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StartseiteDie neue PlatteProtokolle einer Seelenwanderung26.12.2017

KammermusikProtokolle einer Seelenwanderung

Märchenhafte musikalische Erzählungen stehen im Fokus der neuen CD von Tabea Zimmermann, Jörg Widmann und Dénes Várjon. Wärme und Intimität von Viola und Klarinette verkehren sich in den Werken immer wieder in raffinierte, vielgesichtige Illusionen.

Am Mikrofon: Johannes Jansen

Das durch die Baumkronen eindringende Sonnenlicht schafft in einem Waldstück bei Titisee-Neustadt im Schwarzwald eine Atmosphäre, wie in einem verwunschenen Märchenwald.  (dpa/ picture-alliance/ Heinz-Dieter Linke)
Fast wie im Zauberwald... Geheimnisvolle Atmosphäre im Schwarzwald bei Titsee-Neustadt (dpa/ picture-alliance/ Heinz-Dieter Linke)
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Musik: Jörg Widmann, Es war einmal ..., 1. Satz

Es war einmal vor vielleicht 25 Jahren, als es noch rund lief in der Klassikwelt. Für Tabea Zimmermann wurde wahr, wovon Nachwuchskünstler heute nur noch träumen. Große Plattenfirmen buhlten um ihre Gunst. Eine eindrucksvolle Diskographie erzählt davon.

Neues Label für die berühmte Bratschistin

Aber auch für die wohl größte Bratschistin ihrer Generation kam irgendwann der Tag, an dem sie sich nach neuen Produktionspartnern umschauen musste, um weiterhin Aufnahmen nach ihren eigenen Vorstellungen zu gestalten. Ihre Wahl fiel auf Myrios, ein kleines Label, das noch in der Gründungsphase steckte. Schon die erste gemeinsame CD hatte durchschlagenden Erfolg. Das Märchen ging weiter. "Es war einmal ..." heißt, passenderweise, ihre neueste CD – die siebte in sieben Jahren –, um die es sich heute dreht.

Musik: Jörg Widmann, Es war einmal ..., 1. Satz

"Es war einmal ... Fünf Stücke im Märchenton für Klarinette, Viola und Klavier" ist der Titel eines Werks, das hier – in Welt-Ersteinspielung – der Komponist und Klarinettist Jörg Widmann zum Programm beisteuert, eingebettet in den romantischen Kontext der Märchenerzählungen, Fantasiestücke und Märchenbilder von Robert Schumann. Das alles scheint wie geschaffen für behagliche Stunden im Ohrensessel. In einem Gespräch mit Myrios-Gründer und -Produzent Stephan Cahen im Beiheft der CD sagt Widmann, die einzigartige Nähe und klangliche Homogenität von Viola und Klarinette habe fast etwas Heiliges für ihn. Wärme, Freundschaft und Intimität schwingen darin mit. Im Trio mit Tabea Zimmermann und Klavierpartner Dénes Várjon ist allerdings darauf Verlass, dass es nicht allzu gemütlich wird. Gegen das Eindämmern hat schon Robert Schumann Vorsorge getroffen.

Musik: Robert Schumann, Märchenerzählungen op. 132, 4. Satz

"Das Erzählen von einem Märchen über jemanden, der ein Märchen erzählt", nennt Widmann diese Schumann-Stücke. Eine wohlige Wärme herrscht darin, die frösteln macht. "Lebhaft, sehr markirt" beginnt der letzte Satz, doch der Mittelteil sagt etwas anderes. Die nervöse Begleitstimme passt nicht zur rustikalen Fröhlichkeit. Beunruhigend sei es, findet Widmann, und schreibt im Vorwort zu seinem eigenen Werk, er habe diese Märchenerzählungen schon immer als zerrissen und modern empfunden.

Klirrende Kälte statt märchenhafter Behaglichkeit

"Es war einmal ..". zieht den Märchenschleier etwas zur Seite, doch zeigen sich dahinter nur noch raffiniertere Illusionen, wie Schumann sie mit den Mitteln seiner Zeit nicht hätte erschaffen können. "Die Eishöhle" steht im Zentrum der fünf Sätze: drei Minuten beinahe stillstehende, wie festgefrorene Musik. Eine Anspielung vielleicht auf Schumanns Bemerkung, er schiffe im Eismeer, wenn man ihn während der letzten Lebensphase in der Endenicher Heilanstalt in scheinbarer Umnachtung brütend über seinem Atlas fand – ein Geschenk übrigens von Johannes Brahms.

Musik: Jörg Widmann, Es war einmal ..., 3. Satz

Diese Kälte fasst einen an und ruft Gespenster auf den Plan. Als wäre man eingesperrt in den Schädel des Komponisten mit seinen nächtlichen Gehörsattacken, die ihn in den Wahnsinn trieben, beginnt ein wirres Spiel. Fremd-Vertrautes huscht vorüber, den Fundus schumannesker Märchentöne reißt es in Fetzen, sogar an Astor Piazzolla fühlt man sich beiläufig erinnert, und wenn in einer minutenlang hinausgezögerten Kadenz Tabea Zimmermann kurz ihre Gesangsstimme hervorholt, wird das Trio auf magische Weise zum Quartett...

Musik: Jörg Widmann, Es war einmal ..., 4. Satz

Im CD-Beiheft spricht Jörg Widmann von "so etwas wie Schizophrenie" und meint damit das kreative Kopfzerbrechen des Interpreten darüber, dass etwas anders gemeint sein könnte, als es da steht. Da hakt auch der Komponist Widmann ein. Ob es um Brahms oder, wie hier, um Schumann geht – er liebt den Dialog mit der Vergangenheit und das Stochern im Untergrund. Wenn er Werke umdreht, Stein für Stein, entsteht eine Meta-Musik, die sich nicht in Variationen erschöpft oder gebrauchtes Material nur neu zusammenstellt. Es sind Transformationen oder vielmehr Protokolle einer Seelenwanderung.

Fieberhaftes Entfliehen mittels Fantasie

Auch der Interpret Widmann profitiert von seinen Erfahrungen als Komponist. So tief eingetaucht wie er ist wohl noch keiner ins Klarinettenrepertoire, zumal in Schlüsselwerke wie Schumanns Fantasiestücke. Vor dem Hintergrund des Jahres 1849 mit dem Maiaufstand in Dresden kann man in ihnen erste Anzeichen der Realitätsflucht und des Rückzugs von der Welt erblicken. Widmann hingegen betont das Vorwärtsgetriebene, Schwärmerische, sich im Moment Verschleudernde, wie er es nennt, spricht von "Fieberkurvenmelodik" und kleidet dennoch alles in den Ausdruck höchster Innigkeit. Wie er es anstellt, Leidenschaft und Kultiviertheit im selben Ton zu fassen – auch das hat etwas Magisches.

Musik: Robert Schumann, Fantasiestücke op. 73, 1. Satz

Wenn es um Erzählkunst geht, steht Tabea Zimmermann ihrem Klarinettenpartner in nichts nach. In Schumanns Märchenbilder für Viola und Klavier blättert sie im Buch der eigenen Erinnerungen, denn das gleiche Stück hat sie schon einmal – ein Vierteljahrhundert ist es her – bei ihrem Katapultstart in die Weltkarriere für EMI Classics eingespielt. Damals klang es etwas aufgekratzter, artikulationsfreudiger, eine Spur heller auch im Ton, während durch die Neuaufnahme sogar im raschen dritten Satz ein eher sanfter Atem weht. Von naiver Behaglichkeit ist freilich keine Spur, unverkennbar aber, dass diese Märchenbilder etwas nachgedunkelt sind – was sie nur um so geheimnisvoller macht.

Bezaubernder Begleiter

Mitgetragen wird der große erzählerische Bogen von Dénes Várjon, stets präsent, aber niemals Aufmerksamkeit heischend in seiner Rolle am Klavier. Dass er das Tastenspiel phänomenal beherrscht, muss er niemandem beweisen, und dass es hier keinen Hilfsregisseur braucht, weiß Várjon auch. Die Erzählerin behält alle Fäden in der Hand. Aber die letzten Töne überlässt sie ihm. Ihr Pizzicato im Schlusstakt ist jedenfalls kaum zu hören.

Musik: Robert Schumann, Märchenbilder op. 113, 4. Satz

Das war in einer Neuaufnahme mit Tabea Zimmermann und Dénes Várjon der Schluss der Märchenbilder für Viola und Klavier op. 113 von Robert Schumann. Die Aufnahme ist Teil einer beim Label Myrios Classics in ansprechender Aufmachung mit textstarkem Beiheft erschienenen CD unter dem Titel "Es war einmal ..." nach dem gleichnamigen Trio für Klarinette, Viola und Klavier von Jörg Widmann, mit dem die Vorstellung dieser höchst empfehlenswerten neuen Platte am zweiten Weihnachtstag begann.

"Es war einmal..."
Märchenerzählungen von Robert Schumann und Jörg Widmann
Tabea Zimmermann, Viola
Jörg Widmann, Klarinette
Dénes Várjon, Klavier
Myrios Classics (LC 19355), EAN 4260183510208

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