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StartseiteTag für TagZeit der Prüfung, Zeit der Hoffnung05.10.2016

Jüdische FesteZeit der Prüfung, Zeit der Hoffnung

Die Tage zwischen dem Neujahrs- und dem Versöhnungsfest, zwischen Rosch Haschana und Jom Kippur dienen dem Nachdenken und dem Gebet. Der Journalist Günther Bernd Ginzel nimmt sie zum Anlass für einen kritischen Blick aufs jüdische Leben in Deutschland und Israel: Im Zusammenleben zwischen Orthodoxen und Reformjuden gebe es "eine Rückwärtsentwicklung, eine geistige Engführung".

Benedikt Schulz im Gespräch mit Günther Ginzel

Der Publizist Günther Bernd Ginzel (picture alliance / dpa - Henning Kaiser)
Der Publizist Günther Bernd Ginzel (picture alliance / dpa - Henning Kaiser)

Benedikt Schulz: Für Juden ist das gerade eine wichtige Zeit im Jahr. Die zehn Tage zwischen dem jüdischen Neujahrsfest Rosch Haschana und Jom Kippur, dem höchsten jüdischen Feiertag. Man nennt sie auch die zehn Tage der Umkehr. Am Rosch Haschana hält Gott Gericht über die Welt und an Jom Kippur, auf Deutsch oft Versöhnungstag genannt, wird das Urteil besiegelt. Zehn Tage, in denen es die Gelegenheit gibt, sein eigenes Handeln zu hinterfragen, zu überprüfen. Ich spreche darüber mit Günther Bernd Ginzel. Er ist Publizist, Journalist und als Jude seit Jahren für jüdisch-christlichen Dialog engagiert. Und er ist heute Morgen hier zu uns ins Studio gekommen. Herr Ginzel ich grüße Sie.

Günther Ginzel: Guten Morgen.

Schulz: Rosch Haschana und Jom Kippur gehören zusammen, bilden eine Einheit. Was ist das für eine Einheit für Sie?

Ginzel:  Es ist für mich ganz charakteristisch für das Judentum und zwar jetzt jenseits der Denomination unterhalb des Judentums. Es ist die Chance, immer wieder neu beginnen zu können. Es ist die Überzeugung, dass wir nicht machtlos sind, sondern dass wir mitbestimmen. Das heißt, man nennt das so schön: Das ist der Tag des Gerichtes und Gott schreibt ein. Das sind wunderbare Gebete und man ist ganz erschüttert. Wer lebt? Wer stirbt? Wer krank wird? Wer gesund wird und bleibt? Aber dann heißt es: Es ist nicht endgültig, denn Liebesdienste, soziale Gerechtigkeit und Gebet retten vor dem Tod. Das heißt, Gott hat etwas beschlossen und nun haben wir in diesen zehn Tagen, wo wir uns selbst prüfen, wo wir sagen: Okay, wir beten ja auch "Lieber Gott. Bewege dich vom Stuhl des Richters weg auf den Stuhl des Vaters: Wir könnten wir vor dir bestehen, wenn du der König und der Richter allein wärst. Betrachte uns wie ein Vater, wie eine Mutter und dann wirst du Verständnis haben, uns verzeihen." Das heißt, wir haben eine Chance eines Neubeginns, das ist die Einladung nicht einfach nur zu sagen: Okay, jetzt hat der liebe Gott das beschlossen. Sondern wir sind die Mitgestalter unseres Lebens und das ist nach jüdischer Auffassung mit ein Teil des Bauens an der Erlösung, das heißt an der messianischen Zeit.

Schulz: Das heißt weniger eine Zeit der Prüfung als eine Zeit der Hoffnung.

Ginzel: Eine Zeit der Prüfung und der Hoffnung. Das sind ja ganz lange Gebete, lange Gottesdienste. Jom Kippur dauert ja einen ganzen Tag - der Versöhnungstag. Ich klinke mich dann von Zeit zu Zeit aus, bleibe an einigen wunderschönen Gebeten hängen und mir wird auf einmal deutlich welche Verantwortung jeder einzelne Jude - egal ob Straßenkehrer oder Millionär - hat. Wir sind Kinder des Bundes. Der Bund der einst am Sinai, zwischen Gott und den Stämmen Israel geschlossen wurde. Er lebt in uns fort. Das ist unsere Aufgabe, unsere Bedeutung und zwar jetzt nicht einfach nur als Juden für das Judentum, sondern als Teil dieses Menschengeschlechtes.

Schulz: Sie sprechen einen großen historischen Raum an. Die Tradition die seit dem Sinai fortlebt. Diese Feste, welche Bedeutung haben sie heute noch für Juden oder die jüdische Identität in Deutschland im Jahr 2016?

An der Seite der Angegriffenen

Ginzel: Eine ganz starke. Also zum einen braucht man solche Dinge. Man braucht Tradition, man braucht Rituale, man braucht zum Beispiel solche Feiertage, die natürlich in der Familie zu Hause, aber auch dann in der Gemeinschaft gefeiert werden. Aber es ist das Entscheidende, dass aus all dem ja eine Ethik entsteht. Sehen Sie, das Judentum war immer flexibel, sonst wäre es untergegangen, wie jede andere Religion auch. Es war eineinhalb Jahrtausende schon alt, als die Zeit Jesu begann. Das Judentum von heute ist nicht das Judentum der Bibel, sowie das Christentum von heute nicht der Glaube Jesu ist. Diese Entwicklung ist wichtig und was dahinter steht. Die Gebote wollen uns leiten auf ein Ziel hin. Wir haben Verantwortung. Wir sind Partner Gottes. Wir, damit meine ich die Menschen. Jeder von uns zeichnet sich aus, dass er eine unsterbliche Seele hat. Was machen wir damit? Das heißt gerade in dieser Zeit denkt man darüber nach: Wie kann man mitwirken, als kleiner Mensch, irgendwo als kleines Pünktchen, an mehr Gerechtigkeit? Gerade das amerikanische Judentum nimmt das enorm ernst. Jetzt in dieser Zeit, das Engagement gegen Trump, das Engagement gegen die Waffenlobby, das Engagement für Muslime, das Engagement für Migranten. Das dominiert seit langem das amerikanische Judentum und egal welche Angst man vor dem wachsenden Antisemitismus hat, man steht an der Seite der Angegriffenen. Und das finde ich fantastisch.

Schulz: Jetzt sprechen Sie schon die Gegenwart und auch die Politik an. Lassen Sie uns mal nachdenken - wir sind ja in den zehn Tagen des Nachdenkens  - was tut sich im Judentum der Gegenwart, Herr Ginzel. Vielleicht bleiben wir aber erstmal in Deutschland bevor wir ins Ausland gehen.

Ginzel: Das ist eine sehr unterschiedliche Entwicklung. Wir haben zum einen die Entwicklung, dass die Gemeinden wieder anfangen zu schrumpfen. Von den fast 200.000 russisch-sprachigen Juden haben etwa 100.000 zu den Gemeinden gefunden. Das bedeutet aber nicht, dass das Wachstum jetzt per se gesichert ist, aber immerhin ist es eine stabile Größe. Es gibt einen mehr oder weniger lebendigen Pluralismus, wieder neu, der ja durch die Nazis buchstäblich ausgerottet worden ist. Es gibt zu wenig Gemeinsamkeit, es gibt zu wenig Nicht-Kirchtumsdenken, sondern -Synagogendenken, so nach dem Motto meine Synagoge ist die richtige und deine ist jedem Fall falsch. Es gibt zu wenig souveräne Rabbiner. Es gibt eine Rückwärtsentwicklung im orthodox-rabbinischen Judentum, nicht unbedingt in den Gemeinden. Aber die Rabbinen sind mir zu fundamentalistisch, zu sehr darauf bestrebt zu sagen: "Dies ist mein Judentum und wenn du einer anderen Richtung angehörst bist du für mich kein richtiger Jude. Und wenn du bei den falschen Rabbinern zum Judentum übergetreten bist, bist du für mich erst recht kein Jude." Das ist völlig unerträglich, bricht die Solidarität des Bundes und deswegen muss ich da ein wenig gegen polemisieren.

"Das Oberrabbinat ist nicht der Vatikan"

Schulz: Für eine lange Zeit haben Reformjudentum und Orthodoxie wenn nicht zusammen, aber vielleicht friedlich nebeneinander gelebt. Das haben Sie eigentlich gerade beschrieben. Warum ist das jetzt so schwierig geworden?

Ginzel: Das war ja so in den ersten 20-25 Jahren, am Anfang gab's ja kaum Reformbewegungen. Da ging das wunderbar. Mein verstorbener Freund Natam Peter Lewin, Landesrabbiner von Baden, war ein Reformrabbiner. Er war jahrelang der Vorsitzende der Einheitsrabbinerversammlung, das heißt da saßen einträchtig orthodoxe und liberale Rabbiner zusammen. Sie haben zwar die Unterschiede nicht nivelliert, aber über das Gemeinsame doch auch Richtlinien gefunden. Dass das heute nicht möglich ist, ist eine Rückwärtsentwicklung, ist für mich eine geistige Engführung, die ich nicht bereit bin zu akzeptieren. Und da sind auch die Gemeindevertreter in der Verantwortung deutlich zu machen: Es reicht nicht, dass wir zwei getrennte Rabbinerversammlungen haben, sondern wir müssen dafür Sorge tragen, dass es Richtlinien gibt, wo die sagen: Das ist es. Danach werden wir gemeinsam entscheiden. Und darauf hoffe ich. Denn ansonsten funktioniert die Jugendarbeit außerordentlich gut. Manche Gemeinden öffnen sich. Ich war gerade in Frankfurt in einer Einheitsgemeinde, die sich enorm engagiert für den Dialog mit dem Islam. Also es tut sich einiges und wir müssen sehen, dass wir die kleinen Gemeinden, in den Kleinstädten und auf dem Land da mitnehmen, denn die haben so ein bisschen das Gefühl, dass sie dann eher doch in so ein Ghetto geraten.

Schulz: Diese Gräben die sich da auftun oder aufgetan haben, hängt das auch mit der rechtsnationalen Politik Israels zusammen?

Ginzel: Es hängt insofern mit Israel zusammen, als der Einfluss des israelischen Oberrabbinates für mich hier viel zu stark ist. Das ist nicht der Vatikan. Auch wenn die Herren Oberrabbiner manchmal so den Eindruck erwecken insbesondere im nicht-jüdischen Bereich. Es sind Staatbeamte, es ist eine staatliche Organisation, die für Israel was zu sagen hat und das war es Punkt. Dass sie weltweit versucht Macht auszuüben auch im Kontext der Orthodoxie, dass sie zum Beispiel plötzlich Übertritte bei orthodoxen Rabbinern nicht mehr anerkennt, das ist einfach ein Skandal. Dass sie das durchsetzen können hat etwas mit dieser Tendenz des rechtsnationalen, religiös-nationalistisch verbrämten Judentums, wie sich das jetzt in Israel im Moment herauskristallisiert, rückwärtsgewandt unter Aufgabe aller Ideale der Ethik und Moral. Ich spreche jetzt hier von diesen offiziellen rechten Gruppen, nicht vom orthodoxen Judentum, das natürlich auch in Israel sehr vielfältig ist. Das ist ein Problem. Gerade in Amerika haben sie zunehmend das Gefühl: Stopp, das geht zu weit. Dieses hysterische Theater: Nur Männer, nur Männer. Frauen getrennt, Frauen dürfen an der Mauer nicht beten, Frauen dürfen keinen Gebetsschal halten. Auch dann nicht wenn man für sie eine separate Nische einrichtet. Die Schwäche der Regierung, diesen orthodoxen Erpressungsversuchen nachzugeben, also Sie merken, es regt mich auf. Nicht dass die Leute orthodox sind, nicht dass sie so denken, das ist ihnen unbenommen. Wenn sie liberal sind, haben Sie kein Problem, dass andere anders sind, sondern Ihr Anspruch: "Nur wir, wir alleine und alle andere werden wir gegebenenfalls mit der Polizei vertreiben." Da muss man einfach sagen: Das macht man nicht mit. Und es gibt große Sorgen in Israel, denn die Masse der Israelis ist säkular und bewusst nicht orthodox, weil das ist das Judentum, was sie so nicht wollen. Und nicht alle Israelis lieben die Siedler. Der Bürgerrechtler Natan Scharanski hat gerade einen langen Artikel geschrieben, als einer der maßgeblichen Vertreter des Verhältnisses Judentum - Israel und spricht von der Gefahr eines Bruches zwischen Israel und der Diaspora. Gott gebe, dass gerade vor dem Versöhnungstag auch dort ein bisschen Einsicht und auch ein bisschen Schuldbewusstsein wächst.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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