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StartseiteTag für TagSchwarzbrot fürs Hirn11.11.2019

Jürgen Habermas über ReligionSchwarzbrot fürs Hirn

Die Philosophie hat sich aus der Religion herausgelöst. Aber sie hat Kernbegriffe mitgenommen. Deshalb ist Religion nicht tot und nach wie vor gesellschaftlich relevant. So könnte man unser Gespräch mit Jürgen Habermas über sein neues Werk zusammenfassen, das heute erscheint.

Von Henning Klingen

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Der Soziologe und Philosoph Jürgen Habermas blickt am 23.10.2016 bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche in Frankfurt am Main (Hessen) in die Kamera.  (dpa / Arne Dedert)
Jürgen Habermas' Denken hat Generationen von Philosophen geprägt (dpa / Arne Dedert)
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Große Fensterfronten, klare Formen, moderne Kunst – architektonische Moderne, Anklänge ans Bauhaus. Hier ist Platz für klares, hellsichtiges, großes Denken. Seit 40 Jahren lebt und arbeitet Jürgen Habermas hier in Starnberg in Oberbayern. Wir sind verabredet zu einem Gespräch über sein neues Buch. Ein dreistündiger Philosophie-Crashkurs bei Kaffee und Kuchen. Bei "leichtem Gebäck", wie er vorher schreibt.

Doch was Habermas da entfaltet – im Gespräch wie auch im neuen, fast 1.800 Seiten starken Buch – ist alles andere als leichtes Gebäck; es ist Schwarzbrot fürs Hirn. Denn es geht um Alles, was der Fall ist – und um ein Quäntchen mehr: Es geht ihm um alles, was der Mensch erkennen und mit seiner Vernunft durchdenken kann – aber eben nicht instrumentell, also bloß aneignend, sondern darum, wie der Mensch Bedeutung schafft, wie er auf die großen Fragen des Lebens vernünftig Antwort gibt. Und da spielt eben auch Religion eine Rolle.

Um das aufzuzeigen, arbeitet sich Habermas – einem Maulwurf der Vernunft nicht unähnlich – durch Epochen und Zeitalter, durch historische Quellen und längst verflossene Diskussionen. Von der sogenannten Achsenzeit über Thomas von Aquin, Martin Luther bis zu Kant und Hegel. Ein Streifzug durch die Geschichte der abendländischen Philosophie unter dem großen Vorzeichen "Glauben & Wissen".

Fortschritt oder Dekadenz? Weder noch!

Vor dem Mikrofon möchte Jürgen Habermas darüber nicht mehr reden. Das ist ihm in seinem Alter zu heikel. Er zieht das geschriebene dem gesprochenen Wort vor. Wer aber sehr wohl spricht und das Denken des Jürgen Habermas professionell erschließen hilft, ist der Frankfurter Religionsphilosoph und Habermas-Schüler Thomas Schmidt. Will man verstehen, worum es Habermas weiß, muss man laut Schmidt mit dem Titel des Buches beginnen. Dieser lautet: "Auch eine Geschichte der Philosophie".

"Der Titel des ganzen Buches spielt ja ironisch an auf einen Essay von Johann Gottfried Herder, der heißt: 'Auch eine Philosophie der Geschichte. Zur Bildung der Menschheit'. Das heißt, wenn Habermas darauf Bezug nimmt, dass es ihm um eine Geschichte der Philosophie geht, wie sich das philosophische Denken gestaltet hat, wie es entstanden ist, und dass die Frage, wie das Denken entsteht, nicht unabhängig davon zu klären ist, welche Philosophie der Geschichte man vertritt. Soll heißen: Glaube ich daran, dass es einen Fortschritt gibt ohne Brüche? Oder glaube ich daran, dass alles im Verfall, in der Dekadenz begriffen ist? Beide Perspektiven werden von Habermas zurückgewiesen. Er schaut auf die Geschichte des nachmetaphysischen Denkens als eine Lerngeschichte."

Was vermag die Philosophie heute zu leisten?

Genau das macht mir Jürgen Habermas bei unserem Gespräch mehr als deutlich: Es geht ihm um einen zunächst inner-philosophischen Diskurs darüber, was Philosophie heute eigentlich noch vermag: Ist sie bloße Fachwissenschaft neben anderen? Oder ist sie eine gesellschaftliche Kraft? Habermas' Plädoyer ist klar: Nur wenn die Philosophie ihren Blick weit hält und auch an jene Bereiche, die früher mal Metaphysik genannt wurden, zumindest noch als einen Wissensbestand erinnert, aus dem die Vernunft sich herausgeschält hat, nur dann bleibt Philosophie eine lebensweltliche und gesellschaftlich produktive Kraft. Und so schreibt mir Habermas nach unserem Gespräch schwarz auf weiß:

"Die Metaphysik konnte die großen Fragen danach, was wir erkennen können, was wir tun sollen, was wir hoffen dürfen und was überhaupt der Mensch sei, noch aus einem Guss beantworten. Aber seit dem 17. Jahrhundert sind diese metaphysischen Weltbilder aus guten Gründen zerfallen; die modernen Gesellschaften müssen alle normativen Orientierungen gewissermaßen aus ihren eigenen Ressourcen erzeugen. Mein Buch soll dann klären, ob wir auch unter diesen Bedingungen nachmetaphysischen Denkens die seinerzeit von Kant schon im Rückblick formulierten Grundfragen – 'Was kann ich wissen?', 'Was soll ich tun?', 'Was darf ich hoffen?' und 'Was ist der Mensch?' – einfach beiseite schieben dürfen."

Anders gesagt: Die Grundfragen Kants sollten auch heute nicht beiseite geschoben werden, auch wenn sie nicht mehr durch ein religiös imprägniertes Denken beantwortet werden können.

"Religion ist noch zeitgenössisch"

Daran besteht für Habermas kein Zweifel: Eine Vernunft, die mit einem Gott rechnet, die sich auf vermeintlich unverrückbare Normen beruft oder die Sein, Geist und Materie zusammen denkt – das alles ist heute nicht mehr argumentierbar. Dennoch – die Religion bleibe auch für die säkulare Vernunft eine stetige Herausforderung. Dazu noch einmal Thomas Schmidt:

"Das Spannende an der Religion als historische Voraussetzung des modernen philosophischen Denkens, aus dem sich das philosophische Denken heraus reflektiert hat, ist die Tatsache, dass sie nach wie vor am Leben ist. Also im Unterschied zu den Vor-Sokratikern oder irgendwelchen Naturphilosophen oder anderen philosophischen oder weltanschaulichen Sekten, von denen sich das moderne, aufgeklärte Denken auch irgendwann mal verabschiedet hat, ist die monotheistische Religion immer noch da – und sie ist nicht nur da als Institution, sondern als eine Denkhaltung und Lebenspraxis, die in Fragen der Ethik, der Weltorientierung, der Politik Impulse setzt. Also Religion ist noch zeitgenössisch und ein ernstzunehmender Gesprächspartner für die säkulare Vernunft."

Die Philosophie wurde auch von Religion genährt

"Gesprächspartner" klingt nach einem Dialog auf Augenhöhe – das aber ist nicht Habermas' Ding. Er weiß um den Wert religiöser Überlieferungen, gewiss – manche Teile seines Buches etwa zum religiösen Ritus zeugen von einer tiefen Einsicht in das, was religiöse Menschen erhoffen, erbeten, in Gottesdiensten feiern. Doch zugleich lässt der Philosoph Habermas keinen Zweifel daran, wer im zähen Ringen zwischen Glauben und Wissen letztlich die Hosen anbehält. Noch einmal Jürgen Habermas in unserem schriftlichen Dialog:

"Ich verfolge, wie sich die Philosophie aus den religiösen Überlieferungen bestimmte Motive, Erfahrungsgehalte und Sensibilitäten angeeignet hat. Mit dieser hartnäckigen Übersetzungsarbeit hat sie wichtige Grundbegriffe wie 'Person' und 'Individuum', 'freier Wille' und 'Autonomie', oder den Sollgeltungsmodus verpflichtender Normen aus ihren religiösen Kontexten herausgelöst."

Religion als "Pfahl im Fleisch der Moderne"

Wird die Religion damit instrumentalisiert und letztlich als Vorstufe modernen Denkens abgetan? Nein – so weit geht Habermas nicht. Auch in seinem neuen Buch bleibt die Tür zwischen den Räumen der Vernunft und der Religion einen Spalt geöffnet. Religiöse Erfahrung bleibe, so schreibt Habermas, solange ein "Pfahl im Fleisch der Moderne", solange sie verknüpft sei mit einer lebendigen religiösen Praxis. Solange nämlich Menschen religiöse Rituale feierten, solange sie dabei die Erfahrung einer Berührung mit dem Transzendenten machten – solange bleibe auch die Frage offen, ob die Religion der säkularen Vernunft noch Inhalte zu bieten habe.

Nach drei Stunden intensiven und herzlichen Gesprächs, gesättigt von leichtem Gebäck und geistigem Schwarzbrot, stehe ich am Bahnsteig in Starnberg: Die nahe Kirchturmuhr schlägt zur vollen Stunde und ruft zur Abendmesse. Als wollte sie die Thesen des Großphilosophen kommentieren. Doch die Fragen bleiben – etwa auch jene, ob denn die fast 1.800 Seiten nicht nur für Philosophen, sondern auch für Theologen oder religiös Interessierte eine lohnende Lektüre darstellen. Dazu noch einmal Thomas Schmidt:

"Die Beschäftigung mit diesem Buch ist gerade auch für Theologen, für Theologie-Studierende, für an Theologie Interessierte einfach reizvoll, weil hier das theologische Erbe nicht aus der Binnenperspektive sondern von außen wahrgenommen wird, von der Frage: Was sagen mir theologische Klassiker wie Luther, wie Thomas von Aquin als Zeitgenosse, als einer, der nicht schon eine religiöse Klammer, ein religiöses Vorzeichen vor seine Fragen setzt. Das ist eine Herausforderung und das heißt: Genauso wie Habermas sich als säkularer Denker durch das religiöse Erbe herausfordern lässt, so kann man sich als Theologe, als religiös eingestellter Mensch herausfordern lassen durch das säkulare Interesse, das Habermas an der Religion zeigt. Das ist erfrischend und produktiv."

Jürgen Habermas: "Auch eine Geschichte der Philosophie"
Suhrkamp/Insel, erschienen in zwei Bänden, Leinen,
1752 Seiten, 98 Euro

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