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StartseiteAus Religion und GesellschaftAufbruch nach Germanija06.01.2021

Jüdisches Leben in DeutschlandAufbruch nach Germanija

Vor 30 Jahren kamen die ersten jüdischen Kontingentflüchtlinge aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland. In der UdSSR war es unerwünscht, Religion und Tradition zu leben. Durch den Neuanfang in der Fremde entdeckten viele die eigenen jüdischen Wurzeln.

Von Carsten Dippel

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Teilnehmer der Kundgebung "Steh auf! Nie wieder Judenhass!" des Zentralrats der Juden in Deutschland stehen am 14.09.2014 vor dem Brandenburger Tor in Berlin. Zusammen mit der Bundeskanzlerin und dem Bundespräsidenten demonstrieren mehrere tausend Menschen gegen Antisemitismus. (picture alliance / dpa / Maja Hitij)
Die Regelung zur Aufnahme jüdischer Kontingentflüchtlinge ins gerade wiedervereinigte Deutschland trat im Februar 1991 in Kraft. (picture alliance / dpa / Maja Hitij)
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"Wir dachten wirklich, da steht jemand auf dem Bahnsteig und wartet auf uns und wird uns einfach weiter irgendwie befördern. Und dann stiegen wir in Berlin aus, das war noch am sehr frühen Morgen, um 5 Uhr, und dann stand da natürlich niemand."

Berlin-Lichtenberg an einem Junimorgen 1992. Die Koffer drängen sich auf dem Bahnsteig, einer, noch einer, ein ganzes Wohnungsinventar. Alles, was man mitnehmen kann in ein fernes Land. Zwei volle Tage waren die Nemtsovs unterwegs. Die beiden Eltern, schon längst im Rentenalter, der bald 30-jährige Jascha und seine Schwester. Die Fahrkarte von St. Petersburg reicht gerade nach Berlin. Ihr Ziel ist Esslingen. Doch sie haben weder Geld für die Fahrkarten noch eine Ahnung, wie man da hinkommt.

"Dann hatte mein Vater gerade die Idee, man soll doch irgendwelche Juden finden. Es würde doch bestimmt in so einer großen Stadt Juden geben. Und dann haben wir uns tatsächlich durchgefragt, vor allem meine Schwester, die sich auf Englisch verständigen konnte, wie man zu den Juden kommt und dann sind wir schließlich auf der Oranienburger Straße gelandet und da gab’s einen Sozialdienst der Jüdischen Gemeinde und sie haben uns wirklich geholfen."

7-armiger Leuchter, 1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland (imago / biky) (imago / biky)


Furcht vor Pogromen

Mit der Perestroika verließen ab Mitte der 80er-Jahre nach und nach einzelne jüdische Familien die Sowjetunion Richtung Amerika und Israel. Im Februar 1991 trat im gerade wiedervereinigten Deutschland eine Regelung in Kraft, die es Tausenden Juden ermöglichte, als sogenannte "Kontingentflüchtlinge" nach Deutschland zu kommen. Die Lage in der zerfallenden Sowjetunion war dramatisch. Und für Jüdinnen und Juden prekär, wenn nicht bedrohlich.

"Die Furcht vor Pogromen, die damals als Gerüchte auch verbreitet wurden und man wusste wirklich nicht, wohin die Reise geht. Da in Russland, das war wirklich ein Zusammenbruch und der dazu noch sehr schnell vonstatten gegangen ist. Da hatte man einfach Angst, da weiter zu bleiben."

Die Moskauer Bevölkerung leistet am 19. August 1991 Widerstand gegen einrollende Panzer der Roten Armee vor dem russischen Regierungsgebäude, dem "Weissen Haus". Ein achtköpfiges "Notstandskomitee", angeführt vom Vizepräsidenten Gennadi Janajew, übernahm am 19. August die Macht und stellte den sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow in dessen Feriensitz auf der Krim unter Hausarrest. Nach massivem Widerstand der Bevölkerung gaben die Putschisten am 21. August 1991 auf, am 22. August kehrte Gorbatschow nach Moskau zurück (Picture Alliance / TASS)Das Ende der Sowjetunion war für die Juden eine Zeit der Ungewissheit (Picture Alliance / TASS)

Dank dieser Regelung sind in den vergangenen drei Jahrzehnten mehr als 230.000 Jüdinnen und Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen. Sie haben das Gesicht des Judentums in Deutschland, das 1990 gerade noch 29.000 Gemeindemitglieder zählte, vollkommen verändert. In vielen Städten haben sie überhaupt erst zu neuem jüdischen Leben geführt.

"So viele Juden sind in diesem Land!"

Für den Historiker Dmitrij Belkin, der in Dnipropetrowsk im Osten der Ukraine aufwuchs, begann mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ein neues Leben. Plötzlich schien so vieles möglich. Doch die äußerst angespannte wirtschaftliche und politische Lage in dem neugegründeten Staat nahm ihm die Perspektive. Anfang Dezember 1993 ging er mit seiner Frau auf die abenteuerliche Reise gen Westen. So erzählt er es in einem Gespräch mit DLF Kultur:

"In deinem Pass steht: 'Visum für Deutschland.' Viel Glück! Und dann reist man durch die Zeiten. Erlebt haben wir starke Menschen, Familien, die für immer gingen sozusagen und die ganze Emotionalität eines überfüllten Busses. Erlebt haben wir die ukrainischen Zöllner, die Geld wollten, die polnischen Zöllner, die Geld wollten, die deutschen wollten kein Geld, sie wollten Zigaretten finden, denn sie gingen davon aus, dass wir Wodka und Zigaretten schmuggeln."

Die Fenster in den deutschen Kleinstädten, durch sie fuhren, waren vorweihnachtlich geschmückt.

Belkin erzählt: "Das waren diese Kerzenständer und wir dachten, dass sind alles Chanukkioth, weil ich wusste, ich hatte keine Ahnung vom Judentum, aber ich wusste Channukah hat so diese Leuchter. Und wir dachten, so viele Juden sind in diesem Land! Wir haben christliche Symbole als jüdisch interpretiert."

Aufbruch in eine ungewisse Zukunft

In Karlsruhe landete Belkin schließlich in einem Aufnahmeheim, einem frühen "Biotop der Globalisierung", wie er es ausdrückt, denn die Flüchtlinge dort kamen von überall her. Belkin hatte ein kleines Zimmer von 6 Quadratmetern.

"Dieses Gefühl, was mache ich hier, war sehr stark ausgeprägt einerseits. Andererseits ich hatte ein Ziel und muss weiter studieren. Tübingen lag um die Ecke und so führte mich der Weg mit einem sehr rudimentären Deutsch irgendwann zur Uni."

Die Familie Shapiro verschlug es nach Dillenburg. Sie waren die einzige jüdische Familie in der hessischen Kleinstadt. Sie kamen mit dem Flugzeug im Dezember 1997 von Moskau Sheremetjewo . Olga Shapiro war sieben Jahre alt. Sie erzählt: 

"Ich erinnere mich, wie wir verabschiedet wurden: Es waren eine Menge Menschen, die mitgekommen ist zum Flughafen. Dass das ein Aufbruch war in eine ungewisse Zukunft in eine Land, das niemand kannte, nur vom Hörensagen und an ein Ort, von dem man nicht wusste, ob wir jemals wiederkehren werden."

Für die DDR war die Asylfrage heikel

Das alles hatte eine Vorgeschichte, die in den revolutionären Herbst 1989 in der DDR zurückreicht. Zu jener Zeit drangen die ersten Berichte über die prekäre Lage der sowjetischen Juden durch. Der im Dezember gegründete Jüdische Kulturverein in Ost-Berlin trat daher im Februar 1990 an den Zentralen Runden Tisch heran. Die Forderung: Die DDR solle angesichts ihrer historischen Verantwortung die sofortige Aufnahme sowjetischer Juden ermöglichen. Tatsächlich griff der Runde Tisch dieses Anliegen auf. Im April 1990 erklärten die Fraktionen der Volkskammer gemeinsam:

"Wir bitten die Juden in aller Welt um Verzeihung. Wir bitten das Volk in Israel um Verzeihung für Heuchelei und Feindseligkeit der offiziellen DDR-Politik gegenüber dem Staat Israel und für die Verfolgung und Entwürdigung jüdischer Mitbürger auch nach 1945 in unserem Land."

"Ich denke, das ist ein ganz wichtiger Satz, das ist vorher so noch nie gesagt worden: Wir treten dafür ein, verfolgten Juden Asyl zu gewähren", sagt Almuth Berger.

Daraufhin kamen ab Mai 1990 immer mehr jüdische Familien aus der Sowjetunion. Sie konnten mit einem Touristenvisum in die DDR einreisen und erhielten ohne großen bürokratischen Aufwand eine Aufenthaltserlaubnis.

Ein Porträt der ehemaligen Ausländerbeauftragten von Brandenburg, Almuth Berger. (Foto: privat)Almuth Berger spielte als Ausländerbeauftragte eine wichtige Rolle für sie Einreise sowjetischer Juden in die DDR (Foto: privat)

Almuth Berger war damals Ausländerbeauftragte beim Ministerrat der DDR. Sie bekam den Auftrag, eine gesetzliche Regelung zu entwerfen. Die DDR kannte bis dahin kein Asylrecht, das war alles Neuland. Doch eine solche Regelung gestaltete sich schwieriger als gedacht. Man konnte der Sowjetunion nicht einfach Antisemitismus unterstellen. Gleichzeitig war es für den Staat Israel unvorstellbar, ausgerechnet Deutschland zum Aufnahmeland für jüdische Flüchtlinge zu machen.

Almuth Berger: "Ich habe aber argumentiert, dass wir uns gerade als Deutsche nun unmöglich weigern konnten, jüdische Menschen aufzunehmen, die selbst den Wunsch hatten, hierherzukommen. Es waren schon viele Menschen, die gekommen waren und viele, die auf gepackten Koffern saßen. Man konnte die ja nicht zurückschicken."

So fasste schließlich am 11. Juli 1990 der Ministerrat der DDR gegen alle Bedenken aus humanitären Gründen, wie es hieß, einen Beschluss zur Aufnahme "ausländischer jüdischer Menschen, denen Verfolgung und Diskriminierung drohe".

Berger: "Da kam weder das Wort Sowjetunion vor noch das Wort Flüchtling. Das war eine der Voraussetzungen, weil das so diplomatisch ausgedrückt sein musste, dass man damit auch nach außen umgehen konnte."

Kontingentflüchtlinge zur Stärkung der Gemeinden

Für viele jüdische Familien war es eine pragmatische Entscheidung, nach Deutschland auszuwandern. In die USA konnte nur auswandern, wer dort Verwandte hatte. Auch Israel, das immerhin 400.000 Juden aus der Sowjetunion aufnahm, war für viele nicht das Land der Verheißung.

Ende 1989 zählte die jüdische Gemeinde in der DDR gerade noch 400 Mitglieder. Viel konnte sie nicht auf die Beine stellen, aber sie bemühte sich, den Neuankömmlingen zu helfen. Bis Mitte Oktober 1990 kamen gut 2.000 Menschen  aufgrund einer Regelung, die jedoch nicht im Einigungsvertrag übernommen wurde, trotz intensiver Bemühungen der ostdeutschen Seite. Almuth Berger:

"Man war ja generell nicht bereit, irgendwelche DDR-Regelungen zu übernehmen. Aber man wollte auch keine Einwanderung. Damals war noch das absolute Mantra, gerade der CDU, Deutschland ist kein Einwanderungsland."

Erst mit dem Einsatz von Heinz Galinski, dem Vorsitzenden des Zentralrats der Juden in Deutschland, konnte die Bundesregierung zu Beginn des neuen Jahres dazu bewogen werden, die Einwanderung sowjetischer Juden über die Sonderregelung "Kontingentflüchtlinge" zu organisieren. Galinski verband das mir dem ausdrücklichen Wunsch, die jüdischen Gemeinden in Deutschland zu stärken.

Das Messer lag bereit

Bei Familie Shapiro in Moskau war die Mutter die treibende Kraft zur Auswanderung. Der Vater mochte sich nicht recht vorstellen, wie das Leben in Deutschland weitergehen könne, wenn er alle Verbindungen zu seinen Kollegen und Freunden – angesehene Mediziner – das Leben in einer intellektuellen, großbürgerlichen Welt verliere. Doch die Mutter sah die Gefahr der zunehmenden Judenfeindschaft im Land. 

Der Urgroßvater, noch mit Jiddisch aufgewachsen, war General in der Roten Armee. Viele in der Familie glaubten an den Kommunismus, die Religion spielt kaum eine Rolle. Aber sie haben alle jüdisch geheiratet. Die Großmutter sei schon nicht mehr religiös, aber selbstbewusst jüdisch gewesen.

Die Stadt Dillenburg mit dem Schloss , hier am 16.9.2019 ist der Geburtsort des Prinzen von Oranien und Urahn des derzeitigen niederländischen Königs. (Picture Alliance / dpa / Klaus Rose)Von Moskau nach Dillenburg - für Familie Shapiro war die Flucht nach Deutschland in vielerlei Hinsicht ein Kulturschock (Picture Alliance / dpa / Klaus Rose)

Die Eltern der drei Shapiro-Geschwister waren mit dem alltäglichen Antisemitismus in der Sowjetunion konfrontiert, mit den Quoten an den Hochschulen. Sie wollten gegen alle Widerstände etwas im Leben erreichen. Die Mutter habe sich später der eigenen Tradition wieder zugewandt und im hessischen Dillenburg eine jüdische Gemeinde gegründet. Anna Shapiro, die mittlere der drei Geschwister, forscht heute zur Geschichte der Familie.

Sie sagt: "Mich beschäftigt das total, weil die ja in diesem Ethos weiterleben, egal,wo sie gelebt haben. Das war für mich als Kind überhaupt nicht greifbar. Generalstochter, krasse akademische Stellung und dann in so einem Kaff."

Ein Teil der Verwandtschaft lebt heute in den USA, ein anderer in Israel. Eine Cousine des Vaters wurde in den USA Psychiaterin.

"Das war für unseren Vater nicht möglich. Und wo sind die ganzen Professoren mit Akzent? Das war ja eigentlich das Harte, was wir bei unseren Eltern mitbekommen haben: Die Nichtanerkennung der Diplome, plötzlich die Rolle des Ausländers mit gebrochenem Deutsch zugesprochen zu bekommen, statt zu gucken, was kann diese Person."

"Ich kam nach Deutschland als Nobody"

Eigentlich wollten die Nemtsovs nach Amerika, doch Washington hatte im Oktober 1989 plötzlich seine Aufnahmeregeln geändert. So saß die Familie noch fast drei Jahre auf halb gepackten Koffern und wartete. Erst mit der deutschen Regelung, die im Februar 1991 in Kraft trat, bot sich eine neue Chance zur Auswanderung. Jascha Nemtsov erinnert sich an die lange Schlange vor dem Konsulat:

"Das war schon ein sehr bemerkenswertes Bild, wo die ganze Straße, also wo das Konsulat sich befand, war einfach voll. Das waren einige Tausend Leute - und lauter Juden! Also die sich eintragen wollten und dann wurden wirklich alle erfasst an diesem Tag."

Jascha Nemtsov (imago/Bild13)Der Musikwissenschaftler und Pianist Jascha Nemtsov (imago/Bild13)

Für die Eltern war der Neuanfang in Deutschland nicht leicht. Doch für ihren Sohn Jascha, dekoriert mit einer Goldmedaille des Leningrader Musikkonservatoriums, begann in diesem fernen Land ein neues Leben.

"Ich kam nach Deutschland als wirklich absoluter Nobody. Ich war Nichts. Ich war Korrepetitor, aber das ist ja wirklich keine bedeutende Position im Leben, ganz im Gegenteil. Und ich war für alles offen. Ich habe gedacht, wenn ich etwas mit Musik mache, es wäre gut, wenn nicht, mach halt was anderes. Ich war wirklich offen für jede Tätigkeit und für jede Beschäftigung, aber Hauptsache, ich würde irgendwas machen, irgendwas anfangen mit diesem neuen Leben."

Die Arbeitssuche war schwierig

Viele Einwanderer, die Älteren zumal, aber auch die Generation der 40- bis 50-Jährigen, taten sich mit dem Neuanfang in Deutschland schwer. Wie die Shapiros waren viele Akademiker. Vormals angesehene Wissenschaftler und Fachkräfte an sowjetischen Hochschulen und Instituten: Ärzte, Diplomingenieure, Orchestermusiker. Sie kamen mit großen Träumen, die schnell zerstoben.

"In jüdischen Familien in der Sowjetunion versuchten die Eltern immer eine sehr gute Ausbildung zu ermöglichen, das war ganz normal, einen Hochschulabschluss muss man unbedingt haben."

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Jewgenij Kutikow kennt all diese Schwierigkeiten. Der heutige Vorsitzende der Potsdamer Jüdischen Gemeinde unterrichtete in Gomel, in Weißrussland, Physik und Technik, hatte zudem ein Diplom als Bauingenieur. In Deutschland hielt er sich jahrelang mit anderen Jobs über Wasser.

"Nur diese Sache, dass wir keinen Job hatten, das war sehr sehr schlimm, psychologisch. Das waren Momente, wo wir überhaupt nicht wussten, wie soll es weitergehen."

Wiederbelebung des Judentums?

Ohne die Zuwanderer gäbe es heute vielerorts überhaupt keine jüdische Gemeinde. Doch ist mit dem unerwarteten Zustrom auch eine Renaissance jüdischer Tradition verbunden? Sandra Anusiewicz-Baer, die in zu DDR-Zeiten in der kleinen jüdischen Gemeinde in Dresden aufgewachsen ist, bleibt skeptisch bei dieser Frage. 

"Dieses Mantra von der Wiederbelebung des Judentums in Deutschland, das führt nicht dazu, dass wir eine Wiederbelebung im religiösen Bereich haben. Die findet im Religiösen nicht statt. Sondern sie zeigt sich wirklich in ganz anderen Bereichen, vielleicht auch im politischen Engagement oder im ehrenamtlichen. Das ist sehr zerfasert und selektiv."

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Im sowjetischen Pass wurde unter Nationalität "jüdisch" eingetragen, wenn der Vater jüdisch war. Nach der Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, gilt als jüdisch hingegen, wer eine jüdische Mutter hat oder konvertiert ist. Dmitrij Belkin gehört zu jenen Einwanderern, bei denen "nur" der Vater jüdisch war. Für viele dieser sogenannten "Vaterjuden" ergaben sich daraus Konflikte. Belkin ist mit der Tradition in der Ukraine kaum in Berührung gekommen. Erst seine Auswanderung hat ihm diese näher gebracht.

"Das Umfeld meiner Familie war zu 80 Prozent jüdischer Herkunft, aber es gab null Tradition, null Religion. Es gab Elemente im Jiddischen bei meinen Großeltern, väterlicherseits. Es gab mütterlicherseits gar keine Verbindung, was sich später herausstellen sollte, dass ich das in Deutschland vervollständigen soll irgendwie, weil wir hatten auch keine Ahnung, wie das im Judentum geht."

In Dnipropetrowsk lebten damals gut 40.000 Jüdinnen und Juden - mit einer einzigen Synagoge, kaum mehr als ein Zimmer groß.

"Was bist du den? Ein Jude" 

Für Belkin selbst begann die Rückbesinnung auf die jüdischen Wurzeln seiner Familie in Deutschland, mit der Geburt seines Sohnes.

Der Historiker Dmitrij Belkin vom Zentralrat der Juden betreut das Projekt "Shalom Aleikum" als Kurator. (Zentralrat der Juden / Malina Ebert )Der Historiker Dmitrij Belkin vom Zentralrat der Juden (Zentralrat der Juden / Malina Ebert )

"Wenn man in diesem Land als Migrant, was nicht besonders migrantenfreundlich ist, nackt, also einsam, im Sinne, also bitte sehr, hier ist das große Land, dann stellt man sich die Frage, was bist du denn? Wenn man sich diese banale Frage stellt und eine Antwort gibt, nicht fünf Antworten, ich bin russischsprachig, ich bin ukrainischsprachig, deutschsprachig, ich bin dies, das, Historiker, sondern eine einzige: Und diese einzige Frage und einzige Antwort war für mich: Ein Jude."

"Das Wichtigste war die russisch-jüdische Bildungstradition"

Der Vater von Jascha Nemtsov, der zu Beginn der Sendung von seiner Ausreise erzählte, wurde im Zuge der Großen Säuberung 1938 verhaftet und kam ins berüchtigte Straflager an die Kolyma. Er hat die Torturen von zehn Jahren Gulag überlebt. Die Familie durfte erst später wieder in den europäischen Teil der Sowjetunion zurückkehren. Er habe Russland nie vermisst, erzählte Jascha einmal.

Er sagt: "Ich hatte nie das Gefühl, dass ich irgendwie dahin gehöre. Ich bin wirklich so mit dem Gefühl aufgewachsen, dass ich da ein Fremder bin. Das wurde mir auch immer wieder zu verstehen gegeben. Also ich liebe natürlich die russische Sprache, die russische Kultur und die russische Literatur insbesondere. Und ich liebe auch meine Stadt."

Magadan-Region, Sowjetunion: Die Ruinen des Gulag Butugychag nahe Kolyma. Sowjetische Gefangene wurden hier zum Uranabbau gezwungen. Das Foto stammt von 1989.  (Picture Alliance / TASS / Archive)In den Gulags an der Kolyma wurden die Gefangenen unter anderem zum Uranabbau gezwungen (Picture Alliance / TASS / Archive)

Inzwischen ist Jascha Nemtsov viel in die alte Heimat gereist. Er hat sich als Musikwissenschaftler und Pianist mit dem russisch-jüdischen Musikerbe beschäftigt. Heute lebt er mit seiner Frau, einer deutsch-jüdischen Komponistin und den Kindern in Berlin-Charlottenburg, das vor der Shoah schon einmal als "Charlottengrad" Geschichte schrieb und vielen russischsprachigen Juden zur Heimat im Exil wurde.

Jascha Nemtsov sagt: "Die meisten Einwanderer sind extrem gut integriert. Natürlich nicht die Generation meiner Eltern. Aber die jüngeren und die Kinder, die inzwischen erwachsen sind, gehören hier einfach überwiegend zum Mittelstand, viele haben geistige Berufe. Ich glaube, die russisch-jüdischen Einwanderer haben von dieser Bildungstradition profitiert."

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Tatsächlich prägen die Zuwanderer die Gemeinden überaus stark. In manchen stellen sie 90 Prozent der heute gut 110.000 Mitglieder. Aber auch sie haben seit Jahren mit Mitgliederschwund zu kämpfen. Das Gemeindeleben ist vielerorts eines der älteren Generation. Die junge Generation, überwiegend geprägt von dieser Migrationsgeschichte, schafft sich ihre ganz eigenen Räume des Jüdischseins.

"Wir sind die Kultur"

Ein Abend in Berlin-Charlottenburg. Die Kantorin Sveta Kundish, aufgewachsen in der Ukraine, ist mit Freunden zusammengekommen. Musiker von allen Enden der Welt. Sie spielen Klezmerweisen, singen russische und jiddische Lieder. Kundish trägt gemeinsam mit der in Riga geborenen Sasha Lurje viel zum Wiederaufleben der jiddischen Sprache, Musik und Kultur bei.

"Plötzlich war es das Gefühl, das ist mein Kleid, das ist meine Musik und das ist genau, was ich machen muss. Und dann bin ich zurück zu den Wurzeln gegangen, zum Ursprung, zu meiner Kultur, ja, es ist ein sehr wichtiger Teil von mir. Ich liebe das, es spricht zu mir."

Sasha Lurje sagt: "Wir sind nicht in einem Museum, wir sind die Kultur, wir sind, was passiert."

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