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StartseiteEuropa heuteJugendkriminalität in der Türkei11.01.2008

Jugendkriminalität in der Türkei

Rassismus und politische Brandstiftung hat die türkische Gemeinde Deutschland dem hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch vorgeworfen, der die Jugendgewalt zum wichtigsten Thema seines Landtagswahlkampfes gemacht hat. Seit dem Überfall auf einen Rentner in der Münchener U-Bahn durch einen jungen Griechen und einem Türken ist das Thema in aller Munde. Viele Türken in Deutschland fühlen sich an den Pranger gestellt. Doch obwohl die Türkei in der Debatte häufig erwähnt wird, weiß man nicht viel über die Jugendkriminalität dort. Susanne Güsten wirft einen Blick auf das türkische Strafrecht und die Jugend.

Von Susanne Güsten

Istanbul ist sicherer als New York oder London. (AP)
Istanbul ist sicherer als New York oder London. (AP)

Straßenmusiker an der U-Bahn-Haltestelle Osmanbey in Istanbul. Die Musik mag etwas gewöhnungsbedürftig sein, aber das macht nichts: In die eigenwilligen Klänge des Dudelsacks kann man sich hier ganz in Ruhe hineinhören. Der Unternehmer Zafer Emirgan, der lange in Deutschland gelebt hat, fühlt sich in der Istanbuler U-Bahn völlig sicher:

"So was gibt es nicht. So wie der Fall in München, wo ein Rentner in der U-Bahn zusammengeschlagen worden ist, so ein Fall würde es in Istanbul in einer U-Bahn-Station nicht geben. In dem Umfang gibt es in der Türkei solche Fälle nicht, nicht so wie in Deutschland oder England oder in den USA."

Tatsächlich ist Istanbul mit seinen 15 Millionen Einwohnern nicht nur sicherer als New York oder London; in der internationalen Kriminalitätsstatistik rangiert die türkische Mega-Metropole auch noch hinter Brüssel und Berlin.

Auch in der U-Bahn selbst: Kein Graffiti, keine Betrunkenen, keine Anmache und keine Angst. Nicht nur die Kriminalität insgesamt, auch das Niveau der Jugendkriminalität ist in der Türkei weit niedriger als in Deutschland. Die türkische Stiftung für die Rehabilitation jugendlicher Straftäter führt das auf die Bindekraft der Familie zurück, die in der Türkei noch viel stärker ist als in den meisten westlichen Ländern. Eine Einschätzung, die auch der Unternehmer Emirgan teilt:

"Weil die Eltern bei den Jugendlichen mehr Einfluss nehmen können als in Deutschland oder England. Die Jugendlichen stehen unter strengerer Beobachtung der Eltern, der Familienmitglieder und der Freunde. Die können mehr Einfluss nehmen. Es liegt, glaube ich, in der Kultur."

Doch Istanbul hat auch Probleme mit kriminellen Jugendlichen - wenn auch ganz andere als Deutschland. Im Gegensatz zu den kleineren und mittleren Städten des Landes ist Istanbul Schauplatz organisierter Verbrecherbanden, die Kinder und Jugendliche auf die schiefe Bahn bringen, wie Rechtsanwalt Ahmet Avsar erklärt:

"Es gibt viele illegale Organisationen in Istanbul, in jedem Stadtteil von Istanbul haben die Leute, die bekommen die kleinen Kinder. Besonders im kurdischen Gebiet werden die Kinder losgeschickt für zwei, drei Monate, die Realität ist leider so, die Kinder werden losgeschickt nach Istanbul. Und dann werden die Leute hier benutzt, beim Diebstahl, beim Raub und so weiter."

Rund 15.000 Minderjährige nimmt die Istanbuler Polizei alljährlich fest, vorwiegend wegen Diebstahl und Straßenraub, und meist in den belebten Innenstadtbezirken:

"In Taksim, in Beyoglu - man kann ein Kind losschicken und sagen zum Beispiel du musst diesen Tourist ausräubern. Die Kinder müssen das machen, sonst werden sie kein Brot bekommen, sie werden geschlagen, ihre Familien werden Probleme haben. Das ist ein großes Problem leider. "

Werden die jugendlichen Straftäter gefasst, gilt für sie zwar kein eigenes Jugendstrafrecht wie in Deutschland. Die Türkei hat dafür aber ein Jugendschutzgesetz, das bei minderjährigen Straftätern zusätzlich zum Strafgesetzbuch zur Anwendung kommt und verkürzte Strafen vorschreibt. Bei Jugendlichen zwischen 15 und 18 Jahren wird vom üblichen Strafmaß ein Drittel abgezogen. Außerdem dürfen minderjährige Straftäter nicht in Handschellen vorgeführt werden. Die Realität sieht allerdings anders aus, beklagt Anwalt Avsar:

"In der Praxis hat man immer Probleme. Zum Beispiel gibt es hier im Gefängnis Folterprobleme. Im Bayrampasa-Gefängnis, zum Beispiel. Jeder weiß, dass die Kinder, wenn sie im Gefängnis sind, am ersten Tag geschlagen werden von Gefängniswächtern und so weiter."

Zudem hapert es bei den Jugendgerichten, von denen es nicht annähernd genug gibt. So wie der deutsche Jugendliche Marco W. müssen auch tausende türkische Jugendliche vor Schwurgerichten erscheinen, die eigentlich nur für Erwachsene zuständig sind, weil es in ihrem Bezirk kein Jugendgericht gibt. Und so wie Marco W. müssen sie oft monate- oder gar jahrelang in Untersuchungshaft sitzen, weil die Justiz überlastet ist.

"In der Türkei dauern manche Strafsachen, drei, fünf, sechs Jahre - das passiert manchmal. Das passiert auch bei Kindern, das ist auch ein Problem."

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