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StartseiteHintergrundMord im Namen Titos16.10.2014

Jugoslawiens Agenten in DeutschlandMord im Namen Titos

Es war eine beispiellose Mordserie und sie dauerte zwei Jahrzehnte: Mindestens 29 Exilkroaten tötete der jugoslawische Geheimdienst in der Bundesrepublik. Jetzt könnte die Aufarbeitung beginnen. Zwei ehemaligen Top-Agenten wird in München der Prozess gemacht. Die Angehörigen der Opfer hoffen auf späte Gerechtigkeit.

Von Philipp Grüll und Frank Hofmann

Unter Anteilnahme mehrerer hundert Exilkroaten wird am 05.08.1983 der eine Woche zuvor durch sechs Schüsse getötete kroatische Verleger Stjepan Durekovic auf dem Waldfriedhof in München beigesetzt. Die Leiche des 57jährige war in einer Garage in Wolfratshausen gefunden worden, die als Druckerei genutzt wird. (picture alliance / dpa /  Klaus-Dieter Heirler)
Beisetzung des kroatischen Verlegers Stjepan Durekovic auf dem Waldfriedhof in München im August 1983 (picture alliance / dpa / Klaus-Dieter Heirler)
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Robert Zagajski steht auf einem Feldweg am Stadtrand von München – hinter ihm: Einfamilienhäuser. Vor ihm: ein unbestellter Acker. Langsam setzt er einen Fuß darauf, geht einige Schritte. Dann bleibt er stehen und hält inne.

"Also hier ist vor jetzt über 30 Jahren mein Vater ermordet worden. Wenn ich hierher an diesen Ort komme, stell ich mir immer die Frage, ob er hat leiden müssen an dem Abend, wer ihn hergeführt hat, wer ihn ermordet hat und ob das jemals aufgeklärt werden wird. Deswegen ist dieser Ort eine Symbolik des Leidens für mich."

Robert Zagajski war 17, als er seinen Vater verlor – damals im März 1983. In den frühen Morgenstunden fand ein Passant den leblosen Körper. Der Exilkroate Djuro Zagajski wurde erschlagen.

Es ist die wohl bedeutendste unaufgeklärte Mordserie der deutschen Nachkriegsgeschichte. Mindestens 29 Exilkroaten tötete der jugoslawische Geheimdienst in der Bundesrepublik. Erst jetzt, nach Jahrzehnten, könnte die Aufarbeitung beginnen. Denn ab Freitag stehen zwei ehemals hochrangige jugoslawische Agenten vor dem Münchner Oberlandesgericht – angeklagt wegen Beihilfe zu einem Mord in Wolfratshausen bei München.

Die dunkle Gestalt vor Lukas Lokal

In Augsburg lebt Luka Kraljević in einer kleinen Wohnung. Selbst für den kurzen Weg von der Küche ins Wohnzimmer braucht er die Hilfe seiner Frau. Sie nimmt ihn an der Hand, öffnet ihm die Tür. Er sinkt in den Sessel, hebt seine Sonnenbrille hoch. Damit wird sichtbar, was ihm angetan wurde: Luka Kraljević hat keine Augen mehr.

"Es ist schwer, ohne Licht."

Bis zum Dezember 1983 war er Gastwirt, bis eines Nachts eine dunkle Gestalt vor seinem Lokal in der Nähe von Augsburg auftauchte und durch die Scheibe schoss. Die Kugel durchschlug die linke Schläfe, zerfetzte die Augäpfel.

"Ich habe gedacht, wäre besser, dass ich tot als so."

Auch in seinem Fall wurden die Täter bis heute nicht gefasst.

Beim Verfahren vor dem Münchner Oberlandesgericht, das morgen beginnt, ist Luka Kraljević als Zeuge geladen. Im Prozess geht es um den Mord an dem Exilkroaten Stjepan Djureković, der in Wolfratshausen getötet wurde. Der blinde Kraljević und Djuro Zagajski waren mit ihm befreundet. Die drei Männer hatten ein gemeinsames Ziel: ein von Jugoslawien unabhängiges Kroatien.

Bomben kroatischer Nationalisten

Zurück nach München. Wenige Kilometer entfernt von dem Feld, auf dem Robert Zagajskis Vater erschlagen wurde. Der Sohn stapft durch hohes Gras, kämpft sich durch Gestrüpp, drückt einige Äste zur Seite. Dahinter: ein Maschendrahtzaun und ein verrostetes Tor. Robert Zagajski glaubt, dass sein Vater in der Mordnacht hierher wollte.

"Hinter diesem Tor hat ein Freund vom Vater damals seinen Autoverkaufsplatz gehabt, und in einer dieser Räumlichkeiten hat mein Vater seine ganzen Materialien, Propagandamaterial, antikommunistisches Schriftgut und so weiter, gelagert gehabt."

Die Kroaten wollten vom deutschen Exil aus eine größere Aktion in Jugoslawien starten.

"Geplant waren damals auch einige, ich sag mal vorsichtig formuliert halt, Sprengstoffanschläge irgendwo. ... In den Touristenzentren irgendwo am Rand in der Nacht, um auch auf gar keinen Fall jemanden zu schädigen."

Djuro Zagajski und Luka Kraljević wollen damals mit Bomben Touristen verschrecken, dem chronisch klammen Jugoslawien sollten die Einnahmen wegbleiben, damit – so ihre Erwartung - das Regime ins Wanken gerät und Kroatien unabhängig wird. Andere Dissidenten wie Stjepan Djureković kämpften mit Worten für dasselbe Ziel. Aber gleichgültig, ob diese Exilkroaten friedlich oder gewaltbereit waren – der jugoslawische Geheimdienst jagte sie alle mit brutalen Methoden.

Das Morden geht bis 1989 weiter

Die mysteriöse Mordserie beginnt im Jahr 1967. Das erste Opfer starb in der Nähe von Stuttgart – von Kugeln durchsiebt. Ein Jahr später wird die Leiche eines Exilkroaten in Hessen aus der Fulda gezogen. In München erschießen Unbekannte 1968 am helllichten Tag drei Männer. In den folgenden Jahren geht das Morden in der ganzen Bundesrepublik bis 1989 weiter.

Für die Verbrechensbekämpfung in Deutschland war von 1978 bis 1982 Bundesinnenminister Gerhart Baum verantwortlich. Als während seiner Amtszeit Jugoslawen in Deutschland mordeten, schwieg der FDP-Politiker in der Öffentlichkeit. Heute gibt er zu, dass die Bundesregierung Bescheid wusste, sie sich aber in einem Dilemma befand:

"Das war ein Angriff auf unsere Souveränität. Ein anderer Staat begeht oder ordnet Morde an auf unserem Territorium gegen seine Gegner. Das konnten wir uns nicht bieten lassen. Aber was sollten wir tun?"

Die bundesdeutsche Politik hätte jugoslawische Diplomaten ausweisen können. Sie hätte dem Land keine weiteren Kredite bewilligen oder die diplomatischen Beziehungen völlig abbrechen können. Sie hätte Jugoslawien öffentlich kritisieren und die Taten verurteilen können. Doch all das geschah nicht.

Da war man zurückhaltend. Man hat Rücksicht genommen auf Jugoslawien. Man hat Jugoslawien geschont, weil man Jugoslawien gebraucht hat.

Klaus von Dohnanyi: "Eine Politik der schmutzigen Hände"

Andere Politiker, die damals Verantwortung trugen, wollen zu diesem Thema kein Interview geben. Neben Gerhart Baum spricht nur Klaus von Dohnanyi offen über die Jugoslawien-Politik der 70er und frühen 80er Jahre. Der SPD-Politiker war Staatsminister im Auswärtigen Amt und hat die sozialliberale Außenpolitik mitgeprägt.

"Die Leute haben recht mit ihrem Schmerz. Aber es gibt eben Dinge in der Politik, die so sind, wie sie sind. Und unser überragendes Interesse war damals, einen Weg zu finden, um in Europa Entspannung mit der Sowjetunion voranzutreiben."

Ende der 60er Jahre beginnt mit Willy Brandt ein neues Kapitel der deutschen Außenpolitik: die neue Ostpolitik. Das Motto: Wandel durch Annäherung. Doch die neue Strategie hat eine hässliche Seite, die Klaus von Dohnanyi auf eine kurze Formel bringt: "Eine Politik der schmutzigen Hände."

Denn der jugoslawische Präsident Tito ist damals eine wichtige Figur. Er schwankt zwischen Ost und West, ist einflussreich, kann die Entspannungspolitik der sozialliberalen Koalition torpedieren oder unterstützen. Die Bundesregierung will gute Beziehungen zu ihm. Auch wenn der Preis hoch ist.

Erst mehr als ein Jahrzehnt nach dem Zerfall Jugoslawiens stoßen die deutschen Behörden auf neue Ermittlungsansätze. Ein wichtiger Zeuge meldet sich, den Ermittlern werden Geheimdienstakten zugespielt. Ab 2005 schreibt das Bundeskriminalamt mehrere Männer zur Fahndung aus – wegen des Mordes an dem Exilkroaten Stjepan Djureković.

Die Mörder warten in Wolfratshausen

Wolfratshausen, südlich von München. Ein idyllischer oberbayerischer Ort an der Isar. Es ist ein heißer Sommertag im Juli 1983. Der Exilkroate Stjepan Djureković hat sich mit seiner Geliebten zu einem Bootsausflug verabredet. Freunde wie der kroatische Exilpolitiker Petar Hinić ahnen, dass ihn der jugoslawische Geheimdienst im Visier hat.

"Ich hab mir gedacht, dass er sich in Gefahr befindet, und so habe ich ihm auch mitgeteilt, und zwar, dass die jugoslawischen Agenten so wie bisher Interesse haben, ihn zu beseitigen. Sie hätten genug Geld, sie haben genug Zeit, und sie haben Killer dafür, um ihn zu töten."

Djureković zählte lange zur jugoslawischen Elite – er war Manager des Öl-Konzerns INA. Doch schon damals verfasste er heimlich kritische Aufsätze und Bücher gegen das sozialistische Jugoslawien. Er flüchtet nach München, veröffentlicht Schriften mit Titeln wie: „Der Kommunismus, ein einziger Betrug" – gedruckt mit einer alten Maschine, die in einer Garage in Wolfratshausen steht.

An diesem Sommertag will Djureković noch schnell ein Manuskript dorthin bringen, bevor er zu seiner Bootsfahrt aufbricht. Doch die Mörder warten schon.

Sie drücken mehrmals ab: Kugeln treffen Djurekovićs rechte Hand, die Oberarme. Als er fliehen will, feuern die Täter erneut: Zwei Schüsse in den Rücken. Er stürzt. Die Mörder schlagen ihm den Schädel ein. Kurz nach dem Attentat besucht Djurekovićs Sohn Damir mit einem Journalisten die Garage, in der sein Vater ermordet wurde.

"Ich habe zwar keine Angst, aber es gibt große Gefahr für mich, weil ich weiß bestimmt, dass jetzt Geheimdienst auch mich erschießen will."

Der Sohn wandert später nach Kanada aus und stirbt dort unter Umständen, die bis heute nicht geklärt sind.

Akteneinsicht in Zagreb

Robert Zagajski kannte die Familie gut. Im Frühjahr 2014 ist er in die kroatische Hauptstadt gereist. Er legt am Grab von Stjepan Djureković und dessen Sohn Damir Blumen nieder. Mit ihm hatte Robert Zagajski viel Zeit verbracht.

"Wir waren befreundet. Wir haben uns auch über unsere Eltern unterhalten, nachdem beide Väter ermordet worden sind. Auftraggeber war in beiden Fällen der jugoslawische Geheimdienst. Ich nehme sogar an, die gleichen Personen, weil sie auch durch die Zusammenarbeit etwas verbunden waren und an der gleichen Sache gearbeitet haben. Ich nehme sogar an, dass die Mörder die gleichen waren.

Robert Zagajski ist noch aus einem anderen Grund in Zagreb: Er hat beim kroatischen Nationalarchiv einen Termin bekommen. Nach langem Warten darf er in Akten Einsicht nehmen, die der jugoslawische Geheimdienst über seinen Vater angelegt hatte.

"Ich hoffe, die Akten zu finden, die mich zum Mörder vom Vater führen. Das heißt, definitiv Namen, die erwähnt werden, Namen von den Personen, die ihn ausgespäht haben. Eventuell Namen von den Personen, die beauftragt worden sind, ihn zu liquidieren, und natürlich die Auftraggeber, die im Hintergrund die Fäden gezogen haben."

Der Zugang zu den Akten ist beschränkt: Robert Zagajski darf keine Kamera mitnehmen. Er darf auch nur alleine hinein – mit Stift und Notizbuch – mehr geht nicht. Stundenlang studiert er die Akten. Viele Seiten fehlen. Dennoch entdeckt er Aufschlussreiches. Er weiß jetzt sicher, dass enge Freunde seines Vaters Spitzel waren.

Und außerdem erfährt er, wer für die Beschattung seines Vaters verantwortlich war.

"Die letzte Seite wird dann praktisch immer von Zdravko Mustač unterschrieben."

"Alle Aktionen, die notwendig waren"

Zdravko Mustač war der letzte Chef des jugoslawischen Geheimdienstes. Er und sein enger Mitarbeiter Josip Perković stehen in München vor Gericht. Der Generalbundesanwalt wirft den beiden Beihilfe zum Mord an Stjepan Djureković in der Wolfratshausener Garage vor. Dass der Prozess jemals stattfinden würde, galt lange als unwahrscheinlich.

Der frühere Ex-Geheimdienstoffizier Josip Perkovic vor einem Gerichtsgebäude in Zagreb. (picture alliance / dpa / Antonio Bat)Der kroatische Ex-Geheimdienstler Perkovic kommt in Deutschland vor Gericht. (picture alliance / dpa / Antonio Bat)Zagreb, wenige Monate vor Robert Zagajskis Archivbesuch: Seit Jahren fahnden deutsche Ermittler nach Josip Perković. Sie kennen die Adresse des Ex-Agenten. Er kann sich in Kroatien trotzdem völlig frei bewegen. Der Deutschen Welle und dem Politmagazin Kontrovers des Bayerischen Rundfunks gibt er sogar ein Fernsehinterview. Erstmals bestätigt der Geheimdienstmann, dass er Spitzel und Agenten in der Bundesrepublik geführt hatte.

"Viele. Um es gleich zu sagen, es wäre unsinnig eine Zahl zu nennen. Wir hatten eben einen Geheimdienst, der alle Aktionen durchführen konnte, die notwendig waren. Vor allem ging es darum, Terrorismus auf kroatischem Boden zu verhindern."

Die deutschen Ermittler sind davon überzeugt, dass Perković und sein ehemaliger Vorgesetzter Mustač den Mord in Wolfratshausen geplant haben. Die beiden stehen in Deutschland deshalb auf der Liste der meistgesuchten Verbrecher, auch wenn Perković alles abstreitet.

"Nein! Mit Morden habe ich nichts zu tun. Ich habe schon vor langer Zeit gesagt, dass es absolut keine Berührungspunkte zum Mord an Djureković gibt und auch keine Verbindung zum Tod eines anderen."

Zagrebs schützende Hand?

Die deutschen Behörden hatten lange auf den 1. Juli 2013 gehofft, den Beitritt Kroatiens zur Europäischen Union. Mit diesem Stichtag sollte der EU-weite Haftbefehl auch dort gelten. Doch wenige Tage zuvor brüskierte das Land seine EU-Partner mit einem eilig verabschiedeten Gesetz. Kroatien wollte den Haftbefehl nur für Taten gelten lassen, die seit 2002 verübt wurden. Wollten Präsident und Regierung Ex-Agenten wie Josip Perković schützen, weil sie zu viel über Kroatiens Politik-Elite wissen?

"Seit ich arbeite - seit den 70er-Jahren bis heute - habe ich keine Information verwendet, die jemanden kompromittieren könnte. Ob ich das jemals tun muss – das weiß ich nicht."

Viele von Perkovics ehemaligen Kollegen leben in jugoslawischen Nachfolgestaaten, die nicht zur EU gehören. Sie haben noch weniger zu befürchten. Božidar Spasić war beim jugoslawischen Geheimdienst für "psychologische Zersetzung" zuständig. Das Interview mit ihm findet in der serbischen Hauptstadt Belgrad statt. Er spricht freimütig über die Planung von Attentaten in Deutschland.

"Wir haben alles organisiert. Und dann haben wir Kriminelle mit der eigentlichen Umsetzung beauftragt. Wir gaben ihnen falsche Pässe, besorgten für sie Waffen, leisteten logistische Unterstützung. Sie konnten problemlos die Grenze passieren, und so führten sie die Operationen gerne durch."

Während der Monate nach dem Beitritt droht Brüssel dem EU-Neumitglied Kroatien mit Sanktionen, wenn das Land den europaweiten Haftbefehl nicht umsetzt. Der Druck wird zu groß. Kroatien gibt nach. Zagreb liefert Josip Perković im Januar 2014 und seinen ehemaligen Vorgesetzten Zdravko Mustač im April an Deutschland aus. Zur gleichen Zeit versucht Robert Zagajski, auf eigene Faust mehr über die Hintergründe des Mordes an seinem Vater herauszufinden.

Deckname "Hanzi"

Robert Zagajski ist auf dem Weg ins fränkische Fürth. Dort will er einen früheren Freund seines Vaters besuchen. Heute weiß er: Der Mann war ein Top-Spion. Der jugoslawische Geheimdienst stattete den Mann mit mehr als einem Dutzend Waffen aus. Unter dem Decknamen Hanzi lieferte er detaillierte Informationen über die Lebensgewohnheiten von Exilkroaten in Deutschland, kurz bevor Anschläge auf diese verübt wurden. Auch über Robert Zagajskis Vater. Der Sohn will den Mann zur Rede stellen.

Am späten Abend versucht er es. Das Haus liegt in einer schmalen Gasse in der Fürther Altstadt. Robert Zagajski nimmt all seinen Mut zusammen – und klingelt. An der Sprechanlage stellt er sich auf Kroatisch vor.

Der Ex-Agent öffnet die Tür. Da steht er, ein alter rundlicher Mann. Er begrüßt Robert Zagajski und uns mit einem Satz, der schaudern lässt.

"Es ist schwer zu sagen, weil das der Sohn ist: Keiner war unschuldig ermordet."

Sagt der Mann, der Robert Zagajskis Vater und andere jahrelang ausspioniert hat – unter dem Decknamen Hanzi.

"Okay, ich hab den Vater von ihm gut gekannt. Er war bei mir und hat mir die Unterlagen und das und das und das immer gebracht."

Er lässt uns in die Wohnung. Gemeinsam mit Robert Zagajski konfrontieren wir den Ex-Agenten mit den Geheimdienstakten.

Reporter: "Also Sie waren Hanzi?"

Dorič: "Ja."

Reporter: "Und in diesem Bericht, basierend auf den Informationen von Hanzi, liefern Sie Informationen über den Vater von Robert Zagajski kurz bevor dieser ermordet wurde."

Dorič: "Was, ich?"

Reporter: "Sie haben Informationen geliefert."

Dorič: "Das stimmt ja nicht."

Reporter: Aber das steht da drin.

Dorič: "Ich kann ja alles schreiben was Sie wollen. Wie soll ich, wenn ich keinen Kontakt mit Zagajski gehabt hab. Er ist nur als Gast gekommen."

Reporter: "Aber Sie haben doch gerade gesagt, Sie haben ihn gut gekannt?"

Dorič: "Ja, gekannt, weil er zu mir ins Lokal gekommen ist. Essen und Trinken und weiter sind sie gefahren. Der war nicht bei uns."

Dorič: "Ich weiß nicht, wer das zusammengefasst hat. Ich weiß nicht wer das geschrieben hat."

Reporter: "Haben Sie diese Waffen bekommen?"

Dorič: "Nein. Packt's ein und fahrt nach Hause! Ich habe für etliche Dienste gearbeitet. Ich schäme mich nicht, ich bin stolz daran."

Ein Doppelagent

Tatsächlich: Der Mann hat auch dem deutschen Bundesamt für Verfassungsschutz Informationen geliefert. Das belegen jugoslawische Geheimdienstakten. Ein Doppelagent. Und einer von vielen, deren Rolle bislang nicht geklärt ist.

Morgen um zehn Uhr wird der Prozess gegen die beiden hochrangigen Ex-Agenten Zdravko Mustač und Josip Perković vor dem Münchner Oberlandesgericht eröffnet. Bislang sind mehr als 50 Verhandlungstage angesetzt. Ein Urteil wird frühestens im April 2015 fallen.

In München wird zwar nur ein Fall dieser Mordserie verhandelt, der in Deutschland mindestens 29 Exilkroaten zum Opfer gefallen sind. Doch für viele Angehörige und Überlebende hat dieser Prozess überaus große Bedeutung. Auch für Robert Zagajski, dessen Vater in München im Auftrag des jugoslawischen Geheimdienstes erschlagen wurde.

"Die Schachtel der Pandora ist aufgegangen, wir erhoffen uns, dass jetzt mehr ans Tageslicht kommen wird."

Ähnlich sieht das Luka Kraljević, dem die Agenten sein Augenlicht genommen hatten. Auch er wünscht sich seit Jahrzehnten nur eines:

"Nichts anderes als Gerechtigkeit. Nichts anderes."

Wie viele andere hofft er, dass diese beispiellose Mordserie in Deutschland nun endlich aufgearbeitet wird.

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