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StartseiteKultur heuteJürgen Möllemann und die Metaphysik06.06.2003

Jürgen Möllemann und die Metaphysik

Zur medial-mythologischen Verarbeitung eines putativen Selbstmordes

Die Beschleunigung eines Körpers im freien Fall erfolgt, wie jeder Fallschirmspringer weiß, durch die Erdanziehungskraft mit 9,8 Metern pro Sekundequadrat. Als sich Jürgen W. Möllemann gestern Mittag um Viertel nach Zwölf in rund tausend Metern Höhe von seinem Fallschirm trennte, lieferte er seinen Leib der Gewalt einer Geschwindigkeit aus, die man sich nicht ohne Schaudern vorstellen kann. Es ist dieses Schaudern, das nun durchs Land geht und das mit der Erinnerung an den schillernd-wilden Politiker mit dem Ganoven Habitus noch eine Weile verbunden bleiben wird. Sein putativer Selbstmord ist schon aufgrund der physikalischen Umstände spektakulär; man darf wohl annehmen, dass es in Möllemanns Kalkül lag, auf diese Weise die politischen und strafrechtlichen Umstände etwas in den Hintergrund zu drängen.

Ein Beitrag von Burkhard Müller-Ullrich

Kalkül oder nicht: dieser so öffentlich und offensichtlich gesuchte Tod verlangt nach Deutung, und schon dadurch setzt sich der Verstorbene, der zeitlebens ein Darstellertum ohnegleichen pflegte, noch einmal ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Zugleich pflanzt er unwiderruflich den Stachel der Ungewissheit in den Diskurs, denn ein gewisses Restgeheimnis wird für immer diesen in seltsamer Sekunden-Einsamkeit vollzogenen Akt umgeben und die allgemeinen Interpretations-Anstrengungen noch potenzieren. Schon sprießen die allfälligen Spekulationen über einen besonders heimtückisch getarnten Mord, schon sind wir in den Dimensionen Uwe Barschels oder Robert Maxwells. Möllemann verließ diese Welt in der Absicht, ihr definitiv rätselhaft zu bleiben: Das ist nach einem eher plebejischen Leben ein geradezu aristokratischer Gedanke.

Der politische Kosmos hat darauf mit einer seltenen Demonstration von Haltung reagiert: in der Symbolik staatlicher Repräsentation (Fahnen auf Halbmast) wie auch in der kompletten Verlogenheit der Würdigungen durch die Gegner zeigt sich, dass der Mensch das Ungeheuerliche eines solchen Todes fürchtet und durch eine große Künstlichkeit der Reaktion zu bannen sucht. De mortuis nil nisi bene: auch das gehört zu unserer Kultur, dass der Tod die üblichen Spielregeln des Diskurses eine zeitlang außer Kraft setzt.

Wie tief der Schock dieser schockierend gewollten Todesinszenierung geht, lässt sich auch an dem Metaphernschwurbel ablesen, den die Presse entfacht. Da werden die Bilder von Aufstieg und Absturz in unendlichen Varianten durchdekliniert; die Frankfurter Rundschau bemüht sogar den antiken Mythos von Dädalus und Ikarus, um dem tiefen Fall gewissermaßen mehr Momentum zu verleihen, und auch der Begriff 'Absprung' ist im Hinblick auf Möllemann mehrdeutig. Rührend wirkt die Überforderung der Kommentatoren, sprachlich mit einem Phänomen zurecht zu kommen, das zu den großen Themen der Literatur gehört und eines Shakespeare würdig wäre: die Radikalität des Bösen, der Selbstvernichtung.

Schon vor dem grässlichen Aufprall gestern Mittag auf einem Feld neben dem Flugplatz Loemühle bei Marl ist Jürgen W. Möllemann aus dem Universum der Festkörperphysik in jenes der Metaphysik gesprungen - vielleicht zum ersten Mal.

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