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StartseiteBüchermarktEnde im Feuertod08.04.2020

Julia Malik: "Brauch Blau"Ende im Feuertod

Julia Malik ist bislang als Schauspielerin und als Musikerin in Erscheinung getreten. Jetzt hat sie ihren ersten Roman geschrieben. Darin erzählt sie die turbulente Geschichte einer Opernsängerin und Mutter von zwei Kindern, deren Leben aus dem Takt gerät.

Von Shirin Sojitrawalla

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Julia Malik beim Gala Fashion Brunch 2017 auf der Berlin Fashion Week (imago stock&people / imago images / F. Kern /Future Image)
Schauspielerin, Musikerin und jetzt auch Autorin: Julia Malik 2017 in Berlin (imago stock&people / imago images / F. Kern /Future Image)
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In Vincenzo Bellinis Oper "Norma" gerät eine Frau in den Spalt zwischen Mutterliebe und Freiheitsdrang und findet schlussendlich im Feuertod ihr Ende. Die Opernsängerin und namenlose Protagonistin des vorliegenden Romans kennt Normas Schicksal genau. Oft gleicht sie deswegen ihr eigenes Leben mit dem Normas ab: Auch sie hat zwei Kinder, und auch ihr stehen diese häufig im Weg. Das Wort "kinderfrei" taugt ihr gar als Glücksformel. Seitdem ihr Mann sie verlassen hat, ist sie alleinerziehend und für das Wohl und Wehe ihrer Kinder verantwortlich. Sie kennt den Alltagstrott aus Erziehung und Hausarbeit also aus dem Effeff:

"Ständig aufpassen. / Bei Kälte Jacken und Mützen gegen den Willen der Kinder anziehen. / Sonnencreme gegen ihren Willen auftragen oder zwei Stunden diskutieren. / Entscheiden, wann im Streit der Kinder der Punkt ist, wo man eingreifen muss. / Alles, was die Kinder sammeln, mitschleppen. / Überhaupt schleppen, alles gleichzeitig: / Einkäufe, / weinende Kinder, / vor Wut brüllende und tretende Kinder, / Laufräder, / Schlitten, / Kinderrucksäcke. / Dann muss ich: / Wäsche waschen, / Wäsche falten, / Kinderzimmer aufräumen, / alle Zimmer aufräumen, / staubsaugen, / Töpfe abspülen, / kochen und noch mal kochen."

Prekäre Verhältnisse

Dieses Lied können viele Mütter und manche Väter singen. Überforderung als Dauerzustand. Die namenlose Hauptfigur stürzt die Trennung von ihrem Mann auch finanziell in prekäre Verhältnisse. Kein Einzelschicksal, sind doch in Deutschland 90 Prozent aller Alleinerziehenden Frauen - und ein Drittel von ihnen gilt als arm. Julia Malik geht es in ihrem Debütroman aber nicht um realistische Armutsschilderungen, sondern um die Innensicht einer Mutter und Künstlerin, deren Leben aus dem Ruder läuft.

Zu Beginn des Romans präsentiert sich die Hauptfigur undeutlich als mit Drogen vollgepumpte Frau im Abendkleid. Sie wankt durch Berlin und setzt sich ihr vorheriges Leben aus Bruchstücken zusammen wie in einem Indizienprozess. Das Ganze gleicht einem surrealen Alptraum, den die Autorin in abgehackten kurzen, soghaften Sätzen einfängt.

Panikattacken und Abstiegsängste

Diese Atemlosigkeit begleitet die Hauptfigur, auch wenn sie zusehends klarer im Kopf wird, sich zurück erinnert an ihre zwei Kinder, Daphne und Eddie. Sie rekapituliert die Geschehnisse, die zu ihrem eigenen Zusammenbruch geführt haben. Meist weiß sie nicht mehr als die Leserinnen und Leser, die dicht bei ihr sind, ihren inneren Monologen lauschen. Immer wieder gerät die Frau in psychotische Ausnahmezustände, in denen die Wirklichkeit wie alte Farbe von der Wand blättert.

Geschüttelt von Panikattacken und Abstiegsängsten, ist sie eine Frau unter Einfluss, ähnlich der Hauptfigur im gleichnamigen Film von John Cassavetes. Julia Malik beschreibt ihre Zustände plakativ und wuchtig und bringt trotzdem das nötige Feingefühl für ihr Schicksal auf. Die Mutterpflichten der Frau kollidieren ständig mit ihren Wahnvorstellungen sowie mit ihrem Wunsch, ihre Karriere als Opernsängerin fortzuführen:

"Sie wird die Rolle kriegen und dafür einen vollen Kühlschrank. Das Karussell dreht sich schneller. Überall bunte Lichter. Wo ist die zweite grüne Socke, Eddie wütet, wenn er verschiedene Socken anziehen soll. Warum hat sie drei Unterhosen für Daphne und keine  für sich und Eddie? Sie müsste duschen. Sie müssen jetzt das Haus verlassen! Sie sprüht ein grasiges Parfum auf Hals und Nacken, ruckelt durch Pulloverärmel und krabbelt mit den Anziehsachen der Kinder in die Höhle. Eddie ist schon fertig, als sie merkt, dass Daphne sich wieder auszieht."

Wie ätzende Säure

Ihrem Alltag begegnet diese Frau nicht nur mit Überforderung und Hilflosigkeit, sondern auch mit robuster Selbstironie und gestähltem Sarkasmus. Die Autorin Julia Malik bettet das in eine Geschichte, in der das Grauen nur einen Kinderschuh entfernt ist von absurden Ideen. An dieser Stelle möchte man nicht zu viel verraten, kann aber babysittende Bettler und singende Hunde in Aussicht stellen. Diese und auch die rund laufende Dramaturgie des Romans mit seinen vielen Rückblenden scheint wie gemacht für eine Verfilmung. Stellenweise liest sich das Ganze schon wie ein Drehbuch, samt zu glatt perlenden Pointen und einem faltenfrei gebügelten Ende. Das dunkle Herz indes schlägt in der ersten Hälfte des Romans.

Die einzelnen Kapitel überschreibt Malik mit Wörtern wie aus der Schulfibel oder von Thomas Bernhard geliehen: Flur, Schwelle, Automat, Kerker. Nur eines trägt einen englischen Titel "The Rape", die Vergewaltigung also. Das Kapitel beschreibt in angemessener Brutalität und Schonungslosigkeit genau das. Malik gelingt dabei eine Szene, die nicht allein wegen ihrer körperlichen Drangsal, sondern vor allem wegen ihrer psychologischen Ausweglosigkeit im Kopf bleibt: Eine Frau wird von ihrem Ex-Mann vergewaltigt und hofft noch während ihr Körper auf den Boden knallt, es handele sich um Liebe.

"Sein Sperma riecht scharf. Ätzende Säure. Ihre Tränen rinnen in herumliegende Kinderturnschuhe. Danach liegt er hinter ihr. Ihr Hals ist angeschwollen. Sie ist mit dunkler Liebe erfüllt. Stolz darauf, was sie aushält, was sie tut für ihre Liebe. Jetzt hat sie ihn wieder zurück. Das Allerschlimmste wird die Geburtsstunde für eine goldene Zeit mit ihm gewesen sein. Sie kann spüren, wie sehr er sie liebt, und er weiß nun auch endlich, dass sie ihn liebt, mehr als ihr eigenes Leben."

Ein eindrucksvoller Erstling

Die Szene ist schwer auszuhalten und steht in krassem Gegensatz zu den absurd komischen und oftmals derben Übertreibungen, die der Roman auffährt. Die wilde Mischung von Stimmungen und Stilmitteln mag überraschen, auch irritieren; doch diese Disparatheit entspricht der chaotische Lebenswelt und Gefühlslage der Protagonistin.

Der Roman schildert ihren Kampf um Selbstbestimmung. Sie kämpft sich aus der Opferrolle hinaus. Julia Malik erweist sich ihrem Stoff nicht nur dramaturgisch gewachsen, sondern bewegt sich immer mal wieder aus dem 08/15-Sprachgebrauch hinaus, etwa mit  Formulierungen wie "Parfums, die durcheinander kreischen" oder "Gedanken, die begehbarer werden".

Im Präsens peitscht sie ihre Protagonistin und den Plot zielsicher voran. Zuweilen mag ihre Fantasie mit ihr durchgehen, sie das Stilmittel der Übertreibung zu sehr ausreizen; auch häuft sie manchmal mindestens ein Klischee zu viel auf. Doch insgesamt gelesen gelingt ihr ein eindrucksvoller Erstling, der ins Herz heutiger Debatten sticht, egal ob es um MeToo, das Thema Häusliche Gewalt oder den Machtmissbrauch an Theatern geht.

Julia Malik: "Brauch Blau".
Frankfurter Verlagsanstalt, 217 Seiten, 22 Euro.

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