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StartseiteTag für Tag"Der schwarze Hintergrund, vor dem Christen sich profilierten"02.06.2020

Jüdisch-Christliches Verhältnis"Der schwarze Hintergrund, vor dem Christen sich profilierten"

Jesus war Jude - die christliche Theologie brauchte lange, um das anzuerkennen. Auch jüdische Gelehrte taten sich schwer mit dem Mann, in dessen Namen Christen missionierten und mordeten. Walter Homolka beschreibt in seinem neuen Buch die Heimholung Jesu - und kritisiert Joseph Ratzinger scharf.

Walter Homolka im Gespräch mit Christiane Florin

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Rabbiner Walter Homolka, Rektor des Abraham Geiger Kollegs, spricht am 01.12.2016 bei der Rabbinerordinationsfeier in der Synagoge der Liberalen Juüdischen Gemeinde in Hannover.  (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
Walter Homolka hat ein Buch zum Juden Jesus vorgelegt (picture alliance / dpa / Julian Stratenschulte)
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Christiane Florin: Jesus war Jude. Eine Binsenweisheit, so scheint es. Aber die drei Worte haben es in sich. Wem gehört Jesus, zu wem gehört er und was ist dieser Jesus sonst noch: Prophet, Retter, Erlöser, Religionsstifter, Herr der Kirche? Jesus war Jude – der Satz kann polarisieren und verbinden, er kann einladen und ausschließen. Walter Homolka, Rektor des Abraham-Geiger-Kollegs, hat über die Geschichte dieses Satzes ein Buch geschrieben, das heute erscheint. Walter Homolka ist Hochschullehrer, Mitglied der Rabbinerkonferenz und Vorsitzender der Union progressiver Juden in Deutschland. Als Jugendlicher ist er zum Judentum konvertiert. Was provoziert an dem Satz: Jesus war Jude?

Walter Homolka: Heute, glaube ich, wird das nicht mehr so viele Leute hinter dem Ofen hervorholen. Als das (der protestantische Theologe Julius) Wellhausen zuerst gesagt hat im 19. Jahrhundert, war das von enormer Sprengkraft. Man kann es sehr gut sehen an einem Vorfall aus der Kunst: Da hat Max Liebermann den jungen Jesus im Tempel gemalt – und zwar als Judenjungen.

Im Vordergrund ist das Ölgemälde "Der zwölfjährige Jesus im Tempel" zu sehen, das einen blonden Jesus zeigt, im Hintergrund hängt eine Abbildung des Originalgemäldes, das Jesus als schwarzhaarigen Knaben zeigt.   Foto aus der Ausstellung "Der Jesus-Skandal - Liebermann-Bild im Kreuzfeuer der Kritik" von 2009 in der Berliner Liebermann-Villa. (Picture Alliance / dpa / Klaus-Dietmar Gabbert)Max Liebermann musste seinen jüdischen Jesus übermalen (Picture Alliance / dpa / Klaus-Dietmar Gabbert)

Das hat zu einem dramatischen Feuilleton-Streit geführt. Der bayerische Landtag hatte eine Sondersitzung darüber. Das führte dann dazu, dass Max Liebermann diesen Jesus übermalen musste und ihn zu einem blonden, fast arisch anmutenden Kind machen musste, weil die Sehgewohnheiten der Menschen des 19. Jahrhunderts das gar nicht ertragen konnten, dass "ihr" Jesus da so einen Nahost-Touch bekam bei Liebermann.

Florin: Wen provozierte dieser Satz oder auch dieses Bild?

Homolka: Im 19. Jahrhundert herrschte, gerade im Königreich Preußen, die Ideologie vom christlichen Staat vor. Friedrich Wilhelm IV., gerade wird ja auch seine Kuppel am Schloss in Berlin diskutiert, ging davon aus, dass ein christlicher Souverän einem christlichen Staat vorsteht und dass deswegen auch alle Positionen mit Autorität – vom Universitätslehrer bis zum Postbeamten – nicht von einem Nicht-Christen besetzt werden können. In einer solchen Situation ist natürlich die Aussage "Jesus war Jude" schon dramatisch.

Warum beschäftigen sich Juden mit Jesus?

Florin: Sie sagten am Anfang, heute produziert das niemanden mehr. Und trotzdem haben Sie ein ganzes Buch darüber geschrieben. Warum?

Homolka: Es ist nicht so sehr die Frage des Satzes "Jesus war Jude", sondern mich hat auch fasziniert, warum Juden sich damit überhaupt beschäftigt haben. Warum war das für Juden denn interessant, dass man sagen konnte "Jesus war Jude"? Das hatte ja im 19. Jahrhundert auch eine bestimmte Funktion, und der bin ich eigentlich nachgegangen.

Ich habe dieses Thema aufgegriffen als Antrittsvorlesung 2007 und bin da noch zusammen hingegangen mit einem der Altvorderen dieser jüdischen Leben-Jesu-Forschung, nämlich Ernst Ludwig Ehrlich. Ich dachte eigentlich, das wäre damit abgeschlossen.

  (picture alliance / dpa / Stephanie Pilick) (picture alliance / dpa / Stephanie Pilick)Jesus und Judas im Werk von Amos Oz - Das Evangelium nach Amos
Der israelische Schriftsteller Amos Oz war fasziniert von Jesus – vom Juden Jesus wohlgemerkt. Nicht einverstanden war Oz allerdings mit der Deutung, Judas sei ein Verräter.

In Wirklichkeit habe ich mich dann jetzt 13 Jahre lang damit beschäftigt. Man fragt sich dann immer wieder: Wieso ist das für Juden interessant? Wieso war das für Amos Oz jetzt auch interessant? Einer seiner letzten Romane handelt ja davon, warum Juden sich mit Jesus beschäftigen. Und dann war auch noch sehr eindrücklich eine Ausstellung vor zwei Jahren im Israel-Museum in Jerusalem, wo man zusammengeholt hatte ungefähr 200 Kunstwerke, die sich alle mit der Beschäftigung, mit der Rezeption aus jüdischer Perspektive dieses Jesus beschäftigt haben.

"Ist dieser Jesus ein Vorbild?"

Florin: Bevor wir auf die Forschung zu sprechen kommen, die Sie in Ihrem Buch darstellen, würde ich noch mal gerne etwas Biografisches von Ihnen wissen: Sie sind in einem christlichen Umfeld aufgewachsen. Wie war das Jesus-Bild Ihrer Kindheit, Ihrer Jugend?

Homolka: Ich bin in einer a-religiösen Familie aufgewachsen. Meine Mutter war evangelisch, mein Vater war katholisch, aber beide nicht praktizierend, so dass ich von zu Hause aus eigentlich gar nichts mitbekommen habe. Aber man bekommt natürlich in der Schule was mit. Ich bin in einer kleinen Stadt aufgewachsen, die wesentlich katholisch geprägt war. Also da ist natürlich die Frage im Raum: Ist dieser Jesus eine interessante Figur, ist das ein Vorbild, was ist das?

Aber ich bin da relativ ungeprägt drauf zugegangen und es hat mich auch damals nicht beeindruckt. Es hat mich auch lange nicht beschäftigt, bis eben in meine Zeit als Theologe hinein.

"Die Juden konnten sich nicht positiv mit Jesus auseinandersetzen"

Florin: Sie gehen in Ihrem Buch auf eine Schrift ein, die im Mittelalter kursierte: "Toldot Jeschu". Das war eine jüdische Polemik gegen das Christentum. Da wird Jesus als Volksverführer dargestellt, als – salopp gesagt – Typ, der einen faulen Zauber abzieht und das Wunder nennt. Warum ist Ihnen diese Schrift wichtig?

Homolka: Sie ist eine zentrale Schrift in der Betrachtung der Reaktion jüdischerseits auf den christlichen Druck, den man aus dem Umfeld empfangen hat. Da gibt es natürlich auch noch andere Quellen, aber die sind teilweise auch der Zensur anheimgefallen, so dass man eben am "Toledot Jeschu" das sehr gut studieren kann, wie Juden versucht haben, damit fertig zu werden, dass sie ja unter einem ständigen Missionierungsdruck standen. Da wird ja auch deutlich, dass sich Juden eigentlich jetzt nicht positiv mit Jesus auseinandersetzen konnten, sondern ihn eben als Verführer, bestenfalls als jemanden, der missverständlich die Lehren des Judentums aufgegriffen hat. Also man musste sich da einen Reim drauf machen und am "Toldot Jeschu" kann man das sehr gut deutlich machen, wie wenig Verbindendes man an der Person Jesu zu dieser Zeit sah.

Die Mittelalterliche Judensau , ein Schmaeh- u. Spottbild auf die Juden, an der Stadtkirche St. Marien in der Lutherstadt Wittenberg. Die steinerne Skulptur zeigt eine Sau, an deren Zitzen sich Menschen laben.   (imago images / epd)Die Christen ließen das Judentum ihre Verachtung vielfach spüren (imago images / epd)

Florin: Und die christliche Seite hat sich bekanntermaßen nicht mit Polemik begnügt, sondern es wurden Talmud-Ausgaben verbrannt, der Papst hat den Talmud verurteilt. Luther war Judenhasser, wenn man noch mal ein paar Jahrhunderte weiter geht...

Homolka: Aber gerade deswegen ist das so spannend, warum sich das dann umdreht. Und deswegen ist dieses Buch auch dieser Wende hin zu einer positiveren Betrachtungsweise Jesu gewidmet.

Das Judentum als "schwarzer Hintergrund"

Florin: Ich will noch mal aufs Mittelalter zu sprechen kommen: Der Hass auf Juden, der Jude als Feind, war das identitätsstiftend für Christen?

Homolka: Ich glaube, schon. Insofern ist das Judentum immer ein schwarzer Hintergrund gewesen, vor dem sich das Christentum identitätsstiftend profilieren konnte. Und heute ist ja die Frage: Wie kann man diesen Mechanismus, der über Jahrhunderte eingeübt wurde, wie kann man den durchbrechen im jüdisch-christlichen Gespräch? Und was bedeutet das für die Person Jesu, die ja Grund dieses Mechanismus gewesen ist.

  (dpa / picture alliance / Jens Kalaene) (dpa / picture alliance / Jens Kalaene)Jesus, ein Jude aus Nazareth - "Ganz einer von uns"
Er ist der vielleicht einflussreichste Mensch der Geschichte: Jesus von Nazareth. Es gibt viele Erzählungen über ihn, doch kaum gesicherte historische Erkenntnisse. Klar scheint: Der historische Jesus war durch und durch jüdisch.

Also wie kann man dann heute in den Kirchen über Jesus sprechen, ohne dass dieser negative Hintergrund des Judentums benötigt wird? Das ist eigentlich die Frage der heutigen Theologie.

Florin: Ich habe aber noch eine andere Frage: Mögen Sie eigentlich die Formulierung von der "christlich-jüdischen Kultur" vor dem Hintergrund dieser Geschichte?

Homolka: Ich habe mich da schon mal dazu geäußert, dass diese Idee vom "jüdisch-christlichen Abendland" ein Mirakel ist. Das hat es so nicht gegeben. Erst mit der Beschränkung des Christentums als alles umfassender Religion hier in Deutschland, verbunden mit der Weimarer Reichsverfassung, hat eigentlich die Möglichkeit des Judentums bestanden, hier - auf Augenhöhe jedenfalls - eine Identität zu entwickeln.

Jesus hat eine Brückenfunktion

Florin: Jüdische Gelehrte haben sich mit diesem Jesus, mit dem historischen Jesus befasst, so intensiv, dass das eine ganze Linie in der Forschung geworden ist. Warum war Jesus dann im 19. Jahrhundert interessant als Forschungsgegenstand?

Homolka: Mein Ausgangspunkt waren ja meine persönlichen Begegnungen mit Schalom Ben-Chorin und Ernst Ludwig Ehrlich. Und dann fängt man an, eben weiter zurück zu gehen und denkt sich: Aha - wie kommen die da drauf? Gab es da schon vorher jemanden, der sich beschäftigt hat? Dann habe ich mich ja in meiner Dissertation vor 25 Jahren mit Leo Baeck beschäftigt – dann stellt man fest: Der hat sich also mit dem Christentum intensiv auseinandergesetzt, selbst zur Zeit des "Dritten Reiches" über das Evangelium als jüdische Glaubensurkunde geschrieben. Und als ich dann Chef des Abraham-Geiger-Kollegs wurde, stellt man fest: Ach, bei Abraham Geiger kommt das auch vor! Also da sind wir schon Anfang des 19. Jahrhunderts.

In der Tat kann man feststellen, dass, mit einigen Vorläufern in der Renaissance, spätestens im 18. Jahrhundert hier eine Wende einsetzt und dass man anfängt, Jesus nicht als Teil einer jüdischen Häresie zu sehen, sondern als jemand, der genuin jüdisch war und der als solches eine Funktion hatte. Jakob Emden beschreibt das am Ende des 18. Jahrhunderts als eine Brückenfunktion. Dass also durch Jesus der jüdische Gott allen Völkern zugänglich und offenbar wird und dass das damit ja eigentlich ein positives Handeln Jesu war. Aber da wird Jesus ganz jüdisch verstanden, nicht als der dogmatische Christus.

Von Harnack: "das Judentums hat's versaubeutelt"

Florin: Es gibt von christlicher Seite auch eine Bewegung: hin zur Beschäftigung mit dem historischen Jesus und zu der Frage: Was ist jüdisch an Jesus? Ein wichtiger Name ist hier Ernst Käsemann, ein evangelisch-lutherischer Theologe, ein Schüler von Bultmann. Der hat das Mitte des 20. Jahrhunderts geschrieben. Was war so brisant an diesem historischen Jesus Käsemanns?

Homolka: Faszinierend finde ich, dass eine jüdische Leben-Jesu-Forschung parallel zu einer christlichen Leben-Jesu-Forschung entstanden war. Und jetzt kann man natürlich fragen: Was war die jeweilige Funktion?

Ich glaube, spannend an der christlichen Leben-Jesu-Forschung ist, dass man offensichtlich das Gefühl hatte, da müsse es doch noch was anderes geben, der dogmatische Christus, das ist nicht das, was uns fasziniert, sondern es muss diese Person Jesu sein. Dann ging man auf die Suche: Wie weit kann man diese Person überhaupt erfassen, ja oder nein? Und: Ist das eine Motivation für christliche Identität?

Und umgekehrt ist man jüdischerseits auch diesem Juden Jesus auf die Spur gekommen und hat versucht, ähnliches herauszufinden. Jetzt ist bei (dem evangelischen Theologen Adolf von) Harnack ganz deutlich, im 19. Jahrhundert, dass er damit das Dogma überwinden wollte und eine positive Identifikationsfigur schaffen wollte, die jüdisch ist, die aber trotzdem noch dieses negativen Hintergrundes bedarf; obwohl Harnack sogar sagt, dass Jesus gar nicht so viel Neues gebracht hat. Aber er habe eben den Sand und den Schutt von den heiligen Quellen fortgeräumt und das verunreinigte Wasser wieder klar werden lassen. Was ja deutlich macht, dass das Judentum das irgendwie versaubeutelt hat und da kam dann Jesus und hat das wieder geklärt.

Adolf von Harnack, evangelische Theologie und Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften in einer zeitgenössischen Aufnahme. (dpa/picture alliance)Adolf von Harnack sah in Jesus vor allem einen Erneuerer (dpa/picture alliance)

Bei Käsemann ist es nun so, da gilt das Kriterium der Differenz. Also der würde nicht sagen wie Harnack: War alles schon da und eigentlich hat Jesus nur wieder verstärkt und es für die Menschen zugänglich gemacht, sondern der war auf der Suche nach diesem Spezifischen. Das Spezifische hat er mit dem Kriterium der Differenz herauszuarbeiten versucht. Das heißt, alles was an Jesus nicht jüdisch war, das ist das genuin Jesuanische. Und damit sieht man, dass diese Ausformung der Leben-Jesu-Forschung für das Judentum nicht sehr schmeichelhaft war, weil man eben auf die Differenz zwischen Judentum und Christentum abstellte.

Ich glaube, worauf es heute ankommt – und dazu soll mein Buch auch ermuntern -, ist: an dem Gemeinsamen wie auch dem Unterschiedlichen etwas herauszufiltern, was ein Weg von Judentum und Christentum in partnerschaftlicher Augenhöhe sein kann. Und das bedeutet, dass man nicht versucht, das Judentum eben nur als schwarzen Hintergrund für den Triumph des Christentums zu sehen.

Die Heimholung Jesu

Florin: Sie möchten Jesus als Juden "heimholen". Warum dieses Wort? Wer hat ihn entführt, wer hat ihn entfremdet?

Homolka: Das ist letztlich die Zielsetzung schon im 19. Jahrhundert. Wenn ich mich frage: Warum hat Abraham Geiger da so drauf herumgeritten, dass Jesus Jude war - dann lag es eigentlich daran, dem Christentum als Staatsreligion ein bisschen den Teppich unter den Füßen wegzuziehen, indem man gesagt hat: Was wollt ihr eigentlich? Eure Gründergestalt, die war doch noch ganz und gar im Judentum verhaftet! Und hat damit eigentlich das Christentum zu einer Sekundärreligion gemacht. Insofern hatte das eine apologetische Funktion, nämlich dem Judentum einen Platz einzuräumen in diesem christlichen Staat.

Diese Heimholung steht ja auch unter anderen Vorzeichen: Das ist nicht der christliche Jesus, der da heimgeholt wird, sondern man nähert sich vor dem Hintergrund etwa vom "Toldot Jeschu", einem Jesus an, wo man sagt: Ja, also eigentlich kann man da den "Bruder Jesus", so wie das Schalom Ben-Chorin formuliert hat, durchaus sehen.

Ein Schwarz-Weiß-Foto zeigt den israelischen Schriftsteller und Religionsphilosophen Schalom Ben-Chorin im Jahr 1989 (picture-alliance / dpa )Schalom Ben-Chorin (picture-alliance / dpa )

In der Kunst finde ich spannend, dass, mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert beginnend, Künstler dann auch gesehen haben: Also dieses Leiden von Jesus, das ist ja eigentlich parallel zum Leiden der Juden in der Welt! Und auf einmal kommt es da zu einer Identifikation, dass man sagt: Ja, der war ja auch ein leidender Jude. Und ganz besonders dramatisch wird es dann in Kunstwerken, die sich mit der Frage auseinandersetzen: Was wäre denn mit Jesus im "Dritten Reich" passiert? Also, gerade eben läuft eine Ausstellung von Ilana Lewitan in München, die dann eben Jesus darstellt am Kreuz, aber mit jüdischer Häftlingskleidung, KZ-Kleidung und dem Judenstern, um zu sagen: Ja, damals wäre Jesus sicherlich auf der jüdischen Seite gewesen und wäre mit uns gestorben. Das vor dem Hintergrund von Kirchen, die damals weitgehend versagt haben.

Juden als älterer Brüder der Christen? "Der ältere zieht oft den Kürzeren"

Florin: Sie haben ein Stichwort genannt, das wichtig ist für die christlich-jüdischen Beziehungen nach der Shoa. Es wird sowohl von christlicher als auch von jüdischer Seite verwendet: das Wort des "Bruders". Martin Buber hat von Jesus als seinem "älteren Bruder" gesprochen. Und Papst Johannes Paul II. nannte die Juden in einem großen Schuldbekenntnis "unsere älteren Brüder". Was bedeutet dieses familiäre Vokabular?

Homolka: Mit diesem Ausdruck "Bruder" ist die Heimholung verbunden. Wenn jemand mein Bruder ist, dann habe ich ihn eigentlich wieder aufgenommen, selbst wenn er irgendwann mal verloren ging. Aber: Das Wort Bruder ist natürlich auch vielschichtig. Gerade die Rede vom älteren Bruder ist in letzter Zeit auf eine gewisse Prüfung gestellt worden, denn gerade mit Benedikt XVI. fing ja auch eine Distanzierung und Profilierung des Christentums gegenüber dem Judentum an, die man etwa in seiner Jesus-Trilogie sehen kann, wo er sagt: Na ja, also es kommt gar nicht auf diesen historischen Jesus an, es kommt auf den Christus der Kirche an. Darüber kann er dann drei Bände schreiben, aber das ist etwas, was sich dem Judentum nicht erschließt. Also in dem Sinne ist das dann wieder trennend.

Der von seinem Amt zurückgetretene Joseph Ratzinger, Benedikt XVI. (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)Benedikt XVI. hat das jüdisch-christliche Verhältnis auf die Probe gestellt (picture alliance / dpa / Michael Kappeler)

Und die Frage mit dem Bruder hat noch einen anderen Twist: Nämlich, dass ja der ältere Bruder in der Bibel oft der ist, der den Kürzeren zieht, so dass wir gerade im Pontifikat Benedikts des XVI. das Gefühl hatten: Das kann man auch exklusiv verstehen und nicht inklusiv. Denn was ist schon darüber gesagt, wenn ich der ältere Bruder bin, aber dann eine, wie soll man sagen, eine heilige Handlung uns wieder auseinanderzieht? Etwa weil das Christentum eben das Linsengericht aufwendet, um dann die Traditionslinie im Christentum weiterzuführen.

Ratzingers Rückgriff auf alte Muster

Florin: Sie gehen in Ihrem Buch relativ ausführlich auf Benedikt XVI., beziehungsweise auf Joseph Ratzinger ein – auf seine Jesus-Biografie, aber auch auf den Aufsatz, der vor einiger Zeit zum Judentum von ihm erschienen ist. Sie haben, als er den Alten Ritus und die Karfreitagsbitte wiedereingeführt hat, - da wird ja um die "Erleuchtung der Juden" gebeten, damit sie den Retter erkennen -, Sie haben damals protestiert gegen diese Wiederzulassung. Viele andere haben auch dagegen protestiert, aber bis heute hat sich daran nichts geändert, auch nicht unter Franziskus. Wie erklären Sie sich das?

Homolka: Zum einen muss man sehen: Mit Joseph Ratzinger ist da eine Zäsur in der Annäherung passiert, die eine schwere Belastung war für das Verhältnis des Judentums mit dem Christentum. Daran ist auch nicht zu rütteln. Ich glaube, die jüdische Seite wartet immer noch auf die Stärkung der Karfreitagsfürbitte, wie sie nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil eingeführt wurde und dass diese Formulierung von Benedikt XVI. irgendwann mal wieder zurückgenommen wird.

  (privat) (privat)Theologe zu umstrittenem Ratzinger-Aufsatz - Benedikt XVI.-Papier "anschlussfähig für Antijudaismus"
Der frühere Papst stellt die Frage nach dem theologischen Existenzrecht des Judentums – und er stellt es in Frage, sagte der Theologe Gregor Maria Hoff im Dlf.

Denn meiner Meinung nach kann man nicht sagen: Na ja, das ist ja nur der außerordentliche Ritus und wo wird das schon verwendet. Das ist eine Formulierung eines damals amtierenden Papstes, das ist eine Neuformulierung gewesen, und in dieser Neuformulierung finde ich das jüdisch-christliche Verhältnis beschädigt. Es ist ein Rückgriff auf alte Muster. Ich glaube, dass Franziskus das Thema nicht anfassen wird, solange Benedikt XVI. noch am Leben ist. Aber dann würden wir auf das Thema durchaus wieder zurückkommen.

Florin: Aber was steckt dahinter? Meinen Sie ernsthaft, der frühere Papst sei erfüllt vom Gefühl einer christlichen Überlegenheit gegenüber dem Judentum?

Homolka: Ich habe mich jahrelang damit beschäftigt. Ich kann keine Gegenargumente finden zu Ihrer Aussage.

Florin: Also er meint, dass die Christen sozusagen etwas verstanden haben, was die Juden noch nicht kapiert haben, um es zugespitzt zu sagen?

Homolka: Davon würde ich ausgehen. Wobei man natürlich immer noch sagt: Na ja, das wird sich dann alles in der Endzeit finden. Aber es ist sicherlich...und ich kann ihm das bis zu einem gewissen Grad gar nicht übel nehmen, es ist seine Aufgabe als Oberhaupt einer Religionsgemeinschaft, das Positive der eigenen Botschaft hervorzuheben. Aber es ist eben ein Rückfall in dieses Muster, dass dafür ein schwarzer Hintergrund gebraucht wird. Und der ist eben das Judentum. Das erkenne ich da deutlich wieder.

Wie können Christen und Juden auf Augenhöhe bleiben?

Florin: Da sind wir bei einer ganz grundsätzlichen Frage: Wie kann ich das Positive einer Religion hervorheben, ohne damit auch zu sagen, die andere Religion, die macht was falsch, die hat was noch nicht begriffen, die hat die Wahrheit noch nicht erkannt. Also jetzt die ganz große Frage: Wie geht das?

Homolka: Ja, das ist die große Frage. Insofern ist mein Buch ja auch sozusagen der einfachere Teil des Ganzen. Denn ich sage ja nur: Wenn wir uns das ansehen, haben wir uns also angenähert, Judentum und Christentum sind jetzt auf Augenhöhe, wir haben gleiche Voraussetzungen. Dazu gehört auch, dass jüdische Theologie jetzt auch ein Universitätsfach ist so wie christliche Theologie.

Aber wie schafft ihr es jetzt, von Jesus zu sprechen als der wichtigsten Person in eurer Religion, ohne das Judentum herabzuwürdigen? Und das ist die Anfrage an die Christologie heute. Und da kann ich sagen, glücklicherweise ist mein Buch ja nicht alleine, sondern es kommt auch dieser Tage ein Sammelband bei Mohr Siebeck heraus über Christologie zwischen Judentum und Christentum. Und das ist der Ertrag einer Tagung, wo christliche Theologen aus einer ganz großen Bandbreite, von Hoping zu Schwöbel, von Striet zu Danz, also die gesamte Hautevolee der evangelischen und katholischen Systematiker, versuchen, auf diese Frage eine Antwort zu geben. Wie kann ich über Christus sprechen, ohne das Judentum als lebendige Religion und als intakten Bund mit Gott zu beschädigen?

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Florin: Ihr Fazit lautet:

"Jesus war ein bedeutender Mann für seine Zeit, doch er war kein vollkommener Mensch. Und auch als bedeutender Mann nimmt er keine Sonderstellung ein, denn das Judentum hat viele große Männer hervorgebracht. Irgendeine übernatürliche Würde kommt Jesus nicht zu."

Das dürfte für gläubige Christen schwierig sein, dem zuzustimmen, denn einer der Kernsätze des Christentums ist: Jesus ist der vollkommene Mensch – wahrer Mensch und wahrer Gott. Also: Warum sollten Christen da jetzt zustimmen können?

Homolka: Ja, das ist eben jetzt die Frage, wie man das theologisch hinbekommt. Also zum Beispiel fällt mir jetzt ganz spontan die Antwort ein von Christian Danz, der sagte: Ich als Christ kann doch sagen, für mich ist das absolut. Aber das heißt ja noch lange nicht, dass ich das allen Leuten auftischen muss, sondern das ist eine innerchristliche Rede. Und die ist ganz klar abzugrenzen von der Frage, welchen Wert ich anderen Religionen beimesse. Das würde allerdings dann die Absolutheit des Christentums infrage stellen.

Walter Homolka: Der Jude Jesus – Eine Heimholung
Herder (2020), gebunden, 256 Seiten, 22 Euro

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