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StartseiteKommentare und Themen der WocheAufforstung kann nur ein erster Schritt sein29.08.2019

Kampf gegen das WaldsterbenAufforstung kann nur ein erster Schritt sein

Wenn Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner massive Aufforstungen anstrebe, um die Wälder besser auf den Klimawandel einzustellen, dann sei das gut angelegtes Geld, kommentiert Georg Ehring. Aber noch wichtiger wäre es, die Ursachen des Waldsterbens zu bekämpfen.

Von Georg Ehring

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Panoramaaufnahme des Brockenberges mit einer Sendestation auf dem Gipfel. Der Hügel ist von toten Bäumen überdeckt, zwischen denen sich der grüne Jungwuchs zeigt. (Deutschlandradio/Lutz Reidt)
Baumleichen im Brockenurwald, gesehen von der Zeterklippe aus (Deutschlandradio/Lutz Reidt)

Wer mit offenen Augen durch den Wald geht, braucht in diesem Sommer vielerorts starke Nerven: abgestorbene Fichten mit braunen Nadeln, aber auch Eichen und Buchen, denen es sichtlich schlecht geht. Oft sterben Bäume gleich gruppenweise: Borkenkäfer suchen sich die schwächsten heraus, dann folgt eine Massenvermehrung der Insekten und bald haben auch die Nachbarn keine Chance mehr. Tote Baumgerippe und kahle Flächen sind die Folge.

Die unmittelbaren Ursachen für die bedrohliche Entwicklung sind klar: Das extrem trockene und heiße Wetter der vergangenen Jahre und dazu ungewöhnlich starke Stürme haben die Wälder geschwächt. Mehr als 100.000 Hektar Wald sind allein im vergangenen Jahr verloren gegangen – eine Fläche deutlich größer als Berlin.

Die Ursachen des Waldsterbens heute sind andere als früher

Kein Zweifel: Nach über 30 Jahren hat uns das Waldsterben wieder eingeholt. Gegen den sauren Regen halfen damals Filter für Großkraftwerke und Katalysatoren für Autos sowie die Kalkung vieler Wälder – eine Erfolgsgeschichte, denn viele Bäume stehen bis heute.

So einfach wird es dieses Mal nicht: Die Klimaerwärmung wird absehbar dafür sorgen, dass auf heiße und trockene Sommer noch heißere und noch trockenere Sommer folgen werden – und dazwischen Winter mit stärkeren Stürmen und oft weniger Frost, so dass die Borkenkäfer massenweise überleben können. Das, was wir gerade erleben, ist also nur der Anfang.

Die Natur hat gerade erst begonnen, uns ihre Rechnung zu schicken für die Schäden, die der Mensch anrichtet. Doch schon zeigt sich: Es geht plötzlich nicht mehr nur um niedrige Strompreise oder billiges Benzin, wie so oft in der Debatte über Klimapolitik. Wenn wir die Natur zerstören, geht es auf einmal ums Ganze: um gesunde Atemluft, wie sie der Wald produziert, um Nahrungsmittel, die bei Hitze und Dürre knapp werden, kurz: um die Grundlagen menschlichen Lebens auf dem Planeten. Entsprechend ernst und entschieden muss die Antwort ausfallen.

Gesunde Mischwälder allein verhindern den Klimawandel nicht

Zunächst in Bezug auf den Wald: Millionen oder auch Milliarden für den Waldumbau sind gut angelegtes Geld: Aus Fichten-Monokulturen müssen vielerorts gesunde Mischwälder werden. Das ist leicht gesagt und schwer getan. Millionen Setzlinge stehen zur Verfügung, doch welche Bäume bleiben erhalten, wenn es einmal zwei oder drei Grad wärmer ist im Jahresmittel? Naturnah gewachsene Wälder sind widerstandsfähiger als auf den Holzertrag optimierte Baumplantagen, das wissen wir. Doch vieles muss noch erforscht werden.

Wer den Wald dauerhaft erhalten will, muss vor allem die Klimaerwärmung stoppen, die Ursache hinter dem neuen Waldsterben. Am 20. September will die Bundesregierung sagen, welchen Beitrag sie dazu leisten will. Ein Plan ist bisher nicht einmal in Umrissen zu erkennen. Vielleicht sollte das Klimakabinett einmal mit offenen Augen durch einen abgestorbenen Wald wandern, um zu sehen, was fortgesetzte Untätigkeit anrichtet.

Georg Ehring  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Georg Ehring, Jahrgang 1959, hat in Dortmund Journalistik und Politikwissenschaften studiert, später an der Fernuniversität Hagen Volkswirtschaft. Er arbeitet beim Deutschlandfunk als Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt. Berufliche Stationen zuvor waren die zentrale Wirtschaftsredaktion der Nachrichtenagentur Reuters in Bonn und zuvor in den 1980er Jahren freiberufliche Tätigkeit überwiegend für den WDR in Dortmund.

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