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StartseiteBüchermarktDie Erotik als Schlüssel zur Welt21.09.2020

Kamel Daoud: "Meine Nacht im Picasso-Museum"Die Erotik als Schlüssel zur Welt

Was haben Kunst, Erotik und islamischer Fundamentalismus miteinander zu tun? Das fragt sich der algerische Autor Kamel Daoud in seinem neuen Buch, für das er eine Nacht im Pariser Picasso-Museum verbrachte. Eine literarische Reflexion über Freiheit und Verbot im Westen und in der arabischen Welt.

Von Dirk Fuhrig

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Pablo Picasso: "Le rêve" ("Der Traum") von 1932, ausgestellt in der Londoner Tate Modern. Das Modell ist Marie-Thérèse Walter.  (imago stock&people / Alberto Pezzali)
Kamel Daoud schreibt über die Porträts, die Pablo Picasso von Marie-Thérèse Walter malte. Hier "Le rêve" ("Der Traum") von 1932, ausgestellt in der Londoner Tate Modern (imago stock&people / Alberto Pezzali)
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Der französische Verlag Les Éditions du Stock schickt regelmäßig Schriftsteller in ein Museum, damit sie die Erfahrung einer einsamen Nacht zwischen den Kunstwerken literarisch verarbeiten. Für Kamel Daoud, der in seinem Werk die Bruchstellen zwischen dem, was als Okzident und Orient bezeichnet wird, abtastet, wird bereits die Bezeichnung "Museum" zu einer Grundsatzfrage:

"Wenn ich ins Abendland reise, fällt mir immer wieder auf, dass Geschichte hier in greifbaren ,Zeichen' präsent ist, in Gegenständen, Gemälden, steinernen Körpern, in Sammlungen, angehäuften Herrlichkeiten, Archiven und Beständen. Und sobald ich in unsere Gegenden zurückkehre, erinnere ich mich wieder, dass bei ,uns', am Südufer des Mittelmeers, die Geschichte ein Kult ist, allerdings vor einem leeren Altar, einer Zeit ohne irgendetwas darin. Eine entleerte, entkörperlichte, geträumte Geschichte. Sie ist nicht in Museen oder Sammlungen verewigt, sondern in Erzählungen, die Wahrheiten fabrizieren, indem sie rückwärts gehen, zu ihren Quellen."

Die Kernfrage

Kamel Daoud streifte durch das Pariser Picasso-Museum, während eine Sonderausstellung über den Maler und sein Modell Marie-Thérèse Walter lief. Picasso hatte seine langjährige Geliebte, besonders während des Jahres 1932, immer wieder porträtiert. Die Faszination des Malerfürsten für den weiblichen Körper wird in Daouds nächtlichen Reflexionen zu einer Kernfrage der Auseinandersetzung zwischen Orient und Okzident.

"Die Erotik ist ein Schlüssel in meiner Sicht auf die Welt und auf meine Kultur. Die Religionen sind Autodafés der Körper, und was ich an dieser dunklen Bewegung des erotischen Verschlingens liebe, ist der absolute Beweis, dass man auf Himmel, Bücher und Tempel verzichten kann. Die Erotik ist die Permanenz des Menschen, der Beweis, dass das Jenseits ein Körper ist, den man in der Hand und im Bauch hat, hier und nicht ,danach', dass der Sinn der Welt im Sinn meiner Begegnungen liegt und dass alle Kunst die Erinnerung an einen Moment ist, die Gespanntheit auf einen Mund, einen Spalt oder ein Anderswo."

Eine Form von Gewalt

Im französischen Original lautet der Titel dieses sprachmächtigen literarischen Essays "Le peintre dévorant la femme", also: "Der Maler beim Verschlingen der Frau". Picassos Gemälde, in denen Daoud eine Art kannibalistische Lust am Körper der begehrten Person sieht, sind für ihn eine Form von Gewalt. In anderer Ausprägung entdeckt er diese in den Heilslehren, die die Glückseligkeit in einer fernen Zukunft nach dem Heiligen Krieg versprechen.

"Der Märtyrertod ist manchmal kostspielige Onanie. Krank ist es, wenn in manchen Kulturen der Tod vor dem Sexus kommt. Dann verheißt man Jungfrauen, Paradiese, grünes Gras, Flüsse aus Wein und die Ekstasen eines befriedigten Gottes, aber erst nach dem Tod. Man verdammt den Orgasmus als Sünde und sublimiert den Tod zum dunklen Mund-zu-Mund."

  (Autorenfoto: Claude Truong-Ngoc/ Buchcover: Verlag Kiepenheuer & Witsch ) (Autorenfoto: Claude Truong-Ngoc/ Buchcover: Verlag Kiepenheuer & Witsch )Kamel Daouds "Zabor": Schreiben gegen die Hoffnungslosigkeit
Mit der Kraft des Wortes gegen den Aberglauben: Kamel Daoud erzählt von einem Jungen, der mit Hilfe von Büchern aus einer archaischen Welt zu fliehen versucht. Der algerische Autor kritisiert einmal mehr die Unterdrückung der Frau, religiösen Fundamentalismus und politische Unfreiheit in islamischen Ländern.

Kamel Daoud hat die sexuelle Komponente im Konflikt zwischen den aufgeklärten westlichen und den islamisch geprägten Gesellschaften schon in seinen früheren Werken herausgearbeitet. Sei es in dem Bildungsroman "Zabor", sei es in seiner Analyse der Ereignisse der Kölner Silvesternacht 2015. Sein Eintreten für eine laizistische Weltsicht hat ihm in Algerien eine Fatwa eingetragen.

Brillante Picasso-Fantasie

Hier, in dieser brillanten Picasso-Fantasie, steigt er ein in die tiefenpsychologische Deutung kultureller Gegensätze. Daoud nimmt auf seiner Reise zu Picasso einen fiktiven jungen Mann mit, den er Abdallah nennt. Er steht für den religiösen Zugang zur Welt, wie ihn die Dschihadisten pflegen. Der Fundamentalismus will die Begierde töten, während Picasso den Körper der Frau in einem Gewaltakt verschlingen will - so die Interpretation Daouds.

"Abraham tötete ein Schaf anstelle seines Sohnes, und Jahrtausende später malt Picasso die begehrte Frau, um sie nicht lebendig zu verschlingen, sondern damit sie ihn, der so hochmütig ist in seinem Genie, lebendig verschlingt. Seine Malerei ist ein listiger Trick, um zu verhexen, Anbetung und dann Verschlingen. Die Strategie des alten Nomaden auf den Spuren seiner Mahlzeit aus warmem Blut."

Kamel Daoud bringt seine Reflexionen in einer üppigen Sprache zu Papier, die man stellenweise fast schon alttestamentarisch nennen könnte. Manche Schlussfolgerungen im Spannungsfeld von Sexualität und Gewalt mögen etwas küchenpsychologisch oder vordergründig wirken. Insgesamt ist dieser Essay jedoch eine tastende, hochliterarische Suche nach der Verbindung von Sexualität und Kunst - westliche Sublimierung einerseits und orientalische Verbannung des erotischen Blicks andererseits.

Herausragender Denker zwischen Orient und Okzident

Kamel Daoud will intellektuelle Verbindungen schaffen zwischen den Traditionen des Westens und des Ostens. Er wendet sich, auch in der aufgeflammten Post-Kolonialismus-Debatte, gegen die immer stärker werdende Aversion gegenüber dem "Westen", die von islamistischen Kräften in den Gesellschaften Nordafrikas geschürt wird.

Nicht immer konzise und manchmal redundant, aber höchst gedankenreich, querdenkerisch und originell: Kamel Daoud zeigt in "Meine Nacht im Picasso-Museum" erneut, dass er einer der herausragenden Schriftsteller und Denker ist, die nicht den oft beschworenen "Kampf", sondern den Dialog der Kulturen suchen.

Kamel Daoud: "Meine Nacht im Picasso-Museum"
aus dem Französischen von Barbara Heber-Schärer
Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln. 176 Seiten, 20 Euro.

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