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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenLetzte Rettung Schanghai13.03.2014

Jüdische FlüchtlingeLetzte Rettung Schanghai

Ab 1938 flohen etwa 20.000 Juden aus Österreich und Deutschland vor den Nazis nach Schanghai. Die Stadt war für viele von ihnen die letzte Rettung. Aber das Leben dort war alles andere als paradiesisch. Der Hamburger Autor und Historiker Michael Batz hat jetzt zusammen mit zwei Historikerinnen das Schicksal dieser Menschen dokumentarisch inszeniert.

Von Ursula Storost

Rückkehr in die Heimat: Juden 1950 in Bremerhaven. Sie waren 1939 vor den Nazis nach Schanghai geflüchtet. (dpa/picture alliance/)
Rückkehr in die Heimat: Juden 1950 in Bremerhaven. Sie waren 1939 vor den Nazis nach Schanghai geflüchtet. (dpa/picture alliance/)
Weiterführende Information

Vertreibung - Wunsch nach gesellschaftlicher Geschlossenheit (Deutschlandradio Kultur, Lesart, 19.1.2014)

Exil für verfolgte Juden in Schanghai (Deutschlandfunk, Eine Welt, 9.11.2013)

Wandel in Chinas Geschichtspolitik (Deutschlandfunk, Kultur heute, 19.7.2013)

Der Hamburger Autor und Historiker Michael Batz hat sie neu in Szene gesetzt: Die Geschichte der 20.000 Juden, die vor den Nazis nach Schanghai flüchteten.

"Es wundert mich immer wieder, wie wenig letztlich doch bekannt ist über eine ganz markante Geschichte der deutschen Geschichte ebenso wie auch der chinesischen Geschichte. Denn auch in Schanghai war die Kenntnis davon, dass hier mal das kleine Wien gewesen ist, also der Emigrations-Ort deutscher und europäischer Juden, dieses Wissen war lange Zeit auch verschüttet."

Unterstützt wurde Michael Batz bei seiner Recherche von Sybille Baumbach und Claudia Thorn, die schon eine Ausstellung zu dem Thema erarbeitet haben. Etwa neuneinhalbtausend Auswandererakten aus dem Hamburger Staatsarchiv haben die beiden Historikerinnen jetzt darauf untersucht, welche Menschen Schanghai als Zufluchtsort wählten. Claudia Thorn:

"Schanghai war Ende der 30er-Jahre der letzte Ort auf der Welt, wo jüdische Flüchtlinge hingehen konnten, wenn sie kein Visum für andere Länder hatten. Weil man für Schanghai kein Visum brauchte."

Es waren eher ärmere Leute, die hier strandeten, kleine Angestellte oder Arbeiter, sagt Sybille Baumbach.

"Weil die Leute, die Geld hatten, über Verbindungen verfügten ins Ausland, insbesondere in die USA und nach England, bereits vor der Pogromnacht gegangen sind oder zumindest den Auswanderervorgang angestoßen hatten."

Großes Geschäft für Reedereien

Es waren Geschichten der Verzweiflung, die diese Menschen durchlitten, resümiert Michael Batz. Misshandlungen durch die Gestapo und bürokratischer Schikane folgte der Rausschmiss aus der deutschen Heimat. Eigentum, das nach dem Kauf der Schiffspassage übrig blieb, wurde enteignet.

"Sind dann mit Luxusschiffen, wie es damals hieß, nach Schanghai ausgereist. Die Schiffe waren über zwei Jahre lang ausgebucht. Das war ein großes Geschäft für viele Reedereien. Lloyd Triestino oder die Hapag in Hamburg ansässig."

Die Fahrkarten mussten in Dollar, also Devisen bezahlt werden. Und viele Reedereien ließen sich die Rückreise gleich mit bezahlen. Dafür, so Michael Batz, bekamen die Flüchtlinge ein Abschiedsständchen.

"Ich kann mich an eine Schilderung erinnern, dass am Kai eine Musikkapelle gespielt hat, das bekannte Lied, 'Mus' I denn zum Städele hinaus'. Das war sozusagen ein letzter Kommentar auf die Emigranten."

"Und sind dann sozusagen mit dem letzten Luxus einmal ins Elend gebracht worden. Denn sobald sie in Schanghai angekommen sind, änderte sich schlagartig die Lebenssituation. Und dann fiel man von einem Luxusschiff sozusagen in den Dreck."

Tondokumente dieser Emigranten sind in der Hamburger Werkstatt der Erinnerung gesammelt. Zum Beispiel die Schilderung von Inge Betten, Jahrgang 1926:

"Also die Reise war sehr schön und dann kamen wir in Schanghai an. Und es war ein fürchterlicher, heißer Tag. Und wir kamen runter von dem Schiff und das erste, was ich sah, war ein großer Platz, wo lauter Männer saßen und dieses Feld als Toilette benutzt haben. Das war ein Kulturschock. Das werde ich nie vergessen."

Was die Flüchtlinge in Schanghai erwartete, so die Historikerin Sybille Baumbach, war kein Zuckerschlecken:

"Man hatte ganz viel mit Typhus, Ruhr, Malaria zu tun. Und es waren ganz heiße, schwüle Sommermonate und im Winter war es unglaublich kalt. Die Unterkünfte waren einfach bis primitiv."

Die Zeitzeugin Rahel Gutmann, geboren 1912, erinnert sich.

"Da war da ein Badezimmer on the groundfloor, da haben sie die Badewanne und die Toilette rausgerissen, und da haben wir gewohnt. Die Kleider haben wir an die Wand gehängt auf Nägel. Und da war ein kleines Fenster mit Gitter. So da haben wir gewohnt. Da waren aber Ratten und Wanzen!"

"Europäische Kultur mitgebracht"

Aber die Emigranten ließen sich nicht unterkriegen. Sie schufteten hart, um im fernen Schanghai ihre Kultur wieder zu beleben. Es entstanden Geschäfte, Restaurants und Vereine, sagt Michael Batz.

"Und das war der Beweis, ja, wir leben noch. Wir haben Tanzveranstaltungen, wir haben Theater, Operetten, Kabarett, wir haben die europäische Kultur mitgebracht und haben sie implementiert hier in Schanghai, in Asien."

Ohel Moishe Synagoge (M) im Stadtteil Hongkou in Schanghai. In diesem Stadtteil lebten einst Juden aus Europa. (dpa/picture alliance/Till Faehnders)Ohel Moishe Synagoge (M) im Stadtteil Hongkou in Schanghai. In diesem Stadtteil lebten einst Juden aus Europa. (dpa/picture alliance/Till Faehnders)

Allerdings waren die Deutschen auch im japanisch besetzten Schanghai äußerst präsent.

"Es gab alle NS-Organisationen, die es auch in Deutschland gab auch dort. Es gab SS, es gab SA, es gab HJ, es gab die ganzen Organisationen der Nationalsozialisten und auch im Straßenbild sichtbar."

Das deutsche Generalkonsulat kannte auch Zahl und Namen der jüdischen Emigranten. 1942 wurden auf Druck der Deutschen, sämtliche Juden im völlig zerstörten Bezirk Hongkew interniert. Der deutsche Plan, so geht aus Zeitzeugenberichten hervor, war, die jüdischen Menschen in Hongkew zu sammeln und dann auf die andere Seite der Stadt zu vergasen. Es war Glück, dass sowohl Japaner als auch Chinesen solche Pläne nicht unterstützten. Claudia Thorn:

"Es gab keine Ressentiments gegen die Juden, die dort in die Viertel gezogen sind, obwohl die chinesische Bevölkerung innerhalb Hongkews auch sehr arm war. Man kann aus der Rückschau sagen, man hat eher nebeneinander her gelebt. Aber es gab keine Ausschreitungen oder Ressentiments, wie man es aus anderen Orten kennt."

Nach Rückkehr: Keine Wiedergutmachung

Nach Kriegsende gingen die meisten der jüdischen Emigranten in die USA oder nach England. Einige Wenige kehrten zurück nach Deutschland. Auch nach Hamburg. Sybille Baumbach, Claudia Thorn und Michael Batz haben deren Akten jetzt ausgewertet.

"Wie ist die junge Bundesrepublik mit der Frage der Wiedergutmachung umgegangen."

Michael Batz hat in seinem Dokumentarstück 50 Fälle aufgegriffen. Exemplarisch für viele.

"Finanzbehörde, Haftentschädigungsstelle. An die Wiedergutmachungsstelle. Der Haftentschädigungsanspruch des Antragsstellers für die in Schanghai erlittene Haft kann nicht anerkannt werden, weil er in dieser Zeit nicht nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnehmen ausgesetzt war, wie es Paragraf 1 HEG verlangt."

Trotz der Fürsprache des damaligen Hamburger Bürgermeisters Max Brauer, so Michael Batz, waren weder die Bevölkerung noch die Behörden gewillt, Wiedergutmachung zu leisten.

"Dass man sagt, wir kennen diese Menschen gar nicht. Wieso haben die jetzt Schaden erlitten. Und wieso sollen wir denen jetzt Kontingente zur Verfügung stellen, wo es uns doch selber gar nicht gut geht."

Eine ärztliche Stellungnahme vom 22. Mai 1955:

"Die 64-jährige Frau Silberberg bezieht eine 40-prozentige Sonderhilfsrente. Es kann nicht unterstellt werden, dass eine chronische astmathoide Bronchitis plötzlich nach zehn jähriger Latenz verfolgungsbedingt sein soll. Es wäre zu raten, den Heilungsantrag für eine Kur in Bad Reichenhall abzulehnen. Dr. Med. Wolfgang Maywald. Facharzt für innere Krankheiten."

Zeichen einer Zivilgesellschaft: Wie geht man mit Flüchtlingen um?

Töne, die sie nicht nur von den Hamburger Behörden zu hören waren, sagt die Historikerin Sybille Baumbach:

"Das war eine Haltung der Mehrheitsgesellschaft der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. Man fühlte sich selbst als Opfer durch die Bombardements der Alliierten und war mehr mit sich selbst beschäftigt, als dass man in irgend einer Form eine Empathie für die Menschen hätte entwickeln können, die man vertrieben oder ermordet hat."

Wie geht ein Land, eine Gesellschaft mit Flüchtlingen um? Diese Frage ist für Michael Batz keineswegs nur historisch, sondern heute ganz aktuell.

"Das ist eine eminent politische Frage. Auch wenn sich der Kontext ganz anders darstellt und wir sicher nicht das haben, was damals gewesen ist. Aber die Frage bleibt nach wie vor. Und es immer ein Zeichen einer Zivilgesellschaft und einer demokratischen Kultur, wie geht man mit Flüchtlingen um."

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