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StartseiteFirmenporträtPatentiertes Erfolgsrezept aus Teutoburg15.05.2015

Kalt gepresstes RapsölPatentiertes Erfolgsrezept aus Teutoburg

Reihe zum Raps, Teil 2

Herkömmliche Ölmühlen benötigen beim Pressen chemische Lösungsmittel und hohe Temperaturen, sodass die Qualität beeinflusst wird und Lösungsmittel die Umwelt belasten. Um das zu vermeiden, schält eine Ölmühle in Teutoburg die Rapskörner vor. Nach anfänglichen Zweifeln ist das für den Betreiber inzwischen ein Erfolgsmodell.

Von Angelika Gördes-Giesen

Ein Auto fährt bei Landau in der Pfalz an einem blühenden Rapsfeld vorbei (picture alliance / dpa / Marius Becke)
Aus Raps kann man Biodiesel gewinnen - aber auch ein Speiseöl. (picture alliance / dpa / Marius Becke)
Teil 1 der Serie zum Raps:

Pflanzenzucht - Die Raps-Meister aus Norddeutschland
(Deutschlandfunk, Firmenporträt, 08.05.2015)

Zwischen den Rapsfeldern im Münsterland steht die Teutoburger Ölmühle. Kurze Wege zu den Rapsbauern und eine kostengünstiges Grundstück direkt an der Autobahn im Gewerbegebiet von Ibbenbüren überzeugten Michael Raß, hier seine Idee von einer eigenen Ölmühle zu verwirkliche:

"Das kalt gepresste Rapsöl wird in Glasflaschen gefüllt, wird automatisch verpackt und geht dann zu unseren Kunden. Unser Öl wird in hellen Flaschenabgefüllt, weil die Kunden die schöne Farbe sehen wollen."

Davon überzeugt sich der Chef im weißen Kittel mindestens einmal am Tag. Das Rapsöl, das hier in die Flasche fließt, ist einmalig in Europa, denn jedes Rapskörnchen wird vor der Pressung geschält. Auf die Idee kam der Ingenieur während seines Studiums an der Universität in Essen:

"Ich habe Energie und Verfahrenstechnik studiert in Essen, dann habe ich die Chance bekommen, am Lehrstuhl für Lebensmittel-Verfahrens-Forschung zu arbeiten. Dabei ging es dann um die ökologische Ölsaatenverarbeitung."

Herkömmliche Ölmühlen benötigen beim Pressen chemische Lösungsmittel und hohe Temperaturen, sodass die Ölqualität beeinflusst wird und Lösungsmittel die Umwelt belasten. Um das zu vermeiden, startet in den 90er-Jahren des vorigen Jahrhunderts an der Uni Essen ein Forschungsprojekt für nachhaltige Lebensmittel-Erzeugung; gefördert mit Mitteln des Bundesforschungsministeriums. Als Michael Raß gefragt wurde, ob er als wissenschaftlicher Mitarbeiter mit einsteigen wollte, sagte er sofort zu:

"Aus drei Jahren sind dann acht Jahre Forschungsarbeit geworden und am Ende stand da auch eine Lösung, die wir dann auch der Industrie angeboten haben. Wir haben eine Technologie entwickelt, um den Raps zu schälen. Das Problem war dann die Rapssaat, die viel Öl hat und sehr weich ist. Wir haben eine Lösung entwickelt, und die ist auch patentiert worden."

Herkömmliche Schälmethoden funktionieren nicht

Denn ein Rapskorn ist noch nicht einmal so groß wie ein Pfefferkorn, herkömmliche Schälmethoden mit Messer oder Reiben, wie zum Beispiel bei Gemüse und Möhren, funktionieren nicht. Die Idee des Ölmüllers: "Hier sehen wir die Maschine, die nach dem Brechen des Rapskorns die Trennung macht in die Schale und die gelben Kerne."

Große Mahlsteine wie in einer alten Olivenöl-Mühle sucht man vergebens. Von außen unterscheidet die Ölmühle nicht von den übrigen Industriebauten im Gewerbegebiet von Ibbenbüren. Hinter einem hohen Zaun stehen riesige Hallen mit grauen Betonfußböden. Darauf Stahlgerüste, ein Gewirr von Gebläsen, Förderschnecken und Sieben, wo die schwarze Schale von den gelben Kernen getrennt wird. Erst dann werden sie gepresst. Das Öl fließt dank der zentralen Computersteuerung direkt in riesige Tanks. Besucher sehen so gut wie nichts, alles wird in geschlossen Systemen produziert. Der Westfale mit Bodenhaftung und energischer Stimme erinnert sich, dass es Tage gab, an denen er nicht mehr an den Erfolg glaubte:

"Ich glaube, so kalt gepresstes Rapsöl, ach, da sehen wir keinen Markt dafür. Die Technik ist doch so ein bisschen kompliziert. So! Da standen wir vor der Situation oder ich persönlich, acht Jahre Forschung - für nichts! Das kann nicht sein. Und da war dann der Ehrgeiz geweckt, dann kam die Idee zur Gründung der eigenen Ölmühle und dann rennt man los. Wir haben dann auch mit viel Schwierigkeiten eine Finanzierung hinbekommen, haben auch der Grünen Wiese dann in Ibbenbüren eben diese Ölmühle gebaut."

Heute fährt die Rapsmühle im Schichtbetrieb. Im vergangenen Jahr erweiterte der Ölmüller seine Anlage und verarbeitet 100 Tonnen Raps pro Tag Öl, das es auch in Bioqualität gibt. Jede Flasche, die das Werk verlässt, durchläuft einen Qualitäts-Test in zwei Stufen: Nach den Labortest gibt einen Geschmackstest. Jeden Morgen trifft sich das Team mit den sensiblen Zungen:

"Nussig, zart, dann darf es in die Flasche. Deswegen ist die Prüfung, die wir hier mit vier bis fünf Mitarbeitern durchführen, das A und O für die Qualität, noch wichtiger als die chemische Analyse. Man muss das fast jede Woche oder fast jeden Tag machen, um trainiert zu werden und auch diese leichten Nuancen - gut oder schlecht - herausschmecken."

Spezialsorten für Supermärkte

Heute kümmern sich 130 Mitarbeiter um die Produktion und Vermarktung. Resultat: rund 300 Millionen Umsatz pro Jahr. Hauptkunden sind die großen Lebensmittelketten wie Edeka und Rewe.

Für sie entwickelte die Teutoburger Ölmühle auch Spezialsorten wie Rapsöle zum Frittieren, Braten und Salat-Öle. Mit dabei seit der ersten Stunde ist Arthur Kurzer. Der gelernte KFZ-Mechaniker startete die erste Ölmühle: "Irgendwann kam Herr Raß zu mir und hat mich gefragt, ob ich da in der Ölmühle als erster Mitarbeiter will. Zuerst wollte ich nicht, habe lange überlegt, dann habe ich doch zugesagt."

Auch Michael Raß packt gerne mit an. Er sitzt nicht nur am Schreibtisch, sondern tüftelt weiter an neuen Ideen: So wird alles, was in der Ölmühle übrig bleibt, weiter verarbeitet: Die Rapsschalen werden ein zweites Mal gepresst. Aus diesen Ölresten entstehen Autokraftstoffe. Die festen Rückstände, der sogenannte Presskuchen, werden zu Tierfutter verarbeitet. Er enthält hochwertiges Eiweiß.

Ernährungswissenschaftler wollen diese wertvolle Eiweißquelle aber auch für die menschliche Ernährung nutzen, zum Beispiel in der Wurst, und um das größtenteils in Südamerika angebaute Soja vollständig durch heimisches Rapsprotein zu ersetzen. Michael Raß ist überzeugt, dass es funktioniert. Und überhaupt meint er: Das Risiko, einen eigenen Betrieb auf die Beine zu stellen, das hat sich gelohnt: "Es macht nach wie Spaß, weil man immer neue Varianten hat, es fallen einem neue Ideen ein, wir machen jetzt ja auch gewürzte Öle. Insofern macht es nach wie vor Spaß."

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