Freitag, 12. August 2022

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Kahler: Nicht nur eine Charity-Veranstaltung

Nicht nur die bevorstehende Fußball-WM rückt den Schwarzen Kontinent immer mehr ins Zentrum des internationalen Interesses. Afrika sei ein wichtiger Nachbarmarkt mit vielen potenziellen Konsumenten, betont der Direktor der internationalen Hilfsorganisation ONE, Tobias Kahler.

Tobias Kahler im Gespräch mit Jasper Barenberg | 25.05.2010

    Jasper Barenberg: Es war ein großes Versprechen, das die Führer der wichtigsten Industrieländer der Welt damals gemacht haben, bei ihrem Treffen im schottischen Gleneagles, doppelt so viel Entwicklungshilfe wie bisher – und das heißt in Zahlen ausgedrückt 100 Milliarden Dollar im Jahr. Die Hälfte davon sollte und soll Afrika zugute kommen. Seit Jahren dem Kampf gegen Armut und vermeidbare Krankheiten vor allem in Afrika verpflichtet die Lobby- und Kampagnen-Organisation ONE. Gerade bei ihr engagieren sich eben Musiker wie Bono und Bob Geldof. Jahr für Jahr überprüft ONE, was aus dem Versprechen von 2005 geworden ist. – Am Telefon begrüße ich dazu jetzt den Deutschland-Direktor der Organisation. Einen schönen guten Morgen, Tobias Kahler.

    Tobias Kahler: Schönen guten Morgen, Herr Barenberg. Ich grüße Sie!

    Barenberg: Herr Kahler, das Zieljahr 2010 ist erreicht. Sie haben Zahlen zusammengetragen das Jahr 2009 betreffend. Wo steht Deutschland bei einem nackten Blick auf diese Zahlen?

    Kahler: Ja! Das sind auch gleich Projektionen, auch für das Jahr 2010, denn Deutschland hat ja schon Projektionen für 2010 auch an den Development Committee der OECD geliefert, und wir gehen davon aus, dass Deutschland auf Afrika bezogen 25 Prozent, also ungefähr ein Viertel seiner Zusagen, die es 2005 im Rahmen der EU gemacht hat, auch einhalten wird.

    Barenberg: Im Berecht letztes Jahr hieß es ja, es gäbe bemerkenswerte Fortschritte. Würden Sie jetzt insgesamt sagen, Deutschland bewegt sich im Mittelfeld, ist sozusagen Durchschnitt unter den führenden Industriestaaten?

    Kahler: Ja, das kann man so sagen. Die Gruppe der G8, von denen bis auf Russland, also die G7, Zusagen gemacht haben, sind insgesamt auf 61 Prozent gekommen, jetzt wo das Ziel 2010 erreicht ist. 61 Prozent ihrer Zusagen an Afrika haben sie eingehalten, wobei man unterscheiden muss. Verschiedene Länder haben verschieden starke Zusagen gemacht. Das ist Kanada, die USA, Japan. Die haben relativ unambitionierte Zusagen gemacht, diese aber eingehalten oder weit überschritten. Da ist zum Beispiel Deutschland, Frankreich, Großbritannien, die sehr starke ambitionierte Zusagen gemacht haben. Großbritannien, muss man sagen, hat mit das stärkste Versprechen gemacht, hält aber auch fast 100 Prozent seiner Zusage, ist dort auf einem sehr, sehr guten Weg, bald auch diese berühmten 0,7 Prozent, die ja auch schon eine alte Zusage bei den Vereinten Nationen sind, einzuhalten. Frankreich ist da ungefähr gleich auf mit Deutschland, liegt auch so bei ungefähr einem Viertel der erreichten Zusagen.

    Barenberg: Woran liegt das eigentlich, dass es da so große Unterschiede zwischen den Industriestaaten gibt?

    Kahler: Das ist eine gute Frage. Ich denke, das Thema wird von der Politik verschieden priorisiert. Das muss man so sagen. In Deutschland ist aber auch ganz interessant zu sehen, dass es schon starke Bemühungen insgesamt gegeben hat. Es fing vielleicht auch gerade mal mit Heiligendamm an. In den vergangenen Jahren gab es auch starke Zuwächse für Gelder für Entwicklungszusammenarbeit, insgesamt 56 Prozent. Aber es sind davon nur 23 Prozent dieser Zuwächse für Subsahara Afrika eingesetzt worden. Also wir sehen insgesamt starke Aufwüchse, aber eben nicht für die Region, von der eigentlich sonst immer gesagt wird, politisch auch gesagt wird, die steht dort im Blickfeld. Woran das genau liegt, ist noch ein bisschen schwierig zu beurteilen. Ich bin mir auch nicht ganz sicher, inwieweit das vielen in der Bundesregierung derzeit klar ist, dass hier doch ein wenig die Aufwüchse an Afrika vorbei gehen.

    Barenberg: Nun heißt es ja von der Bundesregierung immer, dass sie die Hilfe für Afrika 2010 verdoppeln wird gegenüber dem Jahr 2004. Wie passt das denn zusammen mit Ihren Zahlen?

    Kahler: Nein, das wird nicht ganz stimmen, wobei die Zusage auch eine andere war. Es ging nicht um eine Verdoppelung des Status von 2004, sondern die Hälfte der Aufwüchse insgesamt sollte Subsahara Afrika zugute kommen. Das ist noch mal ein Unterschied. Aber auch die Verdoppelung der Gelder wird, wenn man den Schuldenerlass eben nicht mit einberechnet, für 2010 auf jeden Fall nicht so passieren, und das ist schade, weil 2010 ist auch ein Afrika-Jahr, wo jetzt in drei Wochen doch die Fußball-WM in Südafrika beginnen wird, und man sieht jetzt ja schon: es gibt sehr viel Berichterstattung zum Thema Afrika, zum afrikanischen Kontinent, und ich denke, der wird in den nächsten ein, zwei Monaten doch sehr stark da auch noch mal in die mediale Öffentlichkeit kommen.

    Barenberg: Lassen Sie uns noch einen Augenblick über die Art und Weise sprechen, wie Sie diese Daten erheben und wie Sie sie verarbeiten. Im Unterschied zu der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung rechnen Sie ja den Schuldenerlass heraus, oder zählen ihn nicht mit dazu als Entwicklungshilfe. Warum gehen Sie so vor?

    Kahler: Man muss dazu sagen, dass auch der DAC, also die OECD, beide Zahlen zur Verfügung stellt, mit und ohne Schuldenerlass. Beim Schuldenerlass ist es so, dass hier Gelder angerechnet werden, die nur zu einem Bruchteil eigentlich den armen Ländern und in dem Fall Afrika zugute kommen, weil eben diese Schulden zum Großteil nicht mehr bedient werden. Wir haben Berechnungen angestellt, dass vielleicht noch 10 Prozent von dem eigentlichen Wert, wie es aussieht, nur dastehen, sowohl für die Geber als auch für die Partnerländer, also für die Entwicklungsländer. Von daher spiegeln die Zahlen, wenn man die voll anrechnen würde, kein bisschen den Effekt dieser erlassenen Gelder wieder. Zum anderen handelt es sich dabei häufig um statistische Strohfeuereffekte. Das heißt, wenn ich ein Jahr dann Schuldenerlass mache, dann sieht meine Zahl gleich ganz großartig, bombastisch aus, ohne dass sich irgendetwas wirklich verändert hat, und im nächsten Jahr ist dieser Effekt dann aber auch schon wieder vorbei. Dadurch hat man, wenn man sich die offiziellen Entwicklungszahlen anguckt, sehr starke, man kann sagen, Volatilitäten. Das erinnert ein bisschen an die Aktienkurse der jetzigen Tage. Aber es geht sehr stark hoch und runter, obwohl eigentlich in den Haushalten, was eingestellt worden ist, sich nicht viel verändert hat.

    Barenberg: Herr Kahler, jetzt versichert die Bundesregierung ein ums andere Mal, dass sie ihr Versprechen einhält, das Versprechen, eben 2015 das Ziel zu erreichen, 0,7 Prozent für Entwicklungszusammenarbeit auszugeben. Auf der anderen Seite leben wir in Zeiten der Wirtschaftskrise, in Tagen und Monaten, in denen es um die Schuldenkrise geht, um die Stabilität des Euro. Rechnen Sie damit, ist es absehbar, dass weniger Aufmerksamkeit für Armut in Afrika und für diesen Kontinent am Ende übrig bleibt?

    Kahler: Ich denke, wie gesagt ist mit der Fußball-WM schon eine Öffentlichkeit auch dafür gegeben. Die Kanzlerin hat wiederholt, wie Sie auch sagten, gerade zugesichert, dass man eben festhalten wird an dieser Zusage. Ich denke auch, dass die Öffentlichkeit – und das sehen wir bei allen Umfragen – eigentlich sehr positiv eingestellt ist, auch die Einhaltung der Versprechen fordert. Drei Viertel der Bevölkerung tut dies. Und übrigens ist es immer noch eine Mehrheit, auch wenn da geringe finanzielle Belastungen zusätzlich auf die Bevölkerung zukommen, und das sind auch relativ aktuelle Zahlen, die also auch schon in der Wirtschaftskrise entstanden sind. Zugleich – ich denke, das darf man nicht vergessen – ist es ja auch nicht nur eine Charity-Veranstaltung, sondern es geht ja auch hier um wirkliche deutsche Interessen bei der ganzen Angelegenheit, sowohl wirtschaftliche – wir sind eine wichtige Exportnation, die zweitgrößte der Welt, Afrika ist ein Nachbarmarkt mit vielen potenziellen Konsumenten, und gleichzeitig geht es auch um sicherheitspolitische Anliegen.

    Barenberg: Heute Morgen im Deutschlandfunk Tobias Kahler, Direktor der deutschen Sektion der Entwicklungshilfeorganisation ONE. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Kahler.

    Kahler: Ich danke Ihnen, Herr Barenberg.