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StartseiteEuropa heuteJuschtschenko gegen Tymoschenko28.02.2006

Juschtschenko gegen Tymoschenko

Wahlkampf in der Ukraine

Als sich die Mehrheit der ukrainischen Bevölkerung mit der orangenen Revolution für ein westliches Demokratieverständnis aussprach, da standen sie noch zusammen Viktor Juschtschenko und Julia Tymoschenko. Die zuvor gefälschte Präsidentenwahl wurde wiederholt und Viktor Juschtschenko Staatspräsident. Die frühere Unternehmerin Tymoschenko wurde Premierministerin, bis in der Regierungsmannschaft wechselseitige Korruptionsvorwürfe aufkamen und Juschtschenko sie im September entließ. Inzwischen hat in der Ukraine wieder der Parlamentswahlkampf begonnen. Florian Kellermann berichtet.

Die ehemalige ukrainische Ministerpräsidentin Julia Timoschenko (AP)
Die ehemalige ukrainische Ministerpräsidentin Julia Timoschenko (AP)

Der ukrainische Wahlkampf dieses Jahr ist so teuer wie noch nie. Allein die allabendliche Werbeschlacht im Fernsehen lassen sich die Parteien jeweils rund drei Millionen Euro kosten. Inhalte spielen dabei keine so große Rolle. Beinahe alle Parteien werben mit den gleichen Versprechen: Ehrlichkeit, Kampf gegen die Korruption und wirtschaftlicher Aufschwung.

Zurzeit beherrscht ein Gesicht die Kiewer Innenstadt: Julia Tymoschenko, die ehemalige Ministerpräsidentin, blickt dutzendfach von den Zeltwänden ihrer Infostände. Daneben ein großes Herz. Auf drei Bühnen ließ die Politikerin am Wochenende Folkloregruppen zu ihren Ehren singen.

Ihor Kyrylenko, ein 44-jähriger Ingenieur findet das abstoßend.

" Das ist doch der reinste Personenkult! Furchtbar! Ich hab diese Eierkuchen gegessen, die sie hier verteilen und mir auch einen Kalender eingesteckt. Aber mehr kann ich dem nicht abgewinnen. Die Partei des Präsidenten präsentiert sich wenigstens als Team. Ein Gesicht ist zu wenig, auch wenn es so hübsch ist wie das von Julia. "

Die Umfragen zeigen die Ukraine als ein immer noch gespaltenes Land. Der russisch-sprachige Osten will mehrheitlich die "Partei der Regionen" wählen, die deshalb mit rund 30 Prozent die stärkste Fraktion stellen könnte. Die Partei gilt als Wahlverein ostukrainischer Oligarchen. Ihr Spitzenkandidat Viktor Janukowytsch war vor anderthalb Jahren Kandidat für das Präsidentenamt. An den damaligen Wahlfälschungen zu seinen Gunsten soll er beteiligt gewesen sein. Erst als Millionen von Ukrainern protestierten, gab er sich geschlagen.

Die Stimmen der Mitte und der ukrainisch-sprachigen Westukraine teilen sich der Wahlblock von Julia Tymoschenko einerseits und die Partei von Präsident Juschtschenko andererseits. Bei der orangefarbenen Revolution standen die beiden Seite an Seite. Doch seit Juschtschenko seine ehemalige Mitstreiterin als Ministerpräsidentin entließ, sind die beiden zerstritten.

Trotzdem hofft die 60-jährige Rentnerin Alicja Omeltschuk, eine von Julia Tymoschenkos Wahlhelferinnen, auf einer Versöhnung.

" Juschtschenko ist ein guter Mensch. Aber er ist zu weich - er braucht einen Menschen wie Julia an seiner Seite. Wer Verantwortung hat, der kann man es nicht allen recht machen. Das gefällt mir an Julia: Sie trifft ihre Entscheidungen unabhängig von der Meinung anderer. Ich glaube an sie - an sie als Frau, als starken und intelligenten Menschen. "

Als Paradebeispiel für die Schwäche des Präsidenten sehen viele den Gaskompromiss zwischen Russland und der Ukraine. Obwohl noch ein Vertrag für mehrere Jahre bestand, zahlt die Ukraine nun rund 50 Prozent mehr. Ursprünglich jedoch wollte Moskau den Preis auf Weltmarktniveau heben - und drohte schlicht, Kiew den Hahn zuzudrehen.

Dennoch habe Juschtschenko die Ukraine verraten, meinen rund 80 Kiewer Studenten. Seit der Unterzeichnung des Kompromisses wohnen sie in einem Protest-Zeltlager gegenüber des Regierungsgebäudes - gerade so wie während der orangefarbenen Revolution.

Der 32-jährige Jurij, der sich Kommandant des Lagers nennt, studiert Wirtschaftswissenschaften.

" Dieser Gaskompromiss, der angeblich bis 2010 gilt, lässt Russland ja sogar noch Schlupflöcher. Vielleicht steigt der Preis für das Gas in den nächsten Jahren noch weiter an. Deshalb verlangen wir, dass der Vertrag spätestens nach der Wahl rückgängig gemacht wird. Es ist offensichtlich, dass es dabei nicht um die Interessen der Bürger ging. Da haben einige Personen für ihren eigenen Geldbeutel gesorgt - auch aus unserer Regierung. "

Nach Sonnenuntergang ist der Wahlkampf in der Kiewer Innenstadt vorbei. Im Schneegestöber erzählt ein Komödiant Anekdoten. Aber selbst beim Humor spalten sich die Ukrainer in zwei Lager. Ein böser Witze über das vernarbte Gesicht von Präsident Juschtschenko bringt manche Zuhörer in Rage, so den 40-jährigen Lehrer Alexander Kornitschuk.

" In solchen Anekdoten drückt sich eine Geringschätzung für die Ukraine als Staat aus. Das sehen Sie schon daran, dass der Komödiant nicht ukrainisch, sondern russisch spricht. Auch die Parlamentswahlen sind nur ein weiteres Kapitel im Kampf zwischen der unabhängigen der von Russland beeinflussten Ukraine. "

Die Ukraine, so scheint es, tritt politisch auf der Stelle. Parteien und Wähler stilisieren die Wahl am 26. März zu einem Kampf zwischen Gut und Böse. Dabei wäre es an der Zeit, um Lösungen für die Probleme des Landes zu ringen.

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