Mittwoch, 24.04.2019
 
StartseiteDeutschland heuteDer Streit um den "Kali-Mandscharo"08.04.2019

Kalihalde bei BraunschweigDer Streit um den "Kali-Mandscharo"

Jahrzehntelang wuchs in Wathlingen die Halde der Kali- und Salzindustrie in den Himmel. Jetzt will der Konzern K+S den Berg mit zerkleinertem Bauschutt und Bodenaushub abdecken und schrittweise begrünen. Umweltschützer fürchten trotz der Abdeckung, dass Salzreste ins Grundwasser gelangen könnten.

Von Dietrich Mohaupt

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Blick auf eine hundert Meter hohe Kalihalde. Sie ist zum Zankapfel zwischen Denkmalpflegern und Kommunalpolitikern geworden. Die Denkmalpfleger halten die Abraumhalde für ein schützenswertes Kulturdenkmal. Nach ihrer Ansicht ist die Halde ein Kulturgut von "herausragender landschaftsprägender Wirkung und von geschichtlicher Bedeutung". Die meisten Dorfbewohner wünschen sich dagegen, daß der Berg als Sondermüll abgetragen, oder begrünt wird. Nun muß Kultusministerin Helga Schuchardt als oberste Dienstherrin über die Zukunft der Abraumhalde des Kalibergwerks entscheiden.  (picture alliance / dpa / Wolfgang Weihs)
Die Kalihalde bei Braunschweig, Gemeinde Wathlingen, soll abgedeckt werden (picture alliance / dpa / Wolfgang Weihs)
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Was im ersten Moment klingt, als würde irgendwo im Wald ein kleines Bächlein ganz romantisch vor sich hin plätschern. Das ist für Georg Beu von der Bürgerinitiative Umweltschutz Uetze mehr als nur ein Ärgernis. Er steht an einem regnerischen Tag am Fuß der Kali-Abraumhalde bei der Gemeinde Wathlingen. Etwa auf halber Höhe des Salzbergs sprudeln aus einem Loch große Mengen Wasser heraus, fließen einige Meter an der Außenseite der Halde nach unten und verschwinden dann wieder in einem Loch.

"Das gibt ja Kali und Salz selber zu, dass dieser Berg, der aus Salz besteht, sich verhält wie ein Karstgebirge – und dass es Löcher gibt, die wahrscheinlich bis in den Untergrund Verbindung haben, und darüber natürlich das Niederschlagswasser auch bis in den Untergrund eindringt. Das heißt: Das Grundwasser wird belastet durch dieses Salzwasser."

Der künstlich aufgeschüttete Kaliberg hat keine Abdichtung zum Untergrund, der aus feuchten, teils moorigen landwirtschaftlichen Flächen besteht. 22 Millionen Tonnen wiegt er, und vieles spreche dafür, dass dieser Klotz über die Jahrzehnte immer tiefer in den Untergrund eingesunken sei, meint der Geologe Ralf Krupp aus Burgdorf, der die Bürgerinitiativen vor Ort berät. Es gebe klare Hinweise darauf, dass die Basis der Halde inzwischen Kontakt zum Grundwasser habe.

"Wir haben im Untergrund nachgewiesene Salzwässer mit einer definierten Zusammensetzung, die eindeutig auf die Kalihalde zurückzuführen sind, und diese Wässer breiten sich in dem Grundwasserkörper aus."

Grundwasser durch Halden-Basis weiter versalzen

Dem widerspricht Gerold Jahn, Projektleiter bei Kali und Salz und zuständig für die Abdeckung und Begrünung der Kalihalde Wathlingen. Der Salzgehalt im Grundwasser ab einer bestimmten Tiefe sei auf den Millionen Jahre alten Salzstock im Untergrund zurückzuführen, und eben nicht auf die Abraumhalde. Deren Eigengewicht habe den Untergrund stark zusammengepresst - insgesamt sei sie zwar eingesunken, "aber wir haben heute einen ausreichenden Abstand zum Grundwasser - im Normalstand. Und für die Fälle, die statistisch gesehen immer wieder auftreten können, wo das sogenannte Hoch-Grundwasser ansteht, kann das Wasser nicht an den Haldenfuß herandringen - weil die verdichteten Schichten unter der Halde relativ dicht sind."

Relativ dicht reicht aber nicht, meint Georg Beu. Dass K+S den Berg jetzt einfach mit Bauschutt und Bodenaushub zudecken will, das ist seiner Meinung nach kein Gewinn für die Umwelt. Denn das Grundwasser werde durch den Kontakt zur Halden-Basis weiter versalzen.

"Und da stellt sich uns die Frage, was sind denn die eigentlichen Hintergründe, dass die Halde abgedeckt wird. Und da kommt natürlich ins Spiel, dass mit der Verbringung von mineralischen Baustoffen, belasteten Baustoffen und Böden, in erster Linie Geld verdient werden soll."

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In der Tat könnte K+S viel Geld mit der Annahme entsprechender Stoffe verdienen - immerhin braucht das Unternehmen mehrere Millionen Tonnen Bauschutt und Boden für eine Abdeckung der Halde Wathlingen. Als Orientierungshilfe: In der Abfall- und Recyclingbranche sind für die Annahme von belastetem Bauschutt und Bodenaushub zwischen 30 und 50 Euro pro Tonne üblich – je nach Art und Grad der Verunreinigung. Projektleiter Gerold Jahn von K+S verteidigt das Vorhaben:

"Erst mal generell – Unternehmen dürfen Geld verdienen! Aber Fakt ist, dass so ein Abdecken natürlich einen enormen Aufwand darstellt. Und wir sind froh, dass wir für die Stoffe, die wir annehmen, einen Erlös erzielen, der diesen Aufwand deckt."

Eine erhebliche Belastung für Anwohner

Man führe also belasteten Bauschutt einer sinnvollen Verwertung zu - so die Argumentation von K+S. Aus Sicht der Bürgerinitiativen dagegen versucht das Unternehmen die Kalihalde Wathlingen schlicht als illegale Deponie zu nutzen – und zwar für Bauschutt oder Bodenaushub, der bis zu bestimmten Grenzwerten mit Giften, Schwermetallen und anderen Schadstoffen belastet sein darf. Dieser Abfall solle einfach auf die Kali-Halde gekippt werden – für die Anwohner auch wegen der zu erwartenden Staubentwicklung eine erhebliche Belastung, kritisiert Joachim Bartsch von der Bürgerinitiative Umweltschutz Wathlingen.

"Das ist Quecksilber, da sind Mineralöl-Mischungen, da ist Arsen drin und so weiter. Und wenn das wirklich konzentriert immer in die gleiche Windrichtung geht, dann sind nicht nur wir als Bürger, als direkte Anwohner – sondern in die Richtung geht auch Schulen und unser Kindergarten und so weiter. Und das ist ja das gefährliche dabei, denn es soll ja über 25 bis 30 Jahre laufen."

Illegale Deponie für belasteten Bauschutt - oder sinnvolle Verwertung von Abfällen als Abdeckung einer Kalihalde? Bei den Anhörungen und Erörterungsterminen in den vergangenen Wochen war das immer wieder ein ganz entscheidender Streitpunkt. Alle Beteiligten warten jetzt auf die Entscheidung der Genehmigungsbehörde, das niedersächsische Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie. Dessen Experten werden in ihrem Planfeststellungsbeschluss auch diese Frage beantworten müssen.

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