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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Jürgen Osterhammel, Niels P. Petersson: Geschichte der Globalisierung und Daniel Schwartz: Geschichten von der Globalisierung.16.02.2004

Jürgen Osterhammel, Niels P. Petersson: Geschichte der Globalisierung und Daniel Schwartz: Geschichten von der Globalisierung.

C. H. Beck, München, 128 Seiten. 7,90 Euro und Steidl Verlag, Göttingen, 256 Seiten. 25,00 Euro.

<strong>Wo Begriffe wie "neoliberal", "transnational", "Raubtierkapitalismus" oder "Bush-Imperium" fallen, da kann das Schlagwort Globalisierung nicht weit sein. Es hat sich zu einem Faktotum des politischen Diskurses entwickelt. Zwei Neuerscheinungen der letzten Monate nähern sich dem Begriff aus unterschiedlichen Richtungen an: Zum einen ein Bildband, der Geschichten von der Globalisierung anhand von Fotos und kurzen Texten erzählt. Zum zweiten ein schmales Taschenbuch, das sich mit dem Begriff an sich und seiner Geschichte befasst. </strong>

Von Brigitte Baetz:

Jedes Jahr findet in Belém do Pará das Fest für die Gottheit Ogum statt. Wer aus der Musik der brasilianischen Religion Umbanda afrikanische Rhythmen heraushört, der täuscht sich nicht. Der größte Teil der Sklaven, die noch im 19. Jahrhundert nach Brasilien verschleppt wurden, stammte aus dem Volk der Yoruba an der westafrikanischen Küste. Im Geheimen überlebte ihre Religion als wichtigstes Element einer eigenen Identität in der Fremde. Sie verbindet ihre Nachfahren noch heute spirituell mit ihren entfernten Verwandten in Afrika.

"Geschichten von der Globalisierung" sind nicht nur Geschichten von heute. Es sind Geschichten von Armut und Ausbeutung, von Luxus und Überfluss, von Menschen, die ohne Probleme in der ganzen Welt zuhause sind, und solchen, die in ihrer eigenen Heimat kein Dach über dem Kopf haben. Zehn Fotografen unterschiedlicher Herkunft erzählen in langen Bildstrecken und kurzen Texten von ihren Annäherungen an das Thema Globalisierung. Wir sehen und lesen von der glamourösen Welt der Mode mit ihren internationalen Models und ihrer Schattenseite, der Fälschungsindustrie, die mehrere tausend illegale Arbeiter zu Hungerlöhnen beschäftigt, vom Perlfluss-Delta in China, in dem eine Megalopolis entsteht, die bald über 50 Millionen Menschen beherbergen wird, von Straßenkindern in Indien, Asylbewerbern in Frankreich, von den religiösen afrikanischen Kulten in Brasilien. Einmal mehr zeigt dieser Band, dass auch in einer reizüberfluteten Zeit wie der unseren Bilder ihre eigene Aussagekraft behalten haben. Ihre Themen sind nicht wirklich neu. Wanderarbeiter, Kriegsversehrte, afrikanische Kindersoldaten, entwurzelte Migranten: Dass es sie gibt, weiß der aufgeklärte Zeitgenosse, aber gerade aus der Reduktion auf das Bild, in der Zusammenstellung der festgehaltenen Augenblicke ergibt sich eine neue Dimension der Realität. Die niederländische Fotografin Bertien van Manen hat zum Beispiel in Paris Einwanderer besucht, sich von ihnen Familienfotos geben lassen und diese in einer neuen Umgebung abgebildet. Der Betrachter ahnt: Diese Menschen und ihre Kinder werden Frankreich früher oder später verändern. Dabei handelt "Geschichten von der Globalisierung" nicht nur von Menschen aus der Dritten Welt, sondern auch den USA oder Europa. Der Fotograf Stephan Vanfleteren schreibt über einen Fall aus Belgien:

Ivo hatte ein paar Jahre auf der Straße gelebt, aber das Sozialamt hatte ihm jetzt eine Wohnung besorgt. Er erzählte mir von der Zeit, als er obdachlos war, und ich erfuhr, dass sein Großvater zwei Tage vorher gestorben war. Ivo wollte um jeden Preis an der Beisetzung teilnehmen. Das einzige saubere Kleidungsstück, das er besaß, war ein rosafarbener Skianzug. Er nahm den Bus aus der Stadt, überredete den Chauffeur, ihn gratis in seine Heimatstadt mitzunehmen und traf haargenau zum richtigen Zeitpunkt in der Kirche ein. Der Skidress leuchtete adrett zwischen den dunklen Traueranzügen seiner Familie.

Früher hätten Bücher wie der vorliegende Bildband unter den Stichwörtern "Dritte Welt" oder "Armut" firmiert, heute tragen sie das Schlagwort "Globalisierung" im Titel. Dabei ist doch die Gleichzeitigkeit von Armut und Reichtum, ob weltweit oder innerhalb von Nationalstaaten, nichts Neues, sind Krieg oder die Ausbeutung von Menschen und Natur so alt wie die Menschheit selbst. Der Begriff "Globalisierung" signalisiert jedoch, wir befänden uns in einer nie da gewesenen Epoche. Mehr noch: Es wird eine Entwicklung unterstellt, der sich der Einzelne genauso wenig zu entziehen vermag wie ganze Staaten es können. Was früher zu dem Appell geführt hätte, die Verhältnisse zu ändern, dient heute zur Bebilderung eines scheinbar unabänderlichen Vorganges.

Wie sinnvoll ist also der Begriff "Globalisierung", die Diagnose einer immer intensiver wirtschaftlich und politisch vernetzten Welt? Die Historiker Jürgen Osterhammel und Niels P. Petersson von der Universität Konstanz sind skeptisch. In ihrer "Geschichte der Globalisierung" versuchen sie, das Schlagwort zu hinterfragen. Welche Aussagekraft hat es überhaupt? Ihr Urteil ist negativ:

Wenn es einen Einschnitt gibt, von dem an Globalisierung zumindest ein zentrales Thema von Geschichte und Erfahrung wird, dann ist dies das frühneuzeitliche Zeitalter von Entdeckungen, Sklavenhandel und 'ökologischem Imperialismus', nicht das späte 20. Jahrhundert. Ein weiterer Schub lässt sich in Folge der Industrialisierung von Verkehr und Kommunikation ab der Mitte des 19. Jahrhunderts ausmachen. Globalisierungstendenzen waren für den größten Teil der Menschheit bereits seit dem Ende des 19. Jahrhunderts daseinsprägend und wurden nach dem Zweiten Weltkrieg Bestandteil des Erfahrungsraums breiter Schichten. Die Globalisierungstendenzen des 20. Jahrhunderts bereicherten den Erfahrungsschatz der Menschheit vor allem um Weltkrisen, Weltkriege und die Möglichkeit plötzlicher und schleichender Weltvernichtung. Die ökonomische Verflechtungsdichte von 1913 wurde erst wieder in den 1970er Jahren erreicht, in manchen Bereichen markiert 1913 immer noch ein absolutes Maximum. Eine der nach wie vor packendsten Schilderungen des globalen Kapitalismus findet sich im 1848 von Karl Marx und Friedrich Engels verfassten "Kommunistischen Manifest". Der Globalisierungsschub der 1980er und 1990er Jahre traf auf eine Welt, für die Globalität bereits seit langem nichts Besonderes mehr war.

Wer Osterhammel und Peterssons "Geschichte der Globalisierung" liest, hat den Eindruck, auf rund hundert Seiten nichts weniger als eine Kurzabhandlung der Weltgeschichte seit den Entdeckungsreisen geliefert zu bekommen. Das ist sachlich fundiert und klug argumentiert, wenn auch für den Nichtakademiker vielleicht etwas dröge geschrieben. Die Autoren weisen darauf hin, dass, historisch betrachtet, nicht die zunehmende wirtschaftliche Vernetzung etwas Besonderes darstellt, sondern die Herausbildung von Nationalstaaten, also der Versuch der Abgrenzung.

Überstaatliche Netzwerke und durchlässige Grenzen waren der historische Normalfall, der stillschweigend als Ausgangspunkt der meisten Globalisierungsdiagnosen genommene europäische Nationalstaat des 19. und frühen 20. Jahrhunderts war hingegen eine spät entstandene Ausnahme. Aus eigenem Willen völlig von der Außenwelt abgeschottete Wirtschaftsräume hat es selten gegeben. Vorläufer des Typus der modischen und erfolgreichen "Netzwerk-Firma" mit internationalen Märkten finden sich bereits unter den Kaufmannsimperien (trading empires) der Frühen Neuzeit.

Einen direkten Vergleich mit den heutigen Zuständen und denen des 17. oder 18. Jahrhunderts wollen die Autoren dabei nicht ziehen. Sie verweisen vielmehr darauf, dass Globalität kein wirkliches Charakteristikum unserer Zeit darstellt. "Globalisierung" entpuppt sich damit als reines Schlagwort ohne wirkliche Analysekraft. Auch wenn Osterhammel und Petersson zugestehen, dass die Vernetzung der Welt durch neue Technologien natürlich enger geworden ist, so bestreiten sie, dass es eine lineare Entwicklung gibt, die die Nationalstaaten irrelevant machen wird.

Nirgendwo im Westen ist es gelungen, den vom Staat verwalteten und verteilten Anteil des Volkseinkommens drastisch abzusenken. Die am intensivsten an globalen Interaktionen teilnehmenden Länder sind zugleich solche mit der höchsten Staatsquote. Zoll- und Handels-"Kriege" gehören keineswegs der Vergangenheit an. Grenzüberschreitende Migration wird überall staatlich kontrolliert und eingeschränkt. Auch kann ein Abbau interventionsstaatlicher Regulierungen nicht pauschal mit dem "Ende des Nationalstaats" gleichgesetzt werden: Für Margaret Thatcher sollte umgekehrt der Rückzug der Regierung aus der Wirtschaft Großbritannien als Nationalstaat wieder ein größeres Gewicht geben.

Die Historiker Osterhammel und Petersson weisen zurecht darauf hin, dass die großen Prozesse der Weltgeschichte immer Resultate individuellen und kollektiven Handelns sind. Staaten, Firmen, Gruppen, Einzelpersonen formen die globalen Beziehungen, erhalten sie und zerstören sie wieder. Gewinner und Verlierer hat es dabei immer gegeben, in den Weltkriegen und –krisen des 20. Jahrhunderts genauso wie in der transkontinentalen Sklavenwirtschaft des 19. Jahrhunderts.

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