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StartseiteHintergrundEin Land im Widerstand12.09.2014

Kämpfe in der OstukraineEin Land im Widerstand

Der Waffenstillstand kam für die ukrainischen Einheiten gerade richtig. Die von Russland unterstützten Separatisten waren zuletzt auf dem Vormarsch und hatten ihnen herbe Verluste zugefügt. Auch wenn die Waffen jetzt schweigen, die Menschen haben kaum Hoffnung, dass schnell wieder Friede einkehrt.

Von Sabine Adler

Ein ukrainischer Panzer im Zentrum von Slawjansk nach der Rückeroberung. (Str, dpa)
Ein ukrainischer Panzer im Zentrum von Slawjansk nach der Rückeroberung. (Str, dpa)
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Rund 6.000 Ukrainer sollen sich bis Anfang August einem der Dutzenden Freiwilligen-Bataillone angeschlossen haben. Sie unterstützen die ukrainische Armee, die seit dem Ende der Sowjetunion nicht modernisiert worden ist und sich nun ausgerechnet Russland gegenübersieht, mit dem es kaum ein Land der Welt aufnehmen könnte. Eine widerstandslose Annexion wie bei der Krim soll sich in der Ostukraine nicht wiederholen. Dafür hängen sie ihre Berufe an den Nagel, wie Jewgeni aus Iwano-Frankowsk.

"Ich wurde unter der blau-gelben Flagge der Ukraine geboren und will weiter unter ihr leben. Ich bin gekommen, um meine Heimat zu verteidigen. Wie soll ich zu Hause sitzen, wenn Krieg herrscht, jemand in unser Land einmarschiert und uns diktiert, wie wir leben sollen."

Der junge Mann mit der schlechten Körperhaltung ist Anfang 20. Er absolviert ein Waffentraining. Die Lektion: Schießen und Handgranatenwerfen.

Separatisten mit Applaus und Blumen empfangen

Die Kampfverbände sind nach den Regionen benannt, aus denen die Zivilisten stammen. Dnepr 1, Dnepr 2, Charkiw 1, Charkiw 2, Odessa, Asow. Bis Mitte August war es ihnen zusammen mit der Armee gelungen, eine ganze Reihe der von prorussischen Milizen besetzten Orte zurückzuerobern. Slawiansk zum Beispiel.

Eine Familie mit Kind und Zuckerwatte an einem Springbrunnen in Slawiansk am 7.9.2014 (AFP / Francisco Leong)Etwas Alltag in Slawjansk: Am Springbrunnen auf dem Leninplatz treffen sich wieder Familien (AFP / Francisco Leong)Die Bürger von Slawjansk erlangten im April traurige Berühmtheit. Sie hatten die Separatisten mit Applaus und Blumen empfangen. Der selbst ernannte Bürgermeister, Separatistenführer Ponomarjow, nahm die ukrainische Flagge ab, hisste die russische und errichtete eine Schreckensherrschaft, die selbst seinen Gesinnungsgenossen zu weit ging. Sie setzten ihn ab. Doch zuvor waren acht europäische Militärbeobachter sowie Dutzende Aktivisten, Journalisten, pro-ukrainische Politiker in Geiselhaft genommen, Läden geplündert worden. Ein Vierteljahr herrschte in der Stadt Krieg, die schlimmste Zeit im Leben der beiden 16-jährigen Schülerinnen Lera und Ilona.

"Es war so furchtbar. Unser Haus wurde beschädigt, die Fensterscheiben flogen heraus. Gott sei Dank ist niemand verletzt worden. Jetzt ist es glücklicherweise endlich ruhig. Darauf haben wir lange gewartet."

Kein Strahlen in den Gesichtern der Menschen

"Wir lebten drei Monate in Angst. Abends gegen elf begannen die Schusswechsel und wurden immer heftiger. Wir verbrachten die Nächte in den Kellern. Am schrecklichsten war die letzte Nacht vor der Rückeroberung. Da wurden wir aus allen Richtungen beschossen. Das war vom 4. auf den 5. Juli. Am 5. kam dann endlich die ukrainische Armee."

Pünktlich zum Stadtfest, das wie jedes Jahr Anfang September stattfindet, wirkt Slawjansk herausgeputzt als sei nichts gewesen. Im Zentrum erinnert kaum etwas an die Kämpfe, den Artilleriebeschuss. Höchstens die auffallend vielen frisch gestrichenen Zäune, die neu gepflanzten Bäumchen, die allgegenwärtigen blau-gelben Flaggen. Keine Spur mehr von den Müllbergen, die sich wochenlang aufgetürmt hatten, von den Ruinen der zerstörten Häuser. Neues Fensterglas blinkt in der Sonne. Nur in den Gesichtern der Menschen findet sich kein Strahlen. Die Menschen versuchen sich zu freuen, doch es will nicht recht gelingen. Pawel Korotenko, Lokaljournalist in Slawjansk, versucht eine Erklärung.

"Dieses Stadtfest hat symbolische Bedeutung. Uns geht es wieder gut. Ich persönlich bin froh über die Befreiung, aber ich weiß, dass es bei weitem nicht allen so geht. In der Stadt ist kaum noch etwas von der Besetzung zu sehen. Sehr viele Freiwillige sind für den Wiederaufbau gekommen. Der eine oder andere ist enttäuscht von den Separatisten, die er unterstützt und für die er im Referendum gestimmt hat. Keiner redet darüber, schon während der Okkupation hat man einander nicht gefragt, ob man für oder gegen die Separatisten ist. Man vermied und vermeidet es, über Politik zu sprechen."

Angelina und Lena sitzen auf der Umrandung des Springbrunnens, Bierbecher in den Händen. Beide Frauen, Verkäuferinnen, 30 Jahre alt, sind vor den Kämpfen geflohen. Beide, das wird schnell klar, hätten sich auch mit den neuen, Moskau treuen Machthabern abgefunden.

Dann gehören wir eben zu Russland, das ist besser als Krieg

"Wir sind so froh, fühlen uns wieder etwas freier. Aber noch besser wäre es, wenn überhaupt wieder Frieden herrschen würde. Unsere Häuser sind beschädigt worden, aber immerhin noch da. Am Anfang haben wir die Separatisten unterstützt, dann die ukrainische Armee. Aber wer jetzt wirklich besser ist – wir wissen es nicht."

"Wir haben doch sowieso keine Wahl. Wenn die Stadt wieder russisch wird, gehören wir eben zu Russland, das ist besser als Krieg."

Die Schatten von drei Soldaten im Krieg, die Waffen in den Händen halten. (AFP / Anatoliy Boyko)Ukrainische Soldaten im Krieg (AFP / Anatoliy Boyko)Ein halbes Dutzend schwer bewaffneter Soldaten zeigt Präsenz auf dem Stadtfest. Freiwillige vom Bataillon Kiew 1. Ein Unternehmer aus der Hauptstadt war zu Sowjetzeiten Berufssoldat, Militärpsychologe. Seine Einheit ist dem ukrainischen Innenministerium zugeordnet und, wie er findet, unzureichend ausgestattet.

"Uns haben sie nur mit einer Kalaschnikow hierhergeschickt. Mit der richtest du nicht mal gegen ein Maschinengewehr etwas aus. Sie schicken uns an die Front mit einer Ausrüstung wie Partisanen."

Dank der Spendenbereitschaft der Ukrainer werden sowohl die Freiwilligenbataillone wie auch die Armee mit dem Wichtigsten versorgt, auch die schwerreichen Unternehmer, in Osteuropa Oligarchen genannt, leisten einen Beitrag. Nicht genug, sagt Kämpfer Ilja aus Kiew, der den Patriotismus der Millionäre für geheuchelt hält.

Poroschenko fürchtet die Milizen

"Ich bin Headhunter. Ich kenne die Oligarchen und ihr Umfeld. Mir wird schlecht bei dem Gedanken, weiter mit ihnen zusammenzuarbeiten. Denen geht es nur ums Geld. Denen fällt es doch leichter, mit Putin zu verhandeln als mit uns. Wir verteidigen unsere Heimat, aber sie fürchten uns mehr als die russische Armee. Denn mit denen können sie irgendwelche Abmachungen treffen, mit uns nicht."

Präsident Poroschenko, sagt der Soziologe und Politologe Jewgenij Sacharow aus Charkiw, sind die Freiwilligenverbände nicht ganz geheuer. Er fürchte ihre Mobilisierungsfähigkeit, denn mit ihnen ließen sich neue Massenproteste in Kiew, gar ein dritter Maidan, im Handumdrehen organisieren.

"Poroschenko fürchtet sie, denn sie könnten Forderungen an ihn stellen. Er riskiert, wenn er Putin Zugeständnisse macht, dass sich die Bürger erneut erheben zu einem Aufstand."

Fast eine Woche schon wird die in Minsk vereinbarte Feuerpause im Großen und Ganzen befolgt. Die ukrainischen Kämpfer sprechen nicht gern darüber, aber sie verschafft ihnen eine Atempause, die sie bitter nötig haben. Moskau hatte den Separatisten, als die immer mehr an Boden verloren, Ende August Truppen zur Verstärkung geschickt und sich immer unverhohlener militärisch eingemischt, beobachtete Kommandeur Oleg von der 93. Brigade, die nördlich von Donezk ihr Lager aufgeschlagen hat.

"Im Mai wurden Anschläge verübt, da waren russische Sondereinheiten hier. Später kamen Panzer. Am 20. August marschierten sie offen über die Grenze ein. Sie machten daraus kein Geheimnis. Es gibt Fotos und Filme im Internet, wo russische Soldaten neben ukrainischen Ortsschildern stehen. Und wir wissen das auch von den Gefangenen, die wir gemacht haben, die sich angeblich verlaufen haben. Bis hierher, nach Donezk. Wie kann man sich um 200 Kilometer vertun?"

Überfüllte Krankenhäuser in Russland

Das fragt Oleg, der wie keiner der Kämpfer, seinen wahren Namen nennen möchte. Bei der Verteidigung der bereits zurückeroberten Orte gegen die einmarschierten russischen Soldaten erlitten die ukrainischen Einheiten die schwerste Niederlage in Ilowaisk. Der Ort war eingekesselt. Als Einwohner und Soldaten die Stadt durch einen vereinbarten Korridor verlassen wollten, eröffnete die gegnerische Seite das Feuer. Von hunderten Verletzten, Vermissten und Toten ist die Rede. Die genauen Zahlen werden nicht genannt oder sind unbekannt. Die Stadt soll sehr zerstört worden sein. Oleg von der 93. Brigade verlor mehr als 40 seiner Männer.

Ukrainische Soldaten auf einem Panzer (dpa / picture-alliance / Gennady Dubovoy)Ukrainische Soldaten lieferten sich nach eigenen Angaben ein Gefecht mit einem russischen Panzerbatallion. (dpa / picture-alliance / Gennady Dubovoy)Auch auf der gegnerischen Seite gab es Verluste, ist sich der ukrainische Armeekommandeur sicher.

"Als die ersten Toten zurückgeschickt wurden und die russischen Krankenhäuser in Rostow im Gebiet Krasnodar überfüllt waren, hat das Proteste in Russland hervorgerufen. Nicht gegen die Ukraine, sondern gegen Putins Regime, der Soldaten, sogar Wehrpflichtige, zum Sterben in die Ukraine schickt."

Schon jetzt beklagen die russischen Organisationen der Soldatenmütter, die ihre Informationen zuallererst von den Angehörigen der Wehrpflichtigen bekommen, dass die Zahlen der verwundeten und getöteten russischen Soldaten verschwiegen werden. Der ukrainische Kommandeur Oleg weiß von einem Friedhof für russische Gefallene im Lugankser Gebiet.

"In Krasnij Lutsch bei Lugansk hat sich die russische Armee von der Stadt einen Platz für einen Friedhof geben lassen. Sie wollen hier in der Ukraine ihre Soldaten heimlich begraben, damit weniger Särge zurückgeschickt werden müssen. Die Familien erhalten dann nur die Mitteilung: 'Vermisst'."

Die Ukraine ist eine ziemlich große Maus geworden

Mit einer gewissen Erleichterung verkündete Petro Poroschenko am vergangenen Mittwoch, dass rund 70 Prozent der russischen Soldaten das Territorium der Ukraine in den vergangenen Tagen wieder verlassen hätten. Doch auf Ruhe zu hoffen wäre verfrüht, prophezeit der Politologe Jewgeni Sacharow:

"Selbst wenn Poroschenko Putin nachgeben würde und zuließe, dass die Ostukraine einen Status ähnlich wie Abchasien, Südossetien oder Transnistrien bekäme, würde das den russischen Präsidenten nicht besänftigen. Denn er will Cherson und Nikolajew, Dneprpetrowsk und Saporoshje, Odessa, kurz den ganzen Osten und noch den Süden. Deshalb wären Zugeständnisse aus strategischen Gründen falsch."

Russland sei wie eine Katze, die mit einer Maus spielt, die beißt, aber nicht tötet.

"Aber die Ukraine ist eine ziemlich große Maus geworden, es ist erstaunlich wie stark unsere Armee und die Einheiten des Innenministeriums inzwischen wieder sind, dank der Initiative der Bürger. Doch die Ukraine hat ohne die EU keine Chance. Um im Bild zu bleiben: Die Maus könnte gerettet werden, würde der Hund die Katze vertreiben. Aber der Hund - also die Hilfe durch die EU – kommt nicht."

Ukrainische Soldaten auf Panzern in Rassypnoe im Osten des Landes (dpa / picture alliance / Roman Pilipey)Ukrainische Soldaten auf Panzern in Rassypnoe im Osten des Landes (dpa / picture alliance / Roman Pilipey)Der äußere Feind habe seine Landsleute zusammenrücken lassen, konstatiert der ukrainische Soziologe Jewgeni Sacharow in Charkiw. Die russische Aggression habe so manchem in der Ostukraine die Augen geöffnet. Das Verhältnis zu Russland, das, wenn auch nicht spannungsfrei, so doch nicht explosiv war, habe sich gewandelt. Wurde eine NATO-Mitgliedschaft bis Anfang des Jahres stets abgelehnt, gebe es jetzt eine Mehrheit dafür, noch mehr sprächen sich für den Weg nach Europa aus. Der allseits spürbare Patriotismus schlage inzwischen mitunter leider auch in Feindschaft um, die Toleranz gegenüber denen, die sich als prorussisch zu erkennen gäben, sinke.

Einheiten agieren wie Partisanenverbände

"Die Leute beginnen, böse zu werden und ihrem Hass auf die Gegner freien Lauf zu lassen. Einige Freiwilligenverbände agieren bedauerlicherweise genauso wie die so genannten Separatisten. Sie misshandeln die Gefangenen, foltern sie zu Tode, sie plündern und rauben und es verschwinden auch bei ihnen Personen. Und es geht eine große Gefahr von einem immer stärkeren Populismus aus. Das Bataillon 'Aidar' ist das undisziplinierteste und kriminellste überhaupt. Die Einheit vom Rechten Sektor, von Dmitro Jarosch, hat keinen legalen Status, sie operiert praktisch als Partisanenverband."

Berichte von Gewaltexzessen verbreiten sich in Windeseile, die meisten werden den Separatisten zugeschrieben. Der Unternehmer Oleg Polischtschuk aus Charkiw greift nicht selbst zur Waffe. Er hilft bei der Versorgung der Armee und der Flüchtlinge. So verschaffte er einem Bauern eine neue Bleibe, der aus der Nähe von Donezk fliehen musste. Ihn drohten die Separatisten angeblich, bei lebendigem Leibe zu verbrennen, weil er ukrainischen Soldaten helfen wollte.

"Leute, die unseren Einheiten Wasser bringen oder Verpflegung, werden dafür von den Separatisten sehr hart bestraft."

Ähnlich wie in Slawjansk schien die Befreiung von Lugansk und Donezk Mitte August bloß noch eine Frage von wenigen Tagen zu sein. Doch jetzt sitzt, wer immer noch in den beiden Städten ausharrt, in der Falle, sagt der Charkiwer Unternehmer.

Russische Armeeingenieure reparieren das Stromnetz

"Kein Einwohner darf das Lugansker und Donezker Gebiet verlassen. Früher haben die Bewohner den Separatisten an den Straßensperren 3000 Dollar bezahlt und wurden durchgewinkt, jetzt gibt es den Befehl, niemanden herauszulassen."

Nach den sogenannten Referenden über die Unabhängigkeit der Republiken Lugansk und Donezk im Mai musste die Gebietsverwaltung von Lugansk das Gouverneursgebäude vollständig räumen und zog nach Swjatoje um. Dmitri Lugin zuständig für Sicherheitsfragen, lässt sich laufend unterrichten, was in der Gebietshauptstadt jetzt vor sich geht, in der seit vielen Monaten die prorussischen Milizen das Sagen haben.

Ein ukrainischer Soldat sitzt an einem Checkpoint in der Region Lugansk in der Ostukraine (dpa/picture alliance/epa/Roman Pilipey)Ein ukrainischer Soldat sitzt an einem Checkpoint in der Region Lugansk in der Ostukraine (dpa/picture alliance/epa/Roman Pilipey)"Lugansk ist unter vollständiger Kontrolle der russischen Armee. Russische Armeeingenieure reparieren das Stromnetz, das sie jetzt mit dem russischen, nicht mit dem ukrainischen verbinden. In den Lugansker Schulen wird bereits nach russischem Lehrplan unterrichtet. Die einzige ukrainisch-orthodoxe Kirche in Lugansk wurde geschlossen, der Priester fortgejagt. Alle ukrainischen Fernsehkanäle wurden abgeschaltet."

Anatoli, ein Helfer, der seinen Namen nicht nennen möchte und als Kurier im Kriegsgebiet unterwegs ist, bestätigt, dass die Feuerpause für die Russifizierung, wie er es nennt, genutzt wird.

Parteienlandschaft im Umbruch

"Meine Leute berichten, dass in Lugansk und Donezk russische Soldaten von Tür zu Tür gehen, mit Lebensmitteln, Dosenfleisch, Buchweizen, Öl. Sie inspizieren die Familien. Wenn sie Rentner antreffen, bekommen die 1000 Rubel, Kinder 500 Rubel. Unsere Währung ist die Griwna. Alle sind registriert und man schlägt den Bürgern dann vor, sich einen russischen Pass zu holen."

Die Regierung in Kiew hat ein großes Interesse daran, die Verhandlungen und mehr noch die Feuerpause auszudehnen. Sie möchte am 26. Oktober Parlamentswahlen abhalten, denn die Werchowna Rada repräsentiert seit der Flucht von Ex-Präsident Viktor Janukowitsch im Februar nicht mehr das politische Kräfteverhältnis im Land. Seine einstige Partei der Regionen befindet sich in der Auflösung, der Kommunistischen Partei droht ein Verbot und die Vaterlands-Partei von Julia Timoschenko hat sich gespalten. Innenminister Arsen Awakow und Parlamentspräsident Oleksander Turtschinow haben ihr den Rücken zugekehrt, weil sie Timoschenkos Wahltaktik grundfalsch finden.

"Sie sind aus der Partei ausgetreten. Timoschenko plant einen Wahlkampf gegen Poroschenko. Sie hat versucht, Awakow und Turtschinow zu überreden zurückzutreten. Die lehnten das ab, denn im Krieg wäre das Verrat. Jetzt wird sich Timoschenko vermutlich dem radikalen Populisten-Block von Laschko, Grizenko und Swoboda anschließen."

Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko bei seinem Überraschungsbesuch in Mariupol. (AFP / Philippe Desmazes)Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko bei seinem Überraschungsbesuch in Mariupol. (AFP / Philippe Desmazes)Den Block von Präsident Petro Poroschenko, der trotz des Krieges hohe Zustimmungsraten aufweist, stärkt Vitali Klitschko mit seiner UDAR-Partei. Der Wahlkampf wird sehr kurz sein, in der Ostukraine gar nicht stattfinden.

Kein schnelles Ende des Konflikts in Sicht

"Sollte ein Parlament gewählt werden, dass in Opposition zum Präsidenten steht, wird es sehr schwer werden. Das Wahlgesetz ist immer noch das alte und die Wahrscheinlichkeit, dass die gleichen Personen wieder hineinkommen, ist sehr hoch. Junge Leute, die die Maidan-Bewegung ausgemacht haben, werden nicht vertreten sein, auch die Donbass-Region nicht. Und dieses verrückte Parlament verabschiedet ausgerechnet jetzt in dieser Zeit ein Gesetz, das denjenigen die Staatsangehörigkeit entzieht, die die Separatisten unterstützten."

Mit dem Slogan "Wahlscheine sind besser als Waffen" versucht Präsident Poroschenko den patriotischen Kampfeswillen seiner Bürger ein wenig zu dämpfen. Was Jewgeni Sacharow in der Ostukraine für angemessen hält.

"Auf der einen Seite kann der Präsident keine Zugeständnisse machen, was die Krim betrifft. Oder das sogenannte Noworossija, also die Südost-Ukraine, denn das würde seine Wählerschaft sehr empören. Auf der anderen Seite denken alle vernünftigen Menschen natürlich darüber nach, welchen Preis unser Land bezahlt. Klar ist, dass es kein schnelles Ende dieses Konflikts geben wird. Selbst die glühendsten Patrioten fragen sich jetzt doch, ob wir unsere besten Köpfe opfern sollten, wenn das zu keinem Ergebnis führt."

Die Sorge wächst, dass nach der Ostukraine mit der Einnahme der Hafenstadt Mariupol der russische Vormarsch in Richtung Süden beginnt.

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