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Kämpfer für MenschenrechtePhilosoph André Glucksmann ist tot

Er war einer der wichtigsten Philosophen der Gegenwart und bekannt für seine Kritik an Kommunismus und Totalitarismus: Der französische Publizist André Glucksmann. Der Intellektuelle ist im Alter von 78 Jahren in Paris gestorben. Frankreichs Staatspräsident Francoise Holland würdigte André Glucksmann als "Verteidiger der Unterdrückten". Ein Nachruf.

Von Ursula Welter

Der französische Philosoph André Glucksmann (picture alliance / dpa / ©francois Lafite/Wostok Press)
Der französische Philosoph André Glucksmann ist im Alter von 78 Jahren gestorben. (picture alliance / dpa / ©francois Lafite/Wostok Press)
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Am 19. Juni 1937 geboren, in Boulogne-Billancourt, unweit von Paris als Kind einer jüdischen Familie mit osteuropäischen Wurzeln, die aktiv war im Widerstand gegen die Nazis, die nach Frankreich geflohen war. André wurde unter falscher Identität versteckt, studierte nach dem Krieg Philosophie in Lyon. Ein Intellektueller, der später in Paris nicht wie andere Philosophen und linke Wortführer im angesagten Quartier Saint-Germain des Prés lebte, sondern unweit des Nordbahnhofs:

"Einfach, weil es da billiger ist." Sagte André Glucksmann 2011 im französischen Radio "France Info".

Assistent von Raymond Aron an der Sorbonne, aktiv im Umfeld von Jean-Paul Sartre, militanter  "Maoist", auf den Barrikaden im Mai 68, aber damals schon nicht mehr Mitglied der Kommunistischen Partei Frankreichs, die ihn wegen seiner Kritik am sowjetischen Einmarsch in Ungar ausgeschlossen hatte. Er habe, sagte Glucksmann später, bei den Demonstrationen im Mai 68 viele getroffen, die gedacht hätten wie er.

"Die Wahrheit verlangt es zu sagen, dass die 68er Bewegung nicht ästhetische, nicht politische und auch nicht sexuelle Erfahrung war, wenn das auch alles existierte, sondern in erster Linie eine philosophische Erfahrung."

Sein Engagement in der später verbotenen marxistisch-leninistischen Bewegung der "Gauche Prolétarienne" tat Glucksmann nicht als Jugendsünde ab, sondern sagte offen, dass er sich dafür" schäme".

Vom militanten Maoisten zum Totalitarismuskritiker

1975 zerstörte André Glucksmann die Träume der Linken mit seinem Buch   "La cuisinìere et le mangeur d'homme" , unter dem deutschen Titel : " Köchin und Menschenfresser – über die Beziehung zwischen Staat, Marxismus und Konzentrationslager" 1976 in Deutschland erschienen. Das war seine Verarbeitung des Archipel Gulag von Solschenizyn war. Glucksmann zeigte das monströse Gesicht des linken Totalitarismus und begründete mit anderen die sogenannte "Neue Philosophie".

Der Antitotalitarismus war der Kompass im Wirken des Philosophen und Menschen Glucksmann. Tschetschenien, Bosnien, Ruanda, das Drängen auf Aufnahme der Boatpeople in den Siebzigerjahren, André Glucksmann kämpfte zeitlebens um und für Menschenrechte und scheute sich nicht vor einsamen Positionen. Etwa als es um den Irak-Krieg ging, Frankreich folgte den USA damals nicht, Glucksmann hielt das für einen Fehler.

So stellte er sich mit seinem Engagement und seinem Prinzip der Autokritik immer wieder gegen den Rest der französischen Intellektuellen.

Einmischung in die Politik

2007 unterstützte André Glucksmann die Kampagne von Nicolas Sarkozy, seine Anwesenheit bei einem Wahlkampfmeeting des konservativen Präsidentschaftskandidaten wurde ihm jahrelang vorgehalten. Glucksmann sei von weit links nach weit rechts gewandert ein Bruch, den ihm mancher nicht verzeihen wollte. Glucksmanns Antwort 2011 im Sender "France Info":

"Hinter dem Vorwurf des Bruchs, des Übertretens, steht der Gedanke, dass, wenn man ein achtbarer Intellektueller ist, man ein linker Intellektueller ist, und dass die spirituelle Heimat, Die Linke, grundsätzlich unfehlbar ist. Als hätte sie sich nie geirrt ... In meinen Augen ist das Geschwätz."

Glucksmann wollte sich nicht vereinnahmen lassen, wollte das Denken in festen Rastern nicht zulassen und pochte immer wieder auf das Recht des Irrtums.

"Es wurde Zeit, einmal die Gelegenheit zu ergreifen um zu sagen: Ich bin nicht bedingungslos links. Ich bin wie die Mehrheit der Franzosen jemand, der auswählt, der seine Wahl trifft aufgrund der Umstände, der Individuen und natürlich aufgrund der eigenen Fehler."

So kritisierte Glucksmann Sarkozy später scharf und war ihm vor allem seine Nähe zu Vladimir Putin vor. Putin, von dem Glucksmann bis zuletzt sagte, er sei ebenso schlimm wie Breschnew.

Die französische Kulturministerin, Pellerin, drückte nach der Meldung des Todes von André Glucksmann in einer knappen Twitter-Botschaft ihre Trauer aus , der frühere Kulturminister Jack Lang räumte ein, dass er nicht immer einer Meinung war, mit dem "großen Philosophen"."Mein erster und bester Freund ist nicht mehr", schrieb sein Sohn in Facebook, Raphaél Glucksmann organisiert derzeit in Frankreich die Demonstrationen für eine humanere Einwanderungspolitik in Europa. Sein Vater sei ein ebenso genialer wie guter Mensch gewesen, schrieb der Sohn heute, nachdem André Glucksmanns Stimme verklungen ist.

"Merci, et au revoir."

 

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