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StartseiteHintergrundKämpfen und Warten02.04.2013

Kämpfen und Warten

Unterwegs mit der Freien Syrischen Armee

Die Freie Syrische Armee kämpft bisweilen nicht nur gegen die syrischen Streitkräfte, sondern auch gegen die Langeweile. Es fehlt an Munition und Waffen, um Assads Truppen etwas entgegenzusetzen und um ihnen auf Augenhöhe zu begegnen. So bleibt oft nur eins – Warten.

Von Björn Blaschke

Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA) in Al Zabadani schlachten Teile eines zerstörten Panzer für sich aus (picture alliance / dpa / jean Rene Auge/Wostok Press)
Kämpfer der Freien Syrischen Armee (FSA) in Al Zabadani schlachten Teile eines zerstörten Panzer für sich aus (picture alliance / dpa / jean Rene Auge/Wostok Press)
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Die Konturen der Männer zeichnen sich wie Scherenschnitte vor den weißen Mauern der Bauruine ab. Die Drei hocken nebeneinander auf dem Boden, linsen vorsichtig über den Fenstersims. Jede Bewegung, jedes Flüstern lässt die Spannung steigen. Abu Yamaans Worte wirken nach. Der Kommandeur hat gesagt: "Sicherheit geht vor!" Dabei ist der Posten der syrischen Streitkräfte – das Ziel - mehr als einen Kilometer weit entfernt… Unten, im Tal, kann niemand das Flüstern der Männer hören. Und selbst wenn das so wäre, sehen können die syrischen Soldaten die Scharfschützen nicht. Die Sonne steht gerade so, dass sie jeden da unten, beim Armee-Posten blenden muss. Leise fällt der Satz "Gott ist größer". Ein letzter Blick; die Kamera läuft; das Gewehr ist entsichert - und…

Gut 24 Stunden zuvor: Aus einem Handy-Lautsprecher krächzt Fairouz, die große, alte Dame der levantinischen Musik. Ihre Lieder lieben alle in der Region: Fairouz Landsleute, die Libanesen, sowieso, aber auch die Syrer, wie hier im Norden am Berg Zaawiyah. Wenigstens darin sind sich Freund und Feind einig; die Soldaten des Regimes von Bashar al-Assad und die Kämpfer der "Freien Syrischen Armee", der FSA.

Ein paradiesischer Ort als Quartier

Die "Brigade der Reiter des Nordens" ist eine der vielen Brigaden der Freien Syrischen Armee. Sie unterhält eine Stellung am Berg Zawiyyah. Das hügelige Umland erstrahlt nach dem langen Winter: Das Grün des Grases mischt sich mit purpurnen Kleeinseln; die Blätter der Olivenbäume glitzern; die Mandelbäume werfen gerade ihre letzten Blüten ab. Bienen summen. Die Brigade der Reiter des Nordens – so scheint es - hat sich einen paradiesischen Ort für ihr Quartier ausgesucht. Manche der zehn, 15 Kämpfer liegen entspannt herum und schwatzen oder lauschen Fairouz und den Bienen; andere spielen Volleyball. Der 17-jährige Sami, der vor einem Jahr im Kampf einen Mann getötet und dabei selbst einen Bauchschuss abbekommen hat, genauso wie der 40-jährige Farez, dessen Frau und die zehn gemeinsamen Kindern zuhause im Dorf darauf warten, dass der Vater und Mann sie wieder einmal besucht.

Angst vor Aufklärungsflügen der syrischen Luftwaffe hat hier offenbar keiner, obwohl doch jede größere Menschengruppe in den Bergen die Aufmerksamkeit eines Piloten erregen müsste.

Auch als wieder einmal eine MIG auftaucht und gleichzeitig Warnungen vor dem Kampfjet aus einem der Funkgeräte quaken, geht trotzdem niemand in Deckung. Im Gegenteil: Ein paar Männer greifen nach einem Maschinengewehr.

Als der Jet nicht mehr zu hören ist – und die Bienen wieder die Hoheit über den frühlingshaften Luftraum haben – warten die Kämpfer wieder. An diesem Nachmittag auf Abu Yamaan, ihren Kommandeur. Er soll ihnen Munition bringen, neue Einsatzpläne und Nachrichten von den anderen Trupps. 2000 Mann gehören angeblich zu den Reitern des Nordens - 25 Einheiten, die über die Provinz Idlib in Nord-Syrien verteilt sind. Manche kämpfen entlang des Wegs nach Lattakiya, also Richtung Mittelmeer; andere in Aleppo, der alten, mittlerweile halb-zerstörten Wirtschaftsmetropole des Landes.

Einer der höherrangigen Kämpfer, eine Art Offizier, der dem Kommandeur Abu Yamaan nahe steht, spaziert auf einen Hügel in der Umgebung des Camps. Er macht Scherze; erzählt, dass er als Händler lange in Griechenland gewohnt hat – jetzt aber froh ist, wieder in Syrien zu sein… Weil es doch heute um Griechenland so schlecht stehe… Ernsthaft wird er allerdings, als er erzählt, wie die Freie Syrische Armee dieses Gebiet erobert hat. Lange nach Beginn des Aufstandes gegen das Assad-Regime:

"Vor anderthalb Jahren waren hier noch die Soldaten des Regimes; Du konntest weder nach links noch nach rechts gehen, ohne auf sie zu stoßen. Du konntest Dich nicht bewegen; nur zuhause. Dann kam der Angriff gegen die Regime-Einheiten. Und ist die Freie Syrische Armee von der türkischen Grenze runter gekommen? – Nein, nein, das waren Leute von hier, die sich zusammengeschlossen haben. Auch ein paar Deserteure, die bei ihren Familien untergekommen sind."

Die Revolution in Syrien hat kein Zentrum

So, sagt der Mann, sei es hier überall gewesen - am Berg Zaawiyah und in der gesamten Provinz Idlib.

Die Aufstände in Tunesien und Libyen, Ägypten und Bahrain haben - mittlerweile weltberühmte - Zentren: die Avenue Bourguiba in Tunis, das alte Gerichtsgebäude am Hafen von Benghazi, der Tahrir in Kairo, der Perlen-Platz in Bahrain. Die Revolution in Syrien hat kein Zentrum… Und das wird in Idlib, gut 300 Kilometer nördlich von Damaskus, besonders deutlich: Die Provinz – wie die Region um den Berg Zaawiyah - ist zersiedelt; Städte gibt es wenige; die Menschen wohnen überwiegend in Dörfern, Weilern oder einzelnen Gehöften. Umgeben von Feldern oder Olivenhainen. Selbst die Menschen, die schon vor Jahrzehnten in die Provinzhauptstadt, die ebenfalls Idlib heißt, gezogen sind, haben zumeist noch ein Häuschen auf dem Land. Grundbesitz aus Tradition. In den vergangenen Monaten haben die FSA-Kämpfer oder andere Milizen in Dörfern, Weilern und Gehöften Stellung bezogen; mal haben sie sie besetzt; mal waren sie ohnehin Eigentum der Großfamilie.

So kontrolliert die FSA heute die ländlichen Gebiete. Das ist ihre Stärke – und ihre Schwäche. Denn: Sie haben kein Zentrum, in dem sie sich sammeln können und im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit stehen. Anders das Regime: Die Einheiten von Bashar al-Assad haben sich zurückgezogen, um das Zentrum des Diktators, die Hauptstadt Damaskus, zu schützen. In Nordsyrien dagegen sind die Regime-Einheiten punktuell vertreten; haben sich an strategisch wichtigen Stellen eingegraben – in großen Fabriken, an Flughäfen, wichtigen Straßenkreuzungen. Überwiegend aus der Luft werden diese Stellungen versorgt. Immer wieder attackieren die FSA-Kämpfer sie und die Regime-Einheiten feuern ebenfalls – oft Stunden lang, ununterbrochen, mit Panzern, Raketen- und Granatwerfern…

Sie schießen auf die Weiler und Gehöfte, die einige Kilometer von ihren eigenen Stellungen entfernt sind. Manchmal geben Hubschrauber ihnen die Koordinaten durch; oft erhalten sie jedoch keine Luftunterstützung. Und so schlagen viele Geschosse in unbewohnten Gebieten ein; in den Bergen oder auf Feldern. Manchmal treffen sie die Ziele.

Wie ein Gewitter am Horizont

Ständig ist auch am Berg Zaawiyah, in der Stellung der FSA-Brigade die stetig gleiche Abfolge zu hören und zu sehen: Zunächst ein Blitz, dann das dumpfe Wummern des Abschusses; schließlich die scheppernde Explosion – alles wie ein Gewitter am Horizont. Eines aber, das nicht abziehen will und Krieg bedeutet.

Der Mann, der einst Händler in Griechenland gewesen ist und nun in den Bergen gegen das syrische Regime kämpft, blickt mit Verzweiflung auf diese Situation: Das Regime hat die Lufthoheit – und auf dem Boden schwere Geschütze. Die Kämpfer der Freien Syrischen Armee sind ungleich schlechter ausgerüstet. Zuletzt habe er seinen Leuten sechs kleine Pakete mit Munition besorgen können.

"Sechs Pakete…! Wem soll ich sie geben? Soll einer zwölf Schuss bekommen, der nächste zehn, der sechs, der sieben? Ich will hundert Kartons; tausend Kartons!"

Er sagt, er kenne viele Männer, die den Mut haben, im Kampf gegen Assad ihr Leben zu geben, aber es nicht könnten, weil ihnen die Mittel dazu fehlen: die Munition, die Waffen. Deshalb überkomme ihn hier, auf den grünen Höhenzügen vom Berg Zaawiyaah, das Gefühl, im Paradies zu sein. Und zugleich in der Hölle.

Am Abend ist klar: Abu Yamaan, der Kommandeur der Brigade der Reiter des Nordens, wird heute nicht mehr kommen; er wird die Nacht bei einem anderen Trupp verbringen. Die Kämpfer nehmen es gelassen – und sehen sich die Nachrichten über den Stand der syrischen Revolution im Fernsehen an. An der Grenze zum Irak sollen ein paar Verbündete ein Lager mit schweren Waffen erbeutet haben.

Der Fernseher wird von einem Stromgenerator angetrieben: Er steht getarnt über einer der Gemeinschaftsunterkünfte, in die sich die Kämpfer bei Einbruch der Dunkelheit zurückziehen. Es sind zwei Höhlen. Wie alt sie sind, kann keiner der Männer sagen; sie wissen bloß, was die Alten aus der Region erzählen: dass die Höhlen "immer da" waren; seit Menschengedenken. Sie sind in den Berg gegraben – liegen unter einer meterdicken Felsschicht: alte, fast natürliche Bunker. Eine der Höhlen ist über eine in den Stein geschlagene Treppe zu erreichen – mit einem breiten Eingangsbereich. Er erlaubt der Luft zu zirkulieren, weshalb in dieser Höhle Kämpfer schlafen und sich gleichzeitig versorgen: Die scharfen Zwiebel- und Knoblauchdüfte, Fettschwaden und Teedämpfe, aber auch der Qualm von Zigaretten und Wasserpfeifen können abziehen.

Die andere Höhle hat einen schmalen Zugang, den Plastikplanen und ein paar lose Steine vor Wind und Regen schützen sollen. Aber die Feuchtigkeit des Winters hängt noch in der Höhle; es riecht nach allem, was ein muffiger Altbaukeller, billiger Tabak und ein paar junge Männer, die sich selten duschen können, hergeben. Auf 120 Quadratmetern ist dieses unterirdische Versteck Schlaf- und Kommunikationsraum zugleich.

Übers Internet mit der Familie telefonieren

Ein junger Aktivist hat am Vormittag ein Netzwerkgerät vorbeigebracht – für drahtlose Internetverbindungen. Nun installiert einer der Kämpfer das System, damit mehrere Leute gleichzeitig ins World-Wide-Web können – über eine direkte Satelliten-Verbindung, die der Geheimdienst des Regimes nicht abfangen kann.

Die Schüssel steht oben, auf dem Feld über der Höhle; gut getarnt in den Farben der Umgebung. Als das Netzwerk steht, führen fünf Leute parallel Internettelefonate; mit Freunden und Verwandten an anderen Orten Syriens oder im Ausland. Und vor lauter Aufregung, dass alles klappt, rauchen sie noch mehr.

Die kühle, klare Bergluft der Nacht ist die Rettung vor dem stickigen Dunst in der Höhle – der Stromgenerator brummt, Explosionen sind gerade nicht zu hören. Der Nachtposten meint:

"Nachts sind nicht viele Kampfflugzeuge unterwegs; es steigen nur wenige auf. Aber am Tage…."

Dadurch, dass der Norden Syriens meistens keinen Strom hat, können die Piloten im Dunkeln wohl gerade das sehen, was sie mit Hilfe ihrer Nachtsichtgeräte erkennen – und das dürfte aus großer Höhe nicht viel sein. Trotzdem sind sich alle Menschen in der Region der ständigen Gefahr bewusst:

"Ich habe einen Sohn, der zwei Jahre alt ist. Wenn er den Lärm eines Flugzeuges hört, dann geht er schnell raus und sagt: Sie werden uns jetzt beschießen." - "Was sagst Du denn zum Stand der syrischen Revolution nach zwei Jahren?" – Nach zwei Jahren. Wir werden weiter machen, egal was passiert, oder wir werden alle sterben. Wir sind lange Zeit unterdrückt worden. Und das Regime bekommt Waffen. Wenn das Regime sie nicht bekäme, hätten wir schon gesiegt; Iran, Russland und China liefern Waffen an das Regime – und die ganze Welt hat uns enttäuscht. Aber so Gott will werden wir siegreich sein."

Vom Firmenchef zum Kämpfer

Abu Yamaan kommt, der Befehlshaber der Reiter des Nordens. Es ist leicht zu erkennen, dass er kein typischer Kämpfer ist. Zwar trägt der 37-Jährige wie die meisten Männer der Freien Syrischen Armee nach längerer Zeit im Feld einen langen, schwarzen Bart. Aber wie er da mit über einander geschlagenen Beinen im Gras sitzt, in einer viel zu weiten Militäruniform, wirkt er eher zierlich als kräftig; seine schlanken Hände sind weder die eines Soldaten noch die eines Bauern; seine Stimme ist leise, frei vom üblichen Befehlston. Und das ist kein Wunder:

"Direktor einer Firma für Fertigbeton war ich – vor Beginn des Aufstandes. Berufssoldat war ich nicht; ich habe lediglich früher, wie jeder einmal, den Wehrdienst absolviert. Als bei einem friedlichen Protest auf die Demonstranten geschossen wurde, habe ich mich zum Kampf entschieden. Wir waren am Anfang eine kleine Gruppe, die sich dann mit anderen kleinen Gruppen zusammengeschlossen hat. Und ich hatte als Direktor einer Firma Erfahrung in Managementfragen, also haben die anderen bestimmt, dass ich diese Erfahrung in den gemeinsamen Dienst stelle."

Auch Abu Yamaan wartet. Wie alle. Und er hofft.

"Die Lage ist nicht gut. Wir wollen eine völlige Befreiung unseres Landes. Aber dazu fehlen uns Waffen und Munition - das ist auch der Hauptgrund dafür, dass unsere Revolution nur langsam vorangeht. Wir können die Städte nicht befreien, weil es nicht genug Munition und Waffen gibt!"

Ständig sind solche Sätze zu hören. Und ständig auch sagen die Kämpfer vom Berg Zaawiyah, dass sie sich in ihren Aktionen beschränken müssen. Immerhin: Mittags, wenn die Sonne günstig steht, soll ein Dreier-Trupp ausrücken. Bis dahin schlagen sie die Zeit tot. Mit Tee trinken, schwatzen, schlafen, Volleyball spielen. Abu Yamaan ist mal in der einen Mannschaft, mal in der anderen. Ein Kommandeur muss für alle da sein.

Dann ist es endlich so weit: Abu Yamaan ermahnt die drei Männer zur Vorsicht: Sicherheit geht vor – sagt er ihnen – und: Sie mögen in Frieden, unversehrt, zurückkommen. Gerade als es losgeht, explodiert wieder einmal irgendwo in der Nähe eine Granate; es wirkt fast so wie ein Startschuss. Durch die Hügel geht es hinunter in ein Tal und durch ein Dorf, in dem gerade der Muezzin zum Mittagsgebet ruft. Hinter dem nächsten Hügel ist das Ziel erreicht.

"Und wo ist das Ziel?" – "Das Ziel ist da unten…"

Und dann rennen alle los

"Da unten"…- das ist eine Stellung der syrischen Streitkräfte am Fuße eines Hügels. Der Auftrag: Position beziehen und die Stellung auskundschaften. Einer der Drei ist Scharfschütze, der Zweite muss die Aktion per Video dokumentieren, der Dritte soll seinen Kameraden den Rücken freihalten.

Und dann rennen alle los. Dass die Soldaten Bashar al-Assads die Position des Scharfschützen ausmachen können, ist nicht sehr wahrscheinlich, aber ausgeschlossen ist es auch nicht….

Später, im Lager, sehen sich die drei Männer und ihre Kampfgefährten wieder und immer wieder das Video an. Und reden über die Aktion. Die Bilder zeigen zwei Soldaten, die ungedeckt durch die Stellung gehen. Nach dem ersten Schuss, reagieren sie nicht, er ging daneben. Wahrscheinlich achten die Soldaten auch nicht mehr sonderlich auf Einzelfeuer. Oder sie wissen nicht, woher der Hall kommt… oder… oder…oder… Nach dem zweiten Schuss sackt ein Soldat in den Schatten des Hauses. Der Scharfschütze, Sayf, ein schlanker, 22-jähriger Mann, der seine schulterlangen Haare mit einem schwarzen Tuch zusammengebunden hat, glaubt, dass er den Soldat getroffen hat. Im Video ist das nicht zu erkennen.

Eine Sache mag es sein, Auge in Auge mit einem Gegner zu kämpfen – beim Sturm auf einen Posten oder bei der Verteidigung einer Stellung. Aber: Ein Scharfschütze zielt auf jemanden, der in weiter Ferne ist und schießt auf sein Ziel wie auf ein Kaninchen… Ist das nicht doch etwas anderes? – Sayf, der helle, braune Augen hat und einen wilden Blick, bestreitet das:

"Nein, das geht mit Freude, mit Freude."

Und ein anderer aus dem Dreier-Kommando, der angeblich auch von FSA-Spezialisten ausgebildet wurde, ergänzt: Es gebe keinen Unterschied zwischen Scharfschützen und anderen Soldaten; also solchen, die mit Artillerie oder Granaten schießen oder Bomben aus Flugzeugen abwerfen; sie seien alle immer in der Schlacht.

Der Einzige, der nicht zufrieden ist, ist Kommandeur Abu Yamaan. Nachdem er den Videoclip gesehen hat, bezweifelt auch er, dass der Schütze getroffen hat.

"Es war nicht ganz erfolgreich. Der Abstand war zu groß; der Scharfschütze muss dichter am Opfer sein, um es sofort zu töten. Klar haben die Jungs sich gefreut, aber es war eben nur ein halber Erfolg. Wahrscheinlich haben sie den Feind nur verletzt, nur in Angst versetzt – aber das Ziel haben sie nicht erreicht."

Die Bedingungen des westlichen Staaten erfüllen

Bald nach seiner Manöverkritik muss Abu Yamaan wieder aufbrechen. Er wird andere FSA-Kommandeure treffen.

"Es gibt ein Treffen, bei dem ein Zusammenschluss der Brigaden an der Nord-Front erörtert werden soll. Von denen, die in Homs sind und in Qusayr und woanders. Die Einheiten der Freien Syrischen Armee."

Die mehr oder weniger unkoordinierten FSA-Gruppen wollen damit dem nachkommen, was die westlichen Staaten – die USA, aber auch Mitglieder der EU - fordern. Denn: Immer wieder heißt es, dass erst nach einem solchen Zusammenschluss – eventuell! - Waffenlieferungen möglich wären. Noch aber sagt Abu Yamaan:

"Die Front ist offen. Es gibt keine vollständige Koordination, nur in manchen Gebieten."

Zwar hat die FSA erst vergangenen Dezember einen 30-köpfigen Militärrat gewählt, zu dem auch Abu Yamaan über Internet Kontakt hält. Aber de facto entscheiden er und andere Brigade-Kommandeure im Feld selbstständig. Mit anderen Milizen wie den militanten Islamisten der Jabhat Nusra oder der Ahrar al-Sham haben sie wenig zu tun; nur wenn es um größere Operationen geht, arbeiten sie zusammen.

Neue Strukturen

Die meisten politischen Oppositionellen – vor allem jene, die sich zur Syrischen Nationalen Koalition zusammengeschlossen haben – sind ohnehin weit weg: im Ausland. Längst bauen die FSA-Kommandeure, jeder in seinem Einflussgebiet, neue Strukturen auf. Manche haben Dorfräte eingesetzt: Rechtsanwälte und Ärzte sorgen für Ordnung in der Gemeinschaft; andere haben Religionsgelehrte darum gebeten, Gefangene zu bewachen; wieder andere verteilen Lebensmittel unter denen, die im eigenen Land auf der Flucht sind. Auch Abu Yamaan hegt Pläne.

"Wir haben angeordnet, eine Zivil Polizei zu bilden, um die Sicherheit (in den Dörfern) zu bewahren. Eine völlig neue Polizeibehörde. Für Zivilisten. Daran gibt es ein großes Interesse. Kämpfer der FSA sollen da nicht mitmachen. Es wird eine Zivilbehörde; ganz anders als die Freie Syrische Armee."

Nach Abu Yamaans Abfahrt beginnt für die FSA-Kämpfer am Berg Zaawiyah wieder eine Zeit des Wartens - darauf, dass sie zu einer neuen Aktion aufbrechen, etwas essen, ins Internet können, ein neues Volleyball-Spiel beginnt; dass das Warten jedenfalls ein Ende hat.

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