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StartseiteKommentare und Themen der WocheDenkverbote helfen nicht weiter21.06.2019

Jüdisches Museum in BerlinDenkverbote helfen nicht weiter

Lange hat die Schuld am Holocaust das deutsche Selbstverständnis geprägt - und das muss auch so bleiben, meint Christiane Habermalz. Doch es sei auch an der Zeit, festgefügte Diskurse zu hinterfragen. Das zeige die Debatte um den Umgang des Jüdischen Museums in Berlin mit Boykottaufrufen gegen Israel.

Von Christiane Habermalz

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Der ehemalige Direktor des Jüdischen Museums: Peter Schäfer. (imago images / Uwe Steinert)
Der ehemalige Direktor des Jüdischen Museums: Peter Schäfer. (imago images / Uwe Steinert)

Schon das Nachdenken darüber erscheint ein Tabubruch: Ist unser Blick auf Israel durch den Holocaust und unsere Schuld verstellt? Sind wir so befangen in Bezug auf unsere Schuld, dass wir nicht mehr merken, dass wir instrumentalisiert werden von einer israelischen Regierung, die alles tut, um Kritik an ihrer Siedlungspolitik pauschal als antisemitisch zu geißeln? Wohl kaum eine Diskussion macht mehr Angst und dürfte gerade in Deutschland zu mehr Kopfzerbrechen führen als diese. Und vielleicht sind wir auch noch nicht so weit. Angesichts des immer noch allgegenwärtigen Antisemitismus' in Deutschland steht es uns gut zu Gesicht, wachsam zu sein gegen Judenhass aller Art.

Doch die Debatte um den erzwungenen Rücktritt des Direktors des Jüdischen Museums macht deutlich, dass sich etwas verändert hat, und dass wir uns dem stellen müssen. Dass der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu Angela Merkel schreibt [*] und fordert, dem Museum müsse die Förderung entzogen werden, weil eine Ausstellung über Jerusalem der palästinensischen Sichtweise zu viel Raum einräume, ist das eine – und hochproblematisch.

Nachwirkungen des Holocaust

Damals stellte sich Kulturstaatsministerin Monika Grütters vor das Museum und Schäfer. Das war richtig. Doch am Ende musste Schäfer gehen, wegen der Kritik, dass sein Museum sich nicht ausreichend vom BDS distanziert habe, jener palästinensische Boykottbewegung, die aus Protest gegen die israelische Besetzungspolitik im Westjordanland zum Boykott von israelischen Waren aufruft und Kulturveranstaltungen stört, an denen israelische Künstler teilnehmen – und die kürzlich vom Bundestag pauschal als antisemitisch verurteilt wurde. Ohne Not, denn die Bewegung ist in Deutschland wenig einflussreich – und auch wenn es sicher auch Aktivisten unter ihnen gibt, die von Judenhass angetrieben werden, durchaus heterogen.

Wider Denkverbote

Und indem der Beschluss nicht nur dem BDS die Unterstützung entzieht, sondern auch allen Institutionen und Kulturprojekten, die mit ihm zusammenarbeiten, wird Boykott mit Boykott beantwortet, werden Denkverbote ausgesprochen, die unsere Debatte bestimmen – und die von der israelischen Regierung massiv befördert werden. Wohin das führen kann, wenn jeder Kontakt zu einem BDS-Unterstützer unter Generalverdacht gestellt wird, hat sich am Jüdischen Museum gezeigt. Zurück bleibt ein fahler Nachgeschmack.

Lange hat der Blick auf die Vergangenheit, die deutsche Schuld am Holocaust unser Selbstverständnis geprägt, und das muss auch so bleiben. Doch die Welt hat sich verändert. Überall ist die Meinungsfreiheit bedroht, stehen liberale Werte unter Druck. Es ist an der Zeit, auch festgefügte Diskurse, in denen wir uns lange sicher bewegt haben, zu hinterfragen. Denkverbote jedenfalls helfen nicht weiter. 

Christiane Habermalz/Porträtfoto ((c) Deutschlandradio/Bettina Straub)Christiane Habermalz ((c) Deutschlandradio/Bettina Straub)Christiane Habermalz, geboren 1968, studierte Romanistik, Publizistik, Geschichte und Politik an der FU Berlin. Sie absolvierte ein Volontariat beim Deutschlandradio, verbrachte mehrere längere Aufenthalte in Lateinamerika, wo sie u.a. als Journalistin arbeitete. Heute ist sie als Korrespondentin für Kultur- und Bildungspolitik im Hauptstadtstudio des Deutschlandradios tätig. 

[*] Anmerkung der Redaktion: In einer älteren Version dieses Beitrages stand, dass der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu Bundeskanzlerin Angela Merkel angerufen habe. Er hat ihr jedoch geschrieben. Wir haben diesen Fehler korrigiert.

**Präzision: Es handelte sich um ein mehrseitiges Papier, das der Bundesregierung übergeben wurde, und in dem „Anti-Israel-Aktivitäten“ des Jüdischen Museums und verschiedener Stiftungen und Menschenrechtsorganisationen beklagt wurden. Der israelische Botschafter beschreibt diese Intervention in einem Interview mit Deutschlandfunk Kultur am 22.12.2018 wie folgt:

„Als sich die israelische und die deutsche Regierung Anfang Oktober in Jerusalem trafen, wurde dieses Thema verhandelt, und wir haben der deutschen Seite ein sogenanntes 'non-paper' übergeben. Wir haben über verschiedene Institutionen gesprochen, die gegen den Staat Israel und seine Legitimität vorgehen – in einer ungebührlichen Weise, die den Ministerpräsidenten, die Legitimität Israels und auch den Status als demokratischer Staat verletzt. Ich ziehe es vor, in dieser Sache nicht in die Einzelheiten zu gehen. Wir haben ein Papier übergeben. Die deutsche Seite hat erklärt, sie werde die Sache prüfen, und ich ziehe es vor, diesen Dialog auf der Regierungsebene zu behandeln.“

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