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StartseiteTag für TagStreng unorthodox28.06.2019

Jüdischer Comedian aus EnglandStreng unorthodox

Streng gläubiger Jude und Stand-up-Comedian - das scheinen zwei Welten zu sein, die nicht zueinander passen. Hier ein starres Regelwerk, da das bunte Showbusiness. Aber Ashley Blaker, ein Comedian aus London, bringt genau das zusammen: Er macht Witze über sein Leben als orthodoxer Jude.

Von Ada von der Decken

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Porträt von Comedian und orthodoxem Juden, Ashley Blaker (Steve Ullathorne)
In zwei Welten unterwegs: Der Comedian und orthodoxe Jude Ashley Blaker (Steve Ullathorne)
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Ashley Blaker empfängt in seinem Haus in Nordlondon. Porträts seiner Kinder im Bücherregal, gerahmte Tourplakate an der Wand. Praktisch gefließter heller Fußboden. Hier wird gelebt. Sechs Kinder haben Ashley und seine Frau Gemma. Eines seiner Kinder ist heute Vormittag zu Hause.

Ashley Blaker ist orthodoxer gläubiger Jude. Und er ist Comedian. Wie passt das Bühnenleben mit dem frommen Leben zusammen?

"Ich nehme mich selbst nicht allzu ernst. Ich erkenne in meinem Alltag viele  - wenn ich das so sagen darf - Absurditäten. Und manchmal denke ich: Unser frommes Leben ist doch verrückt, warum machen wir das? Aber darüber kann man auch lachen. Für mich ist das Selbsterkenntnis."

Fernsehmacher ohne Fernseher 

Bevor Ashley vor fünf Jahren mit seinem ersten Comedy-Programm auf Tour ging, war er im Hintergrund von TV- und Radiosendungen tätig. Als Autor und Producer verhalf er der BBC-Serie "Little Britain" zum Erfolg. Und gemäß seiner Religion war er ein Fernsehmacher ohne Fernseher. Sein Spagat zwischen der strengen religiös-orthodoxen Welt und seinem Berufsleben, bietet die schier unerschöpfliche Quelle für Gags:

"Mein größtes Problem habe ich, wenn ich Frauen am Arbeitsplatz begegne. Weil Besprechungen fast immer mit Begrüßung per Handschlag beginnen. Und manche orthodoxe Juden wollen abgesehen von ihrem Ehepartner keinem Menschen des anderen Geschlechts die Hand geben. Im Laufe der Jahre habe ich einige ziemlich gute Techniken entwickelt: Zum Beispiel komme ich mit einer Tasche in der einen Hand und einem Mantel in der anderen. Und wenn mir jemand die Hand gibt, sage ich: Oh, tut mir leid."

Witze über gläubige Juden mit 613 Regeln 

In den vergangenen Monaten ist Ashley durch die Welt getourt. Er war in Australien und davor in den USA. In seiner Show in New York feierte ihn auch die ultraorthodoxe Gemeinde. Er bot zu diesem Zweck auch Vorstellungen an, bei denen das fromme Publikum nach Geschlecht getrennt sitzen konnte.

(Deutschlandradio / Ada von der Decken)Ashley Blaker, koscherer Komiker (Deutschlandradio / Ada von der Decken)

In seinen Witzen geht es um den Alltag als gläubiger Jude mit 613 Lebensregeln: Am Ruhetag Schabbat gar nicht so einfach, wenn nicht einmal ein Lichtschalter betätigt werden darf oder eine Kerze angezündet werden darf.

"Ich bin halt meshugge fromm. Ich würde mir nicht die Doors anhören, ohne eine Mesusa - eine Schriftkapsel am Türpfosten - angebracht zu haben. Und natürlich: Der berühmte Song der Doors "Come on Baby, light my fire!" müsste für Schabbat umgedichtet werden: Baby, es wäre schön, ein brennende Flamme zu haben. Wie schade, dass ich vergessen habe, eine Kerze anzuzünden."

Probemitgliedschaft in der orthodoxen Synagoge

Ashley stammt ursprünglich aus einem liberalen jüdischen Elternhaus. Als Kind geht er mit den Eltern am Schabbat in die Synagoge, danach aber durchaus gerne ins Shoppingcenter oder ins Kino. Als er mit Mitte zwanzig heiratet, erhält das junge Ehepaar eine Art Probemitgliedschaft in der orthodoxen Synagoge, wo sie sich das Ja-Wort gegeben haben. Das Paar findet Gefallen daran und bleibt. 

"Es war wohl ein glücklicher Zufall, denn es hat mich ja zu dem gemacht, was ich bin. Ein Komiker. Das wollte ich ja immer werden und plötzlich hatte ich etwas, worüber ich reden konnte. Das ist aber nicht der Grund, warum ich orthodox geworden bin." 

Nicht nur vor jüdischem Publikum auftreten

Ashley Blaker ist selbst überrascht, wie gut es läuft. Er hat in Großbritannien eine Marktlücke entdeckt; in London spielte er wochenlang vor ausverkauftem Haus. Und wie sieht er sich selbst? Kommt er mit dem Stempel jüdischer Comedian zurecht oder sieht er sich eher als Komiker, der nun ausgerechnet jüdisch-orthodox ist?

"Letzteres wäre mir schon lieber. Aber es wäre naiv von mir, zu denken, dass ich nicht mit dem Label jüdisch versehen werde. Ich bin es ja und ich rede viel darüber. Nein, ich bin auch sehr zufrieden damit, dass man mich als jüdischen Komiker bezeichnet. Wichtig ist mir hingegen, nicht nur vor einem jüdischen Publikum aufzutreten, mich in der Hinsicht also nicht zu beschränken. Das mache ich auch nicht."

Derzeit ist Ashley zusammen mit seinem muslimischen Freund Imran Yusuf auf Tour durch Großbritannien. "Prophet sharing" heißt das Stand-up Programm der beiden. Darin teilen sich die beiden ihre je eigenen Propheten und kabbeln sich , welches Essen koscherer oder strenger halal ist, ob Ashleys Synagoge oder Imrans Moschee frommer ist und ob es schwieriger ist, Juden oder Muslime zum Lachen zu bringen.

Vorurteile einfach mal weglachen

Ashleys Glaube bedeutet für die Tour auch gewisse logistische Herausforderungen. Wegen des Schabbat fallen die Freitagabende und im Sommer auch die Samstagabende als Auftrittstermine weg. Und weil nicht immer koscheres Essen verfügbar ist, hat er sich daran gewöhnen müssen, auch mal eine Weile nur mit Obst klarzukommen. Diese Hindernisse und Nachteile nimmt Ashley in Kauf. Im Gegenzug dürfen auch Vorurteile einfach mal weggelacht werden:

"Imrans und mein Gefühl ist, dass es heute wichtiger ist denn je, dass Juden und Muslime zusammenkommen. Da gibt es diese historische Spannung zwischen Juden und Muslimen, insbesondere mit Blick auf Israel und Palästina. Es ist wichtig, in so einer Show zu zeigen, dass wir stärker sind, wenn wir zusammen statt getrennt sind. Denn wir werden gleichermaßen leiden, wenn extrem rechte Bewegungen weiter wachsen."

Klare Grenzen

Seine Gags und Witze machen zwar Religion zum Thema, Ashley hat als religiöser Mensch aber auch sehr klare Grenzen. Er will niemanden beleidigen oder angreifen, keine religiösen Gefühle verletzen. Er hat für sich eine Formel für diesen Balanceakt gefunden: "Nimm deine Religion ernst, aber nimm dich selbst nicht allzu ernst".

 

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