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StartseiteKommentare und Themen der WocheAlles andere als eine ideale Kombination09.09.2019

Kampfkandidatur bei GrünenAlles andere als eine ideale Kombination

Unterm Strich haben Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter zwar einen guten Job gemacht, aber dennoch ist die Unzufriedenheit in der Grünen-Fraktion gewachsen, kommentiert Barbara Schmidt-Mattern. Beim Herausforderer-Duo Cem Özdemir/Kirsten Kappert-Gonther gebe es jedoch Fragezeichen.

Von Barbara Schmidt-Mattern

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09.09.2019, Berlin: Katrin Göring-Eckardt (l-r), Fraktionsvositzende von Bündnis 90/Die Grünen, steht zu Beginn der Fraktionssitzung ihrer Partei mit Cem Özdemir (Bundestagsabgeordneter von Bündnis 90/Die Grünen) und Kirsten Kappert-Gonther (Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen). Özdemir und Kappert-Gonter treten gemeinsam für den Fraktionsvorsitz gegen die amtierenden Göring-Eckardt und Hofreiter an. Foto: Kay Nietfeld/dpa (picture alliance / Kay Nietfeld / dpa)
Katrin Göring-Eckardt (l-r), Grünen-Fraktionsvorsitzende und die Herausforderer Cem Özdemir und Kirsten Kappert-Gonther (picture alliance / Kay Nietfeld / dpa)
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Konkurrenz für Hofreiter und Göring-Eckardt Ex-Grünen-Chef Özdemir strebt an die Fraktionsspitze

Mit grüner Tinte haben Cem Özdemir und Kirsten Kappert-Gonther ihre zweiseitige Bewerbung für den Fraktionsvorsitz unterschrieben. Grün ist eigentlich die Tinten-Farbe eines Schuldirektors - und streng, ja oberlehrerhaft, kam auch der ausgebildete Erzieher Cem Özdemir als Parteichef gelegentlich rüber. Aber dieses Auftreten ist gepaart mit großem politischen Talent.

Wo immer Özdemir an ein Rednerpult tritt, wachen viele aus ihrem Nickerchen auf oder packen das Handy endlich mal beiseite - gerade im Bundestag ist das leider keine Selbstverständlichkeit mehr.

Legendär ist Özdemirs Rede vom 23. Februar 2018, als er im Hohen Haus in geballten fünf Minuten die Parolen der AfD zerlegte.

Immer wieder auch prangert der 53-Jährige die Demokratie-Defizite in der Türkei an, wirkt damit sehr viel glaubwürdiger als alle Außenminister der vergangenen Jahre zusammen. All das macht den selbsternannten anatolischen Schwaben zu einem ausgezeichneten Kandidaten für den Fraktionsvorsitz - denn es stimmt ja, dass die verhältnismäßig kleine Schar der Grünen Bundestagsabgeordneten in den letzten zwei-ein-halb Jahren arg im Windschatten der umjubelten Parteispitze Baerbock und Habeck gesegelt ist.

Inhaltlich wenig Unterschiede zu Amtsinhaber

Unterm Strich haben die amtierenden Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter zwar einen guten Job gemacht, aber dennoch ist die Unzufriedenheit in den eigenen Reihen zuletzt gewachsen. Manch ehrgeiziges Fraktionsmitglied fühlte sich zu wenig gefördert, kontroverse Debatten wurden - zuletzt bei der Fraktionsklausur in Weimar - unterdrückt.

Nun wollten sich die amtierenden Fraktionsvorsitzenden Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter eigentlich in zwei Wochen geräuschlos im Amt bestätigen lassen, doch da haben ihnen Cem Özdemir und Kirsten Kappert-Gonther einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Sähen sie keine Chance für sich, hätten sie den riskanten Weg einer Kampfkandidatur sicherlich nicht gewagt. Beide wollen die Fraktion auch stärker auf eine künftige Regierungsbeteiligung vorbereiten, ein kluges Ziel nach jetzt schon 14 Jahren auf der Oppositionsbank.

Doch zugleich hinterlässt dieses Bewerbungsschreiben auch Fragezeichen. Wofür stehen Özdemir und Kappert-Gonther inhaltlich? Für Klimaschutz und eine bessere Sozialpolitik wollen sie eintreten, und gegen Rassisten und Sexisten. All das unterscheidet sie allerdings nicht von den Amtsinhabern. Alles andere als ideal ist auch die Kombination aus einem prominenten männlichen und einer weithin unbekannten Hinterbänklerin.

Grüne müssen aufpassen

Gerade die Grünen, die sich immer noch als Partei der Frauen sehen, müssen aufpassen, dass im Falle ihrer Wahl die Gesundheitsexpertin Kirsten Kappert-Gonther nicht von Cem Özdemir an die Wand gespielt wird - Ex-Parteichefin Simone Peter lässt grüßen.

Cem Özdemir war als Parteichef zudem ein rotes Tuch für den linken Flügel der Grünen. Als grüner Genosse der Autobosse wurde er dort empfunden, eben ganz der politische Ziehsohn von Oberrealo Winfried Kretschmann.

Sollte der als Ministerpräsident 2021 nicht noch einmal antreten im Ländle, könnte Özdemir sich als Bundestagsfraktionschef weitaus besser profilieren als im vergleichsweise kleinen Sitzungssaal des Verkehrsausschusses. Vielleicht rüttelt er aber irgendwann auch am Tor des Auswärtigen Amts.

Sollte Deutschland einst doch noch den ersten türkischstämmigen Außenminister bekommen, hat Cem Özdemir jetzt den Grundstein dafür gelegt. Sollte er am 24. September verlieren, wäre er hingegen beschädigt. Die Grünen machen es mal wieder doppelt spannend.

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