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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische Literatur"Vergangenheit. Bewältigung. Vergangenheitsbewältigung"17.02.2020

Jürgen Reifenberger"Vergangenheit. Bewältigung. Vergangenheitsbewältigung"

Die Bewältigung der Vergangenheit dient als Korrektiv, wobei die Richtung sehr unterschiedlich sein kann. Der Historiker Jürgen Reifenberger zeigt: Menschen verachtende Systeme sind damit nicht abgeräumt, sondern drohen sich immer mal wieder durchzusetzen.

Von Otto Langels

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Hintergrundbild: Stacheldraht am früheren Konzentrationslager Auschwitz Vordergrund: Buchcover (dpa / Simon Daval und transcript Verlag)
Vergangenheitsbewältigung hat auch eine erinnerungspolitische Dimension (dpa / Simon Daval und transcript Verlag)
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Das 20. Jahrhundert, das Jahrhundert der Extreme, wie es der englische Historiker Eric Hobsbawm genannt hat, hatte bereits nach knapp 50 Jahren mit zwei Weltkriegen und dem Völkermord an den europäischen Juden eine verheerende Bilanz aufzuweisen. Einen ersten Versuch, Lehren aus der Vergangenheit zu ziehen, hatte es schon nach dem Ersten Weltkrieg gegeben. Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson legte damals in einem 14-Punkte-Programm die Grundzüge einer Friedensordnung für das vom Krieg erschütterte Europa vor. Der Historiker Jürgen Reifenberger bemerkt dazu:

"Große Gedanken und Entwürfe – das ist das eine. Rachebedürfnis, Verrat, Konzeptionslosigkeit und Kurzsichtigkeit der Sieger, Scheinheiligkeit, moralische Empörung, Uneinsichtigkeit und Realitätsverleugnung der Besiegten, die geistig noch im 19. Jahrhundert befangen waren – das ist das andere. Beides zusammen befeuerte die Rechtfertigungen, die Legenden- und Mythenbildung um Schuld, um als ungerecht empfundene Behandlung durch die Sieger, um Konsequenzen und Alternativen."

Der im Vertrag von Versailles ausgehandelte Frieden erwies sich bekanntlich als unzulänglich und mündete schließlich in den Zweiten Weltkrieg. So standen die politisch Verantwortlichen 1945 erneut vor der schwierigen Aufgabe, die Kriegsursachen zu erforschen, eine Wiederholung zu vermeiden und eine dauerhafte globale Friedensordnung zu etablieren.

Bewältigung schützt nicht vor Rückfall

Vergangenheitsbewältigung verhindert daher nicht, leider muss man sagen, erneute Gewaltausbrüche. Ein Rückfall in längst überwunden geglaubte archaische Staats- und Regierungsformen sei jederzeit möglich, so Jürgen Reifenberger.

"Man kann sagen, jetzt haben wir 50 Jahre Demokratie gehabt, das ist jetzt eine Vergangenheit, die wir endlich mal bewältigen müssen, wir müssen sie durch eine Diktatur oder durch eine autokratische Herrschaft ersetzen. Vergangenheitsbewältigung bewegt sich in alle Richtungen. Vergangenheitsbewältigung ist multivalent. Man kann unzufrieden sein mit einer Phase langanhaltender Kriege, langanhaltender Not und versuchen, das zu ändern. Man kann aber auch sagen, ich bin unzufrieden mit den Bedingungen, unter denen ich mein Geld verdiene."

Die USA, Großbritannien, Polen oder Ungarn liefern dafür aktuelle Beispiele: Demokratische Grundwerte und Rechtsstaats-Prinzipien, Glaubwürdigkeit und Gerechtigkeit oder Fairness gegenüber dem politischen Gegner sind nicht mehr selbstverständlich.

Was von den Lehren aus dem 20. Jahrhundert bleibt

Unter Vergangenheitsbewältigung versteht Jürgen Reifenberger, wie er in seiner klugen und lesenswerten Darstellung ausführt, nicht nur die Vermeidung von Krieg und Gewalt, sondern auch eine stabile Sozial- und Wirtschaftsordnung.

"Die westliche Politik der Nachkriegszeit hatte sich lange an Konzepten ausgerichtet, die den entfesselten Manchester-Kapitalismus des 19. Jahrhunderts ablehnten und die Ordnungsfunktion des Staates für den geregelten Marktwettbewerb, für Verteilungsfragen und für die soziale Absicherung der Bevölkerung als notwendiges Korrektiv allfälliger Verwerfungen betrachteten."

Die Bekämpfung von Armut, das Bemühen um sozialen Ausgleich und Wohlstand, fairer Wettbewerb und Völkerverständigung waren demnach auch Lehren aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Doch davon kann heute in Zeiten von "America first", Brexit, chinesischem Expansionsstreben und wachsender Schere zwischen Arm und Reich keine Rede mehr sein. 

"Man hat im Grunde genommen ab den 1980er Jahren die Vergangenheitsbewältigung der direkten Nachkriegsjahre begonnen zu bewältigen. Man hat sie abgewickelt. Man hat diese Vergangenheit ersetzt durch eine neue Praxis, das war die des globalen Neoliberalismus, aber auch die der globalen Konkurrenz der Großmächte. Das war eigentlich noch 1945 genau der Punkt, den man zukünftig vermeiden wollte, weil man wusste, hinter uns stehen zwei Weltkriege."

Es braucht multifaktorielle Vergangenheitsbewältigung

Vergangenheitsbewältigung hat aber auch eine erinnerungspolitische Dimension. Der Rückblick auf die Befreiung des ehemaligen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz vor 75 Jahren in zahlreichen Gedenkveranstaltungen hat unlängst noch einmal deutlich gemacht, welche Bedeutung dem Holocaust insbesondere in Deutschland zukommt. Dem war lange Zeit nicht so.

"Bis in die 1980er Jahre gab es diese holocaust-zentrierte Vergangenheitsbewältigung gar nicht. In Deutschland war das mit dem Film ‚Shoah‘ von Claude Lanzmann, wo die ersten Thematiken über den Holocaust aufgekommen sind."

Mehr noch als Lanzmanns Film ‚Shoah‘ trug jedoch die amerikanische Fernsehfilmserie ‚Holocaust‘ aus dem Jahr 1979 dazu bei, dass die Deutschen gezwungen waren, sich mit der Diskriminierung und Ermordung der Juden in der NS-Zeit auseinanderzusetzen. 

Heute stünden wir an einem Scheideweg, meint der Autor in seiner nachdenklichen Darstellung. Es sei an der Zeit, ein neues Kapitel der Vergangenheitsbewältigung aufzuschlagen.

"Wir müssten uns zunächst einmal nicht als Konkurrenten begreifen, sondern als Überlebensgemeinschaft. Wir brauchen wieder eine multifaktorielle Vergangenheitsbewältigung, wie das in der Anti-Hitler-Koalition zwischen 1941 und 1948 der Fall gewesen ist." 

Angesichts des aktuellen politischen Personals mit Trump, Johnson, Putin und Xi Jinping und angesichts zahlreicher Krisenherde von Iran, Syrien und Jemen über die Ukraine bis nach Libyen und Südamerika scheint dies nur schwer vorstellbar. Aber der Autor nennt sich einen skeptischen Optimisten.

Jürgen Reifenberger: "Vergangenheit. Bewältigung. Vergangenheitsbewältigung. Zur Geschichte und Theorie eines scheinbar erforschten Themas",
transcript Verlag, 443 Seiten, 54,99 Euro.

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