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StartseiteEuropa heuteRechtspopulisten verändern das Klima 27.01.2020

Jüdisches Leben in ItalienRechtspopulisten verändern das Klima

Antisemitische Vorfälle sind in Italien selten, aber sie werden mehr. Vor allem im Netz steigen die Anfeindungen. Letztes Jahr hat eine Holocaust-Überlebende Polizeischutz bekommen. Die Erfolge der rechtspopulistischen Lega und anderer rechter Gruppen verändern das gesellschaftliche Klima.

Von Christine Auerbach

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Die italienische Holocaust-Überlebende und Senatorin Juliana Segre. (AP/ Luca Bruno)
Unter Polizeischutz: Die italienische Holocaust-Überlebende und Senatorin Segre (AP/ Luca Bruno)
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Für den jüdischen Filmemacher Emanuele Ascarelli ist eine Gesellschaft ein Kochtopf auf einem Herd. Darin immer auch die Zutaten Antisemitismus und Vorurteil. Er sagt:

"Wenn die Temperatur dann steigt, kommen diese Zutaten zum Vorschein. Gerade steigt die Temperatur in Italien: Wirtschaftskrise, soziale Unzufriedenheit, Angst vor der Zukunft. Und schon ist der Nationalismus wieder da. Rassismus, Vorurteile gegen Minderheiten, so wie immer in der Geschichte in solchen Momenten."

Über viele Jahre hat Emanuele Ascarelli das jüdische Programm im Fernsehsender Rai koordiniert, hat für einen Dokumentarfilm Primo Levi bei seiner Rückkehr nach Auschwitz begleitet. Antisemitismus sei in Italien kein großes Problem, sagt er, aber: "Es könnte ein großes Problem werden".

Das zeigt auch die Statistik. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern, gibt es in Italien zwar wenig antisemitische Straftaten und judenfeindliche Äußerungen. Aber in den letzten Jahren nahmen sie zu: Das Mailänder "Observatorium für Antisemitismus" zählte 2018 197 antisemitische Vorfälle. In den beiden Jahren davor waren es nur jeweils 130. Körperliche Gewalttaten gegen Juden gab es dabei keine, der Hass spielt sich vor allem im Netz ab.

Holocaust-Überlebende bekommt 200 Hassbotschaften am Tag

Am bekanntesten ist dabei der Fall von Liliana Segre: Letztes Jahr musste die italienische Auschwitz-Überlebende unter Polizeischutz gestellt werden. Täglich bekam die 89-Jährige hunderte an sie gerichtete Hassbotschaften und Drohungen. Der Fall hat viele in Italien erschüttert und das Thema Antisemitismus auf die Titelseiten der Zeitungen gebracht. 600 Bürgermeister gingen in einer großen Demonstration gegen  Antisemitismus auf die Straße. Erst vor kurzem ernannte die Regierung den ersten Antisemitismus-Beauftragten. Emanuele Ascarelli:

"Eine einzige Beleidigung im Netz ist nicht so schlimm. Schlimm ist der Mechanismus dahinter, der die Lunte gezündet hat gegen Liliana Segre. Es ist auf einmal möglich, Dinge zu tun oder zu sagen, ohne dass man sofort bestraft wird. Oft sind das auch nur kleine Sachen, die aber das allgemeine Klima zeigen."

Ein Klima, das rechte Populisten wie Matteo Salvini verändern. Zwar versichert Matteo Salvini er sei gegen Rassismus, ein Freund Israels, und der Antisemitismus in Italien komme von den muslimischen Einwanderern. Aber bei solchen Aussagen schüttelt Gianni Polgar nur den Kopf. Er ist 83, geboren in Fiume, dem heutigen Rijeka in Kroatien. Er und seine jüdische Familie flohen kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs vor den Nazis nach Rom. Dort versteckten sie ihren Sohn. Gianni Polgar erzählt:

"In einer katholischen Schule war das, unter dem falschen Namen Franco Derensini. Dort bin ich geblieben, bis Rom befreit war, Juni 1944. Die Verwandten, die in Fiume geblieben sind, wurden deportiert und sind in Auschwitz gestorben."

Zeitzeuge engagiert sich für Diversität

Gianni Polgar geht als Zeitzeuge in Italiens Schulen und erzählt den Schülern von seinem Überleben. Er will ihnen klarmachen, dass eine Gesellschaft divers sein kann - und muss. Vor allem jetzt sei das wichtig, wo Populisten und Nationalisten genau das Gegenteil behaupteten. Er meint:

"Wenn ich in die Schulen gehe und sage, dass ich stolzer Jude und Teil des jüdischen Volkes bin und genauso stolzer Italiener dann verstehen sie mich oft nicht. Ich erkläre ihnen dann, dass es in Italien Minderheiten gibt, die es schon ewig gibt und die ihre Identität behalten haben. Wer also anders ist als sie, der ist nicht komplett anders. Er ist integriert, die Diversität gehört dazu!"

Dass jemand wie Liliana Segre Polizeischutz braucht ist für beide, den Filmemacher Emanuele Ascarelli und den Holocaust-Überlebenden Gianni Polgar ein Alarmzeichen. Gianni Polgar: "Es zeigt, was in der Italienischen Gesellschaft passieren kann."

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