist ein analytisches Rollenspiel.

Lange Reflexion über ein Liebes-Scheitern

Er erinnert dabei an Milan Kunderas Romane, der insbesondere im "Buch vom Lachen und Vergessen" die Brüchigkeit und Labilität menschlicher Identitäts-Konstrukte zum Thema macht – und seine Helden auch ausgiebig darüber nachdenken lässt, wer deren "Ich" eigentlich ist. Und ähnlich wie Kundera erzählt auch Judith Kuckart in ihren Romanen immer Zeitgeschichte mit. In "Kein Sturm, nur Wetter" lauten die Stationen nun 1968 und das Aufbrechen der Konventionen, quasi personifiziert vom 68er Viktor.

In der Partnerschaft zum ostdeutschen Johann spiegelte sich dagegen auch die schwierige Geschichte der Wiedervereinigung, die Johann – wie so viele ehemalige DDR-Bürger damals – als zu westdeutsch-dominiert empfand. Im Sperrmüll-Trödel sucht er später darum nach Devotionalien seiner plötzlich entschwundenen DDR-Vergangenheit.

Judith Kuckart ist eine Autorin, die vor der Niederschrift jedes Mal gründlich die Themen ihrer Bücher recherchiert. Diesmal hat sie vor dem Schreiben ein Praktikum in der Neurologie der Universität Heidelberg gemacht, um über neueste Wissenschafts-Erkenntnisse des menschlichen Erinnerns und Vergessens informiert zu sein. Als gelernte Film- und Theaterregisseurin gelingt es ihr außerdem blendend, in wechselnden Sequenzen, mit rascher Bildfolge und plötzlich auftauchenden Erinnerungsbildern vom tragischen Schicksal ihrer liebesversehrten Heldin zu erzählen. Es ist zudem eine  Prosa, in der intertextuelle Bezüge nicht hergeholt, sondern gewinnbringend für den Text wirken. So schlägt etwa Viktor, der erste Liebhaber, der Erzählerin vor, Zeilen aus dem Gedicht "Was es ist" von Erich Fried als Epilog für ihre Doktorarbeit über "Emotionale Ansteckung" zu verwenden – und damit die Bedeutung der Poesie als einzig gültige Wahrheit zu stärken:

"'Es ist Unsinn/ sagt die Vernunft/ Es ist was es ist/ sagt die Liebe' (...) War das Gedicht eine Liebeserklärung an sie? Danke, Viktor, sagte sie. Nicht dafür. Es ist, was es ist, sagte er, nahm ihr Handgelenk und drehte es sanft, bis Innenfläche und Hand wie bettelnd nach oben schauten. Es gilt, poetische Wahrheiten in den Wissenschaften zu entdecken, sagte Viktor mit dem Mund an ihrem Pulsschlag, bevor er die Stränge von Adern unter der dünnen Haut küsste."

Am Ende des Buchs, es ist Samstag, sitzt die Erzählerin schließlich wieder im Flughafencafé – und wartet auf ihre Zufallsbekanntschaft Robert Sturm. Doch, ob der wirklich kommt? Und ob es diesmal, beim dritten Anlauf, klappt mit dem Liebesglück für die Einzelgängerin? Das soll an dieser Stelle nicht verraten werden.

Judith Kuckart: "Kein Sturm, nur Wetter"
DuMont Verlag, Köln. 220 Seiten, 22 Euro

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