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StartseiteKalenderblatt"Kämpfen für die Freiheit des Menschen"16.05.2008

"Kämpfen für die Freiheit des Menschen"

Vor 65 Jahren endete der Aufstand im Warschauer Ghetto

Es war vielleicht der wichtigste Versuch der Juden in Europa, sich gegen ihre Mörder zu wehren: der Aufstand im Warschauer Ghetto. Knapp vier Wochen brauchte die SS, um ihn niederzuschlagen. Vor 65 Jahren, am 16. Mai 1943, meldete der deutsche Befehlshaber das Ende der Kämpfe.

Von Claus Menzel

1943: SS-Truppen deportieren Bewohner des Warschauer Ghettos. (AP-Archiv)
1943: SS-Truppen deportieren Bewohner des Warschauer Ghettos. (AP-Archiv)

Das bekannteste Bild dieses Tages zeigt einen kleinen, polnischen Jungen, der mit verängstigtem Gesicht und erhobenen Händen an einem Unterscharführer der SS vorbei dem sicheren Tod entgegengeht - ein Dokument der Niederlage, Demut, Unterwerfung. Doch das Bild täuscht.

Als es aufgenommen wurde, an diesem 16. Mai 1943, konnte Jürgen Stroop, Generalmajor der Polizei und Brigadeführer der SS, die Niederschlagung des Aufstands im Warschauer Ghetto melden: Rund eintausend, mit Maschinengewehren, Granat- und Flammenwerfern sowie Panzern ausgerüsteten SS-Leuten war es tatsächlich gelungen, fünf- bis achthundert mit ein paar Pistolen, selbstgebastelten Granaten und Molotow-Cocktails bewaffnete Mitglieder des "Jüdischen Kampfbundes" entweder im Gefecht zu töten oder erst gefangen zu nehmen und dann zu ermorden. Insgesamt, so Stroop, seien 56.065 Juden nachweislich "vernichtet" worden. Und:

"Das ehemalige jüdische Wohnviertel Warschau besteht nicht mehr. Mit der Sprengung der Warschauer Synagoge wurde die Großaktion beendet."

Gedauert hatte die "Großaktion" nahezu vier Wochen. Doch der hartnäckige Widerstand, den die Juden der SS geleistet hatten, wurde, wie es einer der wenigen Entkommenen, der Pole Marek Edelmann, ein halbes Jahrhundert später sagte, zum Symbol:

"Der Aufstand im Ghetto - das war ein Kampf gegen den Totalitarismus, gegen den Faschismus, gegen die Ungleichheit der Menschen. Wichtig ist nicht, dass vor 50 Jahren 200 junge Burschen auf die Deutschen geschossen haben. Wichtig ist, was sie damit ausgedrückt haben: Dass man gegen Gewalt kämpfen muss, dass man gegen den Faschismus kämpfen muss, für Toleranz und die Freiheit der Menschen."

Errichtet worden war das Ghetto im Herbst 1940, ziemlich genau ein Jahr nach dem deutschen Überfall auf Polen. Vom Rest der Stadt abgeriegelt durch eine rund 18 Kilometer lange und drei Meter hohe Mauer, diente es als Sammelplatz vor allem polnischer Juden, die hier auf ihren Transport in die Vernichtungslager warten sollten. Ihnen hat Arnold Schönberg seine Kantate "Ein Überlebender von Warschau" gewidmet. Ein Ausschnitt:

"Und wieder die Trompeten: Raus! Der Feldwebel wird wütend sein. Sie kamen heraus, manche sehr langsam, die Alten, die Kranken, manche in nervöser Behändigkeit, sie fürchteten sich vor dem Feldwebel. Sie beeilen sich, so sehr sie können, vergeblich. Viel zu viel Lärm, viel zu viel Verwirrung. Der Feldwebel schreit: Achtung, stillgestanden. Na wird’s bald, oder soll ich mit dem Gewehrkolben nachhelfen? Na gut, wenn ihrs durchaus haben wollt. Der Feldwebel und seine Untergebenen schlugen jeden, jung und alt, stark oder krank, schuldig oder unschuldig."

In den frühen Morgenstunden des 19. April 1943 wurde das Ghetto umstellt, gleichzeitig versuchten rund 900 schwerbewaffnete SS-Leute zum Zentrum zu marschieren. Einem Befehl des Reichsführers SS, Heinrich Himmler, gemäß sollten die letzten Ghetto-Bewohner liquidiert werden.

Weit drangen die Deutschen nicht vor. Sie wurden angegriffen, beschossen, endlich vertrieben. Und obwohl von Anfang an klar war, dass die Aufständischen keine Chance hatten - für sie kam es darauf an, in Würde zu sterben. Ende April 1943 schrieb Mordechai Anielewicz, 25 Jahre alt und Stabschef des "Jüdischen Kampfbundes":

"Der Traum meines Lebens ist in Erfüllung gegangen. Ich erlebe die jüdische Selbstverteidigung im Warschauer Ghetto in ihrer ganzen Größe."

Drei Tage später war Anielewicz tot. Jürgen Stroop, dieser "deutsche Held", wurde mit dem Eisernen Kreuz 1.Klasse ausgezeichnet. In seinem Bericht notierte Stroop:

"Meine Leute haben ihre Pflicht einwandfrei erfüllt. Ihr Kameradschaftsgeist war beispiellos."

Ausschnitt aus "Ein Überlebender von Warschau":

"Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, der Ewige ist einzig.
Du sollst den Ewigen, Deinen Gott lieben.
Mit Deinem ganzen Herzen und mit Deiner ganzen Seele.
Und mit Deinem ganzen Vermögen.
Es seien diese Worte, die ich Dir heute befehle in Deinem ganzen Herzen.
Schärfe sie Deinen Kindern ein und sprich von ihnen.
Wenn Du in Deinem Haus sitzt und wenn Du auf dem Wege gehst,
wenn Du Dich niederlegst und wenn Du Dich erhebst."

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