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StartseiteKultur heuteEinen Neuanfang wagen27.11.2019

Jüdisches Museum BerlinEinen Neuanfang wagen

Nach den Querelen um den früheren Direktor Peter Schäfer soll die niederländische Kunsthistorikerin Hetty Berg das Jüdische Museum in Berlin übernehmen. Zur umstrittenen Bewegung BDS hat sie sich bereits klar positioniert. Ein Balanceakt wird der neue Job dennoch.

Von Sebastian Engelbrecht

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Das Foto zeigt die Straßenansicht vom Jüdischen Museum in Berlin. (imago / Schöning)
Das Jüdische Museum in Berlin. (imago / Schöning)
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Mit Hetty Berg wird es am Jüdischen Museum in Berlin keinen radikalen Kurswechsel geben – trotz eines wichtigen Unterschieds: Die 58-jährige Kulturmanagerin aus Amsterdam gehört – anders als ihr Vorgänger Peter Schäfer – zur Jüdischen Gemeinde. Seit 2002 ist sie in Amsterdam als Chefkuratorin des Jüdischen Kulturviertels tätig. Dazu gehören das Jüdische Historische Museum, das Kindermuseum, die Portugiesische Synagoge, das Nationale Holocaust-Museum. Auch die Hollandsche Schouwburg, eine Gedenkstätte zur Erinnerung an die Deportationen von Juden in die deutschen Konzentrationslager, gehörte bisher zu ihrem Verantwortungsbereich. Hetty Berg will die Verbindung herstellen zwischen der jüdischen Kultur und ihrem Umfeld. Schon im Jahr 2010 sagte sie zum Konzept einer Ausstellung in Amsterdam:

"Wir lassen Menschen zu Wort kommen, Juden von heute, die erzählen, was ihnen das Judentum bedeutet. Auf diese Weise wollen wir eine Brücke zu den Besuchern schlagen, damit er selbst darin Dinge wiedererkennen kann, auch wenn er überhaupt nicht jüdisch ist oder zu einer anderen Minderheit gehört oder einen niederländischen Hintergrund hat. Wir versuchen eine Brücke zu schlagen, um Menschen selbst das Wort zu geben."

Sie wünsche sich ein Museum, das "wirklich in die Stadt hineinwirkt", sagt der Rechtsanwalt Peter Raue, der Hetty Berg kennt. Er war im Stiftungsrat des Jüdischen Museums an der Entscheidung beteiligt. Peter Raue sagte im Deutschlandfunk Kultur:

"Sie sagt ganz klar: Dieses Haus muss ein Haus der offenen Diskussion sein. Wir müssen in diesem Haus Diskussionen zulassen auch mit Menschen und Meinungen, die wir nicht ertragen."

Hetty Berg, wird ab dem 1. April 2020 die neue Direktorin des Jüdischen Museums Berlin. (Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff) (Jüdisches Museum Berlin, Foto: Yves Sucksdorff)Neue Direktorin des Jüdischen Museums Berlin Der Stiftungsrat hat sich einstimmig für die angesehene Museumsmanagerin Hetty Berg als neue Direktorin des Jüdischen Museums Berlin entschieden. Am 1. April tritt sie ihr neues Amt an. Peter Raue sagt, vor allem ihr Konzept des offenen Hauses habe überzeugt.

Was unterscheidet dann Hetty Bergs Ansatz von dem ihres umstrittenen Vorgängers Peter Schäfer? Ihre jahrzehntelange Erfahrung als Kulturmanagerin. Peter Schäfer war im Juni dieses Jahres nach fünf Jahren vom Amt des Direktors zurückgetreten. Im März hatte er den iranischen Kulturattaché im Jüdischen Museum empfangen. Zuvor hatte der israelische Ministerpräsident Netanjahu die Jerusalem-Ausstellung des Museums als antiisraelisch kritisiert. Dem israelischen Premier kam die jüdische Perspektive darin zu kurz, die muslimisch-palästinensische stand aus seiner Sicht zu sehr im Vordergrund. Eine Kritik, die viele fachkundige Beobachter nicht teilten.

Schließlich hatte die Pressesprecherin auf dem Twitterkanal des Museums auf einen Artikel in der taz verwiesen. Darin kritisierten jüdische und israelische Wissenschaftler den Bundestag, der die BDS-Bewegung als antisemitisch einschätzte. Damit erregte Schäfer scharfe öffentliche Kritik – und musste sein Amt aufgeben. Der Publizist Carsten Dippel zeigte im Deutschlandfunk Verständnis für die Kritik.

"Ich glaube nicht, dass Peter Schäfer selbst, ich glaube auch nicht, dass das Jüdische Museum sich zum Wortführer für die BDS-Kampagne machen würde. Aber bei so einem hochsensiblen Thema einen solchen Tweet abzusetzen, das ist mindestens unglücklich. Das ist schon auch die Frage: Wie ist es passiert und warum muss das Jüdische Museum sich zu dieser Sache überhaupt äußern?"

Große Empfindlichkeiten

Peter Schäfer scheiterte, weil ihm das diplomatische Geschick bei der Führung des Museums fehlte. Fachlich genoss er höchstes Ansehen – als Judaist und insbesondere als Talmud-Gelehrter, als katholischer Christ, der auf der Suche nach dem lebendigen Judentum war. Schäfer begreift das Judentum als weltoffene, dialogoffene Religion.

"Judentum lebt immer in einer Umwelt und natürlich über viele Strecken einer christlichen Umwelt. Und insofern muss diese Interaktion des Judentums mit seinem Umfeld, der Umwelt mit dem Judentum, in der Wissenschaft, aber übrigens auch in einem Museum, sehr stark herausgearbeitet werden."

Im Land der Shoah aber sind die Empfindlichkeiten groß. Wie weit der Dialog des Judentums mit seiner Umwelt reichen kann, das ist in Deutschland, in Berlin besonders umstritten. Für Hetty Berg, die jüdische Niederländerin, ist diese besonders empfindliche deutsche Umgebung Neuland. Sie kommt am 1. April nach Berlin und kann sicher sein, dass die Berliner Öffentlichkeit neugierig auf sie blicken wird.

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