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StartseiteInterview"Kalte Bürokratie" der Krankenkassen30.08.2013

"Kalte Bürokratie" der Krankenkassen

Journalist klagt gegen DAK

Rolf-Dieter Krause kennen viele ARD-Zuschauer aus Brüssel, derzeit führt er eine Klage gegen seine Krankenkasse. Diese hatte die Behandlung seiner schwer krebskranken Frau nicht übernommen. Krause kritisiert, dass die Krankenkassen Anfragen "kalt und systematisch" ablehnen.

Rolf-Dieter Krause im Gespräch mit Christine Heuer

Schwerkranke warten selten auf Bescheide ihrer Kasse. (AP)
Schwerkranke warten selten auf Bescheide ihrer Kasse. (AP)

Christine Heuer: Den gesetzlichen Krankenkassen geht es gut, immer noch verwalten sie einen Überschuss, und trotzdem häufen sich die Beschwerden von Patienten. In den letzten Wochen sorgten zwei Studien für Aufmerksamkeit. In einer wurde bemängelt, dass die Kassen zigtausendfach Leistungen wie Rehas, Hörgeräte oder Krankengeld ablehnen, in einer anderen von dieser Woche bemängelte das Bundesversicherungsamt, dass manche Kassen gezielt versuchen, alte und kranke Patienten auszugrenzen. Ich möchte jetzt einen konkreten Fall besprechen, den von Susanne Geiger, sie war die Ehefrau des ARD-Fernsehkorrespondenten Rolf-Dieter Krause. Im Kampf gegen den Brustkrebs, den sie leider verloren hat, setzte sie zuletzt auf eine neuartige Therapie. Ihre Krankenkasse, die DAK, wollte dafür aber nicht zahlen. Rolf-Dieter Krause prozessiert bis heute gegen die Versicherung und ist jetzt am Telefon. Guten Morgen nach Brüssel!

Rolf-Dieter Krause: Guten Morgen!

Heuer: Mit welcher Begründung, Herr Krause, hat Ihre Krankenkasse es abgelehnt, die Therapiekosten für Ihre Frau zu übernehmen?

Krause: Oh, die Begründungen wechselten. Die erste Begründung war, es habe noch konventionelle Behandlungsmethoden gegeben – eine geradezu absurde Geschichte, meine Frau hatte ja mehrere Chemos hinter sich, befand sich in einer sogenannten Drittlinien-Chemotherapie, und danach gibt es nichts mehr, was die Schulmedizin bereithält für Krebskranke. Inzwischen sagt die Krankenkasse, wir hätten das Ganze beantragen müssen, bevor die Behandlung begonnen hatte – was gar nicht möglich gewesen wäre. Ich meine, wenn man todkrank ist und nach einem möglicherweise rettenden Strohhalm greift, dann kann man nicht wochenlang – und das hat dann schließlich wochenlang gedauert, bis die Krankenkasse abgelehnt hat –, also man kann dann nicht wochenlang auf eine Entscheidung der Krankenkasse warten.

Heuer: Wie hat Ihre Frau denn auf die Ablehnung reagiert?

Krause: Gott sei Dank wütend, zornig, und vollkommen klar, dass wir klagen würden, und ich führe die Klage auch für sie weiter, das ist das Letzte, was ich für sie tun kann. Es war klar, dass sie sich das nicht gefallen lassen wollte. Wir haben Gott sei Dank die Mittel gehabt, dann erst mal diese Behandlung selbst zu finanzieren. Vermutlich war sie zu spät begonnen worden. Ich glaube nach wie vor daran, dass die Behandlung – es ging um die Behandlung mit dendritischen Zellen, das ist eine Methode, an der weltweit eigentlich mit zum Teil ganz ermutigenden Ergebnissen geforscht wird –, dass die bei ihr auch helfen könnte. Sie war ein bisschen gehandicapt dadurch, dass sie sehr hohes Fieber hatte, und damit konnte die Behandlung nur verzögert und nicht ganz voll begonnen werden, also deswegen ist sie dann auch gestorben. Also es waren zwei Sachen, einerseits Wut und wir klagen und das lassen wir uns nicht gefallen, andererseits kommen dann … machen wir jetzt erst mal das, was wir selbst tun können und gehen halt notfalls an unsere Ersparnisse.

Heuer: Sie waren ja in einer äußerst schwierigen, in einer existenziellen Situation. Wie viel Kraft hat Sie denn der Widerstand gegen Ihre Kasse in dieser Situation gekostet?

Krause: Ach, das weiß ich nicht, ob das noch groß eine Rolle gespielt hat. Wissen Sie, Sie müssen sich eine Frau vorstellen, groß gewachsen, sportlich, stark, nie krank gewesen, wirklich gesund, und die nun im Zuge dieser Krebserkrankung und nicht zuletzt durch die Chemotherapien langsam zu einem Häufchen Elend verkümmerte, spindeldürr, nur noch Haut und Knochen, nicht mehr sehr leistungsstark. Wissen Sie, wenn Sie so jemandem sagen, mache noch eine Chemotherapie einfach auf gut Glück, dann ist das einfach eine Boshaftigkeit. Das Schlimme war, das, was uns wirklich entsetzt hat, war, dass die Krankenkasse oder der medizinische Dienst der Krankenkasse nicht mal eine Untersuchung vornahm, sondern das passierte alles aufgrund von Papier, sehr unzureichendem Papier. Meine Frau ist nicht untersucht worden, da ist kein Gutachten eingeholt worden von einem Arzt, der vielleicht alternativ zu dem behandelnden Arzt ein Gutachten hätte abgeben können. Das wäre alles möglich gewesen. Wir waren sowieso dauernd bei Ärzten in der Zeit, da wäre es auf einen mehr oder weniger nicht angekommen. Alles nicht, sondern kalte Bürokratie, die einfach versucht, zu vermeiden, Geld auszugeben, und der dem Zustand eines Patienten und eines Mitglieds dieser Krankenkasse überhaupt keine Rechnung trug.

Heuer: Reden wir, Herr Krause, über systematisches Sparen an den Schwächsten, nämlich an den Kranken, die auf Hilfe so dringend angewiesen wären?

Krause: Das weiß ich nicht. Ich bin ja der Einzelfall. Ich lese, dass offenkundig Krankenkassen sich oft so verhalten, und ich sehe, dass die Krankenkassen im Wettbewerb ja eigentlich nur eine Möglichkeit haben, ihren wirtschaftlichen Erfolg darzustellen, nämlich, indem sie Geld sparen, also Leistungen verweigern. Sie tun nicht das, wozu sie da sind. Denn wenn die Schulmedizin – ich finde das völlig in Ordnung, dass die Schulmedizin erst mal ihr Recht haben muss und ich finde es auch richtig, dass eine Krankenkasse nicht für jeden Quatsch zahlen muss –, aber wenn dann die Schulmedizin am Ende ist und ein Patient um sein Leben kämpft, und dann ist da eine Behandlung, die ja nun nicht Millionen kostet, wir reden über ein paar tausend Euro, wo noch ein Weg möglicherweise gefunden werden könnte, dann muss eine Krankenkasse da handeln. Und ich glaube, dass dieses System, die Krankenkassen in den Wettbewerb zu entlassen, sie dazu bringt, wirklich kalt und systematisch abzulehnen. Ich lese das von anderen. Ich kenne nur unseren Einzelfall.

Heuer: Der Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr macht aber jetzt die Kassenvorstände für Missstände verantwortlich, über die ja auch in dieser Woche berichtet wurde.

Krause: Ach, wissen Sie, ich denke dann, gerade die liberale Gesundheitspolitik hat den Krankenkassen den Wettbewerb gepredigt und sie dahin entlassen, und hat damit genau das produziert, was jetzt beklagt wird. Ich glaube, da schreit einer "Haltet den Dieb!", der vielleicht selbst einer ist.

Heuer: Und der Solidargedanke passt nicht zum Wettbewerbsgedanken?

Krause: Ja, hier offenkundig nicht, weil natürlich, wenn eine Krankenkasse ihren wirtschaftlichen Erfolg durch Einsparungen, also durch fehlende Ausgaben, ersparte Ausgaben darstellen muss, dann lehnt sie natürlich erst mal ab. Das verstehe ich völlig, dass die das so machen. Sie werden nur damit ihrer Aufgabe nicht gerecht, für die sie da sind.

Heuer: Daniel Bahr, Herr Krause, hat ja auch vor, die privaten Kassen für alle zu öffnen, das klingt erst mal wie ein großes Geschenk. Was halten Sie von dieser Idee?

Krause: Eine Schnapsidee. Das wäre dann der Untergang der gesetzlichen Krankenversicherung. Wir sehen das in allen Ländern, in denen es nur ein Krankenversicherungssystem gibt, dass es dort keine Klassenmedizin gibt, dass dort auch geguckt wird, wofür geben wir unser Geld aus, sind das sinnvolle Dinge oder nicht, aber es wird nicht kalt und bürokratisch gehandelt. Und die Frage ist: In was für einer Gesellschaft wollen wir leben? In meinen jungen Jahren waren Liberale auch für Solidarität zu haben, dass starke Schultern mehr tragen sollen als schwache. Das ist etwas, zu dem ich mich ausdrücklich bekenne. Ich habe nichts dagegen, viel Steuern zu zahlen und auch hohe Beiträge zu meiner Krankenkasse. Aber ich möchte auch, dass dann, wenn Menschen da solche Systeme der kollektiven Sicherheit brauchen, dass diese Systeme dann auch da sind, und dass sie sich zumindest drum kümmern und dass sie hingucken, und nicht, dass sie auf der Grundlage von ein paar DIN-A-4-Seiten am grünen Tisch einfach entscheiden: Nein, für dich tun wir jetzt nichts mehr, du wirst abgeschrieben, für uns bist du schon tot.

Heuer: Rolf-Dieter Krause, ARD-Fernsehkorrespondent in Brüssel, er beklagt aus eigener Erfahrung Missstände bei den gesetzlichen Krankenkassen. Herr Krause, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

Krause: Bitte!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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