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StartseiteTag für TagJüdische Kultur in Zentralasien13.11.2013

Jüdische Kultur in Zentralasien

Die letzten Juden in Buchara und Samarkand

Im 6. Jahrhundert vor Christus zog eine Gruppe aus Babylonischer Gefangenschaft freigelassener Juden über die Seidenstraße Richtung Osten in die damaligen Wirtschaftszentren Buchara und Samarkand. Heute gibt es in diesem Gebiet Usbekistans nur noch eine kleine jüdische Gemeinschaft.

Von Thomas Migge

Ein jüdisches Gebetsbuch: I (picture alliance / dpa Foto: Sebastian Kahnert)
Ein jüdisches Gebetsbuch: I (picture alliance / dpa Foto: Sebastian Kahnert)
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Nach dem Ende babylonischen Gefangenschaft im 6. vorchristlichen Jahrhundert zog eine Gruppe der freigelassenen Juden über die Seidenstraße Richtung Osten und ließ sich in den damaligen Wirtschafts-zentren Buchara und Samarkand nieder. Hier entstand einst eine blühende jüdische Kultur. Heute gibt es in diesem Gebiet in Usbekistan nur noch eine kleine jüdische Gemeinschaft.

Bei dieser Musik würde man sicherlich nicht an Juden denken. Das gilt auch für diese Musik. Das erste Stück erinnert an islamische Musiktraditionen, das zweite, eine historische Aufnahme, hat einen fast schon chinesischen Einschlag.

In beiden Fällen handelt es sich um die Musik der Buchara-Juden, einer jüdischen Gemeinschaft, die im zentralasiatischen Usbekistan ihren Ursprung hat - und die im Aussterben begriffen ist, erklärt David Tinjajew, Lehrer und jüdischer Sprachwissenschaftler in der uzbekischen Stadt Samarkand:

"Als Usbekistan zur UDSSR gehörte existierte hier kein öffentliches jüdisches Leben, das diesen Namen verdiente. Wir wurden aber nie verfolgt und im Privaten lebten wir unsere jüdischen Traditionen. Doch jetzt ist es schwierig hier als Juden zu leben, denn wir sind sehr sehr wenige geworden. Deshalb wandern immer mehr von uns aus."

Vor rund 100 Jahren lebten in Samarkand noch mehr als 20.000 Juden. Im Stadtteil Machallah Wostok wohnte die größte Gemeine der Buchara-Juden. Hier blühten Handel und religiöses Leben. Heute ist davon nicht mehr viel zu spüren. Wie auch in Buchara, einer Kleinstadt westlich von Samarkand. Von den 5 Synagogen wird nur noch eine einzige benutzt. In den einstmals rund 75 stattlichen jüdischen Wohnhäusern Bucharas, mit großen Innenhöfen und von hölzernen Säulen getragenen Vordächern, versteckt hinter hohen Mauern, leben heute Moslems. Die ehemaligen jüdischen Viertel, wie das in Buchara, sind im Mittelalter entstanden. Sie sind ein Kosmos für sich: mit schmalen verwinkelten Gassen, einem Labyrinth aus Gebäuden und kleinen Plätzen. Heute wirken diese Viertel ziemlich heruntergekommen.

Das gleiche gilt für das Samarkander Machallah-Viertel, in dem auch der usbekische Jude Markiel Kralikow wohnt, der ein kleines Restaurant betreibt:

"Meine Familie lebt hier seit wir denken können. Wann genau Juden hierher kamen ist unbekannt. Man glaubt, dass sie aus der babylonischen Gefangenschaft im achten Jahrhundert vor der Zeitenwende nach Zentralasien kamen. Über die Seidenstraße. Den Namen Buchara-Juden bekamen sie von den Emiren in Buchara. Mit Freunden verfassen wir Texte in unserem jüdischen Dialekt, um unsere Sprache am Leben zu erhalten."

Die Sprache der Buchara-Juden heißt Buchari uns ähnelt dem Tadschikischen
mit dem Einfluss des Hebräischen. Vergleichbar mit der Verwandtschaft des jiddischen mit dem Deutschen. Das Buchari war früher eine verbreitete Sprache in Usbekistan. Heute ist es sehr selten geworden. Die meisten Juden sprechen heute russisch oder usbekisch.

Die Buchara-Juden verlassen Usbekistan fast immer aus den gleichen Gründen: fehlende berufliche Perspektiven aufgrund einer schwierigen wirtschaftlichen Lage und der Wunsch, mit anderen Juden zusammen zu leben. Seit dem Ende der Sowjetunion verließen die meisten Juden das Land. Heute leben in Samarkand noch knapp 500 von ihnen. Die Zurückgeblieben hätten die Möglichkeit nach Israel zu gehen oder zu Verwandten in andere Länder zu ziehen. Buchara-Juden leben zum Beispiel in Deutschland, in den USA und Kanada. Für die verbliebenen Juden ist die einzige noch aktive Synagoge der wichtigste Ort geworden, um regelmäßig zusammen zu kommen. Diese kleine alte Synagoge strahlt den ganzen Charme einer vergangenen Zeit aus. Sie ist vollgestellt mit Erinnerungsstücken.

Aron Mitripos ist seit Jahrzehnten für die Verwaltung der Synagoge verantwortlich.

"Ich habe hier tausende von Fotografien von Juden, die hier mal lebten. Aus mehr als 100 Jahren! Das ist alles in Kisten untergebracht. Ich habe keine Zeit das alles zu ordnen. Ich bin ja auch ein alter Mann. Ich mache alles allein."

Aron hat in der von ihm verwalteten Synagoge auch ein altes und verstaubtes Grammophon und alte Schelllackplatten mit Musik der Buchara-Juden. Manchmal, verrät Aron, kommen Freunde vorbei, alles ältere Gemeindemitglieder, die nicht mit ihren Kindern nach Israel oder anderswohin auswandern wollten und in Buchara geblieben sind. Zusammen hört man sich in einem Nebenraum der Synagoge die Schallplatten an. Dann schweigt man gemeinsam und hängt Erinnerungen nach. Erinnerungen an die einstmals blühende Kultur der Buchara-Juden in Usbekistan.

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