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StartseiteCorso"Das könnte ein Beruf werden, wo man nicht viel Arbeit mit hat"20.01.2017

Kabarettist Evers"Das könnte ein Beruf werden, wo man nicht viel Arbeit mit hat"

Alltagsgeschichten nehmen, ausschmücken und dann auf die Bühne bringen: Der Berliner Kabarettist Horst Evers macht genau das. Ob ein ziemlich schräger Besuch in der Unterwäscheabteilung oder schlüpfrige Hof-Unterhaltungen - Evers macht auch sein eigenes Leben zum Thema. Ein Beruf, der unfassbar viel Arbeit mache, den er aber noch immer als Riesenprivileg empfinde, so Evers im DLF.

Horst Evers im Corso-Gespräch mit Bernd Lechler

Der Autor und Kabarettist Horst Evers (imago / VIADATA)
Seinen Beruf des Kabarettisten beschreibt Horst Evers als ein "Riesenprivileg" und "wunderschön". Aber auch einer, der "unfassbar viel Arbeit" mache. (imago / VIADATA)
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Bernd Lechler: Horst Evers, bundesweit erfolgreicher Geschichtenerzähler, Komiker, Buchautor, ist nicht zuletzt in Berlin gut bekannt, weil seine Texte dort regelmäßig bei Radio Eins zu hören sind. Der gebürtige Niedersachse ist ja auch Berliner, seit er vor vielen Jahren dort zum Studieren hinging. Er wurde aber kein Germanist oder Publizist, sondern schreibt diese Geschichten, in denen sich alltägliche Situationen gerne in irrwitzige Missverständnisse oder peinliche Notlagen oder wenigstens absurde Dialoge verwandeln. Ich hoffe, das passiert nicht gleich wieder, denn die alltägliche Situation ist jetzt, das "Corso"-Gespräch mit Horst Evers, der in Hamburg sitzt. Ich grüße Sie!

Horst Evers: Genau, hallo, ich grüße auch!

Lechler: "Der kategorische Imperativ ist keine Stellung beim Sex" heißt Ihr neues Geschichtenbuch. Ich habe gestaunt darüber, weil das denkt doch eh niemand, oder doch?

Evers: Also es gibt eine Geschichte in dem Buch, wo der Titel auch herkommt, wo es zu diesem Missverständnis kam. Die ist im Prinzip, da geht es eigentlich um mehr oder weniger Kommunikation, und das war eine Situation vor langer, langer Zeit, als es diese Kommunikation auch ohne technische Mittel gab, als ich auf einem Balkon in Münster saß und jemand eine Fragestellung dann hatte, der praktisch in die Nacht heraus einfach so in den Hof gefragt hat, dass er jemanden bei sich zu Hause hat, der ganz, ganz betrunken ist und ob es jetzt okay ist, das sozusagen auszunutzen oder lieber nicht, und irgendwann von einem anderen Balkon geraten wurde, man rate zum kategorischen Imperativ, und daraus ergab sich dieses Missverständnis, das dann letztlich aufgelöst wurde in diesem Satz, der kategorische Imperativ ist keine Stellung beim Sex, was dadurch dann zum Titel wurde, was aber auch gesamtgesellschaftlich sozusagen ein mehr oder weniger kleinen Anklang an die Situation im Moment hat.

Lechler: Inwiefern?

Evers: Dass der kategorische Imperativ, als das Grundprinzip der Ethik von Kant, im Moment natürlich sozusagen so unter Beschuss steht wie noch nie zuvor. Wir haben ja ausgerechnet heute auch die Amtseinführung von Herrn Trump, der jetzt komplett sozusagen auf Egozentrik, auf Rache und auf Eitelkeit setzt, also sehr weit weg von der Idee Kants, handle stets nach derjenigen Maxime, von der du zugleich wollen kannst, dass sie allgemeines Gesetz werde, also gesamtgesellschaftliche Verantwortung im einzelnen Tun, und insofern, das ist jetzt aber natürlich ein Zufall, ergibt sich auch da ein Anknüpfungspunkt. Allerdings würde ich den jetzt nicht zu hoch hängen.

"Bin kein Kabarettist in dem Sinne"

Lechler: Ich wollte gerade sagen: Im Grunde weichen Sie beim Großteil Ihrer Arbeit zu aktuelle Bezügen und auch der Politik eigentlich schon aus, oder? Sie sind kein Kabarettist.

Evers: Ich bin kein Kabarettist in dem Sinne. Es wirkt natürlich immer rein, aber mehr so subkutan. Also mehr oder weniger, es dringt immer vor. Es gibt eine Geschichte, die beginnt mit einer Straßenumfrage, die ich sehe, wo dann in einer Fußgängerzone gefragt wird, jemand, ein normaler Bürger, ob er denn für eine Obergrenze sei, und der antwortet, ja, natürlich, er ist eindeutig für eine Obergrenze, und dann gefragt wird, wo die angesetzt werden sollte, und er sagt 1,90 Meter. Er findet, kein Flüchtling sollte größer als 1,90 Meter sein. Also diese Diskussionen fließen natürlich immer mit rein, dieses Gefühl, diese Themen. Die sind allgegenwärtig in den Geschichten. Sie haben, wie ich finde, auch eine gesellschaftliche Relevanz. Ich breche es aber praktisch immer durch Humor, durch Ironie, durch Absurdität auch.

Lechler: Haben Sie auch wirklich eine Nachbarin, deren Katze Herr Wowereit heißt und die Ihre Internetlogins auf einem Zettel beim Computer aufbewahrt, der Ihnen aus Versehen durchs Fenster auf einen Baum flattert, sodass Sie Herrn Wowereit in den Baum werfen, damit die Feuerwehr kommt und den Zettel gleich mit runterholt?

Evers: Im Prinzip. Also ich habe in diese Nachbarin einige Personen zusammengefasst aus meinem Leben, wie ich das dann häufiger mache, also wie man es in Geschichten häufiger macht. Das ist bei praktisch allen Geschichten ja so, dass es eigentlich ein tatsächliches Erlebnis gibt, das dem Ganzen zugrunde liegt, wo man dann, wenn man es erlebt, in dem Moment auch schon denkt, ah, da könnte was sein, aber um eine Geschichte draus zu machen, da muss man dann schon auch noch als Autor ran, um eine richtige Dramaturgie reinzubringen, damit es auch einen Bogen, damit es rund ist, damit es eine Schlusspointe hat. Das hat das normale Leben halt oft so nicht. Ich hatte selbst in der Tat die Situation, dass mir vom Schreibtisch mal ein Zettel in diesen Baum, der auch in Berlin, in meiner Wohnung, wo ich da im vierten Stock wohne, in einen Baum ein Stück weiter runter reingeflogen ist und ich dann überlegt habe, wie kriege ich den da wieder raus, und ich selbst habe keine Katze, und dann auf die Idee kam, wenn man jetzt eine Katze hätte und die da reinwirft, dann könnte man die Polizei rufen, dass sie die Katze rettet, und so hat sich dann mehr oder weniger die ganze Geschichte entwickelt. Ich habe natürlich auch eine Nachbarin, die hat wiederum eine Katze, und ich habe einen anderen Freund, der wiederum seine Haustiere, allerdings in dem Falle Hunde, nach bekannten Politikern benennt, und das alles fließt dann in dieser Nachbarin und in der Geschichte zusammen.

Lechler: Sie haben auch eine Tochter. Haben Sie denn auch für die im Kaufhaus Mädchenunterwäsche mit dem Handy fotografiert, was dann zu sehr peinlichen Dialogen mit den Verkäuferinnen führte?

Evers: Stimmt, das ist tatsächlich auch ein Originalerlebnis, das dem zugrunde liegt, wo ich ganz harmlos … Also ich war unterwegs in die Stadt und habe sie gefragt, ob sie irgendwas braucht, und sie sagte dann eben Unterwäsche von einem – ich nenne den Namen jetzt nicht –, einem großen Textildiscounter, wo ich dann eben in dieser Lingerie-Abteilung, der Unterwäscheabteilung stand, völlig hilflos, weil sie dann doch viel größer ist als gedacht, sie noch mal angerufen habe, damit ich bloß nix verkehrt mache, weil das ist schnell passiert. Sie sagte, ich soll einfach die infrage kommenden Unterhosen fotografieren, ihr das schicken, und dann sagt sie, welche ich nehmen soll, woraufhin ich dann eben angefangen habe, Mädchenunterhosen dort zu fotografieren und überhaupt natürlich völlig unschuldig naiv mir nix dabei gedacht habe, bis ich dann irgendwann selbst festgestellt habe, was ich da eigentlich gerade mache.

"Finde es bemerkenswert, wie prägend Karl Valentin für den Humor war"

Lechler: Aber Sie haben dann nicht …

Evers: Fast 50-jähriger Mann mit Halbglatze zwischen all den jugendlichen Mädchen dort steht und diese Unterhosen fotografiert.

Lechler: Ich finde Ihre Geschichten ja deswegen manchmal wohltuend, weil man nicht nur sehr lachen muss, sondern weil auch mein ganzes eigenes Versagen und Missglücken und Stolpern nur noch halb so schlimm ist, wenn ich höre, was Ihrem Personal da so um die Ohren fliegt. Welche therapeutischen Wohltaten ziehen Sie selber draus?

Evers: Für mich ist tatsächlich das Schöne ganz oft bei vielen Situationen, wo man dann auch verzweifelt oder dass ich wirklich im Hinterkopf immer denken kann, na ja, es gibt vielleicht was für eine Geschichte her, aber es hat was Tröstendes, dass ich immer weiß, ich kann es zur Not dann ja auch noch verwenden.

Lechler: Was dieses Tröstende noch mal betrifft, weil Karl Valentin diesen Effekt auch irgendwie hat: War der ein Vorbild?

Evers: Total. Ich habe das aber erst später bemerkt. Also da muss man wirklich sagen, dass ich da wirklich ein bisschen spät dran war. Das war irgendwann, da war ich schon mit Programm deutschlandweit unterwegs, habe ich tatsächlich im Münchener Hinterland gespielt, wo hinterher jemand auf mich zukam und damals zwei Geschichten von mir dann angesprochen hat und hat gesagt, das ist aber so ähnlich, also Valentin in die Jetztzeit transportiert, das findet er wunderschön, und er beschäftigt sich ganz lange mit Valentin, und ich habe dann ewig mit dem, also noch bis zwei Uhr nachts mit diesem Menschen gesprochen, der unglaublich viel wusste, und danach praktisch am nächsten Tag mir Valentin besorgt, mich eingelesen und war völlig begeistert und würde heute sagen, es ist sehr bemerkenswert, welchen großen Einfluss, wie prägend Karl Valentin für den Humor und die Entwicklung auch gerade des absurden Humors in Deutschland war. Das wird, glaube ich, sehr unterschätzt.

Lechler: Sie hatten 1990 schon eine Vorlesebühne mitgegründet, "Doktor Seltsams Frühschoppen", die ohne den Doktor Seltsam im Namen heute noch, jeden Sonntagmittag in Berlin Mitte stattfindet. 26 Jahre, das ist etwas mehr als Ihr halbes Leben. Was ist das Wichtigste, was sich in diesem Vierteljahrhundert in Ihrem Business verändert hat?

Evers: Na ja, es gibt natürlich eine ganze Reihe Leute, wozu ich auch gehöre, wir haben damals alle angefangen, indem wir einfach auf die Bühne sind in unseren Alltagssachen und unsere Geschichten vorgelesen haben, und jetzt gibt es eine ganze Reihe Leute, die aus diesen Vorlesebühnen hervorgegangen sind, die doch recht bekannt geworden sind, sodass mittlerweile Leute, die in diese Vorlesebühnen gehen, auch diese Möglichkeit in Betracht ziehen, glaube ich, dass das was werden könnte, dass das richtig erfolgreich werden könnte. Auf diese Idee wären wir damals eigentlich gar nicht gekommen. Wir sind …!

"Bin bis heute unglaublich gerne auf der Bühne"

!Lechler:!! Ist das gut oder schlecht für den Ansatz und für die Arbeit?

Evers: Es ist eigentlich gut. Also weil man von vornherein dann doch etwas realistischer an die Sache rangeht, weil damals, wir haben eigentlich grundsätzlich schon auch angefangen, weil wir dachten, man will irgendwas machen, das könnte auch ein Beruf werden, wo man nicht viel Arbeit mit hat, also wie man sich einigermaßen so lau durch das Leben dann schlendern kann. Schreibst du halt ein bisschen und machst ein bisschen und mussten dann feststellen, wie es ja viele Leute und wie Sie als Journalist ja sicher auch festgestellt haben, dass dieser Bereich eine tolle Arbeit ist, ein Riesenprivileg, wunderschön, nur keine Arbeit ist es überhaupt nicht. Es macht unfassbar viel Arbeit. Man hat sehr, sehr häufig 16- bis 18-Stunden-Tage, und das geht tatsächlich nur, wenn man es unglaublich gerne macht, mit großer Begeisterung und großer Freude. Ich habe das große Glück, dass ich bis heute, obwohl ich dann oft 200 Abende im Jahr spiele, einfach unglaublich gerne auf der Bühne bin und Geschichten erzähle, und sonst ginge es gar nicht.

Lechler: Dann freuen Sie sich ja wahrscheinlich schon auf die nächste Lesereise, die beginnt am 22. Februar in Hamburg-Harburg. Die weiteren Termine findet man auf horst-evers.de. Danke für das Gespräch!

Evers: Sehr, sehr gerne!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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