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StartseiteInterview"Täter gehen immer strategisch vor"12.06.2020

Kampf gegen Kindesmissbrauch"Täter gehen immer strategisch vor"

Sexueller Missbrauch von Kindern passiere nicht einfach, sondern sei immer eine geplante Tat, betonte Julia von Weiler von der Kinderschutzorganisation "Innocence in Danger" im Dlf. Die Täter verschleierten ihre wahre Absicht und täuschten auch häufig die Gerichte. Hier sei genaueres Hinschauen nötig.

Julia von Weiler im Gespräch mit Ann-Kathrin Büüsker

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Die Polizei hat die Gartenlaube in der Kleingartenanlage in Münster mit Flatterband abgesperrt. In der Gartenlaube in Münster sollen Ende April vier Männer zwei Jungen missbraucht haben. (picture alliance / David Inderlied/Kirchner-Media)
Seit Bekanntwerden der Missbrauchsfälle in einer Gartenlaube in Münster wird wieder über Strafverschärfung für Kindesmissbrauch diskutiert (picture alliance / David Inderlied/Kirchner-Media)
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Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) hat eine Verschärfung der Strafen für Kindesmissbrauch angekündigt. Forderungen, solche Taten strafrechtlich vom Vergehen zum Verbrechen hochzustufen, gab es schon länger. Das Bekanntwerden der Missbrauchsfälle von Münster hat die Diskussion darüber nun verstärkt.

"Wir müssen genauer hinsehen"

Julia von Weiler, Geschäftsführerin der Organisation "Innocence in Danger", befürwortet die Strafverschärfung. Sie seien allerdings nicht "des Pudels Kern". Noch wichtiger sei es, dass Polizei, Gerichte und Jugendämter personell ausreichend ausgestattet und sensibilisiert würden. Sexueller Missbrauch finde im sozialen Nahfeld der Opfer statt. Die Täterinnen und Täter gingen strategisch vor. Wenn sie erwischt würden, bagatellisierten sie ihre Taten und behaupteten, sie bereuten sie. Vielen Gerichten reiche das. Kinder machten zudem in aller Regel die Erfahrung, dass ihnen keiner glauben wolle. "Wir müssen genauer hinsehen und die Kinder- und Jugendhilfe besser aufstellen", forderte von Weiler. Wer sich um ein Kind Sorgen mache, müsse wissen, wo er Hilfe finde, beispielsweise beim Hilfetelefon Missbrauch.

Polizeibeamter steht vor einer Gartenlaube. (dpa / Guido Kirchner ) (dpa / Guido Kirchner )Kommentar zu Gesetzesverschärfungen
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Das Interview in voller Länge:

Ann-Kathrin Büüsker: Frau von Weiler, nach Angaben des Bundeskriminalamtes gab es im vergangenen Jahr deutlich mehr Fälle, in denen sogenanntes kinderpornografisches Material verbreitet wurde. Wie erklären Sie sich das, dass trotz all der Arbeit, die ja verschiedene Organisationen leisten, das Problem nicht kleiner wird, sondern größer?

Julia von Weiler: Ehrlicherweise wissen wir die genaue Dimension des Problems gar nicht, gerade wenn es um die Verbreitung von Missbrauchsdarstellungen geht, weil das ist ein sogenanntes Kontrolldelikt, das heißt, nur wenn die Polizei hinschaut und sucht, findet sie auch. Es ist immer noch, wie Sie schon sagten, sehr dem Zufall überlassen und auch tatsächlich sehr dem Zufall überlassen, wie gut die Polizei ausgestattet ist und wie viel Zeit sie im Augenblick zur Verfügung hat, um sich darum zu kümmern.

"In vielen dieser Fälle gab es bereits Hinweise"

Büüsker: Diese Diskussion, die wir derzeit haben, über härtere Strafen, können Sie die nachvollziehen?

von Weiler: Ich kann die nachvollziehen, ich finde die auch wichtig, gleichzeitig finde ich aber auch, dass sie nicht des Pudels Kern ist und wir uns darauf nicht reduzieren dürfen. Sie haben es gerade angesprochen: In vielen dieser Fälle gab es bereits Hinweise, und ich finde, wenn es ein Systemversagen des Jugendamts und der Kinder- und Jugendhilfe gibt, dann müssen wir auch darüber reden und fragen, wie kann das besser ausgestattet werden.

Büüsker: Das Argument der Befürworter ist ja immer, dass härtere Strafen abschrecken könnten. Sehen Sie das?

von Weiler: Ich glaube da ehrlicherweise nur bedingt dran, dennoch ist es absolut wichtig vor allen Dingen im Bezug auf die Betroffenen festzuhalten, dass Missbrauch und die Verbreitung von Missbrauchsdarstellungen nicht ein Vergehen, sondern ein Verbrechen ist. Das bedeutet, dass wir es als Verbrechen ansehen, wenn eine erwachsene oder ältere Person sich einem Kind nähert mit der Absicht, sich an diesem Kind sexuell zu erregen. Da finde ich es absolut richtig und legitim zu sagen, das ist ein Verbrechen.

Paul Ziemiak, CDU-Generalsekretär (dpa/Michael Kappeler) (dpa/Michael Kappeler)Ziemiak (CDU): "Es gibt keine leichten Fälle"
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"Den Gerichten bleibt der Ermessensspielraum"

Büüsker: Aber braucht man nicht auch einen gewissen Spielraum, um minder schwere Taten wie zum Beispiel das Versenden eines Nacktfotos bestrafen zu können?

von Weiler: Absolut, aber den Gerichten bleibt ja der Ermessensspielraum, der bleibt im Übrigen auch den Ermittlern, gerade auch, wenn es um Jugendliche oder junge Erwachsene geht, die untereinander intime Bilder oder Filme verbreiten oder teilen. Das wird ja den Gerichten überhaupt nicht abgesprochen. Was ich viel wichtiger finde, ist ehrlicherweise, dass Richter und Richterinnen in den Familiengerichten, aber auch in den Strafgerichten, die mit diesen Fällen zu tun haben, sich fortbilden müssen, dass sie begreifen müssen, wie die Dynamik in solchen Fällen ist und wie es Betroffenen geht und wie strategisch Täter und Täterinnen vorgehen.

Büüsker: Und das passiert aus Ihrer Sicht noch nicht genügend?

von Weiler: Das passiert quasi überhaupt nicht, denn Richter und Richterinnen sind nicht mehr verpflichtet, irgendeine Fortbildung wahrzunehmen, wenn sie einmal in den Richterstand erhoben wurden. Da gibt es wirklich noch ganz viel Unwissen. Natürlich gibt es tolle Richterinnen und Richter, aber es gibt viel zu viele, die dieses Phänomen überhaupt noch nicht umrissen haben und die nicht wissen, wie schwer es für betroffene Kinder ist, zum Beispiel in einem Familiengerichtsverfahren auszusagen. Und dann kommt es eben auch zu so Fehleinschätzungen wie in Münster oder gar in Staufen.

"Missbrauch findet in aller Regel im sozialen Nahfeld statt"

Büüsker: Sie sagen, es geht darum, auch die Dynamiken zu verstehen, was meinen Sie damit?

von Weiler: Na ja, sexueller Missbrauch findet ja in aller Regel im sozialen Nahfeld statt, das heißt, das sind Menschen, entweder Familienmitglieder oder Menschen, die den Kindern nahestehen, die das Kind mag, die das Kind auch beschützen will. Das Kind will alle anderen auch beschützen, das will ihnen den Schmerz nicht zumuten, den es bedeutet, dieser Wahrheit ins Gesicht zu blicken. Kinder machen ja in aller Regel auch die Erfahrung, dass das immer keiner glauben will. Und Täter und Täterinnen gehen einfach wahnsinnig strategisch vor. Das bedeutet im Übrigen auch, wenn man sie erwischt, geben sie immer nur so viel zu, wie sie ganz dringend zugeben müssen, sie bagatellisieren, sie verleugnen, sie übernehmen nicht die Verantwortung für das Geschehen. Und sie sagen dann auch so Sachen wie: Ich bereue. Meistens, glaube ich, bereuen sie, dass sie erwischt worden, nicht so sehr unbedingt die Tat, und ich will mich läutern. Das reicht vielen Gerichten dann aus, zu sagen, ach, da wird schon wahrscheinlich alles wieder gut werden. Das stimmt aber leider nicht.

"Täterinnen und Täter verschleiern immer ihre wahre Absicht"

Büüsker: Also ist dann jetzt quasi dieser Fall in Münster, wo ja der 27-jährige Tatverdächtige einen sehr hohen Aufwand auch betrieben hat, um seine Taten zu verschleiern, der auch tatsächlich zweimal schon bestraft war wegen der Verbreitung von sogenanntem kinderpornografischem Material, das ist dann wirklich so ein absoluter typischer Fall aus Ihrer Sicht?

von Weiler: Absolut! Täterinnen und Täter gehen immer strategisch vor, Missbrauch passiert nicht einfach irgendwie, sondern ich muss das vorbereiten, ich muss das durchführen, ich muss mich dazu entscheiden, ich muss dafür sorgen, dass mein Umfeld nichts davon mitbekommt, das ist immer eine strategische Tat. Täterinnen und Täter verschleiern immer ihre wahre Absicht. Und wir müssen in zweierlei Hinsicht umdenken. Wir müssen zum Einen endlich, endlich, endlich begreifen, dass wir bei jedem Fall von sexuellem Missbrauch die Möglichkeit von der Produktion von Missbrauchsdarstellungen und deren Verbreitung in Betracht ziehen. Das bedeutet im Übrigen eigentlich, dass bei jedem dieser Fälle, die angezeigt werden, eine Hausdurchsuchung stattfinden müsste. Das schafft die Polizei schon personell gar nicht. Und zum Zweiten müssen wir doch wirklich begreifen, dass Menschen, die sich Missbrauchsdarstellungen anschauen, um sich daran sexuell zu erregen, ein potenziell hohes Risiko für die Kinder in ihrer Umgebung darstellen.

"Wir müssen genauer hinsehen"

Büüsker: Das heißt, hier muss einfach auch genauer hingeschaut werden, mehr gesellschaftliche Aufmerksamkeit geschaffen werden.

von Weiler: Wir müssen genauer hinsehen und wir müssen vor allen Dingen die Kinder- und Jugendhilfe besser aufstellen. Wo fallen diese Kinder auf, im Kindergarten, in der Schule, im Sportverein, vielleicht auch auf irgendwelchen Familienfesten. Wenn ich mir Sorgen mache um ein Kind, dann muss ich wissen, wo finde ich Hilfe? Ich finde das Hilfetelefon Missbrauch, da kann ich anrufen, da kann ich mich aufklären. Und dann geht es aber weiter – und dann brauche ich doch an den relevanten Stellen in Jugendämtern, in den Beratungsstellen, in der Familienhilfe brauche ich genügend und vor allen Dingen gut ausgebildetes Personal, das dann einer solchen Vermutung nachgeht und nicht sieben Monate braucht oder gefühlt dreieinhalb Jahre, weil die zu viele Fälle auf ihrem Schreibtisch haben und die überhaupt nicht bewältigen können.

Büüsker: Aus Ihrer Erfahrung heraus, woran scheitert es eher: Am mangelnden Wissen in den Behörden oder tatsächlich an der personellen Ausstattung?

von Weiler: Ich fürchte, das ist so eine ganz ungute Mischlage. Die sind häufig nicht gut genug ausgebildet, sie haben nicht genügend Zeit, sich mit den Fällen zu beschäftigen. Und dann muss man auch noch mal überlegen, wenn wir in die Kommune gehen, Kinder- und Jugendhilfe ist ja Aufgabe der Kommune, dann haben wir es natürlich auch mit Familien zu tun, die wir vielleicht schon eine ganze Weile kennen, oder aber, wenn eine atypische Familie uns gemeldet wird, also eine gut bürgerliche Familie oder wohlhabende Familie, dann fangen wir an zu sagen, kann das wirklich sein, das kann ich mir eigentlich gar nicht vorstellen, jemand, der in so einer Kleingartenanlage und so ein IT-Techniker. Und das bedeutet, da brauchen wir bessere Leute, da muss man besser hinschauen. Und ich bin mir ganz sicher im Übrigen, dass wenn im Fall Münster nicht das harte Material gefunden worden wäre, das die Ermittler an den Rand ihrer psychischen Belastung gebracht hat, man den Jungs, wenn sie das schlicht nur erzählt hätten, es aller Wahrscheinlichkeit nach nicht in dieser Dimension abgenommen hätte, weil man gesagt hätte, das kann ich mir nicht vorstellen. Und unsere Aufgabe ist es, uns das vorstellen zu können, weil es ist längst da, es ist Realität für Millionen von Kindern in Deutschland. Und nur weil wir uns das nicht vorstellen können, macht es das leider nicht weniger wahr.

"Betroffene Kinder nicht nur auf diese Tat reduzieren"

Büüsker: Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul, der auch für härtere Strafen plädiert, der hat gegenüber dem Redaktionsnetzwerk Deutschland gesagt: Für mich ist sexueller Missbrauch wie Mord, damit wird das Leben von Kindern beendet, nicht physisch, aber psychisch. Kann man das so drastisch ausdrücken?

von Weiler: Ja und nein. Ich finde es ehrlicherweise richtig, zu sagen, es ist eine wirklich schlimme Verletzung des Kindes, das ist keine Bagatelle, das verändert das Leben des Kindes unwiederbringlich. Ich finde es aber zugleich fatal ehrlicherweise, wenn wir die betroffenen Kinder jetzt als Gesellschaft nur noch auf diese Tat reduzieren und sie nur noch durch diese Brille sehen. Was brauchen diese Kinder? Sie brauchen Menschen, die ihnen Raum geben, die an ihrer Seite bleiben, sie brauchen Menschen, die anerkennen, was gewesen ist, aber sie brauchen bitte auch Menschen, die anerkennen, dass sie mehr sind als nur das Opfer dieser Tat, dass sie Kinder sein dürfen, dass sie selbstverständlich Heilung erfahren können, dass sie selbstverständlich ein gutes, glückliches und zufriedenes Leben werden führen können. Das können sie aber nur dann, wenn wir wirklich gut mit ihnen aufarbeiten, wenn wir der Verletzung Raum geben, wenn wir die Verletzung gut behandeln. Und das braucht eben nicht nur ein halbes Jahr oder zwei Jahre, sondern das braucht immer wieder die Möglichkeit, dem Raum zu geben im Verlauf eines Lebens und sich immer mal wieder an Hilfsorganisationen oder Therapeuten wenden zu können, wenn ich es brauche. Und das wiederum bedeutet, die muss es auch geben.

Symbolfoto zum Thema Kindesmissbrauch, Internetpornografie, Pädophilie (imago images / imagebroker) (imago images / imagebroker)Online-Chats und -Spiele als Einfallstor für sexuellen Missbrauch
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