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StartseiteTag für Tag"Du musst Dich selber schützen"11.06.2021

Jüdische Gemeinde für Israelis in Potsdam"Du musst Dich selber schützen"

Im Großraum Berlin leben immer mehr Juden aus Israel. In Potsdam haben sie eine eigene Gemeinde gegründet - um Sprache, Kultur und religiöse Traditionen ihrer Heimat zu pflegen. Im Umgang mit der Gefahr antisemitischer Angriffe vertreten die Gemeindemitglieder eine selbstbewusste Haltung.

Von Christoph Richter

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Ein Mann fährt auf einem Fahrrad durch Potsdam. (imago images / Camera4)
In Potsdam gibt es fünf jüdische Gemeinden - die jüngste: "Kehilat Israel" (imago images / Camera4)
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Nachum Presman sitzt im Salon seiner Potsdamer Wohnung, idyllisch gelegen an der Havel. Er ist der Rabbiner der Potsdamer Synagogengemeinde. Geboren wurde er in Taschkent, in Usbekistan. Mit drei Monaten sind seine Eltern nach Israel ausgewandert. In Jerusalem und New York hat er eine Jeshiwa besucht, sich dem Talmud-Studium gewidmet und das Diplom als Rabbiner gemacht, erzählt er. 1996 ist Nachum Presman dann nach Deutschland gekommen.

"Die größte jüdische Bewegung ist heute Chabad Lubawitsch und der Lubawitscher Rebbe hat mich hergeschickt vor 25 Jahren, um eine jüdische Gemeinschaft in Potsdam aufzubauen. Und das mache ich. Das versuche ich - zusammen mit meiner Frau."

Junge, liberale Gemeinde

Seit Kurzem ist der 50-Jährige Rabbiner Nachum Presman auch für die jüngste Potsdamer Jüdische Gemeinde zuständig: für "Kehilat Israel".

"Vor ein paar Jahren sind Israelis nach Potsdam und Umgebung gekommen, um hier zu leben. Am Anfang – wir haben gedacht, die integrieren sich ganz einfach in unsere Synagogengemeinde. Das war auch so, sie haben sich nicht schlecht gefühlt. Aber Israelis haben ihre Besonderheit."

Sie wollen ihre Sprache, ihre Kultur in der Diaspora pflegen, ergänzt Presman. Weshalb die israelischen Einwanderer – von denen viele jünger als 50 sind – eine eigene Gemeinde gegründet haben: "Kehilat Israel".

Man versteht sich als liberale Gemeinde, sieht sich in der Tradition der Sephardim, der im Mittelalter von der Iberischen Halbinsel vertriebenen Juden. Und sie soll mehr sein als nur eine Religionsgemeinschaft, sondern auch ein Stück israelische Heimat in Potsdam. Man trifft sich nicht nur zum Schabbat, sondern organisiert auch gemeinsame Treffen, für das Zusammengehörigkeitsgefühl.

"Familie in einem Land, wo man keine Familie hat"

"Kehilat Israel" in der Mark Brandenburg besteht aus etwa 60 Mitgliedern, gegründet wurde die Gemeinschaft vergangenes Jahr, am Unabhängigkeitstag Israels, am 29. April 2020.

"Wir sprechen Hebräisch miteinander, jeder der Hebräisch sprechen möchte, kann mitkommen, mit dabei sein. Es geht nicht nur um die Sprache, aber wir betreiben unsere Kultur. Es ist eine jüdische-israelische Einrichtung."

Albert Bravo ist einer von drei Vorsitzenden der kleinen Potsdamer jüdischen Gemeinde. Er kommt aus Haifa, hat dort und in Tel Aviv Medizin-Informatik studiert, ist der Gründer eines Medizin-Start-up. Albert Bravo ist der Vater von zwei kleinen Kindern. Zusammen mit seiner Frau lebt er in Werder bei Potsdam.

"Wir wollen dieses Zuhause-Gefühl haben. Und da haben wir uns getroffen und entschieden, wir gründen diese Gemeinde. Damit wir dieses Heimat-Gefühl zusammen haben können. Das ist für uns eine Art kulturelle Erfahrung."

  (Picture Alliance / dpa / Carsten Koall) (Picture Alliance / dpa / Carsten Koall)Kein Ende in Sicht - Streit um die Synagoge von Potsdam
Für die fünf jüdischen Gemeinden in der Landeshauptstadt Brandenburgs soll eine neue Synagoge gebaut werden. Es gibt den Entwurf eines Architekten, die Finanzierung ist gesichert. Doch nun ist das Projekt gefährdet.

Viele der Gemeindeglieder von "Kehilat Israel" haben einen ähnlichen Hintergrund. Sind jung, gebildet, heimatverbunden – und zugleich eher linksliberales Milieu. Die jüdischen Traditionen würden jedoch immer wichtiger, je länger man hier lebe, meint Schmuck- und Grafikdesignerin Hila Söding. Die 46-Jährige kommt aus Rishon LeZion bei Jaffa, im Großraum von Tel Aviv. Auch sie hat die Liebe nach Potsdam verschlagen.

"Wir haben die gleiche Erfahrung, wir haben die gleiche Tradition, wir verstehen uns. Das ist ein Stück Heimat. Es ist: Eine Familie zu haben in einem anderen Land, wo man keine Familie hat. Und das ist total schön."

"Du musst dich selber schützen"

Die Potsdamer Gemeinde "Kehilat Israel": Eine Mischung aus Religionsgemeinschaft und israelischem Kulturverein. Ein Verein, der sich nicht den strengen Regeln der Orthodoxie verschrieben hat, sondern Israelis in der Diaspora zusammenbringen will. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts leben derzeit 175 Israelis im Land Brandenburg, vor zehn Jahren waren es noch halb so viel.

Noch hat man keine eigenen Räume, daher trifft man sich meist im privaten Rahmen – etwa um jüdische Feste zu feiern oder eine Sonntags-Schule für die Kinder zu organisieren.

Während des letzten Konflikts zwischen der Hamas und Israel wurde deutlich – sagt Albert Bravo – dass "Kehilat Israel" auch ein Ort des Zusammenrückens, ein Schutzraum gegen Anfeindungen ist. Es gehe um ein Wir-Gefühl: "Das ist unsere Sicherheit, dass wir uns immer untereinander unterstützen."

Blick auf die Einschusslöcher in der Tür zur Synagoge in Halle/Saale, durch die ein rechtsextremer Attentäter am 09. Oktober 2019 in die Synagoge eindringen wollte. (picture alliance / ZB / Hendrik Schmidt)Die Einschusslöcher in der Tür der Synagoge der Jüdischen Gemeinde in Halle/Saale nach dem rechtsterroristischen Anschlag 2019 (picture alliance / ZB / Hendrik Schmidt)

Er fühle sich als Jude sicher in Potsdam, er habe keine Angst, sagt Albert Bravo. Aber er kenne Mitglieder in der Gemeinde, bei denen es anders ist. Die würden sich derzeit um einen Waffenschein kümmern, um im Notfall gerüstet zu sein: "Im legalen Rahmen, für Selbstschutz ist das richtig. Und ich weiß, dass bei manchen von uns der Prozess des Waffenscheins schon am Laufen ist."

Wir wollen kein Opfer sein, wir wollen keine Angst haben, schiebt Albert Bravo noch hinter her. Die Ereignisse von Halle – als 2019 zu Jom Kippur ein Attentäter in die Synagoge gewalttätig einbrechen wollte, um ein Massaker zu verursachen und zwei Menschen in der Nähe der Synagoge getötet hat – hätten plastisch vor Augen geführt, dass man sich selber schützen müsse.

"Ich denke, es ist absolut sinnlos, sich auf Behörden einzulassen. Egal, wo du bist - wenn etwas passiert, dann kommen die danach. Du musst dich selber schützen." Bei Schabbat-Feiern oder an jüdischen Festtagen achten bei "Kehilat Israel" eigene Leute auf die Sicherheit. Man sei geschult, erzählt Albert Bravo. Auch weil man bei der IDF – der israelischen Armee - seinen Wehrdienst geleistet habe. Da werde einem beigebracht, keine Angst zu haben.

Öffnung statt Abschottung

Jetzt hofft man auf eine neue Synagoge in Potsdam. Der Rabbiner Nachum Presman der Gemeinde "Kehilat Israel" ist ein Kritiker des aktuellen Entwurfs. Statt einer hermetisch verschlossenen Synagoge, ist er der Verfechter eines jüdischen – stadtöffentlichen - Willkommensraums. Man wolle zeigen: "Wir waren immer ein wichtiger Teil von der Gesellschaft. Die Menschen müssen verstehen: Wir haben nie etwas Negatives mitgebracht. Darüber muss man auch sprechen."

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