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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturJüdisches Leben im Land der Mörder26.11.2012

Jüdisches Leben im Land der Mörder

Michael Brenner (Hg.): "Geschichte der Juden in Deutschland von 1945 bis zur Gegenwart", Beck

Es gibt sie längst wieder, eine lebendige jüdische Kultur in Deutschland. 2010 zählten die 108 jüdischen Gemeinden über 100.000 Mitglieder - eine Entwicklung, die in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg nicht vorhersehbar war. Das zeigt jetzt der von Michael Brenner herausgegebene Sammelband.

Von Niels Beintker

Bundeskanzlerin Angela Merkel bekommt in Frankfurt am Main vom Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland, Dieter Graumann (l), einen Chanukka-Leuchter überreicht. Rechts steht Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats. (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)
Bundeskanzlerin Angela Merkel bekommt in Frankfurt am Main vom Präsidenten des Zentralrates der Juden in Deutschland, Dieter Graumann (l), einen Chanukka-Leuchter überreicht. Rechts steht Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats. (picture alliance / dpa / Frank Rumpenhorst)

Sie waren nur wenige. Und doch wollten sie bleiben. In Augsburg etwa gründeten 32 Überlebende nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue Jüdische Gemeinde. In Weiden in der Oberpfalz gab es 1945 noch drei Juden. Auch ihre Gemeinde blieb bestehen. Sie wuchs schnell, weil vertriebene Juden aus Ost- und Mitteleuropa in der amerikanischen Besatzungszone eine zeitweilige oder endgültige Heimat finden sollten. Dabei stand das Leben der Sche'erit Hapleta – zu Deutsch: "der Rest der Geretteten" – in den Jahren nach der Shoah im Zeichen eines eigentümlichen Bannes. Chaim Yahil etwa, Zionist und israelischer Konsul in München, beschwor die Überlebenden, den – Zitat – "korrumpierenden Fleischtöpfen Deutschlands" zu entsagen und das Land der Mörder für immer zu verlassen. Das war eine weit verbreitete Position, sagt der Münchner Historiker Michael Brenner:

"Dass nach der Katastrophe, nach dem, was Juden in Deutschland angetan wurde, noch einmal jüdisches Leben hier blühen sollte, war für jüdische Gemeinden in Amerika oder auch in Israel eigentlich ein Unding. Das durfte nicht sein. Und daher der Begriff des Bannes. Das heißt, man hat fast mit einem religiösen Bann die jüdischen Gemeinden hier behaftet. Das hat sich dann gelegt, aber die ersten – ich würde sagen: doch zwei – Nachkriegsjahrzehnte waren sehr stark von diesem Gefühl, eigentlich mit schlechtem Gewissen gegenüber den anderen Juden in anderen Ländern hier in Deutschland zu leben geprägt."

Der von Michael Brenner herausgegebene Sammelband teilt die Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945 in unterschiedliche Zeitabschnitte ein. Die Nachkriegsjahre, die Ära der DP-Lager, der provisorischen Lebensorte der sogenannten Displaced Persons, dann die Zeit der stillen Ankunft, die 50er und 60er-Jahre, die 70er und 80er-Jahre, eine Epoche der zunehmenden Selbstvergewisserung innerhalb der jüdischen Gemeinden und schließlich der große Aufbruch seit 1989, bestimmt nicht zuletzt durch die Zuwanderung von Juden aus der sich auflösenden Sowjetunion. Von besonderem Interesse sind die Kapitel über die Geschichte der Juden in der frühen Bundesrepublik – ein Thema, das, angesichts von Wirtschaftswunder- und Wiederaufbau-Euphorie, nahezu unbemerkt blieb.

Michael Brenner: "Jüdisches Leben in den ersten Nachkriegs- nicht nur Jahren, sondern Jahrzehnten findet im Wesentlichen hinter verschlossenen Türen oder in Hinterhöfen statt, von der Öffentlichkeit fast völlig unbemerkt. München ist ein gutes Beispiel: die jüdische Gemeinde, die Synagoge, die natürlich auch nicht zufällig deswegen überlebt hat, weil sie im in einem Hinterhof war – denn die wurde als einzige nicht am 9. November 1938 angezündet. In diesem Hinterhofleben fühlt man sich ganz wohl. Denn man ist ja auch nicht unbedingt mit dem Entschluss hier, bewusst in Deutschland zu bleiben."

Trotzdem gehört auch die Gründung des Zentralrates der Juden in Deutschland zu dieser frühen Zeit des Ankommens. Bezeichnend für die ambivalente und fragile Situation in der jungen Bundesrepublik ist der Prozess gegen Philipp Auerbach, Auschwitzüberlebender, bayerischer Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte und Gründungsmitglied des Zentralrates. Wegen angeblicher Unregelmäßigkeiten im Umgang mit Wiedergutmachungsangelegenheiten wurde er im Frühjahr 1951 in Untersuchungshaft genommen und ein Jahr später verurteilt. Drei der fünf Richter, so Michael Brenner, waren mit der NSDAP verbunden. Philipp Auerbach beteuerte seine Unschuld und nahm sich zwei Tage nach der Urteilsverkündung das Leben. Auch das kaum noch bekannt.

Michael Brenner: "Es gab sicherlich Unregelmäßigkeiten. Aber die meisten – was klar ist, dass er sich wohl nicht in die eigene Tasche gewirtschaftet hat, sondern dass er sich so ein bisschen als Robin Hood der Überlebenden fühlte, der also auch jetzt auf teilweise unkonventionelle Weise und wohl auch nicht immer auf ordentlichem Weg versuchte, denjenigen, die jetzt Schreckliches durchgemacht haben, wieder einen Neuanfang zu erlauben. Das hat auch Kritiker innerhalb der jüdischen Gemeinden gefunden. Aber die Tatsache, dass nun deutsche NSDAP-Mitglieder, ehemalige, als Richter den Prozess führten, das warf einen Schatten über das Ganze."

Die Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945 war lange Zeit auch eine doppelte – geprägt durch die unterschiedliche politische Entwicklung in den beiden deutschen Staaten. Auch darüber schreiben Michael Brenner und die anderen Autoren des Bandes, unter ihnen die Historiker Dan Diner und Norbert Frei. Unmittelbar nach Kriegsende beschlossen etwa 15 Juden aus Leipzig, die Israelitische Gemeinde in ihrer Stadt wieder aufzubauen. Anders als in der amerikanischen Besatzungszone gab es hier keine große Zuwanderungswelle von osteuropäischen Juden. Zum anderen wirkten sich Schlüsselereignisse wie die Slánský-Prozesse in Prag, eine antisemitische Säuberungsaktion in der Kommunistischen Partei der Tschechoslowakei im Jahr 1952, unmittelbar auch auf die Gemeinden in der DDR aus. Ein großer Teil der Mitglieder der jüdischen Gemeinden und die Mehrzahl der Vorsitzenden flüchtete in den Westen.

Michael Brenner: "Was danach noch übrig war, war schon eine Rumpfgemeinde, die dann weiter schrumpfte. Und bis zum Jahr 1989 haben alle jüdischen Gemeinden in der DDR gerade einmal eine Mitgliederzahl, eine Gesamtmitgliederzahl von 350 Menschen. Wir sprechen von 350 Menschen in den Gemeinden."

Eine historische Darstellung, die bis in die Gegenwart führt, kann nur eine vorläufige Bilanz ziehen. Michael Brenner, Professor für jüdische Geschichte in München, spricht mit Blick auf die Jahre nach 1989 und 90 von einer neuen realen und symbolischen Existenz jüdischen Lebens in Deutschland, ebenso von einem neuen Pluralismus jüdischer Kultur und Religiosität. Von einem normalen Verhältnis zu sprechen, wäre dennoch reichlich verfehlt – der umfangreiche Sammelband verweist auf die großen Debatten wie die nach Martin Walsers Dankesrede bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels oder auch auf die aktuelle Diskussion um das Urteil des Kölner Landgerichts zur Rechtmäßigkeit von Beschneidungen. Noch immer ist Aufklärung nötig, lautet ein Resümee dieser Geschichte der Juden in Deutschland seit 1945. Dieser umfangreiche Sammelband führt selbst vor, wie Gewinn bringende historische Aufklärung aussieht.

Michael Brenner (Hg.): Geschichte der Juden in Deutschland von 1945 bis zur Gegenwart: Politik, Kultur und Gesellschaft.
Verlag: Beck, 542 Seiten, 34 Euro
ISBN: 978-3-406-63737-7

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