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StartseiteHintergrundKampf um Geiseln14.07.2006

Kampf um Geiseln

Israels Offensive im Libanon

Es ist ganz still in den frühen Morgenstunden in der libanesischen Hauptstadt Beirut – wieder still. Amal, 40 Jahre alt, geht gegen 6 Uhr vorsichtig auf den Balkon und schaut zum Himmel. Er ist strahlend blau wie immer, die Sonne scheint. Das hat etwas Beruhigendes. Die Nächte sind kurz in diesen Tagen und sehr unruhig. Nicht weil die Libanesen das Leben, das gute Essen und den vorzüglichen Arak genössen. Nein, den Abend verbringt man Zuhause vor dem Fernseher, um bloß keine Nachricht zu verpassen.

Von Birgit Kaspar

Der von der libanesischen Hisbollah entführte israelische Soldat Eldad Regev (AP)
Der von der libanesischen Hisbollah entführte israelische Soldat Eldad Regev (AP)
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Wenn die Berichte über die letzten israelischen Bombardements verklungen sind und der Strom ohnehin erneut ausgefallen ist, dann versucht man Schlaf zu finden. Bis das Dröhnen der israelischen Kampfjets erschallt. Die vergangene Nacht war gegen 3 Uhr beendet. In größeren Abständen hörte man das Grollen von Explosionen, getroffen wurden nach Angaben libanesischer Sicherheitskräfte Straßen, Brücken und Häuser in den südlichen Vororten Beiruts, Treibstofflager eines wichtigen Elektrizitätswerkes südlich der Hauptstadt sowie die Hauptverkehrsstraße von Beirut nach Damaskus. Sie wurde vorübergehend geschlossen, so die libanesische Polizei. Dies war die letzte große Verkehrsader, die den Libanon nach der Bombardierung des Flughafens und der Durchsetzung einer Seeblockade mit der Außenwelt verband. Ein Land im Belagerungszustand. Langsam breitet sich Panik aus, was nicht zuletzt zu langen Schlangen an Tankstellen und dem damit einhergehenden Verkehrschaos führt.

Sam wartet auf den Zugang zur Zapfsäule. Er meint, der Krieg beginne jetzt wirklich.

"Wir wissen nicht genau was passieren wird. Aber wenn es erst anfängt, dann weiß man nie, wann es enden wird. Wir wollen keinen Krieg, aber wenn er kommt, dann kommt er, da kann man nichts machen. Und wir werden abwarten, denn dies ist unser Land und wir unterstützen unsere Regierung und unsere Miliz, die für uns arbeitet und unsere Gefangenen befreien will. Wir unterstützen, was Hisbollah getan hat, ich glaube es war richtig. Wir werden leiden, aber wir haben auch vorher schon gelitten, das ist kein Problem. "

Dass die Bevölkerung den Preis zahlen wird für die eigenmächtige Initiative der Hisbollah, zwei israelische Soldaten zu kidnappen, um so libanesische, palästinensische und arabische Gefangene freizupressen, daran besteht kein Zweifel. An der Frage, ob das mögliche Ergebnis den Preis wert ist, daran scheiden sich allerdings die Geister im Zedernstaat. Wir sind nicht glücklich, sagt eine junge Frau im christlichen Stadtteil Ashrafie, die weder ihren Namen nennen, noch ins Mikrofon sprechen will – auch dies ein Zeichen der zunehmenden Nervosität und der Angst in der Stadt. Sie sei sehr besorgt über die Konsequenzen. Es sei Sommer, dies sei die Hochsaison des Tourismus, das sei jetzt alles ruiniert. Israelische Soldaten zu kidnappen, sei keine gute Idee gewesen. Das sehen die Anhänger der Hisbollah und vor allem deren Chef, Scheich Hassan Nasrallah ganz anders:

"Was wir getan haben, war in erster Linie unser natürliches Recht. Ich möchte darüber nicht auf politischer, legaler oder philosophischer Ebene streiten. Aber es ist erstens der einzige Weg, die Häftlinge aus den israelischen Gefängnissen zu holen und zweitens der Weg, die internationale Aufmerksamkeit auf die Qualen tausender libanesischer, palästinensischer und arabischer Gefangener in Israel und auf das Leid ihrer Familien zu lenken. Hier geht es um 10.000 Häftlinge und 10.000 Familien. "

Dass dieser Weg des vermittelten Gefangenenaustausches funktioniert, hat die Hisbollah schon mehrfach bewiesen, zuletzt im Jahr 2004, als es mit deutscher HIlfe zu einem Austausch der sterblichen Überreste dreier israelischer Soldaten sowie eines Geschäftsmannes gegen rund 400 libanesische und arabische Häftlinge aus israelischen Gefängnissen kam. Der libanesische Politologe und Hisbollah-Experte Nizar Hamzeh sieht in der Häftlingsbefreiung deshalb auch das einzige Motiv dieser Operation. Die Hisbollah habe versprochen, auch die letzten libanesischen Gefangenen aus Israel nach Hause zu bringen, und dieses Versprechen begreife man als religiöse Pflicht. Der Zeitpunkt der Operation, die nach Nasrallahs Angaben fünf Monate in der Planung war, habe deshalb auch nichts mit aktuellen regionalen Entwicklungen zu tun, wie der Zuspitzung des Konfliktes in Gaza oder dem mutmaßlichen Scheitern der iranisch-europäisch-amerikanischen Nukleargespräche. Die Hisbollahmiliz habe lediglich die sich bietende Gelegenheit an der libanesisch-israelischen Grenze ergriffen und zugeschlagen. Hamzeh hat keinen Zweifel daran, dass die beiden verschleppten Israelis nur durch einen ausgehandelten Deal freikommen, nicht aber durch militärischen Druck. Das unterstrich auch Hisbollah-Chef Nasrallah:

"Die Gefangenen, die wir in unseren Händen haben, werden nur durch indirekte Verhandlungen und einen Gefangenenaustausch sowie Frieden nach Israel zurückkehren. "

Die Drohungen von israelischer Seite, man werde die Hisbollah ein für allemal unschädlich machen und dabei sei auch Hisbollah-Chef Nasrallah ein legitimes Ziel, sie dürften die Schiitenpartei nur in ihrem Kurs bestärken. Denn gerade daraus speist sich die Popularität der Partei Gottes, dass sie einer der wenigen politischen Spieler in der Region ist, der bisher erfolgreich israelischem Druck die Stirn geboten hat. Im Libanon rechnet man der Hisbollah heute noch hoch an, dass sie die israelischen Truppen im Jahr 2000 nach 22 Jahren aus dem Süden des Landes vertrieben hat – dies ist jedenfalls die hiesige Lesart des israelischen Rückzuges aus der südlibanesischen Besatzungszone. Doch nach dem Abzug der Israelis und der Syrer vor einem Jahr wünschen sich viele im Zedernstaat, die Hisbollah möge sich in eine ganz normale politischen Partei verwandeln und die Milizionäre ihre Waffen abgeben. Doch genau dazu ist die Partei noch nicht bereit, sie hat sich zwar einerseits dazu hinreißen lassen, sich an der Regierung zu beteiligen und auch einen Minister zu stellen. Gleichzeitig besteht Hisbollah-Chef Nasrallah aber darauf, dass seine Miliz die einzige effektive Verteidigung gegen israelische Übergriffe im Libanon sei. Über die Frage, wie viel politische Normalität als Partei sich mit dem Selbstbild einer Widerstandsorganisation vertrage, wird offenbar innerhalb der Hisbollah trefflich gestritten. Und möglicherweise sei die jüngste Aktion der Hisbollah ein Ausdruck dieser Auseinandersetzung, so Timor Göksel, ehemaliger Sprecher und langjähriger politischer Berater der UNIFIL-Schutztruppen im Südlibanon:

"Die Hisbollah ist längst nicht so monolithisch wie die meisten Leute meinen. Es wird viel debattiert innerhalb der Organisation und es gab heftige Auseinandersetzungen über die Übernahme eines Ministeramtes in der libanesischen Regierung. Ich frage mich, ob die Entscheidung zur Verschleppung der israelischen Soldaten nicht den Wunsch der Hisbollahführung spiegelt, die Partei wieder auf eine Linie zu bringen. "

Das würde bedeuten, dass sich die Konservativen durchgesetzt hätten, nämlich diejenigen, die mehr Wert auf das Image als Widerstandsorganisation legen als auf die Akteur auf der politischen Bühne des Libanon. Ähnlich beurteilt auch Patrick Haenni von der International Crisis Group die jüngsten Schritte der Hisbollah.

"Es ist der Hisbollah mit ihrer Aktion gelungen sich als Akteur des nationalen Widerstandes erneut zu positionieren. Außerdem hat sie ihre arabische Identität gegenüber Israel unterstrichen. "

Das sei dadurch befördert worden, dass Hisbollah die Freilassung libanesischer und arabischer Gefangener versuche zu erreichen. Der entscheidende innenpolitische Gewinn liege aber für sie darin, dass die Partei Gottes nun langfristig in erster Linie Widerstandsorganisation bleibe. Auch wenn viele Libanesen der Meinung sind, dass sich dieser militante Widerstand überlebt hat und er letztlich nur die Stabilisierung des Landes behindere. Diese Einschätzung teilen vor allem von den Christen im Libanon, die geschätzt etwas mehr als 30 Prozent der Bevölkerung ausmachen – aber nicht nur sie. Patrick Haenni:

"Es gibt tatsächlich eine traditionelle Reaktion eines Teiles des Bevölkerung auf solche militärischen Operationen. Diese Leute beklagen, dass die Stabilität des Landes dadurch gefährdet werde und dass dies die Wirtschaftsaktivitäten behindere. Es ist klar, dass der Libanon ungeduldig auf ausländische Touristen wartet, vor allem auf die aus dem arabischen Golf. Es ist auch klar, dass die Schließung des Flughafens die Tourismussaison deutlich beeinträchtigt hat. "

Aber diese Kritik ist nicht in erster Linie eine christliche, sie komm auch von Geschäftsleuten, die den sozialen Frieden brauchen, um gute Geschäfte machen zu können. Einige unter ihnen gehen sogar soweit zu sagen, man könne ruhig Frieden mit Israel schließen, es gehe um die Entwicklung des Landes, die wirtschaftliche Prosperität. Doch diese Meinung ist im Libanon nicht wirklich mehrheitsfähig. Viele Menschen haben die israelische Invasion mit der schmerzhaften Belagerung Beiruts 1982 nicht vergessen, die Erinnerung an das Massaker im palästinensischen Flüchtlingslager Sabra und Schatila lässt die Menschen ebenso erschauern wie das Gedenken an zahlreiche andere israelische Gräueltaten, die die Libanesen zu erleiden hatten. Der Zedernstaat ist angesichts all dieser Faktoren und seiner komplizierten Geschichte, tief gespalten. Einigkeit herrscht allerdings in dem Wunsch, nie mehr etwas Ähnliches wie den 15jährigen Bürgerkrieg erleben zu müssen und endlich ein wirklich souveräner Staat sein zu dürfen. Diesem Projekt sah man sich nach dem Abzug der Syrer im vergangenen Jahr ein wenig näher – die gegenwärtige Krise lässt es jedoch wieder in weite Ferne rücken. Denn die Autorität der ohnehin schon schwachen libanesischen Regierung wurde weiterhin untergraben. Allzu deutlich ist, dass das Kabinett um Premierminister Siniora weder etwas gegen die eigenwilligen Unternehmungen der Hisbollah tun kann, noch gegen die erneute israelische Invasion. Es kommt erschwerend hinzu, dass die militärische Blockade der Israelis für den Libanon nur noch eine Lebenslinie offen lässt und die heißt Syrien. Der Flughafen ist nach der Bombardierung geschlossen, der Seeweg ist von der israelischen Marine blockiert, bleibt nur der Landweg nach Damaskus. Sollte der Belagerungszustand länger andauern – und alles deutet darauf hin, dass dies die Absicht der Israelis ist – dann können nur die Syrer helfen, die Versorgung der libanesischen Bevölkerung aufrecht zu erhalten. Unterstützung in dieser Hinsicht hat Damaskus bereits angedeutet. So könnte es sein, dass die israelische Militäroperation die Libanesen wieder zurück in die Arme der Syrer treibt. Eine Konsequenz, die unter anderem der pro-syrischen Hisbollah gefallen dürfte, vielen anti-syrischen Kräften im Libanon und dem Westen jedoch nicht.

Angst vor dem ungewissen Ausgang dieses Konfliktes macht sich breit. Immer mehr Libanesen sehen sich genötigt, Bargeld zu sichern, Wasser- und Nahrungsmittelvorräte anzulegen, wer die Möglichkeit dazu hat, verlässt das Land. Über Damaskus versteht sich. Unterdessen dreht sich die Spirale der militärischen Gewalt weiter. Und während immer mehr Menschen auf beiden Seiten Opfer dieses ungleichen Kampfes zwischen der am besten ausgerüsteten Militärmacht und der professionellsten Guerrillatruppe in der Region werden, steht doch nach Ansicht von politischen Analytikern auch schon fest, dass dieser Konflikt militärisch nicht gelöst werden kann. Dem israelischen Militär seien die militärischen Ziele schon fast ausgegangen, meint Timor Göksel:

"Die israelischen Militäroperationen sind in erster Linie public relations Operationen. Sie versuchen ökonomischen Druck auf die Libanesen auszuüben, indem sie die Infrastruktur angreifen. "

Außerdem hätten sie Wohnhäuser von Hisbollahmitgliedern im Süden angegriffen – aber es sei niemand zu Hause gewesen. Die israelischen Kenntnisse über militärische Ziele der Hisbollah beliefen sich auf ein Minimum.

"Die Hisbollah hat keine Büros, keine Militärbasen. Wenn immer ich einen Israeli hörte, der behauptete, man habe eine Hisbollahbasis angegriffen, musste ich lachen. Gewöhnlich handelte es sich dann dabei um einen dummen Aussichtsturm, der errichtet worden war, nur um die Israelis zu ärgern, der aber absolut keinerlei militärische Bedeutung hatte. Solche Positionen befinden sich überall entlang der Grenze. "

Auch Patrick Haenni sieht kurzfristig wie langfristig keine positiven Konsequenzen oder Gewinne für Israel aus der gegenwärtigen Militäroperation:

"Werden sie so die Soldaten nach Hause holen? Undenkbar. Werden sie die Hisbollah in die Knie zwingen, damit diese ihnen ihre Soldaten zurückgibt? Ebenfalls undenkbar. "

Das Rezept, Druck auf die Libanesen auszuüben, hat bis jetzt noch nie funktioniert, meint Timor Göksel. Es sei nicht das erste Mal, dass Israel das versuche. Aber die Israelis verstünden einfach nicht, dass der Libanon kein westliches Land sei. Libanon verfügt nicht über all die Mechanismen der öffentlichen Meinungsbildung, die im Westen den Verlauf der Entwicklung mitbestimmen.

"Ich denke, es ist jetzt an der Zeit, was wir jetzt brauchen ist eine sehr kreative und starke dritte Partei, die eingreift. Nein, schauen Sie sich nicht um, es gibt nur eine Partei in der Welt, die das leisten kann und das sind die USA. Aber wie ich sagte, sie muss effektiv und kreativ sein. "

Die jüngsten Aussagen hochrangiger amerikanischer Politiker ließen jedoch nicht darauf schließen, dass Washington von seiner alten Rhetorik ablassen wolle. Deshalb gebe es nur die Hoffnung, dass die gegenseitige Gewalt sich langsam totlaufe und man sich schließlich am Verhandlungstisch treffe. Bis dahin dürften den Libanesen wie den Menschen in Nordisrael noch einige unruhige Nächte bevorstehen, vorausgesetzt die Lage eskaliert nicht weiter.

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