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StartseiteBüchermarktSchwarz, abgründig, nekrophil 15.02.2018

Julia Kissina (Hrsg): "Revolution Noir"Schwarz, abgründig, nekrophil

Die russische Literaturszene ist im Umbruch. Von einer "neuen Welle" ist die Rede. Die deutsch-russische Schriftstellerin und Künstlerin Julia Kissina hat eine Anthologie dieser faszinierenden und zum Teil auch recht bizarren Texte zusammengestellt.

Von Lerke von Saalfeld

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Die deutsch-russische Künstlerin und Schriftstellerin, Julia Kissina (imago/gezett)
Die deutsch-russische Künstlerin und Schriftstellerin, Julia Kissina (imago/gezett)
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Die Erste russische Avantgarde in der Literatur entstand vor dem Hintergrund der Oktoberrevolution in den zwanziger Jahren. Die Zweite Avantgarde entwickelte sich in der Tauwetter-Periode unter Chruschtschow, die 1956 begann. Julia Kissina hat nun die jüngste und Dritte Avantgarde vorgestellt: mit Texten, die mit dem Zerfall der Sowjetunion einsetzten.

In einem Nachwort der Herausgeberin, die nicht mehr in Moskau lebt, sondern zwischen Berlin und New York pendelt und wie eine Nomadin durch die Welt zieht, klärt sie die Leser über ihr Vorhaben auf:

"Wir stellen dem Leser ein Buch vor, das nichts zu tun hat mit der Vorstellung von einer 'russischen Seele', einem geheimnisvollen slawischen Charakter, dem ewig Wodka trinkenden Ostgenossen und überhaupt davon, wie man in Russland lebt und denkt. Es befreit uns von den Klischees, die an den beiden großen kulturellen Paradigmen haften: dem Sozialismus und Dostojewski."

Eine Gesellschaft, die Bestandteil der globalen Kultur ist

Mit diesen beiden Eckpfeilern wollen die Autorinnen und Autoren nichts mehr zu tun haben, sie haben sich überlebt. Und Kissina fährt fort:

"Schließlich zeigt das Buch ein Russland ohne Putin und seine Helden. Ein Land, in dem Menschen mit sehr unterschiedlichem ethnischen und religiösen Hintergrund schreiben. Vor unseren Augen entsteht das Bild einer Gesellschaft, die ein untrennbarer Bestandteil der globalen Kultur ist."

Insgesamt 15 Autorinnen und Autoren hat die Herausgeberin versammelt, die zwanzig Texte vorlegen. Mal sind es Erzählungen, kleine Essays, mal begnügen sie sich mit Prosa-Miniaturen. Charakteristisch für die gesamte Schar, alle Beteiligten sind künstlerische Doppelbegabungen. Sie sind Filmemacher, Sänger, Performancekünstler oder bildende Künstler. Und weiterhin zeichnet sie aus: Sie streben in die Welt hinaus.

Der Titel "Revolution Noir" ist eine Erfindung von Julia Kissina, sie wollte eine Gegenmetapher zur glorreichen roten Oktoberrevolution schaffen. Das Schwarze, Abgründige, Nekrophile zieht sie an. Ingolf Hoppmann, der die meisten Texte der Anthologie übersetzt hat, gibt zu bedenken:

"Ich verstehe diesen Titel 'Revolution Noir' als Provokation der Herausgeberin speziell für deutsche Leser. Es ist eine persönliche Sammlung, es sind nicht alle Namen dabei, das hält die Sache auch zusammen. Es kommt eine persönliche Komposition heraus und diese Komposition ist in gewisser Hinwsicht revolutionär, weil sie etwas in Bewegung setzen will. Sie möchte bestimmte Strukturen aufbrechen in der Literatur, in der Kunst, und etwas Neues öffnen. Für mich sind Revolution, Avantgarde, neue Russische Welle und auch Konzeptualismus im Grunde Etiketten, sie sind wie eine erste Schwelle in dieses Buch hinein. Und die sind mit ein bisschen Ironie zu nehmen."

Zu den Urvätern dieser underground revolution gehört Juri Mamlejew, 1931 in Moskau geboren, Sohn eines Psychiaters, der 1937 verhaftet wurde und verschwand. In den sechziger Jahren war Mamlejews Moskauer Wohnung ein legendärer Treffpunkt für inoffizielle Kultur. 1974 emigrierte er in die USA, 1981 ging er nach Paris, Anfang der neunziger Jahre kehrt er nach Moskau zurück und entwickelte eine ungeheure literarische Produktivität. Er galt als Gründer des metaphysischen Realismus, er war düster und witzig zugleich und übte bis zu seinem Tod 2015 großen Einfluss auf die jüngeren Literaten aus.

"Diese Autoren sind wirklich Virtuosen der Sprache"

Für die Übersetzer sind diese psychedelischen, gewalttätigen, absurden, magischen Texte eine ungeheure Herausforderung.

Hoppmann: "Ich kann getrost sagen, dass dies das Extremste war, was ich bisher erlebt habe. und dass ich auch definitiv das Gefühl hatte, an die Grenze zu kommen. Sicherlich hätte ich nur halbe Kompromisse erreicht, wenn ich nicht eine Muttersprachlerin mit einem sensiblen Sprachgefühl an meiner Seite gehabt hätte. Diese Autoren sind wirklich Virtuosen der Sprache. Es sind so viele feine Töne darin, und die dann zu finden, das war tatsächlich ein Abenteuer."

Auffällig ist: Kaum ein Text ist eingebettet in eine politische Landschaft. Die meisten Geschichten spielen in einem abartigen Jenseits. Politik scheint, wenn überhaupt, nur von ganz ferne durch. Ingolf Hoppman erläutert dazu:

"Ich denke, man kann das von zwei Seiten sehen. Die eine ist, dass sicherlich viele Künstler gesagt haben, ich kann in der Politik nicht wirksam werden unter den politischen Verhältnissen der Sowjetunion, also nehme ich mich vollkommen raus und begebe mich einfach nur in die Kunst, das ist der eine Punkt.

Der andere Punkt: Bezogen auf diese Sammlung, finde ich es sehr politisch, weil es um den Umgang mit der Sprache geht, es geht um die Beherrschung der Sprache. Diese Autoren sind Virtuosen, Schriftsteller, die mit der Sprache bis ins Extrem gehen. Die das Ungewöhnliche machen. Es ist meiner Meinung nach eminent politisch zu wissen, wie man mit der eigenen Sprache umgeht, die Beherrschung der eigenen Sprache ist ein politischer Akt. Wenn man die eigene Sprache nicht beherrscht, dann wird man beherrscht. Man ist nicht frei, man ist nicht autark, man ist ein politisches Opfer."

Vertreten sind in dieser Anthologie bekannte Namen wie Alexej Parschtschikow, Alexander Pjatigorski, Polina Barskova, Waleri Nugatow und natürlich Vladimir Sorokin. Sorokin wurde 1955 in der Region Moskau geboren, er war der wegweisender Literat des Moskauer Konzeptualismus in den achtziger Jahren. Es galt, die realsozialistische Sprache zu unterlaufen und in eine eigene Wahrheit jenseits der Politik in eine Kopfgeburt umzusetzen. Sein Text "Asche" steht in der Tradition früherer Werke. Es geht um Gewalt, Männerkämpfe, ekelhafte Eiterbeulen, die im Kampf zum Platzen gebracht werden müssen. Die Männer brüllen wie abgestochenes Vieh.

Flugzeug verspeist nach und nach die Passagiere

Geradezu harmlos, wenn auch viel abgründiger, ist die Erzählung von Pavel Pepperstein, 1966 in Moskau geboren. Er ist inzwischen ein berühmter Maler, der den russischen Pavillon auf der Biennale in Venedig gestaltete, in Sao Paulo und im norwegischen Belsen ausgestellt hat. Er gilt als Gründer der "medizinischen Hermeneutik" – wieder so eine Künstlergruppierung, die uns im Westen wenig sagt, aber für die Herausbildung einer jungen russischen Avantgarde als Schrittmacher wirkte. Seine Geschichte beschreibt einen Flug von London nach Reykjavik, das Flugzeug ist ein menschfressendes Monster und verspeist nach und nach die Passagiere.

Man kann sagen, alle Regeln der Zivilisation und der Rationalität sind in diesen Geschichten außer Kraft gesetzt. Grenzenlose Phantasie tritt an ihre Stelle, die jeweils verschieden farbig schattiert ist. Der deutsche Leser, der nicht besonders vertraut ist mit der Szene der in der ganzen Welt verstreuten russischen Literaten, kommt aus dem Staunen nicht heraus, mal mit Vergnügen, mal mit Abscheu. Und die Frage bleibt: Ist diese Auswahl von Julia Kissina stimmig?

Der Übersetzer Ingolf Hoppman antwortet: "Diese Autoren sind in ganz Russland bekannt und von großer Bedeutung. Bei uns sind sie nicht bekannt. Wenn jemand aus der ehemaligen Sowjetunion diese Namen liest, und diese Zusammenstellung liest, dann sagt der 'wow', aber angekommen ist davon bei uns wenig. Diese Zusammenstellung ist auf jeden Fall ein Schatz. Die Frage, ob er auch gehoben wird, das ist eine andere Frage."

Es lohnt sich, diesen Schatz zu heben.

Julia Kissina: Revolution noir - Autoren der russischen neuen Welle
Aus dem Russischen von Olga Kouvchinnikova, Ingolf Hoppmann, Hannelore Nitschke und Olga Radetzkaja

Suhrkamp Verlag 2017, 301 Seiten, 24 Euro

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