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Julia Franck: "Welten auseinander"Alleine Großwerden

Ein Mädchen schlägt sich durch. Es wächst unter Menschen auf, die zwar interessant, eigenwillig und künstlerisch tätig sind, aber die sich nicht richtig um das Kind kümmern können. Julia Francks stark autobiografisch grundierter Roman erzählt von einer Nomadenkindheit und -jugend vor und nach dem Mauerfall.

Von Eberhard Falcke

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Buchcover: Julia Franck: „Welten auseinander“ (Buchcover: S.Fischer Verlag, Hintergrund: Gerda Bergs)
Nach zehn Jahren Pause meldet sich Julia Franck mit einer autobiografischen Coming-of-Age-Geschichte zurück (Buchcover: S.Fischer Verlag, Hintergrund: Gerda Bergs)
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Zunächst ist die Lage unübersichtlich in Julia Francks neuem Buch "Welten auseinander". Es beginnt mit dem Rückblick auf die heiße Liebesgeschichte von zwei jungen Menschen. Julia, die Ich-Erzählerin, erinnert sich in zärtlichsten Worten an Stephan, mit dem sie im Abiturjahr die Schulbank und das Bett teilte. Dann bilden die rassistischen Kommentare eines Biologielehrers die thematische Brücke zur Judenverfolgung der Nazis. Und da ein Teil von Julias Vorfahren jüdischer Abstammung war, füllen plötzlich Großmutter, Großtante und zahlreiche weitere Familienmitglieder den Erzählraum. Es wird in groben Zügen viel erzählt von Menschen, die man dadurch trotzdem nicht wirklich kennenlernt.

Rückblick auf eine schwierige Jugend

Doch dann klärt sich das Bild zum Glück und es wird deutlich, worum es hier tatsächlich und in der Hauptsache geht: um die schwierige Jugend eines Mädchens und den komplizierten Werdegang einer jungen Frau. Mit anderen Worten: Um die ersten zwei Jahrzehnte im Leben der Schriftstellerin Julia Franck. Allerdings unter dem Vorbehalt, dass die autobiografischen Elemente fiktional überformt sind. In einer Vorbemerkung betont die Autorin:

"Oft liegen unsere Geschichten und unsere Sicht auf die Wirklichkeit Welten auseinander. Wir erinnern uns an Ereignisse und unsere nächsten Menschen vollkommen unterschiedlich. Daher wird sich keine reale Person in einer der Figuren dieses Buches wieder erkennen."

Autofiktion also, der Gattungstitel "Roman" kommt nicht zur Anwendung. Viele Sujets ihres bisherigen Erzählwerks hat Julia Franck in ihrem Familienumkreis gefunden, wie etwa das Mutter-Sohn-Drama, von dem ihr bislang erfolgreichster Roman "Die Mittagsfrau" handelt. Nun, im Alter von einundfünfzig und genau zehn Jahre nach dem letzten Roman, rückt sie mit ihrem neuen Buch die eigenen Erfahrungen und Gefühle ins Zentrum und damit die ganze Unordnung und das frühe Leid, durch die ihre Jugendzeit bestimmt war. Es dauert eine Weile, bis die Erzählung den Ton, Rhythmus und die eindeutige Perspektive findet, die verständlich machen, mit welcher Dringlichkeit die Ich-Erzählerin danach fragt, wie sie ihren Platz in der Welt gefunden hat. 

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Große Liebe, großer Verlust

Es gibt eine Rahmenhandlung, deren schmerzhafte Bedeutung sich aber erst am Ende erschließt. Das ist die Liebesgeschichte mit Stephan, bei der Julia zum ersten Mal das Gefühl hat, an einem Wunschort angekommen zu sein. Was sich stilistisch nicht immer glücklich in Formulierungen von blumigem Pathos niederschlägt. Jedenfalls mussten die beiden erst eine gemeinsame Sprache finden, denn sie stammten aus ganz verschiedenen Welten, er aus einer Sphäre bürgerlicher Ordnung, sie aus bohèmehafter Unordnung.

"Unsere Erfahrungen lagen Welten auseinander, wie konnte es da zu einer Sprache kommen, in der wir mit denselben Worten auch nur annähernd etwas Ähnliches hätten meinen und uns vorstellen, sagen und verstehen können. Uns das Fremde am anderen vertraut machen. Wir konnten. Wir mussten streiten und verstanden uns von Streit zu Streit besser."

Familienklima: anhaltende Kälte

Diese Julia hatte eine wahrlich unbehütete Kindheit. Zwar gab es zahlreiche Familienmitglieder, aber niemanden, der tatsächlich für sie da war. Die Mutter: Eine Schauspielerin ohne großen Erfolg, aber mit riesigem alternativen Selbstverwirklichungsdrang. Der Vater: Ein familienscheuer Filmer. Die Großmutter: Eine bedeutende DDR-Bildhauerin, doch in ihrem Gehabe von einer menschlichen Kälte, wie sie Kunst- und Geistesmenschen manchmal an sich haben. Die von den üblichen Schikanen begleitete Ausreise der Rumpffamilie aus der DDR in die BRD führt zunächst in die kalte Unwirtlichkeit eines Flüchtlingslagers und dann in ein dürftiges Landleben bei Rendsburg. Gerne schiebt die Mutter ihre Töchter irgendwohin ab. Die Ich-Erzählerin Julia nennt das "Nomadenkindheit". Erst in der Beziehung zu Stephan wird für die junge Frau so etwas wie Harmonie möglich. Bis 1993 etwas Schreckliches passiert. Wieder wird Julia zurückgestoßen in die "Wildnis" eines von Schmerz und Chaos beherrschten Lebens.

"Die Ereignisse und Begebenheiten in meiner Familie ließen sich literarisch kaum erzählen, so unwahrscheinlich und grell waren sie. Wie sollte ich je meine Stimme für das Eigene und die eigene Geschichte erheben dürfen, eine Form finden, die Tabus umgehen oder ihnen entgegentreten. Die Zusammenballung des Tragischen und wie es sich von einer Generation in die nächste ausbreitete, uns prägte, jeden für sich, in mir und meinem Gedächtnis Raum griff, schien mir für Literatur zu viel, eine Zumutung."

In dieser Selbsterlebensbeschreibung, um mit Karl Philipp Moritz zu sprechen, erhebt Julia Franck ihre Stimme für das Eigene, indem sie erzählt, was ihr widerfuhr, wie sie sich durchschlug und, so muss man sagen, tapfer behauptete. Dass bei diesem Unternehmen literarische Meisterschaft nicht an erster Stelle stehen konnte, weiß sie selbst. Trotzdem entfaltet sie auf eindringliche Weise eine sehr persönliche Geschichte über die Fremdheit im eigenen Lebensumkreis, die über den individuellen Fall weit hinausreicht. Nicht nur, weil sie ergreifend ist. Sie erzählt auch viel über die Zeit und die Gesellschaft, in der sie spielt. Ganz abgesehen davon, dass uns die Schriftstellerin Julia Franck hier vertrauensvoll verrät, von welchen Verletzungen und Fragen ihr Schreiben angetrieben wird.

Julia Franck: "Welten auseinander"
S.Fischer Verlag, Frankfurt a.M., 368 Seiten, 23 Euro.

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