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StartseiteHörspielkalenderKamera, Theater, Radio09.04.2005

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Zum Tod von Hermann Lause ein Interview mit Regisseur Walter Adler

Flache Durchschnittstypen hatte er nicht im Repertoire. Die Rollen, die Hermann Lause spielte, hatten stets Nuancen und mindestens eine davon wies in die Abgründe des jeweiligen Charakters. Nicht nur als wütender Hamlet oder König Lear, auch als "Tatort"-Kommissar oder Kumpel aus dem "Großstadtrevier" gab er seinen Figuren stets diesen eigenen, völlig uneitlen Ton, der sie glaubhaft und intensiv machte.

Von Frank Olbert

Der Hörspielregisseur Walter Adler (Hessischer Rundfunk)
Der Hörspielregisseur Walter Adler (Hessischer Rundfunk)

Am Ostermontag starb Hermann Lause, 66-jährig an Krebs. "Die drei Sachen, die ich gerne mache, vor der Kamera zu stehen, Theater und Radio sind völlig verschiedene Medien, die als Ganzheit den Beruf ausmachen", definierte Lause seine Arbeit, die ihn über einhundert Mal auch ins Hörspielstudio führte. Regisseur Walter Adler habe ich nach seinen Erinnerungen an den Schauspieler gefragt.

Frank Olbert: Herr Adler, können Sie sich erinnern, wann Sie Hermann Lause kennen gelernt haben?

Walter Adler: Ich habe ihn am Theater in Düsseldorf kennen gelernt, als wir dort beide gearbeitet haben. Er hat in "Heinrich IV" von Pirandello gespielt. Da habe ich ihn kennen gelernt und bewundert. Es war sensationell, eine tolle Aufführung.

Frank Olbert: Was war denn da seine besondere Qualität?

Walter Adler: Es war das, was ihn Zeit seines Lebens ausgemacht hat, dass man, wenn man ihn nicht kannte und gesehen hatte, dachte: Das ist ein Verrückter. Aber er war überhaupt nicht verrückt. Der Hermann war einer der gebildetsten Schauspieler, der gebildetsten Menschen, die ich kennengelernt habe. Was immer man für ein Thema anschnitt oder wenn man über das Stück sprach, an dem man gearbeitet hat und über seine thematische Peripherie - er wusste Bescheid. Er interessierte sich sehr für außereuropäische Kulturen, besonders für Asien und Afrika und hatte zu Hause eine tolle Sammlung zu diesem Themenbereich. Das war wirklich ein unglaublicher Gegensatz: dieser zappelnde, explodierende, sich auseinanderreißende "Kaspar", der wenn er spielte, wirklich war wie Rumpelstilzchen. Wenn er anfing, zitterte er von Kopf bis Fuß. Das war wirklich ein Spieler, ein Instinktspieler, der einen Text nahm und ganz instinktsicher auf diesen Text zuging und spielte. Dahinter war eine unglaubliche Bildung, die sich aber nie über die Rolle gesetzt hat. Man hatte nie das Gefühl, da hat sich jetzt einer etwas ausgedacht, eine Theorie, eine Analyse des Textes oder der Figur. Er wusste das, konnte das auch erklären, konnte tagelang mit einem darüber reden, aber wenn er gespielt hat, war das alles weg.

Das erste Mal gesehen habe ich ihn vorher schon, 1982 in Luc Bondys berühmter Kölner Inszenierung als nackter Macbeth. Das war wirklich groß, weil es die besondere Fähigkeit war, die er hatte, wirklich den nackten Menschen zu spielen, dieses ganze Elend einer kleinen Figur. Diesen Macbeth auf das Menschenmaß herunterzuziehen und gleichzeitig natürlich auch dieses Übersteigerte darzustellen, das Große, das so eine Figur hat.

Frank Olbert: Und im Hörspiel? Was war Hermann Lause als Stimme?

Walter Adler: Der Hermann Lause hatte die Fähigkeit, dass man das Mikrofon zumachen musste. Wenn er anfing zu krähen, dann war er der Schrecken aller Toningenieure. Er konnte von einer Sekunde auf die andere wirklich wie eine Trompete loströten und dann machen Mikrofone einfach zu. Ich habe eigentlich immer, wenn ich mit ihm eine Szene durchgesprochen hatte und in den Regieraum zurückkam, zu dem Toningenieur oder der Toningenieurin gesagt: "Vorsicht! Es wird laut werden." Das war manchmal ein Problem, weil er, wenn man ihn darauf hingewiesen hat, vorsichtig wurde. Und das war dann schade, denn wenn er vorsichtig war, war er nicht mehr so gut. Man durfte ihn da nicht bremsen, wie es viele Schauspieler gibt, gerade so realistische Schauspieler, die man nicht bremsen darf. Solche Schauspieler muss man ans Spielen bringen und dann in Ruhe lassen und die Technik drumherum so einrichten, dass sie sie nicht stört.

Für mich ist in der Erinnerung der Hermann ein ganz wichtiger Schauspieler gewesen, weil ich sehr viel von ihm gelernt habe. Ich habe von ihm gelernt, wie komplizierte Kopftexte von Leuten wie ihm gespielt werden können und dass sie sich dann doch noch so anhören, als hätte er sie sich in dem Moment gerade ausgedacht. Manchmal habe ich wirklich fasziniert davorgestanden und gedacht: Wie macht der das bloß? Das kann ich Ihnen nicht sagen. Das ist das Geheimnis.

Frank Olbert: Können Sie sich an Höhepunkte der Arbeit mit ihm erinnern?

Walter Adler: Der absolute Höhepunkt war "Angels in America". Ich habe da etwas Tollkühnes gemacht, als ich gesagt habe, ich möchte, dass er diese Hauptfigur spielt, denn sie wurde an den Theatern ganz anders besetzt. Ich dachte, das ist genau das Richtige, dieser Irrwisch, der er auch sein kann, das steckt in dieser Figur drin. Die Hauptfigur ist ein Mann, der die eigene Homosexualität versteckt, gleichzeitig im Tutu auftritt und der sich als erbarmungsloser Kommunistenjäger erweist, die Rosenbergs in den Tod treibt. Das müsste er spielen können. Das hat er auch gespielt und das war wirklich sensationell.
Es ist so, dass der Hermann es wirklich geschafft hat - egal ob die Rolle groß oder klein war - wenn man ihm zugeschaut oder zugehört hat, dann war das in diesem Moment die Hauptrolle.

Frank Olbert: Er wurde neben den großen Rollen auch sehr oft in kleinen Rollen besetzt.

Das ist immer die Schwierigkeit. Wenn Sie einen guten Text haben, dann gibt es die Hauptrollen und die spielen sich fast von selbst, weil das Stück schon die Rolle ist. Und dann kommen die Nebenrollen und die werden meistens mit Leuten besetzt, die immer nur drei bis vier Sätze sagen dürfen. Ich kämpfe immer darum, dass diese Rollen möglichst von Protagonisten gespielt werden, denn diese Rollen reißen einem das Stück in den Keller. Und für solche Rollen Hermann zu haben, das war ein großes Glück. Das war für ihn auch nie ein Problem. Gut, wir haben sehr lange zusammen gearbeitet und er wusste: Das ist jetzt eine kleine Rolle. Das ist aber nicht der Wertmaßstab für mich, sondern sie haben mich geholt, damit etwas daraus mache. Beim nächsten Mal war es dann wieder eine größere Rolle.

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