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StartseiteHintergrundPerspektive Deutschland04.05.2014

JugendarbeitslosigkeitPerspektive Deutschland

Spanien, Portugal, Griechenland, Italien: Bis zu 60 Prozent der Jugendlichen in manchen südeuropäischen Ländern finden keine Arbeit. Viele kommen deshalb nach Deutschland, wo sie Ausbildungen in Industrie und Handwerk beginnen. Doch die großen Probleme mit der Jugendarbeitslosigkeit in Europa bleiben. Die Politik wirkt überfordert. Beim Management der Fördergelder passieren Fehler.

Von Uschi Götz

Zwei Jugendliche stehen in einer großen Halle an einem Computerbildschirm. (dpa / picture alliance / Soeren Stache)
Viele deutsche Unternehmen wollen arbeitslose Jugendliche aus Südeuropa in Deutschland ausbilden. (dpa / picture alliance / Soeren Stache)
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Weiterführende Information

In Trippelschritten gegen die Jugendarbeitslosigkeit (Deutschlandfunk, Europa heute, 27.06.2013)

Ohne Hoffnung (Deutschlandfunk, Hintergrund, 14.10.2013)

"Mein Name ist Francisco, ich komme aus Burgos, das ist eine Stadt in Nordspanien."

"Das Schlimmste, was meine Freunde über die Deutschen gesagt haben, war, dass wir früh aufstehen müssten, und das Meer ist auch weit weg."

"Mein Name ist Kiki, ich bin 24 Jahre alt, ich komme aus Griechenland, ich habe gewohnt in Thessaloniki und jetzt ich bin hier."

"Ich hatte keine Arbeit, da in Spanien. Informatiker habe ich gesucht und gar nichts. KfZ auch nicht. Und ich habe gesagt, mache ich einen anderen Bereich, ist auch so ähnlich, öffnen wir diese Tür."

Francisco ist einer von vielen. Der junge Mann stammt aus Südeuropa und wie viele andere seiner Altersgenossen machte er Ausbildung um Ausbildung - ohne dass sich die Aussichten auf einen späteren Job dadurch verbessert hätten. Die Jugendarbeitslosigkeit in Europa, vor allem in Südeuropa, befindet sich seit Jahren auf einem Rekordniveau. Zurzeit sind knapp sechs Millionen junge Menschen ohne Arbeit. Einige von ihnen haben ihre Heimatländer deshalb verlassen und suchen ihr Glück in Deutschland. So auch Francisco, der nun seine dritte Ausbildung absolviert:

In der Ausbildungswerkstatt ist es ruhig, konzentriert sitzen an diesem Morgen sieben Auszubildende an ihren Laptops. Francisco Nieto Madruga ist 23 Jahre alt. Der dunkelhaarige junge Mann mit dezenter Brille und Vollbart schaut auf einen Bildschirm und lacht herzlich. Wie so oft in der Ausbildung muss er auch heute wieder ein paar knifflige Aufgaben lösen:

"Was muss unsere Maschine machen? Der Zylinder muss ausfahren und einfahren, und das müssen wir mit einem Programm machen. Nur ein Knopf drücken, dann macht es das automatisch oder manuell. So einfach ist das ..."

Neben Francisco sitzt Joan Linzbach Segura. Auf dem Bildschirm seines Laptops sind verschiedene gelbe Symbole zu sehen. Der Computer wiederum ist mit einer rechteckigen Platte verbunden, in deren Mitte ein Zylinder befestigt ist. Joan gibt verschiedene Buchstaben und Zahlen in den Laptop ein, und plötzlich bewegt sich der Zylinder:

"Wenn der Zylinder eingefahren ist, soll die weiße Leuchte leuchten, wenn der an ist, soll die grüne Leuchte leuchten, und wenn du Not betätigst, dann soll die rote Leuchte angehen."

Die jungen Männer kommen aus Spanien. Joan aus einem Dorf nahe Barcelona, Francisco aus Burgos im Norden Spaniens. Beide werden bei Festo zum Mechatroniker ausgebildet. Das Unternehmen im baden-württembergischen Esslingen gilt als Marktführer im Bereich der Automatisationstechnik.

"Das ist nicht so einfach: Du fängst an und es geht gleich. Du probierst es aus; vielleicht ist ein Eingang falsch programmiert, und dann musst du nochmal in deinem Programm schauen, was der Fehler sein kann."

Zweimal in der Woche besuchen sie eine Berufsschule, an den anderen drei Tagen haben sie praktischen Unterricht in der Ausbildungswerkstatt. Nach dem ersten Ausbildungsjahr dürfen sie dann in der Produktion arbeiten. Zu Hause in Spanien gibt es für die beiden Jugendlichen nur wenig Perspektiven. Jeder zweite junge Spanier hat keinen Arbeits- oder Ausbildungsplatz, in Portugal ist es jeder Dritte. Auch in Griechenland ist die Situation dramatisch.

Politik bemüht sich um Perspektiven

Im vergangenen Frühjahr - Ende Februar 2013 - hatten sich die Arbeitsminister der EU-Mitgliedstaaten deshalb auf eine Jobgarantie für junge Menschen verständigt. So sollten die Auswirkungen der Euro-Krise wenigstens etwas abgemildert werden. Die sogenannte Jugendgarantie, sieht vor, dass jeder arbeitslose Jugendliche unter 25 Jahren in Europa binnen vier Monaten entweder ein Angebot für einen Job oder für einen Ausbildungsplatz bekommen muss. Zur Not tut es auch eine Praktikumsstelle. Eine Idee, für deren Umsetzung sich die europäischen Staats- und Regierungschefs bei ihrem Gipfel Ende 2013 eine Frist von zwei Jahren setzten.

Die Eltern von Miguel Hüsgen Clemente da Costa wollten nicht abwarten, bis diese Jobgarantie auch in Portugal umgesetzt ist. Sie ermunterten ihren 20-jährigen Sohn im vergangenen Jahr dazu, nach Deutschland zu gehen. Miguel, ein humorvoller, großer, schlanker junger Mann erinnert sich:

"Meine Mutter arbeitet im Sekretariat in der deutschen Schule in Porto, die hat auch eine E-Mail von Festo bekommen, und sie hat zuerst mit meinem Vater gesprochen, ohne dass ich etwas wusste, dann haben sie es mir auch gesagt, haben gefragt, ob ich es gerne machen würde, ich habe gesehen, dass es sehr gut für mich wäre. Es wäre eine sichere Zukunft für mich, und in Porto wäre es nicht so sicher."

Der Leiter der nationalen und internationalen Ausbildung bei Festo, Stefan Dietl, kümmert sich persönlich um das Projekt. Im Bereich Aus- und Weiterbildung genießt Festo weltweit einen ausgezeichneten Ruf. Um junge Menschen für eine Ausbildung in Deutschland zu gewinnen, hatte Dietl E-Mails nach Spanien und Portugal geschickt. Empfänger waren deutsche Schulen und andere Einrichtungen mit deutschem Bezug. Denn die potenziellen Azubis sollten bereits über Deutschkenntnisse verfügen. Es gab nicht sehr viele Bewerber. In Spanien und Portugal würden eben nur wenige Schülerinnen und Schüler Deutsch als Fremdsprache wählen, so der Ausbildungsleiter. Bei persönlichen Vorstellungsgesprächen vor Ort legte sich Dietl schließlich auf die drei jungen Männer fest.

Juan hat einen deutschen Vater, er wuchs also zweisprachig auf. Francisco wurde in Deutschland geboren und zog später mit seinen Eltern nach Spanien, und Miguel aus Portugal besuchte eine deutsche Schule in Porto. Die drei jungen Männer bekamen vor einem Jahr nicht nur sehr schnell einen Ausbildungsvertrag. Das Unternehmen sagte ihnen auch zu, sie darüber hinaus zu unterstützen. Ausbildungsleiter Dietl:

"Das war das, was ich mit dem Vorstand auch vereinbart hatte, wenn, dann machen wir die ganze Klaviatur, die wir anbieten wollen und nicht nur sagen, jetzt gucken wir, dass wir die irgendwie an Bord bekommen und auch wie sie nach Deutschland kommen, oder sollen sie sich selber nach einer Wohnung umgucken, dann haben wir gesagt, nee, wenn, dann machen wir das richtig."

Das Unternehmen stellt den jungen Männern in der Nähe des Ausbildungszentrums eine Wohnung zur Verfügung. Stefan Dietl kümmerte sich persönlich um die Neuankömmlinge, auch um die besorgten Eltern in den Heimatländern.

Dankbare Arbeitnehmer

"Und in so einem besonderen Fall, wenn junge Leute ihre Heimat verlassen, ihren Freundeskreis aufgeben, dann ist die Verantwortung noch etwas größer. Und deshalb habe ich auch angeboten, sie können mich jederzeit anrufen, meine Handynummer ist bekannt, wir schreiben über Whatsapp, abends, in Notfällen zu jeder Tages- und Nachtzeit. Nicht nur dass die Ausbildungsvergütung regelmäßig bezahlt wird. Sondern die haben wirklich viel aufgegeben, und das müssen wir auch erwidern."

Die drei wurden bei Behördengängen von einer weiteren Betreuerin aus dem Unternehmen begleitet und konnten sich bis zum Ausbildungsbeginn als Ferienjobber bereits das erste eigene Geld verdienen. In Spanien und Portugal hatten sie wenig bis keine Chance auf eine gute berufliche Zukunft. Francisco hatte mit seinen 23 Jahren schon viel unternommen, um später eine feste Arbeitsstelle zu bekommen.

"Ich habe vorher zwei Ausbildungen gemacht, und dann habe ich meine dritte angefangen, weil ich hatte keine Arbeit, da in Spanien. Ich habe gesagt: Öffnen wir diese Tür."

"Das war für mich auch noch einmal ein ganz starker Ansporn, Mensch, jetzt hat man da wirklich interessante Leute in den Gesprächen gehabt, die von einer schulischen Ausbildung in die andere wechseln, um einfach nur der Arbeitslosigkeit zu entfliehen, dann möchte ich wirklich nach Perspektiven schauen und sicherstellen, dass die Leute, jetzt unsere drei, eben jetzt nicht nur Interesse haben, die Ausbildung zu beginnen, sondern auch zu absolvieren. Das ist für mich der Maßstab."

Ob die jungen Männer dem Unternehmen auch später als Facharbeiter zur Verfügung stehen, ist noch unklar. Der Betreuungsaufwand für sie ist groß. Möglicherweise sei es künftig einfacher für das Unternehmen, junge Menschen in ihren Heimatländern an den Standorten von Festo in Südeuropa auszubilden, so der Ausbildungsleiter. Auch die drei jungen Männer können heute verständlicherweise noch nicht sagen, was sie nach dem Ende der Ausbildung machen werden. Miguel spricht in diesem Fall für alle:

"Mal sehen, wie es so läuft. Zuerst die Ausbildung fertig haben, wenn es dann geht, würde man schon gerne nach Hause gehen, aber ich hätte kein Problem hier zu bleiben. Hier ist es auch schön. Das Wetter ist nicht so gut, aber sonst ...."

Das Engagement von Festo ist bisher deutschlandweit einzigartig. Nur wenige Unternehmen können es sich leisten, junge Menschen aus dem Ausland derart individuell zu fördern. Den drei Auszubildenden wurde vom Umzug bis zur Ausstattung der Wohngemeinschaft alles bezahlt – staatliche Unterstützung gab es dabei nicht.

Vereine vermitteln Kontakte

Ein paar Kilometer weiter, in Winnenden, ist Kyriaki Tzouratzi - genannt Kiki - bei ihren Verwandten angekommen. Die 24 Jahre alte Frau wird in Kürze eine Arbeitsstelle als Gesundheitspflegerin in einer Klinik im Schwarzwald antreten. Ihre Ausbildung hat sie in Griechenland absolviert.

"Ich habe im Alexander Technological Educational Institute gelernt, als Krankenschwester, und ich habe im Generalklinikum gearbeitet für zwei Jahre."

Zwei Monate hat die junge Frau am Goethe-Institut in Thessaloniki Deutsch gelernt. Auch in Deutschland wird sie nach Dienstschluss die Schulbank drücken. In Griechenland war ihre Zukunft ungewiss, schon lange spielte sie mit dem Gedanken, das Land zu verlassen. Erst seit wenigen Tagen ist sie in Deutschland.

Die junge Frau möchte bleiben, auch wenn sie heute noch gar nicht weiß, ob es ihr gefällt. Die Flugzeiten nach Griechenland seien so kurz, dass sie jederzeit die Heimat besuchen könne, sagt sie und lächelt. Ohnehin ist sie an ihrer neuen Arbeitsstätte unter Landsleuten. Gezielt hat die Klinik im Schwarzwald nach griechischem Personal gesucht. Hatte man doch zuvor bereits gute Erfahrungen mit griechischen Ärzten gemacht.

Mit Kiki sind in diesen Tagen insgesamt fünf Pflegekräfte und Physiotherapeuten aus Griechenland nach Baden-Württemberg gekommen. Organisiert hat das Ganze der Verein für Internationale Jugendarbeit (VIJ). Er ist bei der Diakonie angesiedelt und unterstützt Arbeitssuchende im Ausland ebenso wie Arbeitgeber in Deutschland.

Für Griechenland hatte der Verein ein Büro in Thessaloniki  eingerichtet. Dort erhielten künftige Arbeitgeber aus Deutschland, in diesem Fall Vertreter der Klinik im Schwarzwald, die Möglichkeit, sich zu präsentieren. Auch die griechischen Bewerber konnten sich dort vorstellen. Die Klinikvertreter trafen dann eine Auswahl und luden die potentiellen Arbeitskräfte nach Deutschland ein. Der VIJ half bei der Organisation und unterstützt nun die Neuankömmlinge dabei, sich mit dem neuen Land vertraut zu machen. Hilfe gibt es beispielsweise bei Behördengängen. Dr. Elke Ahrens leitet das Projekt vom Standort Stuttgart aus:

"Wir haben die Bewerber dann darin unterstützt, dass sie Anträge stellen können bei MoBiPro, dem Förderprogramm der Bundesregierung zur Reduzierung der Jugendarbeitslosigkeit. Das haben dann alle gemacht. Dieses MoBiPro-Programm der Bundesregierung sieht vor, dass die Griechen, ebenso die Portugiesen und Rumänen oder Spanier natürlich, dass die bei der ZAV einen Antrag stellen auf Förderung."

Probleme bei der Organisation des Budgets

Die ZAV, das ist die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung – eine Abteilung der Arbeitsagenturen. Sie verwaltet die Fördermittel aus dem sogenannten "MoBiPro", einem Programm, das Ende 2012 von der damaligen Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen auf den Weg gebracht wurde. Mit dem Slogan "The Job of My Life" wurden damals gezielt junge Europäer angeworben. Vor allem deutsche Unternehmen fühlten sich angesprochen. Bundesweit entstanden Ausbildungsinitiativen und Projekte, die auf die Mittel aus MobiPro zugriffen. So konnte für die jungen Europäer etwa die Anreise zum Bewerbungsgespräch, das bürokratisch aufwändige Anerkennungsverfahren sowie Sprachkurse in Deutschland und im Herkunftsland bezahlt werden.

Wie andere Organisationen und Institutionen trat auch der Verein für Internationale Jugendarbeit in der Vergangenheit als Vermittler auf.

Mittlerweile wurde das Förderprogramm MobiPro allerdings eingefroren. Der Grund: Es sind mehr junge Menschen gekommen, als die Bundesagentur für Arbeit geschätzt hatte. Man habe mit ein paar Hundert Antragsstellern gerechnet, heißt es. Bis März 2014 waren es jedoch fast 9000 Anträge. Die Behörde teilte daraufhin im April mit, die in diesem Jahr für das Förderprogramm von der EU bereitgestellten 48 Millionen Euro seien weitgehend ausgeschöpft. Was das für die künftige Arbeit des Vereins für Internationale Jugendarbeit bedeutet, lässt sich im Moment noch nicht absehen. Tausende Jugendliche in Südeuropa allerdings hat die Nachricht, dass MobiPro vorerst gestoppt ist, kalt erwischt.

In Rottweil, etwa 50 Kilometer vom künftigen Arbeitsort der griechischen Pflegekräfte entfernt, werden in einigen Wochen 19 junge Menschen aus Italien erwartet. Die oberschwäbische Stadt Rottweil verbindet seit 25 Jahren eine Städtepartnerschaft mit dem italienischen L' Aquila. Nach dem verheerenden Erdbeben in den Abruzzen vor fünf Jahren rückten die beiden Städte weiter zusammen. So kam die Idee auf, junge Menschen aus L'Aquila in Rottweil auszubilden. Im Februar dieses Jahres waren erstmals 19 junge Frauen und Männer im Alter zwischen 18 und 32 Jahren zu Gast in Rottweil. Sie schauten sich in verschiedenen Betrieben um. Angelika Rauser, Leiterin der Geschäftsstelle der Kreishandwerkerschaft:

"Die Stadt Rottweil kam auf die Kreishandwerkerschaft zu und hat gefragt, ob wir Betriebe finden können, dass die jungen Leute aus Italien, aus L' Aquila diese Praktikumsplätze anschauen können bzw. auch die verschiedenen Berufe sehen können. Dann habe ich ein paar Handwerksbetriebe angerufen und was ganz schön war, diese Betriebe haben sofort zugesagt, dass wir vorbeikommen können, mit ein paar jungen Leuten, dass sie sich das anschauen können.

Eigeninitiative bei den Betrieben

Angelika Rauser besuchte mit jeweils zwei jungen Menschen verschiedene Betriebe.

Froh, endlich eine Perspektive zu haben, gingen 19 Jugendliche zurück nach Italien, um dort noch bis zum Beginn eines Praktikums in Rottweil Deutschunterricht zu nehmen. In diesen Tagen bekamen die jungen Menschen jedoch Post von der Bundesagentur für Arbeit – Abteilung Zentrale Auslands- und Fachvermittlung:

"Sehr geehrter Herr X, ihre Anfrage auf Förderleistungen aus dem Programm MobiPro-EU kann ich leider derzeit nicht abschließend entscheiden, da aktuell keine ausreichenden Fördermittel aus dem Bundeshaushalt für das Jahr 2014 zur Verfügung stehen. Ihr Antrag wird bis auf Weiteres ruhig gestellt."

In Rottweil, aber auch bei der Handwerkskammer in Konstanz, die das Projekt ebenfalls unterstützt, ist man ratlos. Raimund Kegel, stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Konstanz:

"Die jungen Erwachsenen in L´Aquila machen gerade einen Deutschkurs, gestern war der Projektleiter in der Klasse, und der würde ihnen gerne sagen, dass sie hier auch dieses Lehrlings-Bafög, wenn sie hier jetzt in zwei Monaten ins Praktikum kommen, dass sie das bekommen. Sie müssen ja von irgendetwas leben. Wenn da jetzt so Gewitterwolken im Anzug sind - das ist auch schwierig für einen jungen Menschen in L' Aquila, der gerade sich entschieden hat, jetzt diesen Weg zu gehen, das schürt die Zweifel, und das ist auch für die Projektpartner sehr schwierig."

In ganz Europa werden zurzeit etwa 2300 Jugendliche vertröstet. Darunter auch die 19 jungen Frauen und Männer aus Italien, die schon auf gepackten Koffern saßen. In Rottweil will man das Projekt deshalb auch nicht abbrechen; man sucht nach einer unbürokratischen Lösung.

Zimmermeister Hubert Nowack hat viel gesehen von der Welt. Er war selbst acht Jahre auf Wanderschaft. Der große breitschultrige Mann sagt, es gehe nun darum, ein klares Signal zu setzen. 60 Prozent Jugendarbeitslosigkeit in einigen europäischen Ländern – da müsse man doch etwas tun. Nowack, der auch Obermeister der Zimmerer-Innung Rottweil ist, wird einen der 19 jungen Menschen ausbilden, obwohl bei den Zimmermännern kein Mangel an Auszubildenden herrscht. Dass sein künftiger Lehrling wahrscheinlich kaum Deutsch spricht, stört den Meister nicht:

"Das Deutsch ist eigentlich kein Problem. Wenn er umgänglich ist, also wenn wir menschlich miteinander klarkommen, denke ich, lässt sich alles andere gut überwinden."

Ein Tropfen auf den heißen Stein

Als Zimmermeister Nowack davon erfuhr, dass das Projekt möglicherweise auf der Kippe steht, entschied er sich, die Sache notfalls selbst in die Hand zu nehmen:

"Ich habe selber auch Platz, bei mir, wo er dann unterkommen kann. Das wird sich dann ergeben, das ist das kleinste Problem."

Für alles Weitere soll der Gemeinderat eine Lösung finden.

Die Gegend um Rottweil, gelegen zwischen Stuttgart und Bodensee, gehört zu den Regionen in Deutschland mit der niedrigsten Arbeitslosenquote. Die Menschen hier seien dankbar für ihre Situation und wollten etwas zurückgeben, sagt Raimund Kegel von der Handwerkskammer Konstanz:

"Die Unternehmer, das sind ja alles mittelständische Familienunternehmen, die spüren, dass in Südeuropa irgendetwas nicht stimmt; die wollen helfen. In allen Gesprächen wird das deutlich: Wir wollen helfen. Es sind ja junge Erwachsene, die den Mut haben, hierher zu kommen, den wollen wir auch hier die Chance geben, dass sie eine ordentliche Ausbildung in den Betrieben machen können.

Doch das alles sind kleine Initiativen. Das Engagement der Rottweiler Handwerker wird sich in keiner Statistik zeigen. Was sich in den südeuropäischen Ländern abspielt, lässt sich von Deutschland aus wahrscheinlich nicht einmal erahnen. Während sich hierzulande Firmengründer überlegen, wann der richtige Zeitpunkt für die Übergabe an die nächste Generation gekommen ist, stellen sich Eltern im Süden Europas darauf ein, ihre Kinder so lange mitzuversorgen, wie es die eigenen Kräfte zulassen. Die "Jugendgarantie", die die europäischen Staats- und Regierungschefs beschlossen haben, sie ist derzeit nicht viel mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein.

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